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Post aus Chiapas II

Autor:  | August 2006 | Artikel empfehlen

31. August 2006

¡Hola!, ¿como están?

Mexiko_Post_aus_Chiapas.jpgDer Aufenthalt in der Gemeinde „Der Fortschritt“ war eine sehr interessante Erfahrung für mich. Die Familien, die dort leben, waren uns gegenüber sehr aufgeschlossen und überaus freundlich. Bereits als wir ankamen, wurden wir sogleich von den vielen Kindern des Dorfes neugierig empfangen und zu unserem Compamento begleitet, in dem der Responsable bereits auf uns wartete. Die Gemeinde befindet sich auf dem Gebiet einer ehemaligen Finca im Municipio Yajalón in der Zona Norte von Chiapas. Es leben insgesamt 16 Familien dort, die entweder Tzetzal oder Chol sprechen. Die Männer, fast alle älteren Kinder und eine Frau sprechen zudem spanisch, was die Verständigung natürlich erheblich erleichtert hat und uns die Gelegenheit gab, unsere vielen Fragen loszuwerden. Da das Dorf sehr abgeschieden in einem Tal fern von der nächsten Landstraße liegt und auch auf Grund der spezifischen Konfliktlage, wurde die Aufgabe der Militärbeobachtung obsolet. Stattdessen hatten wir sehr viel Zeit in Kontakt mit den Menschen zu kommen: Während der Arbeit auf der Milpa, beim täglichen Zubereiten der Tortillas oder beim Spielen mit den Kindern. So haben wir viel über das Leben in der Gemeinde erfahren, neue Eindrücke gewonnen, die allerdings auch Fragen offenließen und manchmal erstaunten.

Geschichte des Konflikts

Die Familien leben und arbeiten bereits seit über 30 Jahren auf dem Gelände der Finca. Da die Besitzerin keine Erben hat, wird das Gebiet über insgesamt 57 Hektar nun auch nach der Schließung der Finca von den Familien weiter bestellt , die ehemals dort beschäftigt waren. 1998 beanspruchte einer der führenden Persönlichkeiten der paramilitärischen Organisation Pax y Justicia (P y J), Moscoso, das fruchtbare Land, ohne dass er bis heute gültige Kaufverträge vorweisen konnte.

1998 und 2000 kam es zur gewalttätigen Vertreibung der Dorfbewohner durch Paramilitärs mit der Unterstützung der staatlichen Sicherheitspolizei. Bei der zweiten Räumung entkamen die Familien zudem nur knapp einem Mordanschlag. Beide Male kehrten die Bewohner nach geraumer Zeit zurück, um die völlig zerstörte und niedergebrannte Gemeinde wieder aufzubauen.

Seit 2000 leben zudem weitere Familien, die mit der paramilitärischen Organisation sympathisieren, auf dem Gebiet der ehemaligen Finca. An diese vergab Moscoso 25 Hektar des Landes, was ihm gleichzeitig die Möglichkeit gab, seinen Einfluss auf das Gebiet unmittelbar und dauerhaft auszuüben. Bis 2005 kam es immer wieder zu Bedrohungen und Repressionen unterschiedlichster Art gegenüber den Dorfbewohnern. Letztmalig versuchte Moscoso 2005 mit Hilfe eines Mittlers, dem er Teile des Landes versprach, eine weitere gewalttätige Auseinandersetzung zu provozieren, was die Menschen der Gemeinde allerdings vereiteln konnten.

In einem ordentlichen Gerichtsverfahren, das bis Mitte Mai 2006 vor dem Gericht in Tuxtla Gutiérrez stattfand, konnten die Besitzverhältnisse geklärt werden. Unterstützt wurden die Familien dabei durch die Besitzerin, zu der sie noch immer ein gutes Verhältnis haben. Auch der Umstand, dass Moscoso nicht vor dem Gericht erschien, trug schließlich zum abschließenden Urteil bei. Seit der Anwesenheit der MenschenrechtsbeobachterInnen seit März diesen Jahres kam es zu keinen weiteren Bedrohungen gegenüber den Menschen der Gemeinde. Auch haben diese nach Klärung der Besitzverhältnisse beschlossen, das besetzte Land von den mit Pax y Justicia sympathisierenden Familien nicht zurückzufordern, um keine weiteren Konflikte zu provozieren. So vermeiden die verschiedenen Gruppen zwar weitestgehend den Kontakt zueinander, leben aber in relativer Ruhe. Beispielsweise nutzten die Dorfbewohner auch die Camionetas (Jeeps zur Personenbeförderung) und den kleinen Laden der Sympathisanten von P y J.

