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Vor 1700 Jahren…

Autor:  |  Frühjahr 2001

… beschritt eine große farbenprächtige Prozession von Trauernden, angeführt von Priestern, die den heiligen Staub von Muscheln verstreuten, langsam und feierlich einen der Hauptwege, der durch weite, sorgfältig bebaute Felder führte. Hunderte von Teilnehmern begleiteten ernst, schweigsam und düster den Herrscher von Sipán. Nur wenige Wochen zuvor hatte er im Triumphzug in seiner vergoldeten Sänfte denselben Weg zurückgelegt, jetzt ruhte er mit rotbemaltem Antlitz und überhäuft mit goldenen, die Sonne reflektierenden Schmuckstücken auf einer Bahre, eingehüllt in ein Bündel aus Metall und Stoffen. Eine Eskorte von Kriegern mit den prachtvollen Attributen ihres Standes, mit Waffen und Trophäen, begleitete mit kriegerischen Schritten und besten den Trauerzug. Andere trugen feierlich die vergoldeten königlichen Standarten. Flöten (quenas), Panflöten (antaras), Trommeln und lange Rasselstä6e aus Holz mit Kupferschellen bestimmten den Rhythmus des schwermütigen Zuges, der zeitweilig von dem tiefen Brummen der Trompeten und den schrillen Schreien der Klageweiber, die als Zeichen der Trauer ihr Haar rauften, überlagert wurde. Der Herrscher war tot, und nichts konnte sie anscheinend trösten. “*

So ungefähr könnte es gewesen sein, als vor fast zweitausend Jahren die Mochica ihren Herrscher zu Grabe trugen. So, oder auch ganz anders. Wir sind auf unsere Phantasie angewiesen, um uns eine Vorstellung von der Zeremonie zu machen. Man weiß fast nichts von diesem alten Volk. Was man sicher weiß, ist der Tod dieses Königs / Herrschers / Würdenträgers, der einst mit großen Pomp, wenn nicht zu Grabe getragen, so aber doch zu seiner letzten Ruhe gebettet worden ist. Wer immer dieser Mann war, er muß seinen Leuten sehr wichtig gewesen sein, mißt man seine Bedeutung an dem, was ihm auf seiner letzten Reise mitgegeben wurde. Reich geschmückt, in Begleitung von Frauen und Würdenträgern konnte er sich auf den Weg in das Reich der Toten machen, gut versorgt mit Speisen und Getränken. Man hat sein Grab gefunden. Und nun stehen wir staunend vor den Schätzen, die man glaubte, ihm mitgeben zu müssen auf seiner Reise zu den Göttern. Man gewinnt den Eindruck, der Tote sei zu seinen Lebzeiten selbst fast so etwas wie ein Gott gewesen, warum sonst hätte man ihn mit derart reichen Gaben bedacht.

Aber der Reihe nach. Wie so oft spielte der Zufall eine überragende Rolle bei der Entdeckung eines der bedeutendsten archäologischen Denkmäler Südamerikas. 1987 war unter den Bewohnern des kleinen nordperuanischen Dorfes Sipan ein wahrer Goldrausch ausgebrochen, nachdem professsionelle Grabräuber ein Grab mit reichen Beigaben gefunden hatten. Grabraub ist in Peru ein einträgliches Geschäft, die Zeugen der Vergangenheit sind ebenso zahlreich wie die Armut groß ist. Der Staat ist nicht einmal in der Lage, die bekannten Fundstätten ausreichend zu schützen, von den unzähligen unbekannten ganz zu schweigen – die Mittel für die Bewahrung des kulturellen Erbes sind zu gering bemessen.

Die Grabräuber sind darüber hinaus häufig besser ausgerüstet als die Polizei, schließlich lassen sich dubiose Sammler aus der ganzen (vornehmlich westlichen) Welt die präkolumbische Kunst etwas kosten.

Der Zufall wollte es, daß zu dieser Zeit ein Archäologenteam um Walter Alva in der Gegend Grabungen durchführte. Die von der Polizei beschlagnahmten Fundstücke (offensichtlich nur ein Bruchteil der Beigaben aus dem geplünderten Grab) ließen sie aufmerksam werden. Es dauerte noch fast ein Jahr, bis es ihnen endlich gelungen war, über Sponsoren genügend Geld aufzutreiben, um dann im Jahr 1987 mit einer Sicherungsgrabung zu beginnen. Was schließlich ans Tageslicht kam, übertraf alle Erwartungen, und nicht nur für die beteiligten Archäologen war es die Entdeckung ihres Lebens. Walter Alva selbst spricht inzwischen von einer der bedeutendsten Entdeckungen in der Geschichte der südamerikanischen Archäologie.

