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Venezuela – Land zwischen Anden, Karibik und Tafelbergen
Eine Reisebeschreibung

Autor:  |  Winter 1997

Es scheint mir einerseits als wäre es gestern gewesen, obwohl es inzwischen schon 5 Monate her ist, seit ich Deutschland verließ, um nach Venezuela zu reisen. Es scheint mir andererseits als wäre es vor Jahren gewesen, obwohl ich erst vor fünf Monaten Deutschland verließ, um nach Venezuela zu reisen. Es war im Juli und ich ließ gerade mein zweites Semester Politikwissenschaft an der Universität Leipzig hinter mir. Die Zeit war angespannt, Hausarbeiten, Klausuren… doch plötzlich saß ich im Flugzeug, hoch oben in der Luft und flog Richtung Lateinamerika, mit dem Ziel Caracas, Venezuela.

Ziemlich am Ende meiner Reise, saß ich auf dem Balkon meines Hotels, schaute auf den viertgrößten Fluss der Welt, den Orinoco, wie er an der Stadt Ciudad Bolívar vorbeifloß und beobachtete den Mond, wie er sich in den kleinen Wellen des Flusses spiegelte. Ich spürte, wie sich die anfängliche Hitze Venezuelas allmählich in mir, in meinem Körper, zu einer wohligen Wärme wandelte. Dies war der Moment, indem ich dieses Land endgültig in mein Herz geschlossen hatte. Das musste aber nicht zwingend ein Zustand von Dauer sein, denn der Einfluss des Augenblicks, die Stimmung, die Umgebung, und die Musik spielten eine große Rolle.

Die Liebe zu diesem Land, selbst in der kurzen Zeit, in der ich dort war und in der kurzen Zeit, die seitdem vergangen ist, ist eine Art Dauerzustand geworden. Natürlich gab (gibt) es – wie in jeder Beziehung – Enttäuschungen, das Land, man selbst verändert sich. Aber ich bin glücklich zu sagen, dass die Liebe zu diesem Land so groß ist wie am Anfang. Die atemberaubende Vielfalt der Tierwelt, der man hier begegnet (ein Paradies für Ornithologen) und die Liebe zum Leben, die den größten Teil der Bevölkerung auszeichnet, die tief verwurzelten Traditionen, die Möglichkeiten, bedingt durch die Größe des Landes, ständig neue Plätze zu entdecken und die herrliche Aussicht zu genießen – all dies hat dazu beigetragen, dass ich mich in Venezuela so wohl fühlte.

Es war schon spät am Abend, als ich auf dem internationalen Flughafen Simon Bolívar in ‘ Maiquetía, 25 Kilometer von Caracas entfernt, landen. Das Flughafengebäude ist ein relativ moderner Bau, von 1950-1953 gebaut und voll klimatisiert. Das ist ein Moment, der mich bis jetzt nie verlassen hat: der Moment, in dem die Tür der klimatisierten Flughafenhalle sich öffnet und mir ein schwül, feucht, heißer Luftstrom entgegenkommt und sich innerhalb kürzester Zeit kleine Schweißperlen auf meiner Stirn bilden. In diesem Moment dachte ich nur an die nächsten 5 Wochen, die ich in diesem Klima verbringen wollte. (Die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit in Caracas beträgt 60 %)

Antonio saß während des Fliegens neben mir und nahm mich mit zu sich nach Hause, in einen Vorort von Caracas. Abgeholt wurde er von seiner ganzen Familie; Kinder, Frau und Freunde. Mit meinem Rucksack saß ich auf dem Pickup von Antonio und genoss die ersten Eindrücke eines fremden Landes, eines fremden Kontinents. Das erste Mal eine nicht-europäische Kultur. Ich war bereit, alles Neue in mich aufzusaugen, wie in einen trockenen Schwamm, ich war durstig nach Erlebnissen…

