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Das Geschwür der Korruption

Autor:  | Oktober 2014 | Artikel empfehlen

Über den ganz normalen Alltag der Bestechung in Peru

Am Sonntag finden in Peru die Bürgermeisterwahlen statt. Und entsprechend haben sich die Kandidaten in Stellung gebracht. Doch nicht erst seit den Enthüllungen über die korrupten Praktiken des Ex-Präsidenten Alberto Fujimori gilt das politische Establishment Perus bis in die höchsten Ämter hinein als ein von Korruption zerfressener Organismus. Staatspräsidenten, Minister, Kongressabgeordnete, Richter, Beamte, Bürgermeister – scheinbar auf allen Ebenen hilft eine gut geschmierte Hand weiter.

US-Dollar - Bildquelle: Quetzal-Redaktion, ecmIn Lima beziehen die Kandidaten für den Bürgermeisterposten die Korruption sogar offen in ihren Wahlkampf ein. Die amtierende Bürgermeisterin, Susana Villaran, gibt beispielsweise das Motto aus: Hace obra y no roba („Infrastrukturprojekte durchführen, ohne zu stehlen“). Damit bezieht sie sich direkt auf den aussichtsreichsten Herausforderer, Luis Castañeda Lossio. Dessen Motto Vuelven las obras („Die Infrastrukturprojekte kommen wieder“) nimmt nämlich Bezug auf seine Amtszeit 2003-2010. Damals entstanden an allen Ecken und Enden Limas neue Bauprojekte. Oft waren es kleine Treppen in den armen Randgebieten, denen dann ein 5×10 Meter großes Schild über den Bauherrn beigestellt wurde. Und so rankten bald überall in der 10-Millionen-Einwohnerstadt riesige Wahlplakate Castañedas – denn etwas anderes waren diese Schilder nicht. Die Finanzierung blieb allerdings stets im Dunkeln. Entsprechend legt die Bevölkerung Limas Castañeda nun das Motto in den Mund: Roba pero hace obra („Stiehlt, aber führt Bauprojekte aus“). Viele Wähler verstehen das übrigens nicht als Kritik, sondern eher in der Auslegung: Wenn schon alle korrupt sind, der macht wenigstens etwas, was man sieht. In einer offiziellen Meinungserhebung wurde beispielsweise die Frage gestellt: „Wer, glauben Sie, wird stehlen, aber als Bürgermeister mehr Bauprojekte durchführen?“ Castañeda landet mit 49 Prozent ungeschlagen auf Platz 1 [1]. Dessen Strategie ging also auf. Und die letzten Umfragen sehen Castañeda bei 58 Prozent und damit als den neuen alten Bürgermeister. Susana Villaran, die – so rechnet die peruanische Presse nach – möglicherweise in der Summe mehr Infrastrukturmaßnahmen durchführte, konnte sich damit allerdings nicht vermarkten. Voraussichtlich kommt sie nun bei den Wahlen auf gerade einmal 10 Prozent der Stimmen.

Ein korruptes Geschwür mitten in den Bergen

Doch nicht nur in Lima grassiert die Korruption. Selbst im hintersten Winkel, tief in den Anden, 24-Busstunden von der Hauptstadt entfernt hat sich krakenhaft die Korruption festgesetzt. Einem Geschwür gleich drang sie sogar in einen Gesundheitsposten in dem kleinen Dörfchen Sayla ein. Ein Arzt, aus der Provinzhauptstadt Arequipa in die entlegene Bergregion entsandt, hielt per Video fest, wie Medikamente, Hilfslieferungen für Kinder, Toilettenpapier, usw. fein säuberlich verpackt in dem Stützpunkt darauf warteten, an das Wahlvolk verteilt zu werden. Denn die einzige Krankenschwester vor Ort ist zugleich die Ehefrau des Bürgermeisters. Und der möchte seiner (nun nicht mehr sicheren) Wiederwahl mit ein paar kleinen Gefälligkeiten aus der öffentlichen Kasse auf die Sprünge helfen. Der Aufschrei über das Video war riesig – doch nicht der Korruption wegen, sondern wegen des Nestbeschmutzers. Unter Morddrohungen verließ er Hals über Kopf die Region. Nach Darstellung des Arztes war es sogar nicht einmal möglich, in dem Dorf selbst oder der Bezirkshauptstadt eine Anzeige zu erstatten. Erst in Arequipa fand der Fall offene Ohren bei der Justiz (was natürlich nicht bedeutet, dass die Angelegenheit wirklich umfänglich aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden).

Und so ließen sich der Fälle viele weitere anführen. Auf dem Korruptions-Wahrnehmungsindex (Corruption Perception Index, CPI) von Transparency International fungiert Peru derzeit auf 83. Stelle weltweit. Mit einem indizierten Wert von 38 bei einer bis 100 (= keine Korruption) reichenden Liste gilt das Land im lateinamerikanischen Kontext aber als weniger korrupt als Argentinien (34) und Mexiko (34) oder gar Paraguay (24) und Venezuela (20) [2]. Angesichts der präsentierten Fälle fast schon erstaunlich.

Quellen:

[1] http://www.encuestas.com.pe/category/encuestas-lima/encuestas-municipalidad-de-lima

[2] http://www.transparency.org/cpi2013/results

Bildquelle: [1] Quetzal-Redaktion, ecm.


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