lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Schwarz, weiß, gelb oder indigen?
Die bunte Vielfalt Uruguays

Autor:  | Februar 2014 | Artikel empfehlen

Der Schädel ist groß und weist häufig dicke Knochen und ein beachtliches Gewicht auf. Die Backenknochen und das kräftige, vorspringende Kinn sind ausgeprägt. Das Gesicht ist länglich und die Nase schmal und lang. Hinsichtlich der Physiognomie existiert fast kein Geschlechtsdismorphismus, die Männer unterscheiden sich nur sehr wenig von den Frauen. Ihre Hautfarbe ist von einer intensiven Pigmentierung, mit bronzenem Farbton, das Haar kräftig und glatt. Sie waren großgewachsen, kräftig und gut gebaut, athletisch und muskulös, (…) eines der stolzesten Modelle des menschlichen Organismus.

Uruguay: Die 'letzten Charrúas' werden in Paris ausgestellt, um 1822 - Foto: Public DomainDie Rede ist von den Charrúas, den Ureinwohnern Uruguays, von denen heute kaum eine Spur geblieben ist. Gleiches trifft allerdings auch auf die Guaraníes, die Chanás, Bohanes, Guenoas und Yaros zu. Ebenso wie die letztgenannten waren die Charrúas herumstreifende Jäger und Sammler, die ihren Speiseplan mit Fischfang ergänzten. Sie waren kein friedliches Volk; Lanzen, Pfeil und Bogen und Schleudern waren ihre gebräuchlichen Waffen. Da die Guaraníes sie zu verdrängen drohten, war die Verteidigungsfähigkeit wichtig. Die alte Feindschaft zu den Guaraníes überlebte übrigens die Kolonialzeit, im Unabhängigkeitskrieg standen sich Charrúas und Guaraníes in gegnerischen Lagern gegenüber.

Uruguay: Landung von Juan Díaz del Solís am Río de la Plata - Foto: Public DomainDen ersten verbürgten Zusammenstoß der widerständigen Charrúas mit den Konquistadoren gab es 1573 in einem Scharmützel bei San Gabriel, aus dem die Spanier siegreich hervorgingen. Schon zuvor waren die Charrúas mit dem Tod des Entdeckers Juan Díaz de Solís und seiner Männer in Verbindung gebracht worden. Diese waren Berichten zufolge 1516 von Indigenen getötet, gegrillt und wohl auch teilweise verspeist worden. Es gehörte allerdings nicht zu den Gepflogenheiten der Charrúas, ihre Gegner zu verspeisen, so dass wohl doch eher die Guaraníes für diesen Zusammenstoß und seinen blutigen Ausgang verantwortlich waren. Aber auf jeden Fall traute man den Charrúas zu, sich ihrer Haut erfolgreich zu erwehren.

In den Folgejahren begannen die Spanier, sich mit Forts gegen die Charrúas zu schützen, außerdem unternahmen sie, oft zusammen mit deren alten Feinden – den Guaraníes, Vorstöße gegen die Indigenen. 1751 rief Montevideos Gouverneur José Joaquín de Viana eine Säuberungsaktion aus, mit dem Ziel, „die Charrúas Kreuz und Glocke zu unterwerfen oder alle Männer älter als 12 Jahre über die Klinge springen zu lassen“.

Uruguay: Charrúa-Krieger (Gemälde von Jean-Baptiste Debret) - Foto: Public DomainEs verwundert also nicht, dass Charrúas auf der Seite von José Artigas, dem „Vater“ der uruguayischen Nation, für die Unabhängigkeit von Spanien kämpften. Artigas hatte sich für die Respektierung der „unglücklichen Indios“ eingesetzt und ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben betont. Sichtbarer Ausdruck seiner Sympathie für die „Indios“ war sein Wappen, das ab 1816 eine Federkrone zierte, gekreuzt von einer Charrúa-Lanze, einem Bogen und einem Köcher mit zwei Pfeilen.

Mit der Unabhängigkeit des Landes änderte sich die Situation jedoch grundlegend. Artigas Bedeutung in der Landespolitik schwand, die Vorstellungen der neuen Machthaber über die Rolle der Indigenen waren andere. Die neu entstandene Nation begriff sich als fortschrittlich; die Ureinwohner – „rückständige Barbaren“ – behinderten diesen Fortschritt nur, weshalb ihre Beseitigung als die einzige Lösung erschien. Schließlich „belegten“ sie das Land, das die Siedler beanspruchten. Immer wieder kam es zu Strafexpeditionen gegen die indigenen Gruppen, die sich gegen die Eindringlinge zur Wehr setzten und – in deren Diktion – ihr Wild stahlen. Höhepunkt dieser Kampagnen war das Massaker von Salsipuedes im April 1851. Die Geschichte klingt allzu vertraut: Die Charrúas wurden als Freunde zu Verhandlungen eingeladen, entwaffnet und alkoholisiert, um dann über sie herzufallen. Mehr als 40 Chárruas wurden getötet, 300 gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Montevideo verschleppt. Wer sich retten konnte, floh in die Nachbarländer oder verschwand irgendwann „hinter spanischen Namen“. Befehligt wurde diese Massaker übrigens von José Fructuoso Rivera, der von 1830-34 der erste Präsident des Landes war.