Am anderen Morgen flog ich vom nationalen Flughafen, der 500m von dem internationalen entfernt ist, nach Merida. Eine Zweipropeller-Maschine der Luftfahrtgesellschaft Air Venezuela hob ab und ich sah die grünen Berge vor Caracas immer kleiner werden. Ziel war die Andenstadt Merida. Die höchsten Berge Venezuelas sind in den Anden zu finden. Der nördlichste Zipfel des riesigen Andengebirges, welches sich von Feuerland bis zum Karibischen Meer an der Westseite des Kontinents entlangzieht, liegt in Venezuela. Merida stellt das Zentrum in den venezolanischen Anden dar, hier treffen sich Traveller aus aller Welt. Merida liegt in einem Tal, und das Flugzeug muß genau dirigiert werden, weil sich rechts und links die Berge auftürmen. Diese Stadt, mit ihren 220000 Einwohnern empfing mich mit großem Getummel. Es war gerade Feiertag, und sämtliche Menschen trugen ihre Sonntagskleidung und drängten sich auf den Straßen und Plätzen, um diesen herrlichen Sonnentag zu genießen. Untergekommen bin ich in einer der zahlreichen Posadas, was soviel wie Gästehaus bedeutet. Diese Posadas sind meistens nicht sehr groß und strahlen daher eine familiäre Atmosphäre aus. Ein wunderbarer Kommunikationspunkt, um Reisende, die aus aller Herren Länder kommen, kennenzulernen. Irgendwann fällt einem auf, dass es immer die selben Dinge sind, über die man sich unterhält: Erlebnisse auf der Reise durch das Land…

Bei der Erkundung von Merida erlebt man die Plaza Bolívar (In wirklich jedem Ort in Venezuela, und mag er noch so klein sein, findet man einen Plaza Bolívar. Benannt nach dem Führer der Unabhängigkeitsrevolution gegen die spanische Kolonialherrschaft in Südamerika – Simón Bolívar), als pulsierendes Herz der Stadt. Am Plaza Bolívar treffen sich den ganzen Tag über junge und alte Menschen. Ich habe einige Plazas Bolívar gesehen, und immer war das der Ort an dem sich die Menschen versammelten, um zu erzählen. Besonders in den Abendstunden mehren sich hier die Menschen. Überhaupt findet das Leben mehr auf den Straßen statt als in den Wohnungen, so wie ich es aus Deutschland kenne. Das ist wohl auch ein Grund, warum den Venezolaner sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten legen und nicht so sehr auf das, was in den Wohnungen zu finden ist. So trägt z.B. wer etwas auf sich hält, lange Hosen und geschlossenes, festes Schuhwerk. Was ersteinmal paradox aussieht, weil einfach eine sengende Hitze herrscht in diesem Land, aber kurze Hosen und Sandalen tragen lediglich die Ärmeren unter den Einwohnern, sie können sich keine langen Hosen bzw. keine Schuhe leisten. Kleidung ist ein Wohlstandssymbol. Darum haben mir Venezolaner auch immer auf meine Füße geschaut, während sie mit mir geredet haben.

Aber wieder zurück, nach Merida. Gleich neben dem Plaza Bolívar ist die Kathedrale zu finden, welche 1800, nach den Plänen der im 17. Jahrhundert erbauten Kathedrale in Toledo (Spanien) begonnen wurde zu bauen. Am Rande der Stadt konnte ich eine Stierkampfarena finden, die jedoch nur im Winter in Betrieb ist. Von hier aus blickt man auf den Fluss Rio Albarregas, welcher die Stadt durchfließt und sie teilt. Am Ufer dieses Flusses befinden sich die Armensiedlungen, die hier Ranchos genannt werden, die elenden Bretter-, Papp- oder Backsteinhütten, in denen es kein Wasser und keine sanitären Einrichtungen gibt – nur den Fluss…

An einem frühen Morgen – von der Posada aus konnte man den ansonsten in Wolken verhangenen Pico Bolívar (Venezuelas höchster Berg mit 5007m) sehen – startete eine sieben Personen umfassende Gruppe zu einer dreitägigen Bergtour in die Anden. Wir sind zwei Australier, eine Belgierin, drei Deutsche und der einheimische guide. In den festgeschnallten Rucksäcken hatten wir Lebensmittel für drei Tage und winterliche Kleidung: Schal, Mütze, Handschuhe, einen Schlafsack für Minusgrade… Wir würden nämlich einen enormen Temperaturumschwung innerhalb kürzester Zeit erleben, weil wir einen Höhenunterschied von ca. 1500m (Merida) auf ungefähr 4000m zurückgelegt haben. Ziel war der Pico Pan de Azúcar. Der Jeep bringt uns bis zu einem Punkt, wo auch er nicht weiter fahren kann, und ab da gehts es dann wirklich zu Fuß. Nichts weiter als ein paar Leute und der Rucksack. Wir durchquerten eine Landschaft, die eigentlich recht karg ist, andererseits aber faszinierend anders. Nichts weiter als laufen und schauen, den Blick schweifen lassen und genießen. Wir durchschritten weite Wiesen mit saftigem Gras, und soweit das Auge reicht konnte man die Frailejón’s sehen. Dies sind typische Andenpflanzen, die aufgrund der Höhe nur recht langsam wachsen und über 200 Jahre alt werden können. Je höher wir kamen, desto baumloser wurde die Landschaft, lediglich vereinzelt verkrüppelte Bäume säumten die Berge. Ich genoss die Aussicht und vergaß die Zeit, beim beobachten eines Wasserfalls. Dabei haben mich immer wieder diese Lichtspiele beeindruckt, welche durch den ständigen Wechsel zwischen den tief hängenden Wolken, der Sonne und den farbigen Pflanzenblüten entstanden. Nachts, wir zelteten in einem windgeschützten Tal, konnte man tausende helle Pünktchen erkennen, die sich an den Berghängen leicht bewegten. Es sah aus, wie eine riesige Weihnachtsbaumbeleuchtug, dabei waren es Glühwürmchen, die durch die Nacht streiften.

