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Rückkehr nach El Salvador – Eine Reisereportage mit politischen Reminiszenzen

Autor:  | August 2019 | Artikel empfehlen

Da war nichts zu machen. Ich musste wieder hin. Nachdem ich El Salvador schon so viele Male zur Feldforschung besucht hatte, konnte ich nicht mehr von ihm lassen, zumindest nicht, ohne mich endgültig verabschiedet zu haben … Da meine beruflichen Gründe weggefallen waren und mir Touristenpfade zu eng erschienen, fand ich glücklicherweise im Internet eine sehr freundliche Einladung von Vamos Deutschland e.V. aus Bayern, das, wen auch immer, zu einer Reise in „mein“ lateinamerikanisches Lieblingsland einlud, um dort gemeinsam Projekte zu evaluieren.

 

Dieses Mal fliege ich über einen bleiernen Pazifik nach San Salvador ein. Es scheint, die salvadorianische Hauptstadt liege unmittelbar am Ozean, was natürlich ein Trugschluss ist. Die selbst schon am frühen Morgen fast hundertprozentig gesättigte Schwüle legt sich wie ein warm-feuchtes Betttuch auf uns, als wir auf die Gangway hinaustreten. Die Finger beginnen anzuschwellen. Ja, man kann doch noch mehr schwitzen als im heißen deutschen Sommer. Am Boden empfängt uns ein misstrauisch dreinblickender Angehöriger der Anti-Drogen-Polizei mit Pumpgun, beschützt von seinem Schäferhund. Am Ausgang – wartende Menschenmassen. Doch sie erwarten nicht uns.

Vom Flughafen San Oscar Arnulfo Romero in Ilopango ….

Der Flughafen heißt nicht mehr, wie noch das Mal zuvor, nur „Oscar Arnulfo Romero“: Nachdem der im März 1980, im Vorfeld des Bürgerkrieges, heimtückisch vor dem Altar ermordete Erzbischof von San Salvador Oscar Arnulfo Romero y Galdámez vom Vatikan nicht nur selig-, sondern auch heiliggesprochen ist, lautet der Name des Flughafens in Ilopango nun „San Oscar Arnulfo Romero“. Als ich 1993 das erste Mal nach El Salvador gekommen war, hieß der Flughafen nur Flughafen. So gut der neuen Name klingt, ein wenig wundere ich mich, dass die neue Flughafen-Bezeichnung nicht nur die Abwahl der FMLN-Regierung überdauert hat, sondern anscheinend zu einem gesamtnationalen Symbol geworden ist, wo doch die Rechten Romero stets als „Kommunisten“ und „Terroristen“ verfemt haben.

Wie immer hatte ich bereits die erste Salvadorianerin, der ich bereits im Flugzeug begegnet war, nach der Situation im Land befragt: „Oh“, hatte sie mir geantwortet, „seit der Amtseinführung des neuen Präsidenten ist alles viel besser geworden. Es gibt keine Gewalt mehr auf der Straße und auch keine Maras, diese grausamen Jugendbanden. Man kann sich jetzt völlig frei bewegen!“ Der Taxifahrer, der uns vorbei an Wellblechhütten zunächst und Prachtbauten danach in die Stadt fährt, bestätigt voller Inbrunst diese Aussage. Das kann ich nicht glauben. Die Aufzeichnungen meiner letzten Reise konsultierend, stelle ich fest: Jener Taxi-Fahrer, der mich im September 2016 vom Flughafen in die Stadt gefahren war, hatte mir genau dasselbe gesagte. Da regierte noch ein FMLN-Präsident, und die Homizidrate (Homizid = Mord und Totschlag) betrug 81 pro 100.00 Einwohner im Jahr. 2015 hatte sie sogar 104 erreicht. 26 Getötete pro Tag wurden da gezählt.

… nach San Salvador ….

Nunmehr hat Nayib Bukele – seine ersten 100 Tage im Amt waren zur Zeit unserer Reise noch nicht vorbei – die Regierungsgeschäfte übernommen. Krachend waren die beiden nacheinander regierenden vorherigen Regierungsparteien ARENA und FMLN in den Wahlen gescheitert. Bukele war zuvor von der FMLN, aufgrund ethischen Fehlverhaltens, ausgeschlossen worden und ist im Juni 2019 über die rechte Partei GANA bzw. mit der Bewegung und späteren Partei Ideas Nuevas ins Präsidentenamt gelangt. Nicht einmal eine Stichwahl war nötig. Die FMLN hatte 75 Prozent ihrer Stimmen aus den Wahlen von 2014 verloren. Ihr früherer Generalkoordinator Fabio Castillo hält es für einen Fehler, dass sich die FMLN von Bukele getrennt hat. GANA hatte schon 2010, mit ihrer Abspaltung von der Partei ARENA, den rechten Counterpart der FMLN geschwächt. Eine klassische lose-lose-Situation für FMLN wie ARENA.

