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Die Not der ÄrztInnen und RettungssanitäterInnen in Nicaragua

Autor:  | Dezember 2018 | Artikel empfehlen

Die Krise im Gesundheitswesen in Nicaragua ist nicht nur gravierend, sie ist erschreckend. Die Lage hatte sich seit April 2018 verschärft. Die Menschenrechtsverletzungen der Diktatur von Daniel Ortega Saavedra in den letzten elf Jahren konnte das nicaraguanische Volk nicht mehr aushalten und schloss sich zu Massenprotesten zusammen, die brutal vonseiten der Ortega-Murillo-Diktatur niedergeschlagen wurden.

Im Laufe der Proteste im April 2018 hielten sich die ÄrztInnen und SanitäterInnen exakt an ihre ethische und gesetzliche Verpflichtung, Verwundete zu behandeln, egal welcher Gruppe sie zurzeit oder vormalig angehörten. Im Zuge der Protestwelle ordnete die Gesundheitsministerin Dr. Sonia Castro an, jene Verletzte nicht zu behandeln, die an zivilen und friedlichen Protestaktionen beteiligt waren. Viele Krankenhäuser und Kliniken folgten diesem Aufruf auf den Fuß. Diese Entscheidung führte zum Tod vieler DemonstrantInnen, die durch repressive Kräfte des Ortega-Murillo-Regimes verwundet wurden. Wären diese Verletzten ordnungsgemäß behandelt worden, hätte man wohl ihr Leben retten können.

Ein sehr offensichtliches Beispiel war der Fall des Jungen Alvaro Manuel Conrado Dávila (15 Jahre) der am 20. April 2018 von Heckenschützen am Hals verwundet wurde. Dieser Patient zeigte eindeutige Lebenszeichen und wurde ins Krankenhaus Hospital Cruz Azul (Eigentum des INSS) gebracht. Jedoch verweigerte man ihm die Behandlung. Solche Fälle wiederholten sich im ganzen Land. Es gab viele Opfer aufgrund fehlender Behandlung. Ein trauriges und schmerzhaftes Beispiel war das Verhalten der Leiterin des Krankenhauses von León, Dr. Judith Lejarza Vargas, die sich weigerte, Verletzte zu behandeln und Paramilitärs dazu verhalf, Verwundete im Krankenhaus zu schikanieren. Dr. Judith Lejarza Vargas ging so weit, dass sie die Notaufnahme schloss, um die Behandlung von Verletzten zu unterbinden. Wir wissen aus zuverlässigen Quellen, dass Paramilitärs sogar im Krankenhaus HEODRA (León, Nicaragua) Mahlzeiten einnehmen durften, unter der Autorisierung, dem Schutz und Einverständnis der Krankenhausleiterin Dr. Judith Lejarza Vargas.

Landesweite Entlassungen von ÄrztInnen werden von der Ortega-Murillo-Diktatur verhängt, wenn sie Verletzte während der April-Proteste behandelt, an friedlichen „Azul y Blanco“-Märschen teilgenommen und sich geweigert haben, bei den obligatorischen Märschen mitzumachen, oder die Ortega-Murillo-Diktatur kritisiert haben. Der ÄrztInnenverband Nicaraguas (AMN) berichtete, dass 80% der aus dem öffentlichen Gesundheitswesen entlassenen ÄrztInnen SpezialistInnen und FachärztInnen1 sind. „Es wurden 86 AllgemeinärztInnen, insgesamt 120 SpezialistInnen und FachärztInnen, sowie 112 Facharbeiter des Hilfspersonals entlassen, nach Daten, die überall im Land so bestätigt werden. Aber es gibt auch das Phänomen, dass mehrere ÄrztInnen ihre Entlassung nicht bekanntgeben, aus Furcht, dass Familienmitglieder, die noch im Gesundheitssystem arbeiten, entlassen werden könnten“, äußerte der auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisierte Chirurg José Antonio Vásquez, der zudem Mitglied der ÄrztInnenvereinigung ist.

