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El Padre for President

Autor:  | Juli 2010 | Artikel empfehlen

Ein Gespräch mit dem Priester Marco Arana von der Partei Tierra y Libertad

In Cajamarca gründete Padre Arana die Gruppe GRUFIDES - Foto: Quetzal-Redaktion, sscPeru gehört zu den Ländern mit der reichsten Biodiversität weltweit. Neben der enormen Artenvielfalt im Amazonasgebiet, das weite Teile des Landes bedeckt, ist auch das Hochland reich an Rohstoffen. In dieser Hinsicht ähnelt Peru seinen Nachbarn im Norden und Süden. Aber auch die Probleme, die der Ressourcenreichtum mit sich bringt, teilt das Land mit anderen Staaten der Region.

In einem Gespräch erläutert Padre Marco Arana(1), Präsidentschaftskandidat der 2009 gegründeten Partei Land und Freiheit (Tierra y Libertad), die Hauptkonfliktlinien sowie die Anliegen der neuen Gruppierung. „Zunächst wurde im Jahre 2002 die Organisation GRUFIDES (Grupo de Formación e Intervención para el Desarrollo Sostenible) in der Stadt Cajamarca gegründet“, führt Arana aus, der dieses Jahr den Friedenspreis der Stadt Aachen erhalten wird. Das erste Ziel von GRUFIDES war, den lokalen Organisationen und Bewegungen rechtliche Unterstützung in ihren Konflikten um Land und die dazugehörigen Titel zu geben. Außerdem begleitete die Gruppe Landwirte, die aufgrund der Proteste Verfolgungen ausgesetzt waren, juristisch und kämpfte gerichtlich gegen zweifelhafte Bergbaukonzessionen in der Region.

„Ein zweiter Punkt ist die technische Beratung. Viele der Projekte werden als technisch einwandfrei und sauber präsentiert. Die Sprache der Konzerne ist meist auf die technischen Details konzentriert, sie halten sich nie damit auf, den Gemeinden in einfachen Worten die Zusammenhänge zu erklären“, berichtet Arana. GRUFIDES hat oft die Dokumente überprüft und sie den Menschen in den Gemeinden verdeutlicht. Außerdem kümmerte sich die Gruppe um eine Interpretation des Datenmaterials über den Zustand der Wasserqualität sowie der ökologischen Parameter der Minenaktivitäten.

Die Organisation ist darüber hinaus auf einer dritten Ebene tätig: „Es gibt auch einen politischen Aspekt. Oft fehlt der juristische Rahmen, Korruption ist im Spiel, oder die bestehenden Gesetze werden nicht eingehalten. Hier kann durch die Mobilisierung der Medien Abhilfe geschaffen werden“, so Arana.

Die Arbeit der Gruppe gestaltet sich jedoch schwierig, denn ihre Mitglieder werden auf unterschiedliche Weise unter Druck gesetzt. Zunächst versuchten die Bergbaukonzerne, Mitglieder mit Arbeitsangeboten in den Minen abzuwerben. Als dies nicht fruchtete, starteten sie eine Kampagne in den Medien, in der sie die Organisation als Feinde des Fortschritts und der Entwicklung des Landes darstellten. Der peruanische Pfarrer fügt hinzu: „In den Jahren zwischen 2004 und 2006 intensivierten sich die Konflikte zwischen den Gemeinden und den Bergbaukonzernen. Diese begannen, auf illegale Mittel der Einschüchterung zurückzugreifen. Telefongespräche und der Mailverkehr wurden angezapft, und darüber hinaus wurden wir 2006 telefonisch mit dem Tod bedroht.“

Diese Einschüchterungsmaßnahmen setzen sich bis heute fort. So wurde die Vorsitzende von GRUFIDES, Dr. Mirtha Vasquez Chuquilin, auch noch 2009 bedroht, nachdem Amnesty International bereits 2007 auf den Fall aufmerksam gemacht hatte (vgl. Urgent Action vom 23.03.2007). Über seine eigene Situation sagt der Priester: „Ich werde ständig von unidentifizierbaren Fahrzeugen verfolgt, auch werde ich von unbekannten Personen gefilmt. Im Jahre 2006 konnte ermittelt werden, dass diese Aktionen von einer Sicherheitsfirma ausgeführt werden, die zum einen Kontakte mit den Bergbauunternehmen hat und zum anderen auch politisch sehr gut vernetzt ist“, erläutert Arana.