Mit dem jungen und smarten Bukele scheint nun ein frischer Wind über El Salvador zu wehen. Alles werde nun anders werden, hoffen viele Salvadorianer …. Die Guerilleros sind in die Jahre gekommen, vom „Marsch durch die Institutionen“ ausgelaugt, und beklagen ihre Niederlage. „Warum habt ihr nicht von unseren Fehlern in der DDR gelernt?“, frage ich Ernesto, meinen alten Freund aus Studienzeiten, früher Comandante der FMLN. „Warum musstet ihr sie wiederholen, zumal euer Kampf mit einem so hohen Blutzoll belegt war?“ Ich ernte nur einen traurigen Blick: Längst hat ihn die FMLN, ohne es ihm mitgeteilt zu haben, aus ihrem Mitgliedsregister gestrichen. Während des Bürgerkrieges war er – wenn er Kritik geübt hatte – zur Strafe „nur“ von der Front ins Hinterland geschickt worden. Mitglied aber durfte er noch bleiben. Die FMLN – unter den militärischen Zwängen des Bürgerkrieges politisch eine Front verschiedener Organisationen mit allen damit einhergehenden inneren Konflikten und heute, im Frieden, eine hermetische Partei? Eine solche Entwicklung klingt aberwitzig.

Zum Abendessen im bescheidenen Haus des Bischofs der Lutherischen Kirche in El Salvador Medardo Gómez ist der Tisch reichlich gedeckt: Pupusas, die phänomenalen gefüllten Teigtaschen, natürlich, Tamales, gebratene Bananen, Chorizo, Bohnenmus und vieles mehr. Ich frage den Bischof, wie er die Situation im Land sieht und warum die FMLN diese Wahlniederlage erlitten hat. Er antwortet: Zuviel Korruption in den FMLN-Regierungen, insbesondere unter Präsident Mauricio Funes, dessen Nachfolger Salvador Sánchez Cerén zu passiv war … Und Bukele? Dieser sei keine Alternative, denn er begegne Gewalt und Banden nur mit Repression, und er habe die Armee in den Kampf gegen die Maras involviert … Wie er die Zukunft sehe? Man müsse an sie glauben, antwortet der Bischof bedrückt.

… Fe y Esperanza in Nejapa …

Unser folgender Tag in El Salvador mit Vamos Deutschland e.V. beginnt mit einem Besuch von Fe y Esperanza in Nejapa. Etwas von der Straße entfernt, hinter ärmlichen, wenn auch nicht armen Häusern liegt das ehemalige Flüchtlingslager aus dem Bürgerkrieg. Es besteht aus vier Baracken und einer Kirche, die früher die Klinik des Lagers war. Das Camp, von Socorro Luterano Salvadoreño gegründet, wurde auf einem Stückchen Land errichtet, das ihr ein Mann, ohne dass ihm zunächst dafür bezahlt werden musste, überlassen hatte. In den Baracken, damals in Familienabteile unterteilt, wohnten zum Teil bis zu 1.3Reisereportage_El Salvador_1_Bild_Quetzal-Redaktion_hz00 Bürgerkriegsflüchtlinge, die nicht in ihren Dörfern bleiben konnten, weil dort der Krieg tobte oder weil ihnen von der Armee und den Todesschwadronen unterstellt wurde, sie seien Angehörige von Guerillakämpfern. Doch auch bei Fe y Esperanza standen die Todesschwadronen vor der Tür. Medardo Gómez, heute Bischof der Lutherischen Kirche in El Salvador, wurde damals mehrfach von der Armee gefangen gehalten und organisierte das Projekt auch vom Gefängnis aus.

Wir begegnen den Erwachsenen und damaligen Kindern oder Jugendlichen, die während des Bürgerkrieges im Lager gelebt hatten, zum Teil auch dort geboren worden. Nachdem Bischof Gómez eindrucksvoll gepredigt hat, hören wir die testimonios (Erinnerungszeugnisse) der Überlebenden. Die alte Frau, die als Kind schwerkrank in das Lager kam und von ihrer Mutter zunächst nicht erkannt wurde, erzählt, wie sie die Todesschwadron vor den Toren des Lagers in die Irre geführt hat: Wo Medardo Gómez sei? „Dahinten in der Kirche.“ Sie wusste, dass er genau da nicht war. Dieses Mal blieb er also verschont. Eine andere Frau, etwas jünger, ebenfalls zum Erinnern auf die Bühne gebeten, kann nicht reden … sie schaut verloren in die Runde … An der Wand des Podiums sind die Namen der Toten und Ermordeten säuberlich in Spalten aufgeschrieben. Die Pastoren segnen sie … „Todavía cantamos“ singen die Menschen auf und vor der Bühne. Dieses Lied kann auch ich singen.