Die Spitze des Pico Pan de Azúcar war eingehüllt in watteweiche Wolken, doch der Wind pfiff ein äußerst strenges Lied, zudem war der Aufstieg der letzten 500m äußerst schwierig, besonders für jemanden wie mich, der aus dem absoluten Flachland kommt. Doch irgendwann hatte auch ich die letzten 500m geschafft und war völlig energielos. Einige Momente später wurde mir jedoch die Schönheit dieser Bergspitze bewusst und erhielt für die Anstrengungen als Entlohnung das Gefühl des Glücks.

Einige Tage später war ich bereits unterwegs in den Norden des Landes. Im Bus sitzend und in die Nacht starrend (die Venezolaner lieben es mit Nachtbussen zu fahren), freute ich mich auf das was kommen mochte.

Die Route führte über die feucht-heiße Erdölstadt Maracaibo im Nord-Westen des Landes bis Coro. Coro ist eine alte wunderschöne Kolonialstadt, welche im Jahre 1527 gegründet wurde. In dieser Stadt mit ihren 130 000 Einwohnern kann man die wohl am besten erhaltene Kolonialarchitektur des ganzen Landes besichtigen. Direkt am Plaza Bolívar steht die älteste Kathedrale Venezuelas, die 1580 begonnen wurde zu bauen und erst ein halbes Jahrhundert später fertiggestellt wurde. Dafür strahlt ihr schlichter Bau eine Ruhe aus, die sehr vereinnahmend ist und durch die Holzdecke entsteht eine familiäre Atmosphäre, trotz ihrer gewaltigen Größe. Durch diese Stadt geht man wie durch ein Freilicht-Museum, aber die unerträgliche, stehende Hitze macht es einem fast unmöglich, sich während des Tages hier zu bewegen. Erst gegen Abend, wenn von der See her frischer Wind weht, kann man diese Stadt richtig genießen und einen Spaziergang durch die vorgelagerten Dünen machen. Hier ist es dieses faszinierende Licht-Schatten Spiel das die Dünen zu einem malerisch, romantischen Erlebnis machen.

Und wieder geht es mit einem uralten Mercedes-Bus, aus den 60er Jahren, Richtung Tucacas. Die Straße führt am karibischen Meer entlang und Kokosnusspalmen säumen den Straßenrand, dazu dröhnt aus den schnarrenden Lautsprechern Sambamusik, und alles passt auf einmal wunderbar zusammen, alle Sinneswahrnehmungen überlagern sich zu einem wunderbaren Gefühl. Momente, in denen ich weiß, warum ich hier bin…

Tucacas ist eine sehr moderne Stadt und hat keinen richtigen Stadtkern, wodurch die Attraktivität dieses Ortes nachlässt. Für Touristen stellt Tucacas somit lediglich ein Sprungbrett für den Nationalpark Morrocoy dar. (In Venezuela gibt es 42 Nationalparks, die von der Organisation Inparques verwaltet werden. Die Eintrittsgelder für die Nationalparks werden zur Erhaltung derselbigen verwendet.) Mit einem Fischerboot gelangte ich auf eine der zahlreichen der Küste vorgelagerten Karibikinseln. Es ist die größte der Inseln in diesem Nationalpark: Cayo Sombrero. Ich genoss den zuckerfeinen Sand, das himmlische Blau des wolkenlosen Himmels, die Kokosnusspalmen und das absolut klare, türkisfarbene Wasser. Beim Schnorcheln fühlte ich mich wie in einem riesigen Aquarium, in dem hunderte Südseefische auf engstem Raum zu sehen sind. Fische in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann, dazu die Korallenriffe, die ihre volle Pracht im Sonnenschein zeigen. Nachts in der Hängematte, die zwischen zwei Palmen hing, war es ein bezauberndes, noch nie dagewesenes Gefühl, als der mondlose Himmel all seine Sterne leuchten ließ und die See ihre Brandung in den Sand schmetterte, dabei die Krabben, mit ihren vorstehenden Augen, auf der gesamten Insel ihre Spuren legten. Wieder zurück auf dem Festland machte ich mich auf den Weg nach Valencia und Maracay, dann durch den Henri Pittier Park, der Venezuelas ältester Nationalpark ist (193 7 gegründet und 1078 qkm groß) und westlich von Caracas liegt. Er erstreckt sich von der Karibikküste im Norden bis zur Stadt Maracay im Süden und Caracas im Osten.

