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Von Menschen und Schweinen
Einige Bemerkungen zur Schweinegrippe in Mexiko

Autor:  | Mai 2009 | Artikel empfehlen

Ist es jetzt passiert? Fast sah es so aus. Seit Jahren warnen Seuchenexperten vor einem Ausbruch einer gefährlichen Grippe, die zu einer weltweiten Pandemie führen und den Tod einer ungeahnten Zahl von Menschen nach sich ziehen könnte. Der Killer, so wurde allgemein vermutet, wird eine Variante eines Erregers der aviären Influenza vom Typ A sein. Irgendwie scheinen wir alle darauf zu warten.

Und jetzt sind es nicht die Vögel, die uns einen neuen Erreger bescheren , sondern die Schweine. Die Medien überschlagen sich regelrecht. Aber die Meldungen nehmen teilweise absurde Züge an. Die einen warnen vor einer gefährliche Grippe, die anderen meinen, es sei gar nicht so schlimm – das sei nur eine mehr oder weniger normale Grippe. Wenn man die Nachrichten und Berichte aufmerksam liest, dann kann man nur zu einem Fazit kommen: Eigentlich weiß man fast nichts. Die einzige exakte Information betrifft den Erreger der Krankheit selbst – A/California/04/2009 A(H1N1), eine bisher unbekannte Variante des Schweine-Influenza-Virus’ vom Typ H1N1. Ersparen wir uns an dieser Stelle die Informationen über Hämaglutinin (H) und Neuramidase (N), Subtypen und Kombinationsmöglichkeiten. Viren sind höchst wandlungsfähig.

A/H1N1 ist verantwortlich für die alljährlichen Grippewellen, trägt aber auch die Schuld an der spanischen Grippe, der von 1918-20 bis zu 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die neue Variante, die nun mexikanische oder neue Grippe heißt, hat gleich vier Ausgangsviren zur Kombination genutzt: ein nordamerikanisches Schweinegrippevirus, ein ebenfalls nordamerikanisches Vogelgrippevirus, ein Vogelgrippevirus aus dem eurasischen Raum und ein Virus der humanen Influenza. Geradezu in Rekordgeschwindigkeit wurde der Erreger isoliert und identifiziert, nun arbeitet man fieberhaft an einem Impfstoff.

Was war bis dahin eigentlich geschehen? Seit März dieses Jahres gibt es in Mexiko eine Häufung von Atemwegserkrankungen, die mit einer schweren Lungenentzündung einher gingen und in einzelnen Fällen auch zum Tod des Patienten führten. Das war zunächst kein Anlass zu Besorgnis. Erst als Ärzte im US-amerikanischen San Diego die Infekte von zwei Kindern näher unter die Lupe nahmen, kam die Lawine ins Rollen. Die zuständigen Gesundheitsbehörden wurden informiert, und erst dann erkannte man auch in Mexiko die mögliche Gefahr. Seit gut einer Woche hält das Virus die Welt in Atem. Doch noch immer sind die Informationen spärlich und widersprüchlich. Die Grippe hat die Welt inzwischen erobert, von fast allen Kontinenten werden Grippefälle gemeldet, mittlerweile mehr als 150. In Mexiko selbst, dem Epizentrum des Ausbruchs, weiß man von 200 oder 2.000 Erkrankungen zu berichten. Die Zahl der Todesfälle ändert sich ständig, und interessanterweise scheint sie mit dem Fortgang der Epidemie zu sinken. Am 23. April, als in den Medien bereits die Zahl von ca. 100 Todesfällen kursierte, bestätigte der mexikanische Gesundheitsminister Córdova Villalobos höchstens 20 und schlängelte sich ansonsten um konkrete Aussagen herum. Heute spricht man von 25 „bestätigten“ Todesopfern und 590 Erkrankungen, „bestätigten“ wohlgemerkt.[1] Die Zahl steigt weiter an. Aus 19 der 32 Bundesstaaten sollen Erkrankungen gemeldet worden sein. Sollen. Nichts Genaues weiß man nicht. Wie ist der Stand der Epidemie, wie viele Erkrankte und Todesfälle gibt es? Wie gefährlich ist das Virus? So undurchsichtig die Lage, so chaotisch die Reaktionen. Die WHO hat inzwischen die Pandemiestufe 5 ausgerufen, d.h. die Weltbehörde geht von einem erheblichen Pandemierisiko aus. In Mexiko wurden Schulen, Museen, Kultureinrichtungen, Sportstätten, Geschäfte geschlossen. Auf asiatischen Flughäfen werden Fluggäste aus Mexiko auf Krankheitssymptome gescannt, auf deutschen „nur“ mit Gesundheitshinweisen empfangen. Kuba hat Flüge von und nach Mexiko gestoppt, Frankreich verlangt dergleichen weltweit. Und in Ägypten werden vorsorglich Schweine gekeult.