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine verstärkte Einwanderung von Europäern einsetzte, war Uruguay weitgehend gesäubert, das „Indioproblem“ war gelöst. Die neuen Bewohner kamen vor allem aus Spanien, Italien, Frankreich, Polen, Deutschland. Und so entstand der Mythos vom europäischen, weißen Uruguay, der bis heute nicht tot zu kriegen ist. Die Schweiz Südamerikas war weiß, liberal, tolerant und reich. Oder sollte man sagen, sie ist es? Gut, der Reichtum ist lange dahin, aber das Selbstbild der Uruguayer sieht das Land bis heute als ein eher europäisches, weshalb die Renaissance des (untergegangenen) reichen Wohlfahrtsstaats immer wieder zu den politischen Zielen gehört.

Nur leider ist diese kultivierte Selbstdarstellung nicht viel mehr als ein Mythos. Uruguay war niemals nur weiß und oft genug auch nicht besonders tolerant. Die Indigenen wurden nach ihrer weitgehenden Ausrottung verklärt und ins Reich der Legende verfrachtet. Das erinnert sehr an den Umgang anderer lateinamerikanischer Staaten mit ihrer indigenen Vergangenheit: Auf die Maya, Inkas, Azteken oder Chibchas ist man stolz und pflegt ihre Artefakte, mit den modernen indígenas will man aber eher nichts zu tun haben. Denn die gelten als rückständig und stören den Fortschritt des Landes. Im Bewusstsein der modernen Uruguayer haben die Charrúas mittlerweile mythische Züge bekommen, sie stehen für Stolz, Kühnheit und Siegesgewissheit. Vor allem im Sport, und das überrascht nun wahrlich nicht, ist es von Bedeutung, „Charrúa“ zu sein. Das Schicksal ihrer Nachfahren interessiert schon nicht mehr.

Mit einer solchen Missachtung haben auch andere Bevölkerungsgruppen Uruguays zu kämpfen. Bereits im 17. Jahrhundert kamen neben den Spaniern und Portugiesen andere Einwanderer nach Uruguay, wenn auch unfreiwillig. Nach der Gründung von Colonia del Sacramento (1680) und Montevideo (1726) wurden die ersten afrikanischen Sklaven ins Land gebracht, der Hafen von Montevideo war einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Sklavenhandel in Südamerika. Und ein Teil der verschleppten Afrikaner wurde auch am Río de la Plata „benötigt“. Ab 1749 besaß Montevideo sogar das Monopol über den gesamten Sklavenhandel am Río de la Plata, nach Chile und Peru. Als Uruguay im Jahr 1842 den Sklavenhandel abschaffte, blieben die ehemaligen Sklaven im Land. Allerdings waren sie weitgehend unsichtbar, für das nationale Selbstbild spielten sie keine Rolle, trotz ihres unbestreitbaren Einflusses auf die Kultur des Landes.

In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte auch Uruguay eine Renaissance des Ethnischen. Ethnische Minderheiten fanden sich in Bewegungen zusammen und gründeten Organisationen, um ihre Rechte einzuklagen. Beim Zensus 1996 wurde von offizieller Seite erstmals versucht, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zu erfassen. Aus diesem Grund wurde auch danach gefragt, wer gelb, weiß, indigen, mestizisch oder schwarz ist.

2011, bei der jüngsten Volkszählung, wurde die ethnische Abstammung der Uruguayer abermals erfasst, wobei mehr als eine Abstammung gewählt werden konnte. Darüber hinaus wurde gebeten, sich für eine hauptsächliche Abstammung zu entscheiden. Interessanterweise war im Vergleich zu 1996 ein Anstieg des Anteils der verschiedenen Minderheiten festzustellen.

Uruguay: Edgardo Ortuño, erster afrouruguayischer Politiker in der Geschichte des Landes - Foto: ZerothDie Nachkommen der afrikanischen Sklaven, die Afrouruguayer, bilden die größte ethnische Minderheit. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt laut Zensus acht Prozent, vornehmlich afrikanischer Abstammung sind danach fünf Prozent. Die schwarze Minderheit konzentriert sich vor allem in Montevideo und in den Departements Artigas, Río Negro, Rivera und Salto, wo sie zwischen 10 und 17 Prozent der Bevölkerung stellt.

Fünf Prozent der Uruguayer verwiesen bei der Volkszählung auf ihre indigene Abstammung. Bei der Frage nach der hauptsächlichen Abstammung wählten 2,4 Prozent die indigene. 15 Jahre zuvor taten das gerade einmal 0,4 Prozent. Die deutliche Zunahme dürfte vor allem auf das wiedererwachte ethnische Selbstbewusstsein zurückzuführen sein. Festzuhalten ist: In Uruguay gibt es keine indigenen Gemeinden, die Uruguayer, die sich als Nachfahren der Ureinwohner bezeichnen, sind mehrheitlich in den Städten lebende Mestizen. Und diese dürften kaum Beziehungen zur Kultur ihrer Vorfahren haben. Auch wenn die Uruguayer beim Verweis auf ihre indigene Geschichte eher die Charrúas im Sinn haben, die größten indigenen Spuren dürften wohl deren Feinde, die Guaraníes, hinterlassen haben. Von den Charrúas selbst gibt es kaum materielle Spuren, und auch von ihrer Sprache sind nur Bruchstücke erhalten geblieben.