… El Boquerón …

Reisereportage_El Salvador_2_Bild_Quetzal-Redaktion_hzDann fahren wir zum El Boquerón, 1.800 Meter hoch, einem Vulkan, der das letzte Mal 1917 ausgebrochen war. 16 Quadratkilometer sollen damals von der Lava bedeckt worden sein. Innerhalb von je 5 bis 10 Minuten erfolgte, Explosionen gleich, eine Lava-Eruption nach der anderen. Dann kamen die Erdbeben. Auch San Salvador war betroffen. In Nahuatl heißt der Vulkan „Quetzaltepec“, „Berg der Quetzale“. Für unsere Zeitschrift „Quetzal“ also ein stilechter Besuch. Nur dass kaum einer von den wenigen Überlebenden (und deren Nachkommen) des Massakers, der Matanza, von 1932 noch eine indígena-Sprache sprechen will.

Streng dreinblickende kleine Jungs regeln den Verkehr und wollen uns den Parkplatz zuteilen, bevor wir den Aufstieg wagen. Steile Stufen, etwas zu hoch für kurze salvadorianische Beine, zu hoch für europäische Atemwege. Der Blick von oben in den Krater ist beeindruckend. Man könnte auch die 558 Meter dorthin hinabsteigen …. Vom Restaurant „Vista linda“, etwas niedriger gelegen als der Vulkan, ist der Ausblick grandios. Beim Essen werden wir in Wolken eingehüllt. Die schöne Aussicht ist auf einmal in ihnen verschwunden. Ich bekomme eiskalte Hände und das in den Tropen. Auf dem Rückweg nach San Salvador geraten wir in einen Stau, der im salvadorianischen Spanisch als „trapazón“ ganz besonders eindrucksvoll klingt, ein Stau, in dem die Autos so miteinander verschachtelt sind, dass man an eine „Befreiung“ kaum glauben mag. Dann rütteln uns viele „schlafende Polizisten“, richtigerweise auch Rüttelschwellen genannt, durch.

… San Lorenzo in Ahuachapán …

Tags darauf geht es in die Kindertagesstätte in San Lorenzo. 23 Kinder zwischen drei und 13 Jahren sind hier behütet, wenn die Eltern unterwegs sind. Man empfängt uns mit purer Herzlichkeit. Sie haben sich extra hübsch gemacht für uns, insbesondere die kleinen Mädchen. Sie singen und tanzen, zugegeben, nicht ganz synchron. Doch sie und wir haben Spaß, der sich in lautes Gelächter entlädt, als bei der Aufführung von Schneewittchen der etwa 10jährige Bräutigam Schneewittchen wachküssen will, dieses aber, leicht angeekelt, den Mund abwendet. Die Kids spielen hier, erledigen Hausaufgaben, malen und singen. Spielzeug, Seife und Stifte liegen Reisereportage_El Salvador_3_Bild_Quetzal-Redaktion_hzbeneidenswert ordentlich im Regal. Gekocht wird an einem urtümlichen Herd in großen zerbeulten Aluminiumtöpfen. Stolz wird uns der Kühlschrank präsentiert. Das Dach ist undicht. Ein Zaun, der Kinder vor den unschönen Blicken mancher männlicher Zeitgenossen schützten soll, muss her. Das Abwasser soll gereinigt werden. Eine ökologisch nachhaltige Lösung mit Hilfe von Oikos Solidaridad ist angedacht. Die Spenden dazu muss Vamos Deutschland e.V. auftreiben. Ihre Vertreter – inzwischen kleben ihnen die T-Shirts wie nasse Waschlappen am Körper – tollen mit den Kindern herum, um dann zu beraten, was sie effektiv tun können.