Arme Schweine

Ja, die Schweine! Das Hausschwein, sus scrofa domestica, hat’s wahrlich nicht leicht. Dabei sind sich Menschen und Schweine physiologisch sehr ähnlich. Das hat medizinische Begehrlichkeiten geweckt und führte bereits zu unglaublichen Phantasien. Die Rede ist gar vom Schwein als Ersatzteillager für Menschen. Das Ganze hat natürlich auch eine Kehrseite. Aufgrund dieser Ähnlichkeit in der Physiologie von Mensch und Schwein fällt es den sehr wandlungs- und anpassungsfähigen Viren recht leicht, von der einen Spezies zur anderen zu wechseln. Und da wir seit Jahrtausenden mit dem Haustier Schwein zusammenleben, hatte und hat es dafür auch genügend Gelegenheiten. Fälle der Übertragung von Grippeviren vom Schwein auf den Menschen und umgekehrt sind seit langem bekannt. Man vermutet, dass H3N2, eine für Schweine gefährliche Variante, vom Menschen ausging und im Schwein neue Mutationen ausbildete. Offensichtlich können die Viren gut miteinander. Mit anderen Worten: Das Schwein spielt ungewollt den Erlenmeyerkolben bei der Entwicklung von neuen Viren. Gefährlich für uns Menschen kann es dann werden, wenn ein neues, mutiertes Virus in der Lage ist, menschliche Zellen so aufzubrechen und zu manipulieren, dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

Das ist jetzt wohl passiert. Und auch wenn nach wie vor nicht bekannt ist, wie aggressiv A/California/04/2009 A(H1N1) tatsächlich werden kann, eine Überraschung ist seine „Geburt“ eigentlich nicht. Und das eben nicht nur, weil die Menschheit von Tieren übertragbare Seuchen seit langem kennt und die Vogelgrippe immer wieder wie ein Damoklesschwert über uns hängt. Vor sechs Jahren warnten US-Wissenschaftler in „Science“, es gäbe Hinweise, dass „das nordamerikanische Schweinegrippevirus nach zwei Jahren Stabilität auf eine evolutionäre Schnellstrecke gewechselt“[2] sei. Bereits Ende des 20. Jahrhunderts, nach einem höchst aggressiven Ausbruch der Schweineinfluenza in North Carolina 1998, warnten Experten vor der Gefahr der Entwicklung eines für den Menschen gefährlichen Virusstamms und forderten eine Überwachung der Schweinegrippe.

Wie häufig in solchen Fällen geschah nichts. Was wäre passiert, wenn man reagiert, die Schweinebestände stärker überwacht und die Gefahr ins öffentliche Bewusstsein gebracht hätte? Vermutlich zunächst genau dasselbe, was zur Zeit angesichts der mexikanischen Grippe weltweit passiert: Der Konsum von Schweinefleisch wäre zurückgegangen. Und das wäre absolut kontraproduktiv gewesen – für die Produzenten.

Die Nachfrage nach Fleischerzeugnissen ist in den letzten Jahrzehnten vor allem in Asien, aber nicht nur dort, stark angestiegen.. Während z.B. in Europa der Fleischverzehr leicht zurückgeht, steigt er in Drittweltstaaten und sogenannten Schwellenländern an. Der Grund dafür ist ein verändertes Ernährungsverhalten infolge der Erhöhung des Lebensstandards in breiten Bevölkerungsschichten. So stieg in Nord- und Mittelamerika die Fleischerzeugung von 35,7 Millionen Tonnen im Jahr 1990 auf 54,1 Millionen Tonnen im Jahr 2007. Mit der Nachfrage erhöhte sich auch die Konzentration in der Tierproduktion, die Zahl der kleinen bäuerlichen Einheiten nahm zugunsten von großen Tierfarmen ab. Da diese wirtschaftlich effektiver arbeiten, sind sie wesentlich besser in der Lage, die große Nachfrage billig zu bedienen. Viehzucht ist ein gigantisches Geschäft und die Macht der Industrie groß.

