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Autor:  | September 2020 | Artikel empfehlen

Uruguay feierte an diesem Montag den einhundertsten Geburtstag eines der größten Vertreter seiner Literatur, der half, eine nationale Identität über Grenzen hinweg zu formen.

Mit einhundert veröffentlichten Werken, darunter Gedichte, Romane, Kurzgeschichten und Essays, besaß der 2009 im Alter von 88 Jahren verstorbene Schriftsteller eine der produktivsten Federn in Uruguay, und im Ausland war er eine der bekanntesten. Er verkaufte Millionen Bücher in fast 30 Sprachen. „Er ist der beliebteste und international bekannteste uruguayische Autor“, sagt Hortensia Campanella, Präsidentin der Benedetti-Stiftung, die nach dem Willen des Schriftstellers selbst geschaffen wurde, um seine Arbeit zu bewahren, die Literatur zu unterstützen und die Menschenrechte zu fördern. Die Institution wird das 100-jährige Jubiläum nutzen, um mehr denn je dem Autor Tribut zu zollen, der, obwohl am 14. September in Paso de los Toros im nördlichen Departement von Tacuarembó geboren, zu einem ausdauernden Porträtisten von Montevideo wurde.

Die Stadt, die in diesen Monat zur Bühne für einen großen Teil seiner Geschichten wird, veranstaltet zu seinen Ehren zahlreiche Aktivitäten, darunter die Eröffnung des Rundgangs „Mirada Benedetti“, um in der uruguayische Hauptstadt seinen literarischen und biografischen Spuren zu folgen. Die Feierlichkeiten werden jedoch weit über Montevideo hinausgehen, dessen Grenzen der Autor überschritten hatte, um eine uruguayische Singularität einzufangen, die gleichzeitig zu einer universellen Darstellung wurde.

Obwohl Benedetti in vielen seiner Romane die uruguayische Mittelschicht, insbesondere die Bürokraten, beschreibt und das Bild einer grauen und routinemäßigen nationalen Eigenart liefert, liegt seine hauptsächliche Anerkennung in der Erforschung der menschlichen Natur. „Einen Georgier kümmert es wenig, was einen Bewohner Montevideos ausmacht“, argumentiert Campanella und bemerkt, dass die von ihr geleitete Stiftung Anträge auf Rechte zur Übersetzung des Autors oder zur Dramatisierung seiner Werke aus so entfernten Ländern wie Finnland, Korea, Syrien oder Georgien bekommt. „Obwohl es stimmt, dass die Charaktere und Milieus seines Werkes hauptsächlich montevideanisch sind, wird das, was diese tun und fühlen, von jedem anderen Menschen verstanden“, fügt sie hinzu.

Die Absolventin in Philosophie und Geisteswissenschaften bemerkt, dass einer der Hauptgründe, „dass dieses Werk von so unterschiedlichen Menschen gelesen und bewundert wird“, mit seinem Bedürfnis zu tun hat, mit dem Leser zu kommunizieren. „Sein Ziel war es nicht nur, Literatur für sich selbst, sondern vor allem für andere zu machen, und deshalb suchte er die besten literarischen Mittel, damit andere ihn erfassen und verstehen konnten“, stellt sie fest. Tatsächlich sind seine einfache Dichtung und Prosa, weit entfernt von der manchmal stärker gepriesenen kryptischen Sprache, Teil seiner literarischen Handschrift. „Benedetti hatte über Unverständlichkeit und Klarheit nachgedacht und verstanden, dass angesichts der Macht des Dunklen eine Poesie geschaffen werden muss, die nur die Unklarheiten hinterlässt, die die poetische Erfahrung brauchte oder die sie nicht erhellen konnte“, sagt die Dozent und Doktor der Geisteswissenschaften Oscar Brando gegenüber AFP.Uruguay_Mario_Benedetti_Foto_Elisa_Cabott,CC

Mario Orlando Hamlet Hardy Brenno, wie er getauft wurde, hat sein politisches Engagement nie versteckt. Er war Führer der Bewegung des 26. März, die er 1971 zusammen mit der Nationalen Befreiungsbewegung – Tupamaros von José Mujica, des ehemaligen Präsidenten, gründete. Er war auch Vertreter im Vorstand der linken Koalition Frente Amplio.

„Die Zukunft zu sehen, die mit der kubanischen Revolution begann“ ermöglichte ihm laut Brando „einen Wandel in seinem Werk“. „Aber so wie er den Aktivisten in den Notfällen der 60er Jahre verteidigte, verteidigte er auch den Status der Kunst gegen den Ansturm der politischen Literatur“, betont er. In einer Zeit, in der sich alles um politische Anklage und Zeugenaussagen drehte, schrieb er „in Versen einen Roman, der das Leben eines Mannes schilderte, der im Verlauf eines Tages zum Guerillero wurde: Juan Ángels Geburtstag (1971)“.