Ziel dieser Aktionen ist, Angst zu schüren und den Widerstand gegen die Projekte zu lähmen. Dabei sei es – im Gegensatz zu Ländern in Zentralamerika – im Falle von GRUFIDES bei Drohungen geblieben, so der Aktivist. Physische Gewalt gegen ihn oder andere Mitglieder sei nicht angewendet worden.

„Es ist nicht so, dass wir Superhelden wären, aber wir müssen weitermachen. Wir haben uns dem Kampf um soziale Gerechtigkeit verpflichtet. Am Ende geht es darum, nach bestimmten ethischen und spirituellen Prinzipien zu leben“, betont Arana. Wenn die Gerechtigkeit von ungerechten Behörden ausgeübt wird, die ungerechte Gesetze machten, bliebe den Bürgern kein anderer Weg übrig, als für ihre Anliegen zu kämpfen, fährt der Aktivist fort.

Eine Partei für Landwirte und Indigene

Perus Landbevölkerung zwischen indígena und campesino - Foto: Quetzal-Redaktion, sscDen Einwohnern der betroffenen Gebiete wurde klar, dass sie eigene politische Vertreter wählen mussten, um ihr Land und ihre Lebensweise schützen zu können. So wurde 2002 in Tambogrande der erste Bürgermeister gewählt, der sich für die Interessen der lokalen ländlichen Bevölkerung einsetzen wollte. Der Trend, Bürgermeister mit einer bäuerlichen Agenda zu wählen, setzte sich bis zum Jahr 2006 fort. Bis zu diesem Zeitpunkt kamen in acht Gemeinden Bürgermeister mit einer Ausrichtung auf die Bedürfnisse der lokalen Bananen-, Mango-, und Kaffeeproduzenten ins Amt. „Es waren genau diese Anführer der lokalen sozialen Bewegungen, die mit den Jahren erkannten, dass sie eine politische Partei gründen mussten, um sich auf nationaler Ebene Gehör verschaffen zu können“, meint Padre Arana

Innerhalb des politischen Artikulationsprozesses der neu zu gründenden Partei gab es drei Strömungen. Da waren zunächst die Vertreter der Nationalen Konföderation der durch Bergbau geschädigten Kommunen Perus (Confederación Nacional de Comunidades afectadas por la Minería del Perú, CONACAMI), die eine plurinationale Partei gründen wollten. Ein ähnliches Projekt gibt es seit 1996 mit der Partei Movimiento Unidad Plurinacional Pachakutik – Nuevo País in Ecuador. Allerdings spielte in Ecuador – im Gegensatz zu Peru – der langanhaltende Mobilisierungsprozess unter ethnischen Vorzeichen, der zu einer starken Politisierung der Indigenen geführt hat, eine viel stärkere Rolle. Dasselbe lässt sich für Peru nicht behaupten. Hier ist die Identität als Landwirt viel stärker ausgeprägt als die indigene. „Dieser fehlende Realismus hat bewirkt, dass das Projekt gescheitert ist. Hinzu kam die Dominanz einer Führungsfigur, breitere Prozesse der Partizipation wurden nicht angestoßen“, kritisiert Arana.

Ein zweiter Prozess, der einen Impuls in der Artikulation eines politischen Projektes darstellte, war die Interethnische Assoziation für die Entwicklung des peruanischen Urwaldes (Asociación interétnica de Desarrollo de la Selva Peruana, AIDESEP), deren Anführer während der teilweise blutigen Auseinandersetzungen 2009 in der nationalen Öffentlichkeit zu gewisser Bekanntheit gelangten. Allerdings hatte auch dieses Projekt einen Makel: „Die Indigenen des Amazonasgebietes waren eine wichtige Unterstützerbasis des Fujimorismo. Sie hatten eine, aus ihrer Sicht verständliche, pragmatische Position gegenüber dieser Regierung eingenommen, von der sie sich materielle Unterstützung erhofften“, erklärt der politische Aktivist und Anwärter auf die Präsidentschaft.

