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Die Gewinner (Literaturauszug)

Autor:  |  Herbst 1995

Mitten in einen Absatz

von Miguel Angel Asturias ertönte der Gong; Medrano schloß das Buch, streckte sich auf dem Bett aus und überlegte, ob er Lust hätte, zu Abend zu essen. Das Licht über dem Kopfende lud zum Bleiben und Lesen ein; außerdem gefiel ihm Hombres de mais. In gewisser Hinsicht war die Lektüre eine Möglichkeit, sich vorübergehend dem Neuen, das ihn umgab, zu entziehen, um wieder in die Ordnung seiner Wohnung in Buenos Aires einzutreten, wo er das Buch begonnen hatte. Ja, als ob er ein Haus mit sich herumtrüge, aber ihm mißfiel die Vorstellung, er könne sich ex professo in eine Erzählung flüchten, um die Absurdität eines Smith & Wesson 38 in einer Kommodenschublade in Reichweite zu vergessen. Der Revolver war ein wenig die Verdinglichung von allem anderen: der “Malcolm” und ihrer Passagiere und der unbestimmten Fehlschläge des Tages. Das Vergnügen der sanften Dünung sowie der maskuline und zweckmäßige Komfort der Kabine verbündeten sich mit dem Buch. Es hätte eines wahrhaft ungewöhnlichen Ereignisses bedurft – etwa Hufgetrappel im Gang oder Geruch von Weihrauch -, damit er sich entschlossen hätte, vom Bett zu springen und an den Ereignissen teilzunehmen. ‘Man fühlt sich hier zu wohl, um sich zu rühren’, dachte er, und ihm fielen dabei die Gesichter von Lopez und Raul ein, als sie erfolglos von der abendlichen Expedition zurückgekehrt waren. Vielleicht hatte Lucio recht, und es war wirklich lächerlich, Detektiv zu spielen. (…) Aber für die anderen war dies billige Geheimnis und Lügengespinst ebenso störend wie für ihn selbst. Noch beunruhigender war allerdings der Gedanke – mühsam riß er sich von der aufgeschlagenen Seite los -, daß sie, wenn es an Bord nicht so bequem wäre, wohl entschiedener vorgegangen wären und sich Klarheit erzwungen hätten. Die Wonnen von Capua und so weiter. Herbere Wonnen allerdings, in nordischer Tonalität, in der Tonart von Zeder und Esche moduliert. López und Raúl würden wahrscheinlich einen neuen Plan vorschlagen, oder er selbst, wenn es an der Bar langweilig wäre, aber alles würde eher ein Spiel als eine wirkliche Forderung sein. Vielleicht wäre das einzig Vernünftige, es Persio und Jörge nachzumachen, Schach zu spielen und die Zeit so gut wie möglich herumzubringen. Das Achterdeck, bah! Und immer wieder das Achterdeck! Selbst das Wort klang wie Jahrmarktsamüsement für kleine Kinder. Das Achterdeck, welcher Blödsinn!

Er wählte eine Krawatte, die ihm Bettina geschenkt hatte, für einen dunklen Anzug. Während er Hombres de maiz las, hatte er mehrmals an sie gedacht, da sie sich nichts aus Asturias’ poetischem Stil, seinen Alliterationen und seinem entschieden magischen Ton machte. Bis zu diesem Augenblick hatte es ihn nicht gekümmert, wie es Bettina ergangen war. Die Ereignisse der Einschiffung und all die kleinen Widrigkeiten belustigten ihn zu sehr, als daß er gern an die unmittelbare Vergangenheit gedacht hätte.

Nichts besser als die “Malcolm” und ihre Passagiere, es lebe das Achterdeck (Asturias mit seinem Lautgepäck, er fing zu lachen an und suchte weitere Reime): Kinderschreck und Lebenszweck. Buenos Aires mochte warten, er würde sich noch, lange genug an Bettina erinnern können – wenn sie von allein käme, wenn sie sich ihm als Problem stellte. Aber ja, sie war ein Problem, das er analysieren müßte, so wie er Probleme gern analysierte, nachts im Bett, die Hände unterm Kopf. Auf jeden Fall beschlich ihn Unentschlossenheit (Asturias oder Abendessen; Abendessen, Krawatte von Bettina, ergo Bettina, ergo Unbehagen) wie ein vorweggenommenes Ergebnis der Analyse. Wenn es nicht das Schlingern des Schiffes oder die tabakgeschwängerte Luft der Kabine war. (…)

Mit einem Ruck zog Medrano die Krawatte fest. Der Knoten saß nicht gut. Schon immer war diese Krawatte widerspenstig gewesen. Die Psychologie der Krawatten. Er entsann sich eines Romans, in dem ein wahnsinniger Kammerdiener die gesamte Krawattenkollektion seines Herrn mit einer Schere zerschnitt. Das ganze Zimmer war voller Krawattenfetzen, der Boden ein Gemetzel von Krawatten. Er griff zu einer anderen, von dezentem Grau, die einen tadellosen Knoten erlaubte. Natürlich hatte sie geweint, alle Frauen weinten, auch viel geringerer Dinge wegen.

Er wiederholte: “Alle, alle”, als wolle er eine elende Episode von Buenos Aires in der Vielfalt untergehen lassen, als wolle er einen Wassertropfen in den Ozean schütten. (…) ‘Aber letztlich ist es Feigheit’, dachte er unwillkürlich, und er wußte nicht, ob die Feigheit dem Wassertropfen im Ozean galt oder der schlichten Tatsache, daß er Bettina hatte sitzenlassen. Ein bißchen mehr oder weniger Tränen in dieser Welt … Ja, aber die Ursache zu sein, obwohl es keine Bedeutung hatte und Bettina auf der Avenida Santa Fe Schaufenster betrachten würde und sich chez Marcela frisieren ließe. Was bedeutete ihm schon Bettina, es war nicht Bettina, es war nicht Bettina selbst, und auch nicht, daß das Achterdeck versperrt war, noch der Typhus 224. Seltsam, dies Gefühl in der Magengrube, und trotzdem öffnete er lächelnd die Tür, trat auf den Gang und fuhr sich, immer noch lächelnd, mit der Hand durchs Haar, lächelnd, als mache er eine angenehme Entdeckung, als stünde er dicht davor; sehe schon fast, was er suche, und fühle die Befriedigung, alle seine Ziele erreicht zu haben. Er nahm sich vor, es noch einmal durchzugehen, den Beginn des Abends darauf zu verwenden, die Dinge noch einmal ausführlicher zu durchdenken.

Kurzer Auszug aus: Julio Cortázar:
Die Gewinner.
Leipzig, Reclam-Verlag, 1988. Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Verlages.


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