Während der uruguayischen Diktatur (1973-1985) ins Exil getrieben, lebte Benedetti in Argentinien, Peru, Kuba und Spanien. Mit der Wiederherstellung der Demokratie kehrte er nach Uruguay zurück und lebte bis zum Tod seiner Frau Luz López Alegre, mit der er seit 1946 verheiratet war, abwechselnd in Madrid und Montevideo. Im April 2006 ließ er sich dauerhaft in der uruguayischen Hauptstadt nieder, wo er seine Tage beenden sollte.

Zu seinen beliebtesten Werken zählen „Poemas de la Oficina“ (1956), „Montevideanos“ (1959), „Gracias por el fuego“ (1965), „Primavera con una esquina Roto“ (1982) und „La borra del café“ (1992) oder „Andamios“ (1996). „La Tregua“ (1960), einer seiner emblematischsten Romane, wurde 1974 unter der Regie des Argentiniers Sergio Renán verfilmt und war der erste südamerikanische Film, der für den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert wurde. „Biografía para encontrarme“, das Buch mit 62 Gedichten, an dem der Autor arbeitete, als er starb, wurde 2010 veröffentlicht.

Dieses hundertjährige Jubiläum erlebt Theaterstücke, einen Dokumentarfilm, eine Gala des Uruguayischen Nationalballetts, in der „La Tregua“ aufgeführt wird, einen internationalen virtuellen Chor, der das Gedicht „Ich liebe dich“ singen wird, das vor Jahrzehnten von dem Argentinier Alberto Favero vertont wurde; sowie mehrere Neuauflagen, darunter eine Gedichtsammlung, ausgewählt von dem katalanischen Sänger Joan Manuel Serrat. „Das Interesse an seinen Werken ist offenkundig und sehr lebendig“, schließt Campanella.

Vor einigen Tagen wurde ein unvollendeter Roman von Mario Benedetti in einem Archiv in Montevideo gefunden, gab die Stiftung, die den Namen des berühmten uruguayischen Autors trägt, an diesen Montag anlässlich seines 100. Geburtstages bekannt. „Es ist ein unvollendeter Roman, der sich in dem Archiv befindet, in dem verschiedene Dokumente von Mario aufbewahrt werden: Briefe, Handschriften usw. Dieses Archiv befindet sich in einem ständigen Studien- und Analyseprozess“, sagte Roberto López Belloso, Koordinator der Benedetti-Stiftung, gegenüber AFP. Der überraschende Fund, der nur einige „Tage zurückliegt“, ereignete sich zufällig, als Mitglieder der Stiftung auf Wunsch von Journalisten in ihrem Archiv nach Briefen suchten, die Benedetti mit einem anderen Schriftsteller ausgetauscht hatte. „Es handelte sich um einen Bereich des Archivs, der noch nicht hundertprozentig systematisiert war, in dem dieser Ordner gefunden wurde“, sagte López Belloso.

Auf den 80 gefundenen Seiten beschäftigt sich der Autor mit dem Problem der Uruguayer, die aus dem Exil zurückkehren und dass einige von ihnen letztendlich wieder nach Spanien zurückgehen. „Die Handlung spielt offenbar in den frühen neunziger Jahren, was nicht bedeutet, dass sie in dieser Zeit geschrieben wurde“, sagte López Belloso. Die “mehrfachen Korrekturen von Hand in seiner Handschrift” lassen „zweifellos“ darauf schließen, dass es sich um einen Text des 2009 verstorbenen Schriftstellers handelt. Die Stiftung, die auf Geheiß von Benedetti selbst zur Bewahrung seines Werkes, zur Unterstützung der Literatur und Förderung der Menschenrechte gegründet wurde, wird nun das Material analysieren, um es zu veröffentlichen. „Er hat es in einem Ordner als ‚unvollendeter unveröffentlichter Roman‘ gekennzeichnet, womit wir ziemlich sicher sind, dass er eine Veröffentlichung wollte, und wir jetzt sind dabei, das Material eingehend zu untersuchen, um zu wissen, wie es in Druck gehen wird.“ sagte López Belloso. Der Koordinator ist der Ansicht, dass der Text höchstwahrscheinlich so veröffentlicht wird, wie er ist, „möglicherweise mit etwas beigefügtem Material“, ohne jedoch das Original zu verändern. „Es war ein echter Zufall, so dass wir noch nicht ausreichend analysieren konnten, welche Schritte notwendig sind, und natürlich den Zeitrahmen der Veröffentlichung noch nicht kennen. Aber das Interesse an einem Text von Mario ist auf der ganzen Welt sehr groß.“

Die Stiftung veröffentlichte die Nachricht auf einer Pressekonferenz, auf der sie auch den chilenischen Dichter Raúl Zurita als Gewinner des Internationalen Preises für den Kampf für Menschenrechte bekannt gab, den die Organisation jedes Jahr verleiht.

 

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Original-Beitrag aus La Semana vom 16.092020. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift.

Übersetzung aus dem Spanisch: Gabi Töpferwein

Bildquelle: Elisa-Cabott_CC


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