Die riesigen Schweinefarmen, um wieder zu den Schweinen zu kommen, bilden aber auch ein gigantisches Reservoir für Bakterien und Viren aller Art, die mit diesem enormen Angebot an potentiellen Wirtstieren ein wahrhaft paradiesisches Experimentierfeld vorfinden. Virologen vermuten, dass mit der Zahl der Schweine pro Herde auch die Gefahr der Verbreitung neuer Seuchen steigt. Der Mensch versucht mit der Gabe von Antibiotika und Impfungen gegenzusteuern. In den USA wird inzwischen fast flächendeckend gegen die Schweinegrippe vom Typ A (H1N1) geimpft. Bei dem oben genannten Ausbruch in North Carolina half das allerdings nicht, denn damals griff H3N2 an. Und so meinen Experten inzwischen auch, dass die vorsorgliche Impfung gegen das Virus nicht wirklich hilft, da dieses sich ständig verändert und so der Eindämmung letztlich entgeht. Viel schlimmer noch: Es kommt zunehmend zu Resistenzen.

Was ist mit Mexiko? Dort ist im letzten Jahr die Produktion von Schweinefleisch um 25% zurückgegangen. Dabei, so betonen die mexikanischen Schweinefarmer, ist der Verbrauch nicht gesunken. Es wird nur verstärkt Schweinefleisch aus den USA importiert, die hoch subventionierten Schweine aus dem Norden sind billiger. Das ist (wieder) ein Beispiel dafür, wie der reiche Norden die Produktion in ärmeren Ländern zerstört. Andererseits stellt sich angesichts dessen natürlich die Frage: Kam das „belastete“ Ausgangsmaterial Schwein für die Entstehung der neuen Grippe vielleicht aus dem Norden? Das soll jetzt keine weitere der schon unzählig zirkulierenden Verschwörungstheorien sein, sondern verweist nur auf eine einfache Verbreitungsmöglichkeit für Viren und Bakterien.Wo Tiere über halbe Kontinente gekarrt werden, braucht es nicht unbedingt Vögel oder Touristen für einen Ortswechsel von H1N1 & Co. Das geht auch ganz einfach mit einem Tiertransport. Der mag für die Schweine eine Strapaze sein, für die Viren ist er das mitnichten.

Man weiß bis heute nicht, wo genau die neue Influenza ausgebrochen ist. Inzwischen gibt es in Mexiko und den USA Berichte, bei dem vermutlich ersten Erkrankten handele es sich um einen Fünfjährigen. Edgar Hernández ist inzwischen wieder genesen, Tests hätten aber eine überstandene Influenza vom Typ A (H1N1) bestätigt. Der Junge stammt aus La Gloria im Bundesstaat Veracruz. In unmittelbarer Umgebung des Ortes befindet sich eine Niederlassung von Smithfield Foods, des größten Schweineverarbeitungskonzerns der Welt. Die Anwohner, so heißt es, hätten sich schon lange über den Gestank und die zahlreichen Fliegen beschwert. Die Behörden hätten aber nichts unternommen. Jetzt, nachdem in der Presse Gerüchte kolportiert werden, die Grippe sei von Smithfield ausgegangen, geht man plötzlich mit Pestiziden gegen die Fliegen vor. Nach Desinteresse und Untätigkeit in der Vergangenheit verfallen die Behörden jetzt in Aktionismus. Helfen wird es wohl eher nicht.. In La Gloria ist Berichten zufolge fast ein Drittel der Bewohner mit dem Virus infiziert.

Smithfield dementierte umgehend jegliche Verantwortung. Die eigenen Schweine seien untersucht worden, Krankheitszeichen waren nicht zu finden – angeblich.…

Im letzten Jahr hatte eine Kommission des Washingtoner Pew Research Center die industrielle Tierproduktion genauer unter die Lupe genommen. Die Kommissionsmitglieder berichteten nicht nur von den gesundheitlichen Gefahren aufgrund der ständigen „Zirkulation von Viren“, sondern auch von massiven Behinderungen ihrer Arbeit durch die Konzerne.[3] Die Konzerne halten sich gerne bedeckt, wenn es um die Bedingungen in ihren Produktionsstätten geht.