Auf die Frage, ob auch die inzwischen der Tagesstätte Entwachsenen manchmal zu Besuch kämen, erhalten wir eine unerwartete Antwort: „Nein, in der Regel sind sie weg, mit ihren Eltern in die USA gegangen, um remesas zu erwirtschaften“, sagt uns Erzieherin Miriam.* Remesas oder auch Remittances – das ist das Geld, das Migranten in den USA an ihre Familien in Lateinamerika schicken. Sie machen inzwischen fast 20 % des BIP in El Salvador aus. Etwa 2 Millionen Salvadoreños leben bereits in den USA, auf der „Jagd“ nach remesas, fast ein Drittel der salvadorianischen Bevölkerung.

Miriam führt uns ein paar Schritte weiter, in ihr eigenes Haus. Wir sehen ein Schlafzimmer für die ganze Familie, eine Küche im Freien und einen Verschlag. Miriam zeigt uns ihre an der Wand hängende Diplomurkunde, die bestätigt, dass sie ausgebildete Erzieherin ist. Dafür bekommt sie im Monat 100 $. Ich frage sie nicht danach, wie sie damit zurechtkommt und wie sie ihr Haus bei den ach so häufigen starken Regengüssen vor Wasser schützt …

… Costa del Sol in La Paz …

Ich gebe zu, danach sind wir an den Pazifik gefahren, zur Costa del Sol. Welch‘ ein Kontrast zu San Lorenzo! Hier gibt es kaum noch Strandabschnitte für die Einheimischen. Es laden Clubs ein. In einen von ihnen treten wir ein, und uns stockt der Atem: 30 $ Eintritt pro Person sind zu zahlen, es sei denn, man hat, wie wir, ein salvadorianisches Clubmitglied dabei. Dann hat man aber noch nichts gegessen. Ich rechne aus: eine fiktive vierköpfige Familie, die dort auch noch etwas isst, besucht den Club: Das sind 120 $ Eintritt und gern noch einmal 80 $ für Speisen und Getränke dazu. Zum Vergleich: Lehrer und Polizisten verdienen im Monat 200 bis 300 $. Für die untere Mittelklasse ist dieser Club also nichts, von den Armen ganz zu schweigen. Wir sehen viele, um es sanft auszudrücken, füllige Menschen hier, darunter auch Männer, ja Kinder. Fast-Food und süße Drinks lassen grüßen.

Der Pazifik liegt uns bleigrau zu Füßen. Er hat die Farbe des Sandstrandes angenommen und ist 28 Grad heiß. Der Río Lempa, El Salvadors längster Fluss, mündet hier ins Meer. Die Mündung ist breit und zum Teil 30 Meter tief. Wir steigen auf einer Sandbank aus dem Boot. Die nackten Schultern werden augenblicklich feuerrot. Wir blicken auf beeindruckende Segelschiffe und auf Inseln, deren Bewohner noch vom Fischfang leben, und auf andere Uferstücke, wo schlossähnliche Gebäude stehen. Der Bootsführer ist ein Profifußballer aus der 3. Liga. Er verdiene 400 $, so teilt er uns ungefragt mit.

… und wieder nach San Salvador …

An folgenden Tag sind wir auf eine ganz besondere Demo, eine caminata, eingeladen. Etwa 4.000 Menschen haben sich zu Ehren des 33. Jahrestages der Bischofsweihe von Medardo Gómez versammelt und laufen u.a. über die Avenida Juan Pablo II und dann durch die Altstadt, bis zur Lutherischen Kathedrale La Resurrección. Auf den Häuserwänden sehe ich sogar noch Graffitis vom BPR, einer Guerilla-nahen Volksorganisation aus dem Bürgerkrieg, aber auch von Roque Dalton, jenem salvadorianischen Poeten, den seine eigenen Guerilla-Mitkämpfer wegen angeblicher CIA-Mitgliedschaft hinrichten ließen. Ein Strafprozess ist wegen „Verjährung“ nicht erfolgt. Einer der mutmaßlichen Täter wurde von Bukele seines Amtes enthoben, der andere, der im persönlichen Gespräch dem Sohn von Roque Dalton gegenüber seine Schuld anerkannt hat, machte sich „verdient“ als Visiting Scholar am St. Antony’s College in Oxford und als Berater lateinamerikanischer Präsidenten im Kampf gegen Zapatisten und andere „Terroristen“ … das Graffiti-Porträt von Roque an der Häuserwand hat einen weißen Farbbeutel abbekommen.