Politikverständnis und Organisation der Gemeinde

Die Gemeinde war zwischen 1994 und 1998 der zapatistischen Bewegung angeschlossen. Auf Grund der schwierigen ökonomischen Lage nahmen einige Familien 1998 Regierungsgelder an, weshalb die gesamte Gemeinde zunächst für ein Jahr von den Zapatisten ausgeschlossen wurde.

Auf Grund des Landkonflikts und mangelnder Kapazitäten, neben der Eigenversorgung auch in den zapatistischen Kollektiven und Verwaltungsstrukturen mitzuarbeiten, beschlossen die Bewohner kollektiv, auch nach dem Jahr Bedenkzeit weiterhin staatliche Unterstützung zu beziehen. Dieser Umstand führte dazu, dass die Gemeinde nun dauerhaft aus den zapatistischen Selbstverwaltungsstrukturen ausgeschlossen bleibt. Dennoch sympathisieren die Bewohner auch weiterhin mit der zapatistischen Bewegung und unterstützen die umliegenden zapatistischen Gemeinden ab und an mit Ernteüberschüssen oder ihrer Arbeitskraft.

Weiterhin organisieren sich die Familien in der Campesin@organisation OPEZ historia, die sich ausschließlich mit Landkonflikten beschäftigt und mit deren Hilfe der Gerichtsprozess um den Landkonflikt organisiert wurde.

Die Wahlberechtigten der Gemeinde unterstützen die staatlichen Parteien, von denen sie sich eine Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation, insbesondere der schlechten Wasserqualität, versprechen. Auch bemühen sie sich derzeit um die Teilnahme an einem Regierungsprogramm, durch das auf die nächsten zwei Jahre die Pacht für das Land finanziert werden soll.

Wirtschaftliche Bedingungen

Die Familien bewirtschaften ausschließlich zur Selbstversorgung das Land, auf dem zum größten Teil Mais und Bohnen im ökologisch angebaut werden. Zudem bietet die nahe Umgebung eine Vielfalt an Obst und weiteren Nahrungsmitteln. Geerntet wird zweimal pro Jahr, sodass es im Normalfall keine Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung gibt. Überschüsse der Ernte werden nur sporadisch in der nahegelegenen Stadt verkauft oder als Unterstützung an zapatistische Gemeinden weitergereicht. Als weitere Geldquelle haben einige Männer eine Nebenbeschäftigung in der Grundschule im Nachbarort. Es besteht ein traditionelles Rollenverständnis zwischen den Männern und Frauen der Gemeinde. Die Arbeit auf den Milpas ist ausschließlich den Männern und Söhnen vorbehalten, während die Frauen und älteren Töchter die meiste Zeit des Tages mit der Zubereitung der Tortillas und der Kinderbetreuung beschäftigt sind.

Gesundheit und Hygiene

Auf Grund der miserablen Wasserqualität und der schlechten hygienischen Bedingungen haben vor allem die jüngsten Kinder Probleme mit Amöben, was sich an ihren überdimensionalen dicken Bäuchen zeigt. Hinzu kommt, dass überall der Plastikmüll von Eis- und Chipstüten in der Gegend liegt, mit denen die Kinder spielen. Auch gibt es (außer für die Campamentist@s) keine Latrinen. Die Badestellen werden sowohl zum Wäsche waschen mit den herkömmlichen Waschmitteln als auch zum Baden genutzt, was die Wassersituation für die nachfolgenden Gemeinden allerdings stark verschlechtert. Zumindest das Trinkwasser für die Menschen dieser Gemeinde wird an einer höher liegenden Stelle des Baches entnommen.

Zwar gibt es im Municiplo Yajalón eine Gesundheitsstation, allerdings nutzen die Menschen überwiegend traditionelle Heiler aus der Umgebung. Beispielsweise hatte bei unserem Aufenthalt ein Kind einen Armbruch, der von einem Knochenheiler behandelt wurde. Allerdings ist der Arm schief zusammengewachsen, weshalb der Junge ihn nur noch sehr eingeschränkt gebrauchen kann.

Familienplanung und Verhütung werden nicht thematisiert, so dass die Frauen durchschnittlich fünf bis zehn Kinder aufziehen.