Dass die „neue“ Grippe eine „mexikanische“ wurde, ist sicherlich ein Zufall. Industrielle Massenproduktion von Tieren auf riesigen Farmen unter oft unhaltbaren hygienischen und in der Regel nicht artgerechten Bedingungen gibt es auch anderswo. Dass die Grippe jedoch in Mexiko so viele Opfer forderte, scheint eher kein Zufall zu sein.

Die toten Mexikaner

A/California/04/2009 A(H1N1) ist inzwischen um die Welt gereist, von Todesopfern wird allerdings bisher nur aus Mexiko berichtet. Bei dem einen Todesfall in den USA handelt es sich um ein mexikanisches Mädchen, das dort zu Besuch war. Wieso sterben nur Mexikaner an dieser Grippe? Eine Antwort darauf gibt es bisher nicht, die mexikanischen Behörden kündigten eine genaue Untersuchung aller Opfer an, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Man vermutet, das es sich um immungeschwächte Personen handele. Die hohe Zahl der Toten hänge mit der Gesundheit der Mexikaner zusammen, heißt es.[4] Sind Mexikaner kranker als andere? Es gibt noch keine Aussagen, aus welchen Schichten und Bevölkerungsgruppen die Todesopfer stammen, bisher ist ja nicht einmal klar, wie viele Grippetote es überhaupt gibt.

Wie also ist es um die Gesundheit der Mexikaner bestellt? Mexiko hat ein Gesundheitssystem, das von der Intention her gar nicht so schlecht ist. Beschäftigte genießen Versicherungsschutz über das staatliche IMSS (Instituto Nacional de Seguro Social). Darüber hinaus gibt es private Versicherungsmöglichkeiten. Inzwischen können beide Versicherungsformen auch kombiniert werden. Arbeitslose oder die Beschäftigten im tertiären Sektor, die von der Pflichtversicherung nicht erfasst sind, werden über ein Solidarprinzip quasi vom Staat versichert. Damit ist jedem Mexikaner – zumindest theoretisch – eine medizinische Grundversorgung gesichert. Die Qualität der Kliniken des öffentlichen Gesundheitswesens wird allerdings als sehr unterschiedlich eingeschätzt, so dass es vielen Mexikanern angebracht scheint, sich auch privat zu versichern. Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts fand bzw. findet in Mexiko eine Umstrukturierung des allgemein als sehr ineffektiv bewerteten Gesundheitswesens statt, deren Richtung klar auf die Privatisierung der Gesundheitsleistungen zielt. Die Zahl der privaten Kliniken steigt, und ihre Rolle beim Umgang mit der Grippeepidemie scheint recht eigenartig zu sein. Anfang der Woche berichtete eine Zeitung, auch die privaten Kliniken sollten nun die Zahl der Grippeerkrankungen und Todesfälle melden. Das verweist darauf, dass diese das bisher nicht taten. Nachvollziehbar ist ein solches Verhalten durchaus: Ein am Gewinn orientiertes Krankenhaus wird sich hüten mitzuteilen, es hätte „la influenza porcina“ im Haus – die Gefahr, dass die Patienten ausblieben, wäre zu groß.

Trotz der geschilderten theoretischen Absicherung einer medizinischen Grundversorgung für die mexikanische Bevölkerung ist das Gesundheitssystem des Landes nach wie vor höchst lückenhaft und ungerecht. Große Teile der mexikanischen Bevölkerung, Schätzungen gehen von 10 bis 15 Millionen aus, haben keinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung – das angestrebte Solidarprinzip versagt hier völlig.

So hängt die gesundheitliche Versorgung immer auch davon ab, wer man ist und wo man lebt. Die indigene Bevölkerung ist generell schlechter versorgt und hat auch eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung. Die Rate der Säuglingssterblichkeit im Land reicht von 3 je 1.000 Lebendgeburten in den höchsten Einkommensgruppen bis zu 103 in der Gruppe mit dem niedrigsten Einkommen. Jedes vierte Kind unter fünf Jahren ist zu klein für sein Alter. Für die Ärmsten stehen im Durchschnitt gerade einmal 5 Ärzte pro 1.000 Bewohner zur Verfügung, in reichen Regionen sind es fünfmal so viele. Nur jede zehnte Mutter aus den ärmsten Bevölkerungsschichten stellt ihr Kind im Krankheitsfall in einem Krankenhaus vor. Für die Ärmsten steht allerdings laut Statistik auch nur ein Klinik-Bett pro 100.000 Menschen zur Verfügung.[5]

