lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Cardoso, Fernando Henrique

Autor:  |  Sommer / Herbst 2000

Seine Karriere vom „Príncipe de los Sociólogos” zum Präsidenten Brasiliens beginnt womöglich im Marx-Seminar der Universidade de São Paulo, in dem sich der Soziologieprofessor zusammen mit anderen linken Intellektuellen wie Otávio Ianni, Francisco Weffort, Michael Löwy oder Roberto Schwarz in der Kritik am Vulgär-Marxismus übt. 1964 geht er für vier Jahre ins chilenische Exil, wo er zusammen mit dem chilenischen Soziologen Enzo Faletto das dependenztheoretische Standardwerk „Dependencia y Desarrollo en América Latina” verfasst, das 1969 erstmals erscheint. Nach einem Intermezzo in Paris kehrt Cardoso 1968 nach Brasilien zurück und gründet zusammen mit einigen Kollegen das Centro Brasileiro de Análise e Planejamento (CEBRAP), das zur intellektuellen Herausforderung für die Militärdiktatur wird. CEBRAP avanciert zum Think-Tank des Movimento Democrático Brasileiro (MDB), der zu dieser Zeit wichtigsten demokratischen Bewegung, der Cardoso damals angehört. 1978 kandidiert er in den Wahlen zum Senat für diese politische Kraft, die inzwischen zur Partei mutiert ist, und wird zum Senator in Vertretung von São Paulo. 1986 wird er als solcher wiedergewählt. Dem folgt ein Lernprozess, der in der Gründung der Partido da Social Democracia Brasileira (PSDB) durch Cardoso und andere Intellektuelle mündet. Diese Partei gewinnt schnell an politischem Einfluss, was letztlich zu Cardosos Ernennung zum Außenminister (1992) und dann zum Finanzminister (1993) durch den Präsidenten Itamar Franco führt. Bereits in dieser Funktion hat Cardoso entscheidenden Anteil daran, dass sich Brasilien – wenn auch vergleichsweise spät und temporär- dank des Real-Planes zu einem neoliberalen Musterschüler entwickelt. In den Präsidentschaftswahlen 1994 tritt Cardoso, unterstützt vom rechten politischen Spektrum sowie den Notabein des Nordostens, gegen den linken Herausforderer Partido dos Trabalhadores (PT) unter „Lula” da Silva an, hat Erfolg und übernimmt im Januar des darauffolgenden Jahres das Amt des Präsidenten, das er zur Fortsetzung einer streng am Washington Consensus ausgerichteten Sanierungspolitik nutzt. Präsident Cardoso, der als Finanzminister Erfolge durch Wirtschaftswachstum und Bekämpfung der Inflation gefeiert hat und – im Vergleich zu einigen seiner Amtsvorgänger – als modern, akademisch hochgebildet, politisch erfahren sowie integer gilt, scheint zunächst ein neues brasilianisches „Wunder” zu garantieren, was ihm dazu verhilft, als der in über 70 Jahren in Brasilien erst zweite Präsident über die volle Amtszeit zu regieren. Mehr noch, nachdem durch eine Verfassungsänderung 1997 die konstitutionellen Voraussetzungen für eine Wiederwahl geschaffen sind, geht Cardoso in den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 1998 ein zweites Mal als Sieger hervor. Jedoch inzwischen verdunkeln nicht nur die Schatten der auch von ihm, der sich noch immer mit Stolz als ein Linker begreift, nicht gezügelten Armut und Gewalt das Bild des einstigen Hoffnungsträgers im Land – der brasilianische Finanzschock, von dem zumindest zeitweise sogar eine Neuauflage der „Tequila-Krise” auszugehen schien, und neue Korruptionsvorwürfe bringen nun selbst Cardosos neue Freunde in IWF und Weltbank in Verlegenheit.


Weitersagen:


top