Blechblasinstrumente und Trommeln geben den typischen Sound religiöser Züge vor, gespielt von abgeklärten alten Männern und einer jungen Frau. Auf einmal sehe ich sogar mich ein Papierkreuz tragen, aber, so meine Mitstreiter, es sei ja ein subversives Kreuz. Ein subversives Kreuz? Ich erfahre, dass von einem ähnlichen Zug, noch zu Zeiten der Militärdiktatur, ein großes Kreuz getragen wurde, auf dem die Klagen der Menschen zu lesen standen: über Repression und Folter. Armeeangehörige entrissen damals den Gläubigen das Kreuz und konfiszierten es. Es war eben „subversiv“. Im Kontext des Friedensvertrages kam später Präsident Cristiani nicht umhin, Medardo Gómez das Kreuz zurückzugeben. Ein Foto im Büro des Bischofs legt davon Zeugnis ab. Das Kreuz selbst hängt Reisereportage_El Salvador_4_Bild_Quetzal-Redaktion_hzheute in der Lutherischen Kathedrale. „No a la violencia!“ rufen die Demonstrierenden. Sie rufen es also immer noch. Ich rufe mit. Aber warum eigentlich? Flugzeugnachbarin und Taxifahrer hatten doch gemeint, es sei jetzt ruhig in El Salvador und es gebe keine Gewalt mehr!

Gewaltspezialisten schreiben, die Homizidrate in El Salvador sei tatsächlich um die Hälfte zurückgegangen. Es ist schlicht unmöglich, dass dies das Verdienst eines Präsidenten ist, der zu diesem Zeitpunkt sein Amt noch nicht einmal 100 Tage bekleidet, und kaum wahrscheinlich, dass es so bleibt. Doch selbst wenn die Rate der Wirklichkeit entspricht, ist auch sie immer noch fünfzig Mal höher als die in Deutschland. Jeder in diesem Land hat ein Familienmitglied oder einen Freund, das/der von Mareros getötet wurde. Dennoch bleibt El Salvador Spitzenreiter im weltweiten Homizidranking. Nayib Bukele hat nicht viel Neues getan, obwohl er seinen Plan Cuscatlán, in dem es zentral um „territoriale Kontrolle“, mithin um Sicherheit, geht, einen Paradigmenwechsel nennt: Er will die Finanzen der Jugendbanden kontrollieren, die Zentren der großen Städte wiedererobern und die Mara-interne Kommunikation in den Gefängnissen unterbinden. Doch seine mano dura (harte Hand) wurde schon von den Präsidenten zuvor zur Strategie erklärt. Selbst damit war den bis zu 60.000 Mareros nicht beizukommen. Primär- und Tertiär-Prävention bleiben unter Bukele bisher noch stärker auf der Strecke als bei seinem Vorgänger im Präsidentenamt.

Jetzt stehen an den Ecken Soldaten mit ihren Pumpguns unter dem Arm. Nur zwischen null und drei Uhr haben sie Pause. Früher gehörten sie immerhin noch zu gemeinsamen Patrouillen mit Polizisten. Jetzt sieht man sie auch allein. Soldaten, die die innere Sicherheit schützen? Früher wurden die Mitglieder der Jugendbanden getrennt nach ihrer jeweiligen Mara im Strafvollzug untergebracht, damit sie einander nicht umbringen. Jetzt steckt man sie absichtlich zusammen: Mögen sie sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen! Da werden es wenigstens weniger. Bukele hat die „freien“ Mareros eingeladen, in der Armee zu dienen, und für sie die Kasernentore weit geöffnet. 382 Aspiranten mussten aber wieder wegen Verbindung zur Mara zurückgewiesen werden, sagt Verteidigungsminister General Francis Merino Montoya im Fernsehen. Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich: Man will die jugendlichen Bandenmitglieder über die Armee von ihrer Bandenmitgliedschaft „retten“, um sie dann wegen Bandenmitgliedschaft wieder zurück zu schicken? Und die anderen Mareros? Sie treffen sich, wie auch früher schon, in den Häusern ihrer Familien und beobachten die Gegend. Bald schon kommen sie wieder aus ihren „Löchern“. Die, die das sagen, sind wohl Realisten und keine Pessimisten. Noch immer fahren selbst Autos, die Brot ausliefern, nur mit Sicherheitsdienst …