Nicaragua: Wahlkampagne der FSLN-Partei 2012 - Foto: Quetzal Redaktion, achUnzählige Menschen sind auf diese regelwidrige Weise entlassen worden. Die Razzien dauern fort; die umfangreichsten fanden in León, Carazo und Masaya statt. Diese Entlassungen stellen nicht nur eine klare Menschenrechtsverletzung gegenüber den ÄrztInnen dar, sondern auch einen Verstoß gegen Tarifverträge und Arbeitsrechte. Laut der ÄrztInnenvereinigung Unidad Médica Nicaragüense sind seit Beginn der Proteste gegen die Regierung von Daniel Ortega mehr als 300 Ärzte des Gesundheitsministeriums entlassen worden, weil sie DemonstrantInnen behandelt hatten.

Darüber hinaus haben viele dieser ÄrztInnen als DozentInnen gearbeitet und wurden zu Unrecht aus dem universitären Dienst entlassen. Verstörend, paradox und gleichzeitig traurig war, was im Krankenhaus Antonio Lenin Fonseca (Managua, Nicaragua) vor sich ging.  Dr. José Luis Borge Rayo von der Abteilung für Allgemeine Chirurgie und Urologie im Krankenhaus Lenin Fonseca, zeigte auf, dass man ihn willkürlich und ungerechtfertigt entlassen hatte, nur weil er nicht mit der Schreckenspolitik des Regimes von Daniel Ortega konformging.

Dr. Borge klagte das unethische Verhalten einiger pro Regierung eingestellter KollegInnen an, die ihn dazu aufhetzen wollten, Verletzte nicht zu behandeln. So äußerte ein Neurochirurg über einen Verletzten, der durch einen Heckenschützen am Kopf getroffen worden war: „Man muss ihm das Gehirn absaugen, sodass er es nicht mehr benutzen kann, denn so oder so ist dieser Blödmann zu nichts nütze“ (wörtliche Wiedergabe von Dr. Eduardo Eugenio Cáceres Arteaga, Leiter der Fachrichtung Neurochirurgie).

Das Gesundheitsministerium in Nicaragua wurde paramilitarisiert. Der Berufsstand der ÄrztInnen und RettungssanitäterInnen hat Unterdrückung erlitten, die gegen die Menschen-und Arbeitsrechte sowie gegen die Berufsethik verstößt. Viele ÄrztInnen sind wegen Repression und Verfolgung der Ortega-Murillo-Diktatur ins Exil gegangen. Andere sind unter menschenunwürdigen Bedingungen, physischer und psychologischer Folter inhaftiert, wie z.B. Dr. Irlanda Jérez (Odontologin und führende Autoconvocada)2, seit dem 18. Juli 2018. Gleichermaßen sind mehrere MedizinstudentInnen eingesperrt worden, unter ihnen Amaya Coppens Zamora (Studentin im fünften Studienjahr Medizin und studentische Leiterin, 24 Jahre) und Byron Corea Estrada, Mitglied der Universitären Bewegung am 19. April in León, (Odontologie-Student im vierten Studienjahr, 23 Jahre). „Sie haben Byron geschlagen und mit einer AK-47 bedroht, als sie ihn festhielten. Sie haben ihn verprügelt, man sagt, sie haben ihm die Nase gebrochen“. Byron Coreas Schwester, Jennifer Corea, bekräftigte, dass die festgehaltenen Jugendlichen bereits Anklagen wegen Verfolgung und Todesdrohung vor dem Nicaraguanischen Zentrum für Menschenrechte (Cenidh) erhoben haben.

Vier Monate lang haben sie Verfolgung und Diffamierung in den sozialen Netzwerken, Todesdrohungen und Belagerung in ihren Wohnheimen und zusätzlich Drohungen gegen ihre Familienmitglieder erleiden müssen”, erklärte Corea und machte gleichzeitig die Regierung für all die Gewalttätigkeit gegen die Familien der Unterdrückten verantwortlich. Internationaler Rückhalt ist dringend notwendig um die ÄrztInnen in Nicaragua zu unterstützen, die einer brutalen Unterdrückung durch die Ortega-Murillo-Diktatur zum Opfer gefallen sind.

 

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Übersetzung aus dem Spanisch: Uta Hecker

Bildquelle: Quetzal-Redaktion_ach

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1 Subespecialistas.

2 Protestbewegung gegen die Regierung.


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