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Straßenkinder

Autor:  |  Frühjahr 1997

Kinder, die von und/oder auf der Straße leben. Als Straßenkinder werden einerseits solche Minderjährige bezeichnet, die anstatt in die Schule zu gehen, auf der Straße durch Verkauf von Waren oder Dienstleistungen (Süßwarenverkäufer, Schuhputzer, Autowäscher) oder durch Taschendiebstahl oder betteln ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie leben von der Straße, gehen aber abends zu ihren Familien, und tragen durch das so verdiente Geld zum Überleben der oft vielköpfigen Familie bei. Ein Teil der Straßenkinder hat jedoch keinen oder kaum noch Kontakt zur Familie und lebt ständig auf der Straße. Die Straße ist für sie Sozialisations- und Lernort, Arbeits- und Spielplatz, hier lernen sie mit Liebe, Sex und Gewalt umzugehen. Untereinander solidarische Gruppen von Kindern bilden Ersatzfamilien. Da sie auf der Straße leben, sind sie noch weniger geschützt gegen Diskriminierung, Polizeiwillkür und Verbrechen, die an ihnen als rechtlose Individuen verübt werden. Um zu überleben, sind sie zu Prostitution und Kleinkriminalität gezwungen; um zu vergessen, schnüffeln sie Kleister als Billigdroge, der nach und nach ihre Gesundheit zerstört. Besonders bekannt ist die Situation der Straßenkinder in Rio de Janeiro, wo sie regelmäßig von organisierten Banden, oft Polizisten außer Dienst, ermordet werden. Auch in Guatemala-Stadt hat es spektakuläre Fälle von Polizistenmord an Straßenkindern gegeben. Das Problem der Straßenkinder existiert auf der ganzen Welt. Vor allem die Perspektivlosigkeit auf dem Lande und die daraus folgende Landflucht haben Familien verelenden lassen und die traditionellen sozialen Bindungen entwertet. Hunger, Gewalt und Auflösungstendenzen in den Familien führen zur Flucht oder zum Verstoßen der Kinder durch ihre Angehörigen. Straßenkinder sind ein Spiegel des strukturellen Verfalls der Wirtschaft und der Gesellschaft in den sogenannten peripheren Ländern des heutigen Wirtschaftssystems. Nach Schätzungen der UNICEF gibt es 25 bis 30 Millionen Straßenkinder in Lateinamerika. Das Phänomen ist relativ alt. Jorge Amado hat mit seinem Buch „Herren des Strandes“ schon 1937 vom Leben und von der Würde dieser Kinder in Salvador do Bahia berichtet.


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