Das Grab des Senor von Sipan, wie die Wissenschaftler jenen Mann nannten, dessen mögliche Beisetzungszeremonie eingangs phantasievoll ausgeschmückt wurde, war dabei nur die erste von zahlreichen Grabstätten, von denen einige ebenso reich ausgestattet waren. Mit dem Senor waren in dem Grab drei Frauen, vier Männer, ein Kind, zwei Lamas und ein Hund bestattet. Dieses zusammen mit dem Herrscher bestattete Gefolge und die überaus zahlreichen und kostbaren Beigaben bestätigten die Vermutung der Wissenschaftler, auf das Grab einer wichtigen Persönlichkeit der Mochica gestoßen zu sein.

Die Moche oder Mochica erlebten ihre Blüte in einem Zeitraum von ca. 800 Jahren: von 200 v. d. Z. bis 600 u. Z. Sie lebten in der Wüste Nordperus, ihr Herrschaftsgebiet reichte auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung von Vicus im Norden bis Panamarca im Süden. Das meiste, was man von den Moche heute weiß, weiß man aus ihren Gräbern, eben aus jenen in Sipan. Man ist nunmehr in der Lage, Aussagen über ein Volk zu machen, von dem vorher nicht viel mehr bekannt war als die bloße Tatsache seiner Existenz, und dem man einige, nicht selten auf dem Schwarzmarkt aufgetauchte Keramikgefäße zuordnete.

Die Mochica gehören zu den Völkern, von deren Leistungen später auch die legandären Inka profitieren sollten. So nutzten sie z.B. das von den Moche hinterlassene ausgeklügelte Bewässerungssystem.

Die Kultur der Mochica war hochentwickelt. Der Norden Perus, in dem sie siedelten, wird von Wüsten bedeckt. Um in einem so unwirtlichen Landstrich überleben zu können, mußten sie ein verzweigtes Netz von Bewässerungskanälen schaffen und das Wasser der aus den Bergen kommenden Flüsse zu ihren Feldern in die Flußtäler leiten. Das von ihnen geschaffene Bewässerungssystem war effektiver als das in der Gegenwart genutzte. Auf den bewässerten Flächen betrieben sie eine entwickelte Landwirtschaft, die einen Überschuß produzieren konnte und somit das Anlegen von Vorräten ermöglichte. Die Moche bauten nachweisbar Mais, Kartoffeln, Maniok, Bohnen, Kürbisse, Süßkartoffeln und Chili an. Auf ihrem Speiseplan standen Erdnüsse und Obst ebenso wie Fische, und sie nutzten Baumwolle bei der Textilherstellung und Rohr sowie Schilf für den Bau von Häusern und kleinen Schiffen. Darüber hinaus züchteten sie verschiedene Haustiere, so z.B. Hunde, Meerschweinchen und Lamas. Die Lamas der Moche waren sehr robust und gut an das Wüstenklima angepaßt; sind jedoch ausgestorben. Als Haustiere waren auch Papageien, Ozelote und Affen beliebt; allerdings war die Haltung dieser Tiere den Adligen vorbehalten.

Aus adobes (luftgetrocknete Lehmziegel) errichteten sie goße pyramidenartige Bauwerke, die so kunstvoll gebaut waren, daß sie auch Erdbeben überstanden. Das größte dieser Bauwerke, die Huaca del Sol (Sonnenpyramide) im Mochetal bei Trujillo, mißt immerhin 60 x 340 m und war ursprünglich ca. 60 m hoch.

Alle Zeugnisse, die uns heute von den Moche vorliegen, weisen darauf hin, daß in ihrer Gesellschaft eine strenge Hierarchie existierte. Diese Hierarchie fand nicht nur in der Kleidung und den „modischen” Accesoires ihren Ausdruck. Sie wird in besonderem Maße auch bei den Grabfunden deutlich, denn auch im Tode waren die Moche nicht gleich. Offenbar glaubte man, der Verstorbene würde sein altes Leben nach dem Tode unverändert weiterführen. Dementsprechend waren die Gräber ausgestattet. Für Würdenträger wurden eigens Grabkammem eingerichtet, wo man sie in Rohrsärgen bestattete, bedacht mit überaus zahlreichen und auch kostbaren Beigaben. Etwas bessergestellten Personen, die nicht der Herrschaftsschicht angehörten, wurden deutlich weniger Beigaben mitgegeben, wenn sie, in Tücher gehüllt, in einem mit Mauern eingefaßten Grab beigesetzt wurden. Die armen Bauern dagegen fanden ihre letzte Ruhestätte in einer einfachen Grube, eingehüllt in einen Umhang.

