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NAFTA und die Folgen (II): NAFTAmerika – Was hat Mexiko mit Nordamerika zu tun?

Autor:  | Dezember 2016 | Artikel empfehlen

Landkarte USA und Mexiko - Karte: University of Texas at AustinVor 1994 verband sich mit der Bezeichnung „Nordamerika“ die Vorstellung eines Kontinents, der von der Südgrenze der USA, dem Rio Grande (in Mexiko: Rio Bravo del Norte) bis nach Alaska im arktischen Norden reicht. Mit dem Inkrafttreten der Nordamerikanischen Freihandelszone am 1. Januar 1994, die von Anfang an Mexiko einschloss, beansprucht nicht nur ein erweitertes Konzept von Nordamerika Geltung, sondern es begann zugleich ein Prozess der Regionalisierung in diesem neuen, erweiterten Rahmen. Anders als in Europa ging dieser regionalen Rekonfiguration nicht der Zusammenbruch eines Staatensystems wie in Osteuropa oder den Aufstieg neuer Mächte wie in Asien voraus. Weder politische Veränderungen im Sinne eines Linksrucks wie in Südamerika noch Regionalkonflikte wie im Nahen Osten haben Nordamerika rekonfiguriert. Des Rätsels Lösung liegt darin begründet, dass Mexiko, das wie Grönland geographisch zu Nordamerika gehört, nun auch regionalpolitisch „genordet“ wurde. Dem lag ein grundsätzlicher Richtungswechsel zugrunde, den die herrschenden Eliten Mexikos nach dem Ausbruch der Schuldenkrise 1982 eingeleitet hatten. Die damals begonnene Neoliberalisierung des Landes mündete 1994 in der Eingliederung Mexikos in die bereits bestehende Freihandelszone aus USA und Kanada. (Boris 1996)

Nordamerikanisierung versus Mexikanisierung

Mit dem Beitritt Mexikos zur NAFTA ist Nordamerika geoökonomisch und geopolitisch neu definiert worden. Dies gilt aber im Umkehrschluss auch für Mexiko. In beiden Fällen stellt sich die Frage, welche Konsequenzen mit dieser doppelten Rekonfiguration verbunden sind. Oder anders formuliert: Inwieweit wird Nordamerika durch NAFTA (weiter) „mexikanisiert“, und wie verträgt sich die geoökonomische (Freihandelszone) bzw. geopolitische „Nordamerikanisierung“ (Sicherheitszone) Mexikos mit dessen historisch-kultureller Identität als (nördlicher) Teil Lateinamerikas? Die daraus resultierenden Widersprüche geben sowohl Mexiko als auch Nordamerika ein neues Profil, wobei offen ist, wie diese Interaktion ausgehen wird.

Beginnen wir mit Mexiko. Einerseits gehört das Land historisch, kulturell und demographisch zu den Kerngebieten Lateinamerikas – eine Stellung, die bis in die vorkoloniale Zeit zurückreicht, als der Kulturraum Mesoamerika neben dem zentralen Andenraum Heimat der alt-amerikanischen Hochkulturen war. Zugleich ist Mexiko durch eine innere Nord-Süd-Teilung charakterisiert, die nicht zuletzt Resultat einer „Nordamerikanisierung“ ist, die weit vor NAFTA begonnen und ebenfalls vorkoloniale Wurzeln hat. Während Zentral- und Südmexiko wie auch die Maya-Staaten vor der spanischen Eroberung zu Mesoamerika gehörten, waren die Gebiete nördlich davon dünn besiedelte Landstriche, wo in einigen Flussoasen Ackerbau getrieben wurde, ansonsten aber nomadische Stämme von der Jagd und Sammelwirtschaft lebten. Zwar verschob sich in der Kolonialzeit die mexikanische „Indianer-Grenze“ schrittweise nach Norden, ohne dass sich der Status Nordmexikos als Rand- und Pufferzone grundsätzlich änderte. Als unabhängiger Staat (seit 1821) reichte Mexiko bis weit nach Nordamerika hinein. Große Teile (die heutigen US-Bundesstaaten Kalifornien, New Mexiko, Arizona, Texas und angrenzende Gebiete) fielen nach der Niederlage Mexikos im Krieg gegen die USA (1846-1848) an letztere. Der NAFTA-Beitritt hat die Nord-Süd-Teilung innerhalb Mexikos weiter vertieft, wobei inzwischen der Norden als der modernere, wohlhabendere, dynamischere und stärker nordamerikanisch geprägte Teil gilt. Die Paradoxie besteht nun darin, dass selbst die vielen Millionen mexikanischer Migranten (Tabelle 4), die in den USA leben und arbeiten, ihre kulturelle Identität bewahren konnten und nun ihrerseits große Teile der USA (zusammen mit Migranten aus anderen Ländern Lateinamerikas) „latinisieren“.

Mexiko: Vorsicht Migranten - Foto: Jonathan McIntosh2010 lebten fast 32 Mio. Mexikaner in den USA, die mit 63 Prozent die größte Gruppe unter den mehr als 50 Mio. Latinos bzw. Hispanics bildeten. Von den „US-Mexikanern“, die 11 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, wurden etwa zwei Drittel in den Vereinigten Staaten geboren. Entgegen den ursprünglichen Erwartungen, die sich an NAFTA knüpften, hatte die Migration aus Mexiko nach 1994 nicht abgenommen. 2007 erreichte die Zahl der mexikanischen Immigranten mit 12,8 Mio. ihren Höhepunkt und fiel dann infolge der Wirtschaftskrise bis 2014 auf 11,7 Mio. Etwa die Hälfte der Immigranten aus dem südlichsten NAFTA-Land sind „Illegale“, die ohne Erlaubnis der US-Behörden eingewandert sind (alle Angaben aus: U.S. Census Bureau: The Hispanic Population: 2010. Washington D.C., May 2011).

