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Erklärung des 3. kontinentalen Treffens der Kampagne “indianischer, schwarzer und Volkswiderstand” am 12. Oktober 1992 in Managua

Autor:  |  Frühjahr 1993

Wir Männer und Frauen der Völker und Nationen des großen Kontinents Abya Yala sind die Erben der ursprünglichen Zivilisationen, die die höchsten Stufen des Wissens und der kommunalen Organisation erreicht und die Flüsse, Pflanzen und Tiere in enger Harmonie mit dem Kosmos und unserer Mutter Erde domestiziert haben.

Wir wurden angekettet in Sklavenschiffen aus dem großen Afrika hergebracht. Auch Afrika ist Wiege von Mutterzivilisationen, die die menschliche Geschichte und Kultur hervorgebracht haben.

Uns eint eine Vergangenheit mit verschiedenen Wurzeln und Quellen; eine Geschichte, die von Invasionen und Eroberungen, Vertreibungen, Zwangsarbeit, die Unterdrückung unserer Aufstände und Rebellionen, kollektiven Selbstmord und die Flucht der unbeherrschbaren Cimarones, die niemals die Unterwerfung, das Joch und die Niederlage akzeptiert haben, gekennzeichnet ist.

Wir sind versammelt am 12. Oktober im Land Diriangéns, Darios und Sandinos; 500 Jahre nach dem Beginn des Massakers, der Besetzung und dem Raub unserer Erde, der irrationalen und unbarmherzigen Ausbeutung unserer Natur-vorkommen, der Ausbeutung unserer Arbeitskraft. Wir wurden gezwungen, unsere Götter zu verstecken in geheimen Kulten; unsere Philosophie zu verändern; unsere Sprachen zu verlieren; einen historischen Gedächtnisverlust zu erleiden. Wir wurden mit Krankheit verseucht, in Reservate zurückgedrängt, lebendig in den Bergwerken der Plünderer begraben. Wir mußten Zuckerrohr und Getreide anbauen, angekettet an unsere Arbeitsgeräte und als Lasttiere mißbraucht. Wir durften keine Pferde besteigen und keine Waffen tragen. Wir wurden gespalten und aufgeteilt in sogenannte Kasten, lebendig gehäutet, gepeitscht, versklavt, gehängt und dazu verurteilt, nicht zu existieren, nichts zu bedeuten, ohne Recht auf Eigentum und freie Niederlassung.

Wir waren Kanonenfutter in Unabhängigkeitskriegen, die unsere Großeltern weder Gerechtigkeit und Freiheit brachten. Wir wurden von den uns verbliebenen kommunalen Ländereien vertrieben und mußten auf der Hacienda dienen und in den ausländischen Unternehmen. Wir kämpften um das bloße Überleben, getrennt von unseren Familien, eingereiht in die Arbeitsarmee, vertrieben in unwirtliche und unproduktive Gebiete unseres Kontinents. Wir haben immer Widerstand geleistet, uns verteidigt und uns geweigert, Sklaven zu gebären; ohne nachzugeben, ohne unterzugehen. In ruhmreichen Momenten haben wir sogar die mit Blut gewonnen Früchte der Freiheit genossen.

Nach 500 Jahren sind wir hier präsent ! In einer Welt, in der die jahrhundertelange Ausplünderung unseres Reichtums und unserer Arbeit uns in eine unerschöpfliche Kraft der kapitalischen Akkumulation und der industriellen und technologischen Entwicklung der neuen Herrscher verwandelten. Wir sind erneut die Opfer einer neuen Eroberung, bei der die Religion der Gewinn und der Individualismus sind. Sie spalten die Völker der Erde in solche, die Macht, die Technologie und den Wohlstand in ihrer Händen konzentrieren, und solche, die ausgeschlossen und an den Rand gedrängt werden.

