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Volle Futtertröge und Tanks in Europa – Vertreibung und Hunger in Paraguay

Autor:  | Mai 2011 | Artikel empfehlen

Veranstaltungsbericht zum Gensoja-Vortrag von Esther Leiva und Steffi Holz in Leipzig

Soja soweit das Auge reicht. Foto: Yenia Rivarola / public domainGemeinsam mit dem Ökolöwe – Umweltbund Leipzig und dem Aktionsbündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft in Sachsen veranstaltete Quetzal Leipzig am 27.05.2011 einen Vortrag mit anschließender Diskussion zum Thema „Volle Futtertröge und Tanks in Europa – Vertreibung und Hunger in Paraguay“. Im Rahmen einer von FIAN Deutschland organisierten Rundreise waren Esther Leiva, Kleinbäuerin und Aktivistin aus Paraguay, und Steffi Holz, Journalistin und Lateinamerika-Kennerin, zu Gast im Haus der Demokratie.

Esther Leiva, Landessprecherin der Organisation Lucha por la tierra, begann ihre Ausführungen mit einer kleinen Landeskunde Paraguays, vor allem um die Dimensionen des Sojaanbaus darzulegen. Historisch gesehen, war es die 35 Jahre andauernde Diktatur von Alfredo Stroessner, die die ohnehin schon hohe Landkonzentration weiter begünstigte und somit den Kampf der Campesinos (Kleinbauern) auslöste. Dieser richtet sich heute neben dem Kampf um Land gegen das Agrobusiness und die Gensoja, die einen Großteil des Landes (besonders im Osten und Süden) im Würgegriff halten.

Neben Argentinien und Brasilien gehört der im Herzen Südamerikas liegende Binnenstaat zum so genannten Sojagürtel, der mit knapp 50 Mio. Hektar über eine Fläche so groß wie Spanien verfügt und aus dem die Hälfte der weltweiten Sojaproduktion stammt. Paraguay steht an vierter Stelle des weltweiten Sojaexportes. 2010 wurden 7,5 Mio. Tonnen der eiweißhaltigen Pflanze geerntet. Das milde Klima Paraguays und die steigende internationale Nachfrage haben dafür gesorgt, dass sich die Anbaufläche in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat. Auf 2,7 Mio. Hektar wird heute in Paraguay Soja angebaut. Die Kehrseite der Medaille liegt in der Vertreibung von immer mehr Kleinbauern, weshalb die mit der Soja-Monokultur bepflanzten Flächen auch „grüne Wüste“ genannt werden. Ganz im Gegensatz zu dieser agrarwirtschaftlichen Monotonie steht die Diversität des Campesino-Landes, das meist in Handarbeit bearbeitet wird und als Grundlage der Selbstversorgung dient. Den Kleinbauern bleiben nur wenige Spielräume, ihre Produktion zu modernisieren.

Das Sojageschäft dominieren große internationale Firmen wie ADM, Cargill, Bunge, Noble Group und Luis Dreyfus – 80 Prozent befinden sich damit in den Händen von Ausländern, vor allem aus den USA. Sie bestimmen über Saatgut, Pestizideinsatz und Marktzugang. Die Großgrundbesitzer sind meist brasilianischer aber auch deutscher Abstammung. Es gibt keine Regulierungen für den Erwerb von Land, und die Sojaproduzenten müssen keine Exportsteuern entrichten. Während sich das Land in den Händen einer kleinen Oberschicht und des multinationalen Agrarbusiness befindet, sind ca. 300.000 Familien (etwa 16 Prozent der Bevölkerung) landlos. Paraguay hat eine der ungleichsten Verteilungen von Land weltweit: 86 Prozent der Böden befinden sich in den Händen von drei Prozent der Bevölkerung. Steffi Holz verdeutlichte, dass es gerade einmal 27 Familien sind, die den Großteil der Flächen unter sich aufteilen.

Die Ausbreitung der Soja hat dazu geführt, dass die Anbaugrenze schon bis an die Wohnbehausungen, Schulen und Krankenstationen der Campesinos vorgedrungen ist. Wie Esther Leiva und Steffi Holz berichteten, hat das verheerende Auswirkungen. In der Anbauperiode von September bis Januar kommen häufig Pestizide – meist „Roundup“ mit dem toxischen Wirkstoff von Monsanto – zum Einsatz. Da die Gesetze nicht beachtet werden, gibt es kaum Schutzstreifen, und die lokale Bevölkerung wird nicht vor den Besprühungen, die auch aus der Luft erfolgen, informiert. Der Wind trägt die Abdrift oft kilometerweit, weshalb die lokale Bevölkerung, meist indigene Campesinos, mit den Chemikalien in Kontakt kommt. Symptome wie Kopfschmerzen, Husten, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Antriebslosigkeit sind die Folge. Kinder werden mit Missbildungen geboren, und Haustiere, eine wichtige Nahrungsquelle, sterben. Das „Verbrennen“ der Felder durch den Einsatz von „Roundup“ führt durch die zwangsläufige Verbreitung der Pestizide zu schweren Ernteeinbußen der Kleinbauern bei Bananen, Mais, Maniok oder Erdnüssen. Außerdem sorgt der Einsatz von in Europa verbotenen Pestiziden wie DDT für die Zunahme von Krebs, Hautkrankheiten und Allergien. Seriöse Untersuchungen über diese und andere Folgen des Chemikalieneinsatzes sind nicht erwünscht und werden, auch mit Bedrohungen oder dem Kauf von Wissenschaftlern und Ärzten, unterbunden.