Den Abend verbringen wir im historischen Zentrum. Die Kathedrale, in der einst Romero gepredigt hatte, ist jetzt beigefarben und nicht mehr grau. Der Parque (früher Plaza) de Libertad hat nun, seiner neuen Bezeichnung entsprechend, Bäumchen und Bänke. Auf letzteren sitzen viele Menschen entspannt oder auch mit leeren Blicken. Jahre zuvor warnten mich die Salvadoreños noch, ich solle da keinesfalls hingehen, dort sei man sich seines Lebens nicht sicher. Die Neugier trieb mich auch schon damals dorthin. Doch mein Gang und meine Blicke waren verkrampft. Warum hielt ich eigentlich meine Tasche so fest, wo ich doch wusste, dass ich sie dem Raubenden ohnehin freiwillig geben würde, weil mir mein Leben lieb ist? Zu jener Zeit war der Platz alles andere als anheimelnd. Nun ist er eine Oase und der Nationalpalast schön erleuchtet. Menschenmassen bummeln fröhlich über die Boulevards, hören Musikgruppen und schauen Akrobaten, die mit Macheten jonglieren. Unser Chef, lang genug ist er ja, legt sich „todesmutig“ darunter und wird bejubelt. Allein, an den Seiten stehen Soldaten, einer neben dem anderen, in kugelsicherer Weste und mit Gewehr. Manche haben die Skimützen über das Gesicht gezogen, andere nicht. Nein, heimelig fühle ich mich auch heute nicht in San Salvadors Zentrum. Ein Regenguss, wie Wasserwerfer aus dem Himmel, lässt uns ins Hotel entfliehen …

… von dort nach Soyapango in der Área Metropolitana …

Ein neuer Tag bricht an, der uns nach Soyapango führt. Der Ort befindet sich sieben Kilometer östlich des Stadtzentrums von San Salvador. Es ist eine eigene Stadt. Dorthin fährt man doch nicht, sagt mir ein Hotelangestellter, wenn man nicht muss. Er nennt die Stadt „SoyaBronx“. Nun ja, nach dem, was ich erfahren habe, ist Soyapango gefährlicher als die Bronx. Genau dort, in St. Martin, befindet sich die von Vamos Deutschland e.V. finanzierte Klinik Anama. Natürlich müssen und wollen wir dahin.

Reisereportage_El Salvador_5_Bild_Quetzal-Redaktion_hzDie Klinik ist klein, die Behandlungsräume sind winzig, die Geräte aus anderen Zeiten, aber alles super sauber und die vier Ärzte von bewunderungswürdigem Engagement. Für eine Behandlung nehmen sie drei, manchmal nur einen Dollar, oft auch nichts. Man wisse ja, aus welcher Gemeinde der jeweilige Patient komme … Was denn hier vor allem behandelt werde, fragen wir. „Dengue-Fieber ist nicht mehr auszurotten. Grippe, Bronchitis, Hautkrankheiten, darunter Pilze. Auch Geschlechtskrankheiten kommen häufig vor“, antwortet uns der leitende Arzt. „Das Problem ist, dass es eine Zeit lang Antibiotika an jedem Kiosk zu kaufen gab, sodass diese heute nicht mehr wirken. Die Erreger sind resistent.“

Ich möchte in die benachbarte Colonia California No. 1 gehen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, wie absolute Armut heute „aussieht“. Der Pförtner der Klinik Don Raúl nimmt mich mit. Ich sehe eine lange Brücke über den Wipfeln von Bananenstauden, die dorthin führen muss. Ob ich denn mit ihm sicher sei, frage ich Don Raúl. Ja, sagt er … und kehrt mit mir um.

Die Klinik betreibt auch Außenstellen. Manche davon befinden sich in schwer zugänglichen Gegenden. Eine davon sollen wir uns am nächsten Tag ansehen … Aber die Ärzte behandeln auch in solchen Gemeinden, in denen die gegnerische Mara herrscht und von wo aus die Patienten daher nicht in die Klinik kommen können. „Auch da muss man hinfahren“, so der Doktor. Einige Mauern auf dieser Welt sind eben unsichtbar. Geschossen wird auch hier. Fragt man einen Arzt nach Gefahren für das eigene Leben?

… Suchitoto in Cuscatlán …

Reisereportage_El Salvador_6_Bild_Quetzal-Redaktion_hzDoch davor, als Kontrast zum Vormittagsprogramm, fahren wir erst einmal nach Suchitoto. Ja, auch in El Salvador gibt es hübsche Touristenstädtchen mit weißer Kirche und artesanía-Markt.

Auf dem Weg zurück nach San Salvador sehe ich wieder die Berge von Autoleichen. Noch nie habe ich so viele Autofriedhöfe am Rande von Hauptstraßen gesehen. Muss ein Auto auf dem Wege repariert werden, legt sich der Fahrer, natürlich ohne Warndreieck und Standstreifen, unter die Karosserie. Doch der Kopf liegt außerhalb … es mögen Zentimeter sein, die die anderen Autos an ihm vorbeirasen. O.k., die Fußsteige sind auch nicht gerade vertrauenerweckend: In den reicheren Vierteln hat jedes Haus eine schräge Auffahrt, die den Fußweg unterbricht. In den ärmeren Gegenden fehlen die Gullydeckel, und Punkt 18.15 wird es auf der Straße stockdunkel … Aber welcher normale Mensch geht auch zu Fuß im dunklen San Salvador! – sagen die Begüterten.