Von Maracay bis zur Küste führt eine sehr schmale Straße durch die steile Berglandschaft, in der die höchste Erhebung 2436m beträgt. Der altersschwache Bus schnauft sich die Serpentinen hoch und muss vor jeder Kurve hupen, weil etwas aus der Gegenrichtung kommen kann und die Straße zu schmal ist, als dass zwei Fahrzeuge in der Kurve genug Platz haben. Ein kurzes Stück Fahrt, und schon wieder ist der Kühler am Kochen. Mühsam schiebt sich der blau-weiße Bus aus der Haarnadelkurve und kommt schniefend zu Stehen. Der Fahrer gießt kaltes Wasser auf das zischende Metall. Die Fahrgäste vertreten sich die Beine und europäische Touristen beäugen skeptisch die Prozedur. Nach 2 1/2 Stunden hat der Bus die 50 Kilometer lange Strecke zurückgelegt und ist im Küstenort Puerto Colombia angelangt. Puerto Colombia ist ein kleiner, besinnlicher Ort, an dem man sich in der Zeit zurückversetzt fühlt, hier sieht man alte Zuckerrohrplantagen und denkt an Piraten, wenn man beim Sonnenuntergang an der Hafenbefestigung, neben den alten Kanonen sitzt und den Fischern beim Reinigen ihrer Boote zuschaut. Von diesem alten Piratenort aus zwei Kilometer landeinwärts kommt man nach Choroni, eine alte Kolonialstadt, welche mit viel Kleinarbeit wieder restauriert wurde, und wo man sofort an spanische Besetzer denken muss, wie sie in den schattigen Patios saßen und das angenehme Klima genossen haben.

Tage später, nach einer 30-stündigen Busfahrt befinde ich mich im Südosten des Landes, fünf Kilometer vor der brasilianischen Grenze, in Santa Elena de Uairén. Dieser Ort wurde erst 1922 gegründet und begann zu wachsen, als man 1930 hier Diamanten gefunden hatte. Heute ist St. Elena eine 10 000 Einwohner große Stadt, und die inoffizielle Hauptstadt der Gran Sabana. Von hier aus startete ich in einer Sechser-Gruppe in ein sechstägiges Abenteuer. Wir wollen den größten und höchsten Tafelberg (tepui genannt in der Pemón Indianersprache) Venezuelas, den Roraima, besteigen. Bei diesem Trip ist der Rucksack noch ein wenig schwerer, weil wir Lebensmittel für sechs Tage mitnehmen mussten. An diesen sechs Tagen legten wir ca. 60 Kilometer zurück und durchquerten dabei eine riesige Steppenlandschaft, wateten durch Flüsse, wanderten unter Wasserfällen hindurch, mussten durch einen Teil des tropischen Nebelwaldes und bezwangen letztendlich den Roraima. Was an diesen sechs Tagen wirklich zu schaffen machte, ist nicht, wie zunächst vermutet das Gewicht des Rucksacks, sondern die Wetterumstellung. Von schweißtreibender Hitze bis zu Temperaturen unter zehn Grad Celsius. Dazu kommt dann der kalte Wind, der den Regen peitscht und irgendwann ist auch eine Goretextjacke durchnässt.