Wahlwebung für Fernando Lugo 2008. Foto: FernandoLugoAPCEine weitere Konsequenz der Ausweitung der Sojaanbaufläche ist die Abholzung der Wälder. Im Jahr 2004 hatte Paraguay eine der höchsten Quoten des Waldrückgangs weltweit. Die Entwicklung ist verbunden mit der Gefahr einer Abnahme der Biodiversität. Durch den Einsatz schweren landwirtschaftlichen Gerätes werden zudem die Böden verdichtet und die fruchtbare Schicht abgetragen. Chemikalien gelangen ins Grundwasser. Und der Einsatz von Pestiziden steigt aufgrund der sich bildenden Resistenzen der Unkräuter.

Die Campesinos dagegen werden immer weiter verdrängt, gehen in die Städte oder verkaufen ihr Land. In den Städten landen sie meist in den peripheren Armutsvierteln oder sind obdachlos. Die Soja zerstört die kleinbäuerlichen und ländlichen Strukturen wie auch die Familien. Kinder müssen arbeiten oder betteln gehen, Frauen prostituieren sich, die Kriminalität hat zugenommen.

Aber es regt sich Widerstand. Da sich die Vergabe von Landtiteln oft bürokratisch hinzieht, sind die Campesinos dazu übergegangen, unkultiviertes Land zu besetzen. An solchen Besetzungen, die zwischen drei und fünf, aber auch zehn Jahre dauern können, nehmen bis zu 2.000 Familien teil. Sie trotzen der Prekarität und schlechten Infrastruktur. Dafür ist eine gute Organisation sowie Vernetzung nötig, zudem das Wissen, um das Bewusstsein der Menschen zu ändern. Esther Leiva und ihre KollegInnen der OLT wenden sich daher mit Workshops, Versammlungen und Öffentlichkeitsarbeit direkt an die Landbevölkerung. Als Kommunikationsmittel dienen Radio, Plakate und Transparente. Die Vernetzung und Bündelung der Kräfte erfolgt über Konferenzen, zu Demonstrationen kommen bis zu 40.000 Leute, manchmal gibt es aber auch Straßensperren. Wie Esther Leiva auf wiederholte Nachfrage betonte, wenden die Aktivisten aber immer friedliche Protestformen an. Das hindert die staatlichen Organe oder die Trupps der Sojabarone nicht, repressiv gegen die Campesinos vorzugehen. Gerade bei Landbesetzungen werden drastische Maßnahmen angewendet: die Räumungen erfolgen auf brutale Weise, häufig kommt es zu Verhaftungen, manchmal auch zum tödlichen Schusswaffeneinsatz durch die Polizei. Die Repression verstärkt jedoch den Widerstand, zumal der Staat mit der Kriminalisierung der Bewegung aber nicht für eine Entspannung der Situation sorgt. Für Landbesetzung kann es Haftstrafen bis zu fünf Jahren geben. Derzeit befinden sich etwa 2.000 Campesinos in Haft oder werden angeklagt.

In der anschließenden Diskussion kam deshalb auch die Frage nach der von Präsident Fernando Lugo im Wahlkampf versprochenen Landreform auf. Esther Leiva bestätigte, dass v.a. aufgrund des politischen Widerstandes im Kongress, so gut wie nichts passiert ist. Wer auch immer als Kandidat bei den nächsten Wahlen antritt, kann nur auf die Stimmen der Campesino-Bewegungen zählen, wenn er auf ihre Forderungen nach einer Landreform eingeht.

Die rege Teilnahme an der Diskussion hat gezeigt, dass das Thema durchaus im Bewusstsein einiger Konsumenten in Deutschland verankert ist. Allerdings sind sich die Referentinnen einig, dass es mehr werden müssen, um nicht nur das Verbraucherverhalten sondern auch politische Prozesse, wie z.B. die Agrarpolitik der EU, zu beeinflussen. Aber auch die Verbraucher können Einfluss nehmen. Da die Soja sowohl als Viehfutter als auch Energiepflanze für Kraftstoffe dient, wäre es z.B. möglich, seinen Fleischkonsum zu überdenken und an der Tankstelle auf E10 zu verzichten. Damit die Futtertröge und Tanks in Europa nicht weiterhin dafür sorgen, dass es zu Vertreibung und Hunger in Paraguay und anderen Ländern kommt.

Bildquellen: [1] Yenia Rivarola / public domain; [2] Fernando Lugo APC


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