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Eine interozeanische Bahnstrecke bedroht Nicaraguas Atlantikküste

Autor:  | Mai 2004 | Artikel empfehlen

Monkey Point und Umgebung wirken wie ein kleines Paradies. Die Idylle der Dorfgemeinschaften von Creoles und Rama-IndianerInnen ist allerdings getrübt. Die Pläne für den Bau einer Güterzugverbindung zwischen Atlantik und Pazifik sehen vor, in Monkey Point einen Tiefseehafen zu bauen.

Zur abgelegenen Bucht Monkey Point führen keine Strassen, ebenso wenig wie an die Karibikküste Nicaraguas. Bluefields, die Hauptstadt der Südregion, erreicht man mit dem Flugzeug oder von Managua aus mit einer nächtlichen Bus- und einer achtstündigen Bootsfahrt über den Fluss Rio Escondido. Fast zwei Stunden dauert es dann in einem Boot mit 75-PS-Aussenbordmotor von Bluefields nach Monkey Point. In dem mehrheitlich von Creoles, also schwarzen KaribikbewohnerInnen, und Mestizos bewohnten Dorf wird mittlerweile viel über den «trockenen Kanal» geredet, eine Bahnstrecke für Containerzüge zwischen Atlantik und Pazifik. Zwei Konsortien konkurrieren um den Bau. In dem einen sitzen nicht zufällig ein Sohn und ein Neffe des nicaraguanischen Präsidenten Enrique Bolaños. Die Pläne des CINN (Konsortium für einen interozeanischen Kanal in Nicaragua) sehen einen 377 Kilometer langen und 500 Meter breiten Bahnkorridor zwischen Monkey Point und Rivas am Pazifik sowie zwei Häfen mit tiefen Gewässern vor. Hier sollen zwölf Züge jährlich mehr als eine Million Container transportieren. SIT-Global (Intermodales System globalen Transports) plant eine ähnliche Strecke. Die Baukosten liegen zwischen 1,6 und 2,6 Milliarden Dollar. Beide sehen die Bucht von Monkey Point als Startpunkt: Ein kilometerlanger Quay soll ins Meer gebaut werden.

Mitte 2002 meldete sich noch ein Joint Venture, das an der Strecke eine Öl-Pipeline verlegen will. Die Leute in Monkey Point wollen aber weder den Canal Seco noch eine Pipeline, erklärt Miss Pearl Watson, Kämpferin für die Gemeinde. Die Pläne eines Kanals in Nicaragua sind über 400 Jahre alt, aber sie wurden nie realisiert. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Deutschen eine Eisenbahn von Monkey Point an den Pazifik zu bauen. Weit kamen sie nicht. Die Reste des abenteuerlichen Unternehmens sind noch zu sehen. Riesige mit üppigem Grün bewachsene Rohrteile liegen vereinzelt herum, eine überwucherte kleine Lok steht mitten im Dorf. In den sechziger Jahren trainierten Exilkubaner hier die militärische Eroberung der Insel. Sie kamen mit Traktoren und Jeeps, zäunten ein grosses Stück Land ab, schossen mit Mörsergranaten und warfen Bomben. Ihr Freund Somoza, der nicaraguanische Diktator, liess sie walten. Nach einigen Monaten war der Spuk wieder vorbei. Die Kubaner zogen ab, die Invasion scheiterte in der Schweinebucht.

Durch Naturschutzgebiete

Der Bau der Bahnstrecke von der Karibik an die Pazifikküste würde sieben Naturschutzgebiete durchqueren. An der Strecke sind Freihandelszonen, die Ausbeutung von Naturressourcen, Erdölförderung und -raffinerien sowie Tourismus geplant. Die bisher relativ unberührten Gebiete würden schnell verschwinden. Allein das Aufkommen der Pläne führte zu einer Zunahme der Landspekulation südlich von Bluefields. Eigentlich gehört das Land gemäss der geltenden Autonomie den Gemeinden. Die beiden Atlantikregionen bekamen 1988 unter der sandinistischen Regierung ein Autonomiestatut. Doch nach der Abwahl der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) 1990 kümmerte sich keine Regierung mehr darum, Arzt, Lehrer und Polizei wurden aus Monkey Point abgezogen, Schule und Krankenstation geschlossen. Obwohl die Gemeinden auf einer kollektiven Landvergabe und der Unveräusserlichkeit des Landes bestehen, will die Regierung individuelle Landtitel vergeben. Das haben die Behörden in Bluefields bereits wiederholt widerrechtlich getan, vor allem während Arnoldo Alemáns Präsidentschaft in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Mittlerweile wurde der Ex-Präsident wegen Unterschlagung in Millionenhöhe zu mehr als zwanzig Jahren Haft verurteilt. Peter Tsokos, Spekulant aus den USA, der sich bereits mehrere Inselchen vor der Küste angeeignet hatte, konzentrierte sich derweil auf das Land der Rama-IndianerInnen. Er schickte seine bewaffneten Männer nach Cane Creek und Punta Gorda südlich von Monkey Point, teilte die Grundstücke auf und bot sie im Internet zu Preisen bis zu 125 000 Dollar zum Verkauf an. Das CALPI, ein Zentrum zum Schutz der indianischen und alteingesessenen Gemeinden der Atlantikküste, konnte ein Verbot des Verkaufs erzielen. Und jetzt ist der Kanal geplant. Eine Variante, aufgrund der geringeren Kosten wohl die realistischste, wird kaum diskutiert: der so genannte «Öko-Kanal», dessen Kosten bei 50 bis 85 Millionen US-Dollar lägen und dessen Bedeutung vor allem regional wäre. Dabei bliebe das grösste zusammenhängende Urwaldgebiet Zentralamerikas erhalten. Noch.

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Original-Beitrag aus: Vorwärts vom 07.05.2004. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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