… Brisas del Valle in Guazapa …

Am vorletzten Tag wollen wir nun endlich eine der Außenstellen der Klinik Anama besuchen. Unser Fahrer gibt sein Bestes. Denn es geht zum Cerro de Guazapa hinauf, über eine unbefestigte Straße mit enormen „Hüpfeffekten“ für uns (rätselhafter Weise ist genau in der Streckenmitte ein kleiner Straßenabschnitt asphaltiert), die auch schon einmal von einem Wasserschwall überschwemmt wird, vorbei an dürren Kühen und an Hündinnen mit unheimlich großen Zitzen. Wir verstehen unverzüglich, dass das Klinik-Auto einen „Nachfahren“ braucht …

Es begrüßt uns Pastor Miguel in der Kirche von Brisas del Valle. Dort sitzen die Menschen und warten …. auf ihre Arztsprechstunde in der Sakristei. Welche Wünsche sie hätten, fragt der Pastor nach dem gemeinsamen Gebet. Es antwortet eine Frau aus San Luca: Zur Sprechstunde müsse sie anderthalb Stunden laufen, mit den kleinen Kindern, durch unwegsames Gelände, auch Wasser. Ob es denn nicht auch eine Sprechstunde in San Luca geben könne? Ich überlege, wie viele Spenden Vamos Deutschland e.V. allein dafür und für das lädierte Klinikauto akquirieren muss, von den Nöten der zentralen Klinik in Soyapango ganz zu schweigen.

Der Cerro de Guazapa, wo sich Brisas del Valle befindet, war zwischen 1980 bis 1992 eines der Hauptoperationsgebiete der FMLN, die damals auch eine Zeitung mit dem Namen des Gebirgsmassivs herausgab. 1981 waren hier 34 Zivilisten von der Policía de Hacienda ermordet worden. Im Frühjahr 1983 wurden mehr als 250 Flüchtlinge beim Masacre de Tenango y Guadalupe von Regierungstruppen des Batallón Atlacatl getötet, darunter Kinder, Frauen und Greise. 10.000 Flüchtlinge, so erzählt uns Pastor Miguel auf der Rückfahrt, seien unterwegs gewesen, drei Tage ohne Nahrung. Die Ermordeten seien von den Soldaten in den Fluss geworfen worden. Der Pastor berichtet wie unter Zwang, wie er selbst von der Regierungsarmee malträtiert wurde, gefesselt, mit Augenbinde, immer wieder mit Eiswasser begossen …

… La Palma in Chalatenango …

Wir fahren schließlich nach La Palma in Chalatenango, um die Holzwerkstatt von Doña Carmen zu besuchen. Hier werden die bekannten Holzkreuze mit naiver Malerei hergestellt, die auch in Deutschland verkauft werden, u.a. von Vamos Deutschland e.V. Bemalt werden sie von den Mitarbeiterinnen in Heimarbeit.

Ich erinnere mich: In La Palma hatte im Herbst 1984 die zweite Friedensgesprächsrunde zwischen FMLN und Staat – in diesem Fall vertreten durch die Duarte-Regierung – stattgefunden. Damit erkannte die salvadorianische Regierung die FMLN offiziell als kriegführende Partei an und konnte sie offiziell nun nicht mehr als Gruppe von Terroristen und Banditen diffamieren. Doch bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages sollte es noch sieben lange Jahre dauern …

… und erneut nach San Salvador …

Am letzten Tag haben wir (zunächst) noch zwei Ziele: Morgens geht es zur Sitzung der Junta Directiva von Vamos El Salvador in die Casa Concordia, wo wir vom Bischof, der dem Gremium vorsteht, sehr herzlich empfangen werden. Die beiden Partnerorganisationen tauschen sich aus. Hinzu kommt ein früherer Vizeminister. Ich kann es nicht verhindern, ich muss auch ihn nach der Situation unter dem neuen Präsidenten Bukele befragen und natürlich auch nach den Gründen für das Scheitern der vorherigen FMLN-Regierung:

Der Ex-Vizeminister antwortet ausführlich: Für Bukele habe vor allem die Jugend gestimmt. Der neue Präsident sei smart und habe die Elektronik- und Internet-Interessen der Jugend bedient. El Salvador sei eben sehr jung, und viele der alten FMLN-Kämpen seien schon gestorben. Nein, natürlich sei das nicht der Hauptgrund: Die Bevölkerung habe einfach beide traditionellen Parteien, ARENA wie FMLN, satt. In ihren Augen sind beide Parteien von unübersichtlicher Bürokratie und noch größerer Korruption geprägt. Jede von ihnen habe Verbindung zu einer der beiden großen Maras besessen. Die Maras hätten in den Wahlen auch für die „richtigen“ Stimmen gesorgt.