Nach dem zweiten Tag erreichten wir den Fuß des Tafelberges, was in mir eine Welle der Faszination auslöste. Dieser gigantische Berg, mit seinem Alter, so unverrückbar, wirkte auf mich einfach nur faszinierend und beruhigend. Egal was passiert, der Tafelberg steht trotzdem dort. Gerade bei diesem rauen Wetter steht er wie ein Fels in der Brandung. Das Erklimmen dieses Berges kostete die letzten Kräfte, weil es heiß und steil war; das Kopftuch bei jeder Gelegenheit befeuchtet, trocknete innerhalb von Minuten wieder aus. Ein schmaler glitschiger Weg führt auf das Plateau des Roraima, wobei jeder Fußtritt überlegt sein wollte, weil der Regen den Boden aufgelöst hatte und vereinzelt Steine aus ihrer Verankerung gewaschen hatte. Irgendwann im Laufe des Tages war es jedoch geschafft: das Plateau des Roraima war erreicht. Es eröffnete sich eine bizarre, noch nie gesehene Landschaft. Die Mühe hatte sich gelohnt. Die Natur hier oben, ca. 1000m hoch über dem Boden, ist einmalig. Auf dem ersten Blick sieht alles gleich aus, aber genauer betrachtet, ist sie sehr subtil. Es ist alles nur viel kleiner und graziler als in der Steppe 1000m tiefer. Die Oberfläche des Tafelberges besteht aus Steinen, die von Wind und Wasser im Laufe der Zeit zu skurrilen Formen ausgewaschen wurden. Zwischen den riesigen Steinen hat der Wind Erde abgelagert, und so konnten sich zahlreiche Pflanzen ansiedeln, die dieser steinigen Landschaft einen Hauch von Freundlichkeit verleihen. Hier oben lohnt es sich, mit der Sonne aufzustehen: morgens gegen fünf Uhr saß ich an der Kante des Roraimas (ein unbeschreibbares Gefühl, wenn man weiß, dass es 50cm weiter, ca. 1000m senkrecht nach unten geht) und habe den Sonnenaufgang beobachtet, wie er aus dem Nichts gekommen ist und dann die Landschaft in ein warmes Rot tauchte. Dabei könne ich andere, weit entfernte Tafelberge sehen, wie sie im Spiel zwischen Licht und Schatten in Wolken getaucht wurden. Schauen und genießen sind die einzigen Dinge, die man hier ausgiebig machen kann, ohne das irgendetwas oder irgendwer treibt. Einzig und allein das Wetter ist bestimmend: hier oben ändert es sich innerhalb von wenigen Minuten. Aus einem strahlenden Sonnenschein wird in Kürze ein peitschender Wind, der Wolken und Regen treibt. Beim Rückmarsch, den Roraima im Rücken, konnte ich ihn noch ein letztes Mal im Lichte der untergehenden Abendsonne bestaunen und beschloss genau in diesem Moment, irgendwann einmal an diesen Ort zurückzukehren.

Wiederum Tage später, nachdem ich von St. Elena aus mit einem Bus in den Nordosten des Landes gefahren bin, befand ich mich in Ciudad Bolívar, der Stadt am Orinoco. Diese Stadt, die nach dem Befreier Simón Bolívar benannt ist, welcher im Jahre 1817 die Stadt von spanischer Kontrolle befreit hat, hat gerade im August viel zu bieten: ob das die Fischer sind, die einmal im Jahr dem Traditionsfischen (was eine besondere Auswurftechnik ihrer Netze ist) frönen, oder das Orinocofest, welches immer im August, wenn der Orinoco den höchsten Wasserstand im Jahr hat, gefeiert wird. An der Paseo Orinoco, der Promenade, die direkt am großen Fluss verläuft, sind Häuser, im Kolonialstil zu finden, die alle einen Balkon in Richtung Fluss besitzen, auf denen man am Abend dem Treiben auf der Straße zusehen kann, der Musik lauschen und später dann den Geschichten, die der Fluss erzählt, zuhören kann. Der Stadtkern wirkt wie ein Freilichtmuseum. Häuser in denen Bolívar gearbeitet, Verträge unterschrieben bzw. gewohnt hat, sind zum Teil mit Originalmobiliar wieder in filigraner Feinarbeit restauriert worden. Diese Häuser zu besichtigen, ist eine wahre Freude.

Zum Schluss meiner Reise blieb leider nur noch wenig Zeit für die pulsierende Stadt Caracas, welches die Metropole des Landes darstellt, übrig. Im ganzen Lande ist hier das Leben wohl am hektischsten, eben eine Millionenstadt. Dabei war der Reiz dieser doch eher modernen Stadt, auf mich relativ gering, im Vergleich zu dem, was ich in den vorhergehenden Wochen gesehen habe. Mit dem Abheben des Fliegers in Richtung Europa habe ich mit einem letzten Blick aus dem Fenster das saftige Grün Venezuelas genossen…


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