Erwähnt sei an dieser Stelle, dass es im Land auch eine kleine asiatische Minderheit gibt, u.a. aus Syrern, Libanesen, Japanern, Chinesen und Vietnamesen bestehend. Weniger als ein Prozent der Uruguayer gibt eine asiatische Herkunft an, eine hauptsächlich asiatische lediglich 0,2 Prozent.

Seit einigen Jahren erlebt Uruguay eine teils heftig geführte Diskussion darüber, ob es Rassismus im Lande gibt. Befeuert wurde die Debatte durch einen Skandal im britischen Fußball, als der aus Uruguay stammende und beim FC Liverpool spielende Luis Alberto Suárez Díaz einen französischen Gegenspieler als „negro“ bezeichnete. In Uruguay konnten viele die „Empfindlichkeit“ des Franzosen und der Briten nicht verstehen, schließlich sei „negro“ im Land kein Schimpfwort. Aber es ist offensichtlich einiges in Bewegung geraten.

Vor einem Jahr forderte eine Initiative von prominenten Uruguayern die Real Academia Española auf, die Redewendung „trabajar como un negro“ (schuften wie ein Schwarzer) zu streichen. Kommentatoren wiesen seinerzeit darauf hin, man solle sich nicht so sehr auf die politische Korrektheit beschränken, sondern vielmehr die reale Diskriminierung der ethnischen Minderheiten im Land bekämpfen. Die lasse sich am deutlichsten an der Situation der Uruguayer afrikanischer Herkunft nachweisen.

Diese sind ärmer, schlechter ausgebildet und haben schlechtere Jobs als andere Uruguayer. Schwarze sind häufiger arbeitslos und, wenn sie Arbeit haben, eher Arbeiter als Angestellte. Dementsprechend ist ihr Einkommen auch niedriger. Die Ablehnung einer Einstellung allein aufgrund der Hautfarbe ist in Uruguay offensichtlich nicht ungewöhnlich. Der Analphabetismus ist unter Afrodescendientes doppelt so hoch wie bei anderen; am höchsten ist die Analphabetenrate unter Uruguayern, die ihre Herkunft als vornehmlich afrikanisch angeben. Generell sind Schwarze in Uruguay schlechter ausgebildet: Während fast ein Viertel der Uruguayer nichtafrikanischer Herkunft über eine höhere Bildung verfügt, betrifft das bei den Afrouruguayern nur 11 Prozent. Schwarze Frauen trifft die Diskriminierung doppelt. Die Departements mit den höchsten Anteilen an afrouruguayischer Bevölkerung – Artigas, Río Negro, Rivera, Salto – sind im Übrigen auch die mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen.

Im Jahr 2009 wurde der Plan Nacional contra el Racismo y la Discriminación (Nationaler Plan gegen Rassismus und Diskriminierung) beschlossen, nicht zuletzt nachdem die UNO mahnte, dem Rassismus im Land zu begegnen. Rassistische Gesänge in Fußballstadien, Beschimpfungen als „dreckiger Schwarzer“, weiße Frauen, die nach einem Diskobesuch eine Schwarze zusammenschlagen, rassistische Angriffe und Beschimpfungen sind an der Tagesordnung. Das Vertrauen in Polizei und Justiz ist bei den Opfern zudem gering.

Grundsätzlich klagen Interessenorganisationen wie die Asamblea Afrodescendiente darüber, dass nach wie vor zu wenig über die alltägliche Diskriminierung besonders von Schwarzen und Indigenen bekannt ist. Auch wenn es von Seiten der Politik Programme und Aktionen gegen Diskriminierung gibt, mangelt es in Uruguay noch an dem Bewusstsein über die Folgen des Rassismus.

Literatur:

  • Instituto Nacional de Estatistica: Uruguay en Cifras 2013: Población.
  • Instituto Nacional de Estatistica u.a.: Encuesta Nacional de Hogares Ampliada 2006. El perfil demográfico y socioeconómico de la población uruguaya según su ascendencia racial.
  • Cabella, Wanda u.a.: Atlas sociodemográfico y de la desigualdad del uruguay. Fascículo 2: La población afro-uruguayo. Montevideo 2013.
  • Klein, Fernando: El destino de los indígenas del Uruguay. in: omadas. Revista Critica de Ciencias Sociales y Jurídicas. 15(2007)1.
  • ONU: en Uruguay hay racismo y no se lo combate de manera eficiente. http://www.lr21.com.uy/comunidad/445019-onu-en-uruguay-hay-racismo-y-no-se-lo-combate-de-manera-eficiente

Bildquellen: [1],[2],[3] Public Domain; [4] Zeroth_


Weitersagen:

Kommentar schreiben




top