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Fidel Castro zum 500. Jahrestag der Ankunft von Kolumbus

Autor:  |  Frühjahr 1993

Entdeckung? Nein, Kollision!

Ich bin nicht dagegen, des 500. Jahrestages der Ankunft Christoph’ Kolumbus in Amerika zu gedenken, und viel weniger dagegen, die historische Transzendenz des Ereignisses anzuerkennen. Doch dieses Gedenken darf nicht zur simplen Verherrlichung der sogenannten „Entdeckung” und ihrer Folgen werden, es sollte eine kritische Erinnerung an das Ereignis sein…

Das unbestreitbare historische Faktum besteht darin, daß sich zur „Entdeckung” Phänomene gesellten, die für die amerikanischen Völker so schrecklich waren wie z.B. die Vertreibung, die Zerstörung ihrer Zivilisation, die Ausrottung der indianischen Bevölkerung…

Wir werden nie akzeptieren können, daß man mit implizierter Mißachtung von der „Entdeckung” von Kulturen spricht, die in vielen Fällen schon eine glänzende Entwicklungsstufe erreicht hatten. Manche sprechen, um dieses Problem zu umgehen, von der „Begegnung” zweier Kulturen. Aber auch dieser Begriff scheint mir nicht angebracht, denn in Wirklichkeit handelt es sich darum, daß sich eine Kultur der anderen aufgezwängt hat, um die Zerschlagung einiger Völker durch andere Völker, die im Besitz fortgeschrittener militärischer Technologie waren, um das gewaltsame Eindringen Europas in Amerika.

Allenfalls könnte man vom 500. Jahrestag der großen Kollision zweier Kulturen sprechen. Zutreffend ist, daß die Amerikaner von Europa neben Krankheiten und sozialen Mißständen auch einige gute Dinge bekamen. Wir, die Hispanoamerikaner, erhielten beispielsweise von den Spaniern die gemeinsame Sprache… Ohne das Schmiedewerk der spanischen Kolonialisierung könnten wir nicht von gemeinsamen Grundlagen ausgehen, um die unverzichtbare Integration unserer Völker zu gestalten…

Als Kubaner sage ich ganz offen, daß es mir lieber ist, daß Kuba von den Spaniern kolonialisiert wurde und nicht von rassistischen Europäern, denn aus dem Wesen dieser Kolonisation entstand diese wunderbare Mischung, die heute unser Volk ist. Von Spanien erbte der Kubaner zweifellos viele nationale Eigentümlichkeiten, zum Beispiel

Unbeugsamkeit und Kampfgeist. Das Gedenken an den 500. Jahrestag kann in dem Maße nützlich sein, wie es dazu dient, mit allen lateinamerikanischen Ländern die gemeinsamen Werte unserer Kultur, unserer Geschichte, unserer Ethik, unserer Traditionen, unserer Sitten hervorzuheben. Denn alles, was dazu beitragen kann, diese gemeinsamen Werte aufzuzeigen, wird zu einem Schild, der uns vor denen schützt, die uns bedrohen.

Quelle: ND 13.07.92/S.7

Rede des spanischen Königs zum selben Anlaß

Christopher Kolumbus war die Hauptfigur eines der zweifellos größten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit: des Aufeinandertreffens zweier Welten. Humboldt hätte dazu wohl folgendes gesagt: “Seit der Gründung der menschlichen Gesellschaft gab es noch nie eine solch plötzliche und wunderbare Ausbreitung des Ideenkreises bezüglich der Außenwelt und des Systems seiner Beziehungen in der vergrößerten Ausdehnung des Raumes.”… Die Existenz des neuen Kontinents stellte eine Bereicherung für beide Seiten dar, was schließlich auch eine gegenseitige Durchdringung mit sich brachte. Sind Europa und Amerika auch in einem riesigen Tiegel miteinander verschmolzen, so hat uns doch Amerika sehr stark beeinflußt und dies möchte ich heute besonders unterstreichen. Vor allem wir Spanier verdanken Amerika die Erweiterung unseres Horizontes: die Entdeckung neuer Möglichkeiten; den künstlerischen Anstoß für literarische Bewegungen, die durch ihre Spannweite auch der spanischen Literatur eine neue vielseitige Bedeutung verliehen haben.

… Heute sind wir auf dem Weg, eine wirkliche iberoamerikanische Gemeinschaft aufzubauen, die durch die schrittweise Einbeziehung unserer gemeinsamen Interessen unserem geopolitischem Gebiet Kraft und Halt gibt. Die Treffen der Staatsoberhäupter in Guadalajara und Madrid, die zukünftig in ähnlicher Weise fortgesetzt werden sollen, sind die Grundpfeiler für den langen Weg einer Institutionalisierung, der seit genau 500 Jahren gemeinsam beschritten wird, und der zu einer immer größeren Bedeutung in der Welt führt.

Die Begehung des 500. Jahrestages – mit einer gesunden Polemik versehen – hat uns alle zum Nachdenken über unsere Realität angeregt und jenes, das uns vereint und was mit Sicherheit das uns Trennende überwiegt, rekapitulieren lassen. Wir Iberoamerikaner, die wir diesen Grenzstein überschritten und den zeitlichen Bezug verloren haben, müssen uns darum sorgen, die neue Intensität unserer Beziehungen nicht abzuschwächen. … Daher erwächst auch das Interesse Spaniens, mit dem 500. Jahrestag eine Reihe von dauerhaften, zukunftsträchtigen Projekten zu bestätigen. Die Anstrengungen zur Zusammenarbeit unserer Länder und der beim Treffen in Madrid geäußerte Wille, diese auch mit konkreten Projekten zu beleben, werden uns zweifelsohne zusammenbringen und uns den abgesteckten Weg erleichtern….

Seit Martinez de la Rosa das erste Mal diplomatische Beziehungen zwischen Spanien und den damals gerade erst emanzipierten Iberoamerikanischen Republiken aufgebaut hat, konnte unsere Gemeinschaft nie eine solch große demokratische Wirkung aufweisen wie heute. Glücklicherweise begehen wir diesen 500. Jahrestag in einer Atmosphäre fruchtbringenden Friedens…

Ich glaube, wie Don Miguel de Unamuno, daß “wir mit unseren Wurzeln, in die Tiefe gehend, die Wurzeln der hispanoamerikanischen Völker, die ebenso die unseren sind, suchen müssen”. Und ich bin sicher, daß der lang erwartete morgige Tag die Bestätigung einer sehr viel fruchtbareren Beziehung als die vergangener Jahre sein wird, der Höhepunkt unserer gemeinsamen Unterfangen, einer wirklichen Gemeinschaft unsere Völker. Denn unsere Völker sind es, die den Regierenden spontan die Regeln für eine wahrhaftige Verbrüderung, eine wahre Freundschaft diktieren. Wir alle zusammen müssen das Haus Iberoamerika aufbauen.

Quelle: ABC, Madrid, 12.10.1992
Übers.: Dascha


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