Am Dienstag, dem 28. April, setzte die Bundesregierung sowohl in Mexiko-Stadt als auch im gesamten Bundesgebiet sogenannte Gesundheitskarawanen in Marsch. Diese sollen die Barrios an der Peripherie der Städte und andere der ärmsten Orte und Gebiete aufsuchen, um dort mögliche Fälle der Influenza aufzudecken und zu behandeln. Bisher wusste man offensichtlich nicht, was in diesen Vierteln und Regionen los ist.

Die Elendsviertel, die Quartiere der Armen waren von jeher Brutstätten von Seuchen. Die Menschen leben dort auf engstem Raum unter oft katastrophalen hygienischen Bedingungen. Die Bevölkerungsdichte in den Barrios von Mexiko-Stadt ist fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Stadt. Hinzu kommt der allgemein schlechtere Gesundheitszustand der Bewohner. Die einfachsten Ratschläge zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Grippevirus dürften in einem Slum weitgehend verpuffen. Wo Wasser von weit herangeschleppt werden muss, wird es wohl eher nicht für häufiges Händewaschen „verschwendet“. Die verzweifelten Maßnahmen der mexikanischen Regierung zur Verhinderung einer weiteren Ausbreitung der Epidemie, die Schließung von Museen, Kultureinrichtungen, Sportstätten, Schulen, berühren diese Viertel fast überhaupt nicht – solche Einrichtungen gibt es dort nämlich gar nicht.

Dabei sind die Bewohner dieser Barrios noch verhältnismäßig gut dran. Die mexikanische Hauptstadt hat die beste Versorgung mit Ärzten und Krankenhäusern im Land. Also könnte – rein theoretisch – dort eine schnelle Hilfe organisiert werden. In den entlegenen Gebieten z.B. in Chiapas sieht es schon ganz anders aus.

Es liegt also durchaus nahe, davon auszugehen, dass die Zahl der Grippefälle in Mexiko noch deutlich höher ist. Um die Kranken und Toten in den armen Regionen und Stadtvierteln hat sich vorher niemand gekümmert. Warum sollten sie jetzt „bestätigt“ werden?

Die Vermutung, die Zahl der Todesfälle hänge mit dem Gesundheitszustand der Mexikaner zusammen, hat also durchaus ihre Berechtigung. Von Amerika in die Welt geschleppt wurde die neue Grippe vornehmlich von Touristen. Die sind in der Regel in einer besseren gesundheitlichen Verfassung und haben auch bessere Behandlungsmöglichkeiten. Der Tod bleibt in Mexiko.

Alle Jahre wieder

Es mag immer wieder Warnungen geben, Hinweise, wie die Verbreitung einer gefährlichen Grippe zumindest minimiert werden kann. Jedoch scheint die Welt jedes Mal aufs Neue überrascht zu sein, wenn der „Fall X“ eintritt und ein neues Virus auf der Bildfläche erscheint. Die WHO setzt auf die Bekämpfung nach einem Ausbruch. Wenn das Virus identifiziert ist, wird die Bevölkerung mit Medikamenten behandelt. Das hat dann natürlicherweise die auch jetzt wieder zu beobachtenden Abschottungsmaßnahmen zur Folge.

In den reichen Ländern werden Medikamentenvorräte angelegt. Pandemiepläne der Regierungen können im Bedarfsfall hervorgeholt werden und suggerieren Sicherheit. Hier in Deutschland bekommen wir das jedenfalls ständig zu hören. Sehr viel wert scheinen diese Pläne aber nicht zu sein. Die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland wurde im Zuge der Gesundheitsreformen drastisch reduziert, ebenso die Zahl der Pflegekräfte. Deutsche Schwestern und Pfleger arbeiten schon in normalen Zeiten am Rande des Limits. Mehrere Hundert Überstunden sind keine Seltenheit, pro Person wohlgemerkt. Man kann sich also vorstellen, wie die Situation beim Ausbruch einer gefährlichen Grippe aussähe. Man verlässt sich wohl ein wenig darauf, dass schon nichts passieren wird.

