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Zentralamerika: Pandemie als Krisenkatalysator

05. Mai 2020 | Kategorie(n): Noticias, Noticias Zentralamerika

SICA-Logo_CC_flickrWenn sich die Zahl der Toten, die der COVID-19-Pandemie zum Opfer gefallen sind, in den meisten zentralamerikanischen Ländern derzeit im zwei- oder dreistelligen Bereich bewegt, dann mag dies zunächst verwundern. Dies könnte auf die relativ frühen und zum Teil einschneidenden Gegenmaßnahmen zurückzuführen sein. Als erstes Land rief Panama am 12. März den Ausnahmezustand aus, gefolgt von Honduras (16. März) und Guatemala (Grenzschließung am 17. März). El Salvador verhängte am 21. eine umfassende Ausgangssperre und Costa Rica reagierte am 24. März mit der Schließung seiner Grenzen. Am 1. April rief Belize den nationalen Notstand aus. Nur Nicaragua beschreitet einen Sonderweg. Mit der Begründung, dass das Land ausreichend gegen die Pandemie gerüstet sei, erlaubt die Regierung sogar Massenkundgebungen und Sportveranstaltungen. Nach 34 Tagen Abwesenheit trat Präsident Daniel Ortega am 15. April mit einer Rede in der Öffentlichkeit auf, in der er COVID-19 als „Strafe Gottes“ bezeichnete, die sich in erster Linie gegen die USA richte. Nicaragua meldet derzeit 15 Kranke, fünf Todesfälle und sieben Genesene, die sich mit dem Virus infiziert hatten. Mit sechs bzw. zwei Fällen liegen Costa Rica und Belize bei den Todesfällen ebenfalls im einstelligen Bereich. Von den insgesamt 330 Menschen, die in der Region nach offiziellen Angaben an COVID-19 verstorben sind, entfallen allein auf Panama 203 Fälle. Auch bei den akut Infizierten konzentrieren sich zwei Drittel (7.387 von 10.657 Fällen in allen sieben Ländern Zentralamerikas) im südlichsten Land des Isthmus. Bei der Bewertung dieser Zahlen sollte man jedoch folgende Faktoren berücksichtigen: Zum einen dürfte es sich aufgrund der geringen Testkapazitäten und des oftmals schlechten Zustands des Gesundheitswesens um die Spitze des Eisbergs handeln. Zudem zeigen die verantwortlichen Politiker oft das Bestreben, die Situation und damit ihr Wirken in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Als dritter Faktor ist die Wirkung der getroffenen Maßnahmen zu nennen. Generell verschärfen sich durch sie all jene Probleme, Ängste und Benachteiligungen, unter denen die Schwächsten der Gesellschaft „normalerweise“ schon zu leiden haben. So wird für Guatemala eine Hungersnot prognostiziert, weil die Mehrheit der im informellen Sektor Tätigen aufgrund der Schließung der Departementsgrenzen und der umfassenden Mobilitätsbeschränkungen nicht mehr ihren Lebensunterhalt sichern kann. Auch die zahlreichen Migranten, die mit ihren Rücküberweisungen für Belize, El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua einen unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor darstellen, sind durch COVID-19 massiv gefährdet, da sie in der Regel die ersten sind, die während einer Wirtschaftskrise ihren Job verlieren. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) prognostiziert für dieses Jahr einen ökonomischen Einbruch, der die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 noch übertreffen wird. Laut einer Pressemitteilung vom 22. April rechnen Experten der Weltbank bei den Rücküberweisungen nach Lateinamerika für 2020 mit einem Rückgang von 19,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2019 schickten Migranten aus dieser Weltregion rund 69 Milliarden US-Dollar in ihre Heimatländer zurück. Des weiteren ist der Kaffeesektor, in dem nach Angaben des Zentralamerikanischen Integrationsbündnisses (SICA) rund fünf Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, massiv von den Folgen der Pandemie betroffen. So sind die honduranischen Kaffee-Exporte gegenüber dem Vorjahr im April 2020 um rund 20 Prozent eingebrochen. Der Anteil Zentralamerikas an der weltweiten Kaffeeproduktion beträgt rund zehn Prozent. Mit der Verhängung des Ausnahmezustandes nimmt außerdem die Tendenz der Militarisierung des öffentlichen Lebens und eines repressiven Vorgehens gegenüber der Gesellschaft zu, wie das Beispiel von Nayib Bukele, dem neugewählten Präsidenten El Salvador, anschaulich zeigt. Alles in allem werden sich die sozialen und politischen Probleme in allen Ländern Zentralamerikas infolge der Corona-Pandemie rapide zuspitzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Region, die schon in „normalen“ Zeit äußerst fragil ist, von einer Welle sozialer Explosionen erschüttert wird. (Bildquelle: CC_flickr).


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