Bildung

In der Nachbargemeinde befindet sich eine staatliche Grundschule, die alle Kinder des Dorfes sechs Jahre besuchen. Der Lehrer ist aus der Region, unterrichtet wird allerdings ausschließlich in Spanisch. Die Unterrichtsfächer sind Spanisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Geografie. Themen, die sich auf die unmittelbare Lebenssituation beziehen, wie Tradition und Kultur, Hygiene, Gesundheit oder der Umgang mit der Umwelt werden allerdings nicht behandelt.

In Yajalón gibt es zudem eine Secundaria, die von zwei älteren Jungen besucht wird. Die Mädchen erhalten in der Regel nur die sechs Jahre Grundschulbildung.

Generell ist die allgemeine Bildung, vor allem zu politischen Themen wie Menschenrechte und Empowerment durch Selbstorganisation in der Gemeinde sehr gering. Das mich sehr verwundert, war die Gemeinde immerhin vor acht Jahren noch zapatistisch organisiert. Die Kinder machen z.B. keinen Unterschied zwischen den Zapatisten und den Sympathisanten von Pax y Justicia, kennen dagegen aber die Wahlpropaganda der Parteien auswendig.

Rolle von Traditionen und Kultur

Neben dem traditionellen Rollenverständnis zwischen Mann und Frau bezüglich Arbeitsteilung, Bildungsgrad und politischer Beteiligung spielt die indigene Kultur nur noch eine marginale Rolle. Nur die ältesten Frauen der Gemeinde tragen noch die typischen Trachten. Vielmehr dominiert das wirtschaftliche Selbstverständnis als Campesin@s das Alltagsleben.

Die Mädchen werden zwischen 13 und 18 Jahren verheiratet, die Männer ungefähr mit 20 Jahren. Meistens ziehen die Frauen nach der Heirat in das Heimatdorf des Mannes, da die Frauen selbst keinen Mitbesitz am Land der Familie haben.

Die Menschen sind Katholiken, allerdings gibt es in der Gemeinde keine eigene Kirche, sodass wir kaum etwas von der Bedeutung der Religion im Alltag erfahren konnten.

Fraglich ist, inwieweit die traditionellen Sprachen Chol und Tzetzal auf lange Sicht bestehen bleiben. Da in der Schule ausschließlich Spanisch unterrichtet wird, hatten die Kinder teilweise große Mühe, Wörter in den traditionellen Sprachen zu schreiben.

Drogen und Gewalt

In der Gemeinde wird Alkohol konsumiert, was zumindest in einem Fall häusliche Gewalt gegenüber der Ehefrau nach sich zog. Die Frau trägt an ihrem Hals drei sehr große und tiefe Narben, die ihr nach eigenen Angaben ihr Mann zugefügt hat.

Abschließendende Bemerkungen

Im Vergleich zu den Berichten anderer BeobachterInnen aus anderen Gegenden ist das Leben in der Gemeinde derzeit recht friedlich, auch wenn es sich nur schwer einschätzen lässt, wie die Situation ohne die Anwesenheit der MenschenrechtsbeobachterInnen aussehen würde. Fraglich ist zudem, wie die Pacht für das Land bestritten werden soll, sollte die Regierung nicht die Zahlungen übernehmen, bzw. nach zwei Jahren beenden. Dies vor allem, da die Gemeinde den Anbau vorrangig zur Selbstversorgung nutzt und auch sonst keine weitere produkrive Arbeit betreibt.

Die Lise+Lotte


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1 Kommentar zu “Post aus Chiapas II”

  1. Lukas Ehrmann vom 21. Februar 2010 - 00:04 Uhr

    Hallo,
    ich finde es sehr gut und es ist auch notwendig, Menschen die in Frieden und sehr guten Lebensstandart leben, darüber zu informieren wie es Bewohnern in Gebieten des wirtschaftlichen und leisen Krieges tatsächlich geht!!!
    All diese Unruhen und gewahltvollen Vertreibungen basieren auf Weltwirtschaftlichen handel, der die Menschlichkeit verträngt, um den Standart der Industrieländer zu erweitern!!!
    Das ist unsere neue Welt der Globalisation!!!!!!
    Ich bin aus Deutschland und wohne mit meiner Frau seit 4 Monaten in Guadalajara in Mexiko. Wir haben vor, in kurzer Zeit nach Chiapas, San Christobal zu ziehen. Ich interessier mich sehr für die Lage der Indigenas in Chiapas.
    Ich würde mich sehr über mehr Informationen über Sie und Ihre Organisation erfahren.
    Grüsse aus Mexiko
    Lukas Ehrmann

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