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Villas Miserias (dt.: Elendsviertel)

Autor:  |  Frühjahr 1995

…sind Siedlungskomplexe, die in den lateinamerikanischen Städten als wohl sichtbarster Ausdruck wachsender Verelendung großer Bevölkerungsteile in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Während villas miserias ein Sammelbegriff ist, der in ganz Lateinamerika Verwendung findet, gibt es in den einzelnen Ländern sehr unterschiedliche Bezeichnungen für diese Stadtviertel. In Rio de Janeiro/Brasilien werden sie „favelas“, in Argentinien „villas de emergencia“ und in Lima/Peru „barriadas“ genannt. In den villas miserias konzentrieren sich die ärmsten Schichten der städtischen Bevölkerung. Dabei handelt es sich keineswegs nur um Arbeitslose oder im sogenannten informellen Sektor Beschäftigte. Soziologische Untersuchungen zur Sozialstruktur solcher Viertel zeigen immer wieder, daß auch ein nicht geringer Teil niedrig entlohnter Arbeiter und Angestellter hier siedelt, die die Mieten für „normale“ Wohnungen und Häuser nicht aufbringen können. Die Hütten in den Elendsviertel stehen oftmals auf illegal besetztem Grund und Boden, sind aus Naturmaterial und Abfällen errichtet und weisen häufig nur einen Raum auf. Charakteristisch sind mangelnder Zugang zu unbedenklichem Wasser und fehlende Infrastruktur (Verkehr, Müllentsorgung, Kanalisation, Elektroenergie etc.). Die villas miserias hatten zu Beginn ihrer Entwicklung vor allem die Funktion von Auffangsiedlungen für Migranten, die aus den ländlichen Regionen in die städtischen Zentren kamen und sich hier zumeist bei Verwandten, Landsleuten oder Angehörigen des gleichen Ethnos niederließen. die ihnen bei der Integration in den städtischen Lebensraum halfen. Im Verlauf der Entwicklung kam es oftmals zu einer gewissen Konsolidierung solcher Viertel, die sich u.a. in der Befestigung von Straßen und Wegen, im Bau von Wasserleitungen und der Errichtung einfacher gemauerter Wohnstätten zeigt. Dabei spielten Protestaktionen von Organisationen der Einwohner der villas miserias häufig eine nicht unerhebliche Rolle.


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