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Venezuelas Parteisystem

Autor:  |  Winter 1997

Venezuela – ein klassischer Parteienstaat (“Partidocracia”) – wies zwischen 1958 und 1993 ein Zweiparteiensystem auf, bei dessen Säulen AD und COPEI es sich um für lateinamerikanische Verhältnisse untypische (nationalreformistische) Programmparteien handelt, die einerseits catch-all-Ambitionen besitzen und andererseits von eiserner Parteidisziplin geprägt sind. Mit der Absetzung von Carlos Andres Perez (AD) als Präsident und den nachfolgenden Präsidentschaftswahlen von 1993 zerbrach jedoch das Zweiparteiensystem. Der neue Präsident (Rafael Caldera, der zuvor aus der COPEI ausgetreten war) gehörte erstmals keiner der beiden traditionellen Parteien an und wurde vor allem mit den Stimmen von Convergencia Nacional und MAS gewählt.

AD (Acción Democrática)

sieht ihre Ursprünge in Studentendemonstrationen von 1928, wurde formal 1941 gegründet, bekanntestes Gründungsmitglied war Rómulo Betancourt, zunächst Partei der ländlichen Unterschichten und der Arbeiterschaft, stark in der Gewerkschaftsbewegung (CTV) verwurzelt, national-reformistisch, Mitglied der Sozialistischen Internationale, heute mit über 2 Millionen Mitgliedern größte „sozialdemokratische” Partei der Welt, stark beschädigtes Image durch Korruptionsskandale um den von ihr gestellten Präsidenten Carlos Andres Perez (CAP), der deshalb 1993 zum Rücktritt gezwungen war.

COPEI (Comité de Organización Política Electoral Independiente)

1936 noch katholische Studentenbewegung, 1946 dann unter Rafael Caldera formal als Partei gegründet, zuerst falangistisch, dann konservativ-klerikal, schließlich mit Anleihen aus westlichem christdemokratischen Verständnis mitteilweise links-keynesianischen Zügen, 1993 verließ Caldera die COPEI und gründete die Convergencia Nacional.

Convergencia Nacional

1993 als Zusammenschluss von 17 kleineren Parteien („Anti-Parteien-Plattform”) u. a. von Rafael Caldera gebildet.

MB-2000 (Movimiento Bolivariano 2000)

nach dem gescheiterten Putsch vom 4. Februar 1992 von dessen Hauptprotagonisten, dem Offizier Hugo Chávez Frias, ins Leben gerufen, hat Anhänger in radikaleren Gruppen der Linken, die teilweise mit Putsch- oder Aufstandsplänen sympathisieren, von denen sich Chávez aber distanziert, dann relativ isolierte Bewegung.

Causa R (La Causa Radical)

alternativ, will sich aber von den Linken abgrenzen, zu den Wahlen von 1988 von Alfredo Maneiro ins Leben gerufen, Ursprünge in der Stahlarbeitergewerkschaft der Industriezone im Osten des Landes und der städtischen Armen von Caracas, stellte 1992 Bürgermeister von Caracas, in den Wahlen von 1993 drittstärkste Partei, seit 1995 wieder geschwächt und 1997 Spaltung.

MAS (Movimiento al Socialismo)

nichtorthodoxe sozialistische Bewegung, gebildet 1970 u. a. durch Unterstützung einer Gruppe von Führungskräften der KP (PCV), die sich von dieser als Ausdruck des Protestes gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag getrennt hatte, war lange Zeit (vor dem Aufkommen von Causa R) der einzige Konkurrent für das Parteien-Binomen AD und COPEI, soziale Wurzeln in der intellektuellen Mittelschicht, Gewerkschaften und Nachbarschaftsorganisationen, 1988 hatte sich ihr auch der MIR (Movimiento de la Izquierda Revolucionaria) angeschlossen, heute wird die MAS geführt von Ex-Guerrillero und jetzigem Planungsminister Teodoro Petkoff.


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