Wir schleppen auf unserem Rücken die Last einer wachsenden Verschuldung, durch die unserer Reichtum sich in Kredite und die Bezahlung von Zinsen verwandelt. Wie früher stammt das Gold aus unseren Adern; unser Schweiß bringt das Petroleum und das Kapital hervor, während die Repression und der Hunger unser Alptraum sind. Die neuen Kreuzritter der neoliberalen Zivilisation erzählen uns heute etwas von Demokratie, Entwicklung, Modernisierung und Produktivität, während in unseren Ländern die Demokratie unerreichbar wird durch die stetig zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich; die steigende Arbeitslosigkeit, die Unterernährung, den Analphabetismus, den Abbau sozialer und kollektiver Rechte, die Privatisierung von staatlichem und sozialem Besitz, die Krise der Werte und die Vertiefung von Rassismus und Diskriminierung. Die neuen Prediger versuchen arrogant, die unübersehbare Wahrheit zu verbergen: Der Kapitalismus bietet keine Lösungen, um eine Welt in Frieden und sozialer Gerechtigkeit zu garantieren.

Nach 500 Jahren sind wir präsent! Wir lehnen die Feiern der Kolonisatoren und ihrer Komplizen ab. Wir fordern unser Recht, über unsere Zukunft selbst zu bestimmen. Hier sind wir, um die Träger unserer Utopie zu ehren, die während der Invasion, der Kolonialzeit und während der Unabhängigkeit fielen und die heute noch im offenen Kampf gegen die neue Eroberung, ihre Götter, ihre Könige, ihre Monumente und die Schwarzseher fallen.

Nach 500 Jahren sind wir hier präsent! Frauen und Männer entdecken unsere Wurzeln wieder, ohne Unterscheidung nach Hautfarbe, Sprache, Kulturen, Gebiets- und Ländergrenzen. Wir gewinnen das wieder, was uns gehört. Wir entwerfen ein neues Projekt gegenüber dem, das uns bedroht und angreift. Ein Projekt, das Elend und Leid ausschließt; mit dem unsere Kulturen, Sprachen und Überzeugungen ohne Angst und Verbote aufblühen; mit dem wir die alten Formen der Autonomie wieder aufgreifen, die uns in der Vergangenheit groß gemacht hatten; mit dem unsere Befähigung für die Kunst und die Schönheit gestärkt wird; mit dem wir die Ketten der Unterdrückung der Frauen sprengen und die Kinder und die jungen Generationen eine Zukunft haben; durch das sich Mutter Natur aussöhnt mit ihren Kindern; in dem der Krieg nur als Erinnerung an schlechte Zeiten existiert; mit dem wir uns gegenseitig ins Gesicht sehen können, ohne beschämenden Haß oder der Verachtung zu empfingen; geeint in Liebe, Solidarität und Hoffnung.

Nach 500 Jahren sind wir hier präsent, um uns im ersten Jahr der neuen Ära als Kontinentale Bewegung der Indigenas, Schwarzen und Volkskräfte zu konstitutieren; Dabei verfolgen wir folgende Ziele:

1. Wir verlangen und verteidigen die Anerkennung der Autonomie und freien Selbstbestimmung unserer Völker, besonders hinsichtlich des Rechts auf Land und unsere traditionellen Gebiete.

2. Wir wollen Einfluß nehmen auf die Bildungs-, Arbeits-, Kultur- und Wirtschaftspolitik, um das Volk der Schwarzen zu stärken und uns gegen Diskriminierung und Rassismus zu verteidigen. Wir wollen die historische Wurzeln der Schwarzen aufdecken und das Bewußtsein unsere Identität fördern.

3. Wir wollen der Kultur der Frauen Achtung verschaffen und ihr Zugang zu den verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Gebieten ermöglichen.

4. Wir wollen gegen Ansturm des Neoliberalismus für ein alternatives Wirtschaftsmodell kämpfen. Dabei gehen wir von fünf Schwerpunkten aus: Arbeit, Natur, Frau, Identität und Souveränität. Damit wollen wir ein soziales und wirtschaftliches System erreichen, in dem wir die Hauptrolle spielen.

5. Wir wollen die Solidarität, Koordinierung und Einheit auf der Grundlage der Anerkennung und des Respektes der Verschiedenheit festigen.

Für die Toten, Helden und Märtyrer, die ihr Leben gaben für ihre Utopien und Sehnsüchte, werden wir weiterkämpfen, bis unsere Träume Wirklichkeit werden.

Quelle: ANN


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