Hier lassen sich einmal mehr Parallelen zum westlichen Nachbarn Ecuador erkennen. Die amazonischen Organisationen des Landes hatten mit der ebenfalls populistisch agierenden Regierung Gutíerrez (2002 – 2005) einen recht pragmatischen Umgang, was nach deren Absetzung zur Delegitimierung und Schwächung der gesamten indigenen Bewegung Ecuadors (CONAIE) führte.

Die Bemühungen der AIDESEP führten auf längere Sicht ebenfalls zu keinem zufrieden stellenden Resultat. Nachfolgend bemühten sich Intellektuelle und christliche Basisgruppen um einen neuerlichen Impuls. „Dabei ist wichtig, dass die Partei den indigenen Sektor genauso einschließt wie bäuerliche Gruppen. Zusätzlich muss jedoch auch die urbane Thematik aufgegriffen werden. Denn mit dem ökonomischen Wachstum verschlechtert sich die Situation an den Rändern der großen Städte, es entstehen beispielsweise Elendsgürtel, die Umwelt wird verschmutzt, und viele Arbeitsverhältnisse sind prekärer Natur“, konstatiert Arana.

In diesem Kontext entstand im April 2009 die Partei Tierra y Libertad. In ihren Reihen finden sich Vertreter der CONACAMI, sie hält die Verbindung zur AIDESEP aufrecht und hat zudem Beziehungen zur traditionellen Linken Perús, bei der Marco Arana jedoch bestimmte Mängel beanstandet: „Die traditionelle Linke war nie wirklich an ökologischen Fragen interessiert, und das indigene Thema hat sie ebenfalls nicht bearbeitet. Das liegt an ihrer ideologischen Ausrichtung, die eine Entwicklung (im traditionell sozialistischen Sinne) zum Ziel hat.“

Lange Zeit galt der indigene Sektor bei der Linken mehrheitlich als konservative Kraft. Die Kategorie des indígena wurde zu Gunsten des campesino favorisiert. Hier lassen sich erneut Parallelen zum Nachbarland Ecuador ziehen, wo indigene Aktivisten diese Lesart ihrer Situation ebenfalls beklagt haben. Tierra y Libertad versucht, innerhalb dieses keineswegs eindeutigen Suchprozesses, die von der Linken gebildete ideologische Leerstelle auszufüllen.

Die Mühen der politischen Ebene

Um als nationale Partei anerkannt zu werden, muss die Partei 55 Provinzkomitees im ganzen Land vorweisen können. Zur Zeit des Interviews war Tierra y Libertad in 21 der 25 Regionen Perus vertreten. In einigen war sie stärker, in anderen schwächer aufgestellt. „Stark sind wir in ländlichen Regionen wie Puno, Cuzco oder Cajamarca. Wir sind dabei, die Partei auf nationaler Ebene zu verankern, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird“, meint Padre Arana.

Die Partei sieht sich Anfeindungen ausgesetzt, gegen sie und ihren Kandidaten ist eine Kampagne in den Medien entbrannt, legt Arana dar. „Auch gibt es Gerichtsverfahren, denn in einigen Regionen versucht die Staatsanwaltschaft, uns mit dem Terrorismus sowie mit dem Drogenhandel in Verbindung zu bringen“, führt er fort. Diese Anschuldigungen, die zu einer Delegitimierung der Partei und ihres Führungspersonals beitragen, weist der Pater allerdings weit von sich.

Die Zukunft wird zeigen, welchen Weg die neue Partei gehen wird. Referenzpunkte gibt es in der Region schließlich mehrere. Es bleibt abzuwarten, ob die Partei jenseits der traditionellen Politikmuster eine politische Alternative anzubieten vermag.

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(1) Auf Einladung verschiedener Organisationen befand sich der Priester im Juni 2010 auf Deutschlandtour. Das Interview wurde während seines Aufenthaltes in Mainz geführt.

Internetquellen:

http://www.an-online.de/lokales/aachen-detail-an/1284853

http://www.amnesty.de/umleitung/2007/amr46/003?lang=de%26mimetype%3dtext%2fhtml

_http://blog.tierraylibertad.pe/ (Der Link konnte am 11.03.2013 nicht mehr aufgerufen werden.)

http://www.grufides.org/

Bildquelle: Quetzal-Redaktion, ssc


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