Ein „dritter Weg“ musste nun her. Bukele will ihn beschreiten, dabei hat er nicht einmal eine parlamentarische Mehrheit und beide traditionellen Parteien gegen sich. Ich frage den Gesprächspartner: „Es soll unter der FMLN-PräReisereportage_El Salvador_7_Bild_Quetzal-Redaktion_hzsidentschaft einen Pakt zwischen ARENA und FMLN gegeben haben?“ „Nein“, antwortet er uns, „das ist gar nicht nötig gewesen, die Parteien sind sich so ähnlich gewesen, dass sie einen Pakt nicht brauchten, was nicht ausschloss, dass im Parlament schon einmal aufeinander geschossen wurde …“ Ob sich die FMLN unter der „Perestroika“ des neuen Parteichefs Oscar Ortíz erholen könne, frage ich weiter. Das glaube er nicht, so der Ex-Politiker, der jetzt Rentner ist. Ein kleines Erdbeben von 4,8 auf der Richter-Skala begleitet seine Worte.

Unser zweites Ziel ist die UCA, die von Jesuiten geleitete Zentralamerikanische Universität. Es ist uns ein Bedürfnis, die Sala de los Mártires zu besuchen, wo wir der am 16. November 1989 von einer Elite-Einheit der Armee auf Befehl des Verteidigungsministers ermordeten sechs Jesuiten, ihrer Haushälterin und deren Tochter gedenken. Wir sehen die zerschossenen Bademäntel, eine von Kugeln durchlöcherte Bibel zusammen mit dem ähnlich geschändeten Buch von Jürgen Moltmann „Der gekreuzigte Gott“. Wir treten hinaus in den Rosengarten, wo die Leichen der Jesuiten und ihrer Angestellten aufgefunden wurden.

Es war dieser infame Mord an den spanischen Jesuiten, der die Wende im Bürgerkrieg hin zum Friedensvertrag 1992 eingeleitet hatte. Danach musste selbst der US-Kongress seine Gelder für die salvadorianische Regierungsarmee einfrieren … und die FMLN hatte es noch einmal geschafft, bis in die Colonia Escalón, einem Reichenviertel der Hauptstadt, einzumarschieren. Das alles ist nun dreißig Jahre her.

… und schließlich noch nach Santa Tecla in La Libertad.

Wir haben nun doch noch ein drittes Ziel an diesem Tag: Wir müssen Abschied feiern, und was ist ein besserer Ort dafür als der Paseo El Carmen in Santa Tecla. Eine fröhliche Stadt mit einem Boulevard, auf dem Büdchen zum Einkauf einladen, ein Restaurant sich an das andere reiht, wo gesungen wird und getanzt, gegessen und getrunken. Santa Tecla war zu Zeiten des FMLN-Bürgermeisters Oscar Ortíz eine Musterstadt mit schon damals wesentlich niedrigeren Homizidraten als im sonstigen Land. Natürlich gibt es für mich Pupusas auf dem Paseo und als Bier: „Prioritaria“ oder so ähnlich.

Das also war mein Abschied vom „Däumling Mittelamerikas“, von sechs salvadorianischen Departments in zehn Tagen. Nicht doch eher der Abschied vom Abschied? Nun ja, wenn Vamos Deutschland e.V. wieder ruft … dann heißt es wohl „Vamos!“

 

Ich würde mich freuen, wenn Sie, verehrte LeserInnen, den unten stehenden Spendenbutton für Vamos Deutschland e.V. drücken… und natürlich auch spenden. Die Internetadresse der NGO finden Sie unter http://vamos-deutschland.de. Sie konnten hier lesen, wohin Ihr Geld direkt geht. Im Übrigen: Alle Mitglieder unserer Gruppe sind natürlich auf eigene Kosten gereist.

Informieren und spenden: „Spenden für das Kinderhaus San Lorenzo“

 

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Bildquelle: [1-7] Quetzal-Redaktion_hz

* Mit Ausnahme der Namen öffentlicher Personen habe ich alle Namen geändert.

 


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