Dabei sind die Bedingungen hierzulande vergleichsweise gut. Die Länder der sogenannten Dritten Welt haben gar nicht die Mittel, einen Vorrat an Medikamenten anzulegen. Zudem sind die Pharmaproduzenten nicht bereit, eine Generikaproduktion von Grippemedikamenten zuzulassen. Im Übrigen waren westliche Länder bei den Ausbrüchen der Vogelgrippe nicht einmal willens, den betroffenen asiatischen Staaten die Medikamente zur Impfung der Geflügelbestände zur Verfügung zu stellen. Das wäre nämlich unerlaubte Wirtschaftshilfe gewesen und hätte die eigenen Produzenten „benachteiligt“.

Es scheint fast, als sei man an einer Prävention nicht wirklich interessiert. Dazu würde auch und vor allem gehören, die Seuchenherde auszumerzen. Das hieße aber, die Tierproduktion, besonders die gigantischen Farmen, zu überwachen und zu kontrollieren. Und das wagen weder die WHO noch die Regierungen. In den armen Ländern sind die Regierungen in einer noch schwächeren Position gegenüber den Konzernen. Die mexikanische Regierung z.B. lässt die großen Konzerne im Land weitgehend ungehindert agieren. Der erwähnte Viehproduzent Smithfield Foods ist nur ein Beispiel.

Ob es sich nun um „Gammelfleisch“, mit Chemikalien verseuchte Lebensmittel oder um eine pandemische Influenza handelt, die Interessen solcher Wirtschaftsgiganten bestimmen letztlich auch darüber mit, wie nationale Behörden und internationale Organisationen mit potentiellen und realen Gefährdungen für die Gesundheit umgehen. Mike Davis, ein Soziologe aus den USA, sprach deshalb im Zusammenhang mit der mexikanischen Grippe von „Kapitalismus im Nasenloch“.[6]

Die mexikanischen Tageszeitung „Diario del Istmo“ zeigt sich weitsichtig, wenn sie die vor dem Land stehenden Aufgaben formuliert: Erst die Grippe zurückdrängen, dann die Armut. Eine gute Gesundheitsversorgung kann den Ausbruch einer neuen Influenza nicht verhindern, könnte aber helfen, die Folgen zu mindern.

Auch wenn die aktuelle Pandemie der Schweinegrippe verhältnismäßig harmlos bleibt, was zu hoffen ist; nicht alle werden sich über ihr Ende uneingeschränkt freuen können. Der Verkauf von Tamiflu ist sprunghaft angestiegen, der Schweizer Hersteller Roche vermeldete schon einen Engpass bei den Produktionskapazitäten. Die von den (westlichen) Regierungen angelegten Reserven werden bald aufgebraucht sein und müssen erneuert werden. Es wird also Tamiflu gebraucht, ganz ohne Schweinegrippe.

So gesehen hat selbst A/California/04/2009 A(H1N1) seine guten Seiten.

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[1] Stand 4. Mai 2009, 6:00 Uhr. Insgesamt haben 20 Länder 985 bestätigte Fälle gemeldet. http://www.who.int/csr/don/2009_05_04/en/index.html

[2] Davis, Mike: Kapitalismus im Nasenloch. In: WOZ Die Wochenzeitung. 30.04.2009. www.woz.ch/artikel/

[3] Vgl. ebenda

[4] Vgl. www.nuevatribuna.es

[5] Vgl. Barraza-Lloréns, Mariana: Addressing Inequity In Health And Health Care InMexico. http://content.healthaffairs.org

[6] Vgl. Davis, Mike: Kapitalismus im Nasenloch. In: WOZ Die Wochenzeitung. 30.04.2009. www.woz.ch/artikel/

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Quellen:

Barraza-Lloréns, Mariana: Addressing Inequity In Health And Health Care InMexico. http://content.healthaffairs.org

Davis, Mike: Kapitalismus im Nasenloch. In: WOZ Die Wochenzeitung. 30.04.2009. www.woz.ch/artikel/

Davis, Mike: Vogelgrippe. Assoziation A. Berlin/ Hamburg 2005.

Entrevista al secretario de salud, José Ángel Córdova Villalobos.http://portal.salud.gob.mx

www.milenio.com

www.aerzteblatt.de

Produce México 25% menos carne porcina en 2008. http://www.elsemanario.com.mx/news/news_display.php?story_id=14129

www. diariodelistmo.com

http://food.change.org/blog/view/la_gloria_mexico_smithfields_waste_dump


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