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Nachhaltige Entwicklung

Autor:  |  Frühjahr 1993

Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bezeichnet dort eine Nutzungsform, die dem Wald nur so viel Holz entnimmt wie nachwächst, so daß dieser in seinem Bestand weder reduziert noch in seiner Struktur verändert wird. Auf einem Symposium der UNO 1979 wurde diesem Begriff erstmals ein völlig neuer Sinn gegeben, indem er auf die Weltwirtschaft angewandt wurde. Der Abschlußbericht der Brundlandt-Kommission wies dem Begriff in Gestalt des Konzepts der „sustainable development“ schließlich eine Schlüsselrolle bei dem Versuch zu, Entwicklung neu zu bestimmen und in Einklang mit dem Schutz der Umwelt zu bringen. Als deutsche Entsprechung für „sustainable“ wird neben „nachhaltig“ oft auch „dauerhaft“ verwandt, obwohl „durchhaltbar“ dem Wortsinn näher kommt. Im Brundlandt-Bericht heißt es: „Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, die Entwicklung ‘dauerhaft’ zu gestalten,gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch Umweltvernichtung infolge von Unterentwicklung in der Dritten Welt.“ Mit diesem Begriff wird einerseits dem Wachstumsfetischismus der „nach- bzw. aufholenden Entwicklung“, der in den letzten vier Jahrzehnten paradigmatische Bedeutung für Entwicklungstheorie wie -politik hatte, eine Absage erteilt; andereseits wird das Ziel Entwicklung durchaus nicht aufgegeben. Trotz wachsender Umweltgefährdung, Bevölkerungsdruck und Ressourcenverschleiß soll das Entwicklungs- und Wohlstandsniveau auf dem gegenwärtigen Stand gehalten bzw. auf einen höheren gehoben werden. Es liegt an der Mehrdeutigkeit des Begriffes, daß sich Vertreter verschiedener, letztlich sogar unvereinbarer Positionen durch ihn legitimiert sehen: zum einen die Vertreter einer „ökölogischen Modernisierung“, die den strategischen Schwerpunkt auf innovative technische Lösungen legen und für die die Aufrechterhaltung und Steigerung des gegenwärtigen Produktions- und Konsumtionsniveaus das Primat besitzt; zum anderen die Anhänger von grundsätzlichen Veränderungen der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Verhaltensstrukturen. die den in Industrieländern erreichten Entwicklungsgrad als umwelt- und menschheitszerstörende Überentwicklung diagnostizieren.


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