Die Ausstattung des Grabes des Senor – Begleiter, Hund, Lamas, Speisen und Getränke – belegen deutlich den Wunsch, es möge ihm in seinem jenseitigen Leben an nichts fehlen. Es handelte sich bei ihm vermutlich um eine Art Kriegerpriester, einen herausragenden Akteur bei Opferhandlungen und wichtigen Zeremonien. Der Opferkult spielte in den religiösen Auffassungen der Moche offensichtlich eine große Rolle, was nur verständlich ist, wenn man sich die harten Lebensbedingungen vor Augen führt. Es war stets notwendig, sich der Gunst der Götter zu versichern. Abbildungen auf Keramikgefäßen zeigen die Opferung von Menschen durch mythische Wesen – halb Mensch, halb Tier -, rituelle Hirschjagden und Zweikämpfe. Der besiegte Kämpfer wurde gefangen genommen und schließlich geopfert.

Zahlreiche Funde in den Gräbern wie z.B. Rangabzeichen und Waffen, aber auch Darstellungen von Kämpfen auf Gefäßen belegen den kriegerischen Charakter der Moche-Gesellschaft. Auseinandersetzungen wurden um Land und Wasser geführt, und möglicherweise auch der Gefangenen wegen, die für die Opferhandlungen benötigt wurden. Der Herrscher verfügte also stets auch über eine große militärische Autorität.

Die im Grab aufgefundenen Gegenstände aus Metall zeugen von einer hochentwickelten Metallurgie. Die Moche entwickelten eine spezielle Legierung, mit welcher sie Kupfer vergolden konnten. Schmuck, Schilde, Brustpanzer und viele andere metallene Grabbeigaben beweisen die hohe Kunstfertigkeit der Kunstschmiede.

Berühmt sind die Moche heute jedoch vor allem für ihre Keramik. In der Töpferei entwickelten sie eine Meisterschaft, wie sie von den späteren präkolumbischen Kulturen Südamerikas kaum wieder erreicht worden ist. Sie schufen exzellente Gefäße und Figuren von hohem künstlerischen Wert. Während die Gebrauchskeramik eher schlicht und funktionell war, beweisen rituelle Gefäße eine große Motivvielfalt und sind mit größter künstlerischer Sorgfalt gearbeitet und verziert worden.

Die kunstvolle Keramik diente vor allem als Opfergabe bei den Bestattungen von hochgestellten Persönlichkeiten. Das belegt die Tatsache, daß die in den Gräbern gefundenen Krüge keinerlei Gebrauchsspuren aufweisen und zum Teil serienmäßig hergestellt worden sind. Letzteres war wohl auf jeden Fall erforderlich, da sich im Grab des Senor z.B. Hunderte von verschiedenen Gefäßen fanden, und die Töpfer zweifellos nicht für „alle Fälle” vorarbeiten konnten.

Die bemalten Keramikgefäße zeigen szenische Darstellungen von mythologischen Ereignissen – Opferungen, Kämpfe, Auseinandersetzungen zwischen geheimnisvollen, anthropomorphen Wesen -, aber auch die Tier- und Pflanzenwelt und Alltagsszenen. Einzigartig sind vor allem die Porträtköpfe, die ungemein realistisch sind und allem Anschein nach reale Personen zeigen. Überhaupt zeigten sich die Töpfer als große Naturalisten; sie schufen zahlreiche Figuren von Tieren und Menschen: von Enten, betrunkenen Affen und Männern, Kriegern, Musikern, Kranken, Gebärenden.

Zahlreich sind auch die erotischen Darstellungen. Sexuell verklemmt waren die Mochica offensichtlich nicht, auch wenn Wissenschaftler vermuten, daß die Darstellungen von Fellatio oder Analverkehr rituellen Zwecken dienten, da nie ein Zeugungsakt dargestellt wird. Aber dem Autoren des Kamasutra ging es ja auch zuallerletzt um die Zeugung … Die Gräber von Sipan erlauben es, die religiösen Vorstellungen ebenso wie die sozialpolitische und die technische Entwicklung der Moche teilweise zu entschlüsseln. Aus Darstellungen kann selbst auf das Wissen der Ärzte über Heilpflanzen und ihre Behandlung verschiedener Krankheiten geschlossen werden. Nach wie vor im Dunkel liegt allerdings, warum die Moche im 7. Jahrhundert von der Bildfläche verschwanden. Es gibt Forscher, die meinen, eine frühere Variante von El nino hätte zu Naturkatastrophen und damit zum Untergang der Mochica-Kultur geführt. Andere gehen davon aus, daß der Einfluß einer neuen aufstrebenden Kultur, der von Tihuanaco, die Moche schließlich verdrängt hätte. Aber das bleibt wohl Spekulation …

Informationen und Bilder aus:
Longhena, M./Alva, W.: Die Inka und weitere bedeutende Kulturen des Andenraumes. Nebel Verlag, Erlangen;

Gold aus dem alten Peru. Die Königsgräber von Sipán. Katalog der Ausstellung in der Kunst-und Ausstellungshalle der BRD in Bonn vom 20.12.2000 bis zum 29.04.2001(*)


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