lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Nation-building

Autor:  |  Herbst / Winter 1998

Nation-building ist ein im Rahmen der Modernisierungstheorie von Deutsch, Bendix u.a. entwickeltes Konzept zur Erklärung der Herausbildung von Nationen und Nationalstaaten in der Neuzeit, das in generalisierender Weise davon ausgeht, daß dieser Prozeß gesamtgesellschaftlicher Integration einen universellen Bestandteil und eine besonders wichtige Form der Durchsetzung sozio-ökonomischen und kulturellen Fortschritts darstellt. Durchgreifende Rationalisierung der Ökonomie (d.h. Durchsetzung des Kapitalismus), soziale Mobilisierung im Zuge von Urbanisierung und Ausbau der Kommunikations- und Verkehrswege, Entwicklung einer nationalen Identität sowie die nach innen und außen vorrangig mit Gewalt durchgesetzte Souveränität des Staates bilden die Grundzüge des Nation-building. Die Annahme, daß dieser Prozeß durch die Modernisierungsgeschichte Westeuropas für die übrigen Länder bereits vorgezeichnet sei und von der Dritten Welt “nur” nachgeholt werden brauchte, hat sich als unzutreffend erwiesen. Die für das kapitalistische Weltsystem charakteristische Teilung in Zentrum und Peripherie und die damit verbundene Ungleichzeitigkeit und Ungleichheit der Entwicklung führt zu grundlegenden Veränderungen in Bedingungen, Verlauf und Ergebnissen der Nationenbildung im Süden, wo dieser Prozeß i.d.R. nach wie vor unvollendet ist. So gestaltet sich das Verhältnis von Staats- und Nationenbildung komplizierter, dem Integrationsprozeß mangelt es wegen der defizitären Kapitalismusentwicklung an Schubkraft und Kohärenz, und der Mangel an Souveränität wird durch die Außenabhängigkeit verstärkt und verfestigt. Die Globalisierung, die den Nationalstaat weltweit vor neue Herausforderungen stellt, untergräbt dessen Grundlagen besonders im Süden. Staatszerfall und zunehmende Anomie sind hier immer häufiger die Folge. Es erscheint deshalb sinnvoll, Nation-building auf die vergleichende Untersuchung der Bildung von Nationalstaaten zu beschränken und dabei von der Vielfalt der Wege und Formen dieses Prozesses auszugehen, was durch den Begriff der “Nationenbildung” oder “Nationenwerdung” adäquater als durch Nation-building vermittelt wird.


Weitersagen:


top