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Drogenökonomie

Autor:  | März 2008 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Lexikon

Der Begriff Drogenökonomie kann in einem doppelten Sinn verstanden werden. Die enge Auslegung bezieht sich auf die Etablierung als ein Wirtschaftssektor, während die weite Bedeutung eine zur Gesamtwirtschaft expandierte Drogenökonomie meint, welche durch letztere determiniert oder strukturiert wird. Während die weite Auslegung eher für regionale und nationale Strukturen steht, hat die Bedeutung als Wirtschaftssektor bereits ein transnationales bzw. –regionales Ausmaß erreicht. Trotz ihrer Transnationalität hat die Drogenökonomie nicht den Anspruch, Globalisierung mit nationalstaatlicher Entwicklung zu verbinden, sondern informalisiert und anomisiert sie. Wie Zinecker (2004, S. 20) feststellt, verlagert die „Drogenökonomie ihren Surplus überwiegend nach außen […] und [investiert] ihn nicht in nationales Wirtschaftswachstum […].“

Die Drogenökonomie ist ein Teil der Schattenökonomie. Sie operiert illegal und braucht für ihr Funktionieren illegalen Schutz, der nicht notwendigerweise gewalttätiger Natur sein muss. Der informelle Charakter und die Ansiedlung in der Grauzone zwischen illegaler und legaler Wirtschaft verwischen die Strukturen und Grenzen der Drogenökonomie und bewirken eine weitestgehende Gesetz- und Regellosigkeit, wie auch eine nicht gerichtete sozioökonomische Mobilität. Das Funktionieren der Drogenökonomie wird über segmentierte Waren- und Austauschketten sichergestellt, die ihrerseits in komplizierte netzwerkähnliche Beziehungsgefüge eingebunden sind. Trotz oligopolistischer Tendenzen sind die Konturen der Drogenhandelsunternehmen unklar; chaotische Dezentralisierung dominiert über geordnete Zentralisierung.

In Kolumbien hat sich die seit der Involvierung des Landes in den internationalen Kokain-Handel existierende Drogenökonomie aufgrund spezifischer komparativer Kostenvorteile etablieren können. Zu diesen zählt Zinecker neben den natürlichen (geographische Lage und Infrastruktur) auch erworbene Faktoren (traditionelle mafiöse Handlungsräume, hohe Informalisierung der Wirtschaft, starke Migration von Kolumbianern in die USA, hohe spekulative Rentenmentalität sowie eine chronische Schwäche des Staates – Zinecker 2004, S. 5ff.). Die Drogenökonomie dient als Ressource aller am innerstaatlichen Konflikt beteiligten Akteure (Staat, Guerilla und Paramilitärs), ist aber nicht als ursächlich für Krieg und Gewalt anzusehen, sondern stabilisiert diese Prozesse lediglich. Als eigenständiger integraler Wirtschaftssektor besitzt die kolumbianische Drogenökonomie aufgrund „höchster Surplusverfügbarkeit und bester Wachstumsperspektiven“ eine enorme „Droh- und Rettungskapazität für die Nationalökonomie“ (ebenda, S. 10f.). In empirische Quellen wird der Stellenwert der Narkoökonomie Kolumbiens mit 6 bis 8 Prozent des BIP beziffert. Der Einfluss der Narcos wird aufgrund der Besitzverhältnisse und ihrer Expansion in andere Wirtschaftssektoren aber wesentlich höher eingeschätzt. Sie sollen über mindestens 30 Prozent aller kolumbianischen In- und Auslandsvermögen sowie 40 Prozent des Landbesitzes verfügen.

 

Quellen: Zinecker, H.: Drogenökonomie und Gewalt: Das Beispiel Kolumbien. HSFK-Report 5/2004; Kurtenbach, S.: Studien zur länderbezogenen Konflikanalyse – Kolumbien (Stand Oktober 2004). Bonn 2006, S. 27, Anmerk. 19.


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