 

Tabelle 5: Mexikanische Inmigranten in den USA
  1970 1995 2000 2007 2014
Insgesamt (1) 0,76 Mio. 7,0 Mio. 9,4 Mio. 12,8 Mio. 11,7 Mio.
ohne Erlaubnis der Behörden (2) k.A. 2,9 Mio. 4,5 Mio. 6,9 Mio. 5,6 Mio.
Anteil von (2) an (1) k.A. 42 48 54 48
Quelle: Pew Research Center: More Mexicans Leaving Than Coming to the U.S. Washington D.C., November 2015, S. 7-13

 

 

Die große Anzahl der Migranten aus Mexiko resultiert in erster Linie aus dem Wohlstandgefälle gegenüber den USA, das ungeachtet der Wachstumsimpulse, die von NAFTA ausgingen, nach wie vor besteht. Eine entscheidende Quelle für den Migrantenstrom aus dem Süden ist der Verlust von mehr als einer Million Arbeitsplätze, der durch das Freihandelsabkommen in der mexikanischen Landwirtschaft verursacht wurde. Dass heute immer noch mehr als fünf Millionen Mexikaner ohne behördliche Genehmigung in den USA leben müssen, verweist auf einen entscheidenden Geburtsfehler von NAFTA: Der freie Verkehr bezieht sich lediglich auf Waren, Dienstleistungen und Kapital, schließt aber Menschen aus. Statt das Migrationsproblem politisch zu regeln, wie es Vicente Fox vor 9/11 eingefordert hatte, setzt Washington lieber auf  homeland security und smart border, um die Süd-Nord-Migration in seinem Sinne einzudämmen und zu kontrollieren.

Das mexikanische Dilemma Washingtons

Das Migrationsproblem verweist auf das zentrale Dilemma, dem sich die USA an ihrer Südgrenze gegenüber sehen. Einerseits hat die Bedeutung Mexikos im Laufe der letzten 200 Jahre immer weiter zugenommen, andererseits hat dies den USA immer wieder und immer mehr besondere Probleme bereitet (Ashby 2014:77, 104-117, 154): Seine 3.144 km langen gemeinsamen Grenze verleiht Mexiko – wie auch Kanada – eine „natürliche“ Bedeutung gegenüber den USA, die sonst kein Land besitzt. Aber anders als Kanada mit seiner „ruhigen“ Grenze ist Mexiko in der Vergangenheit für Washington oft ein unruhiger, instabiler oder unbequemer Nachbar gewesen. Dies hängt aufs engste mit dem Wohlstandgefälle zusammen, das zugleich die Ursache dafür ist, dass nicht nur zahlreiche Mexikaner, sondern auch Millionen von Zentral- und Südamerikanern über die Grenze ins „gelobte Land“ nördlich des Rio Grande gelangen wollen. Last but not least stellt die lateinamerikanische Identität Mexikos (und der Migranten, die über Mexiko einwandern) eine brisante Herausforderung für die USA dar. Der hier beschriebene Sonderstatus Mexikos hat seinen Ausgangspunkt in der kontinentalen Westexpansion der USA, in deren Ergebnis die beiden Länder Nordamerikas erst zu unmittelbaren Nachbarn wurden. Bevor die Grenze mit dem Madsden-Purchase 1853 endgültig in ihrem heutigen Verlauf festgelegt wurde, hatten die USA im Krieg 1846-48 ihrem südlichen Nachbar die Hälfte seines damaligen Territoriums entrissen.

Mit dem Aufstieg der USA zur großkaribischen Hegemonialmacht im Ergebnis des Krieges gegen Spanien (1898) erlangte Mexiko in diesem veränderten geopolitischen Kontext eine qualitativ neue Bedeutung. Das Fundament für die dauerhafte ökonomische Abhängigkeit von den USA wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts gelegt. 1910 stammten 56 Prozent der mexikanischen Importe aus den USA, während 80 Prozent der mexikanischen Exporte dorthin gingen (Depkat 2008:104). Die mexikanische Revolution (1910-1920) und insonderheit die Verstaatlichung der Erdölfirmen durch den Reformpräsidenten Lazaro Cardenas 1938 forderten die USA in besonderem Maße heraus. Die Gefahr des heraufziehenden Krieges in Europa veranlasste Franklin Roosevelt jedoch, auf eine Intervention zu verzichten. Während des Zweiten Weltkrieges und danach lieferte Mexiko dem großen Nachbarn im Norden neben Waren und Rohstoffen auch dringend benötigte Arbeitskräfte.

Zum dritten erfuhr Mexiko mit der Bildung der Nordamerikanischen Freihandelszone eine weitere Steigerung seiner Bedeutung für die USA. Aber bereits der Zapatistische Aufstand in Chiapas, der durch das Inkrafttreten von NAFTA am 1. Januar 1994 ausgelöst worden war, signalisierte die daraus resultierenden Probleme und Widersprüche. Der 2006 ausgebrochene Drogenkrieg und die damit verbundene Destabilisierung Mexikos ließen das Land auf der sicherheitspolitischen Prioritätenliste der USA noch weiter nach oben rücken.

Die aus diesen Prozessen resultierende Stellung Mexikos lässt sich am besten als geopolitisches Scharnier beschreiben, das einerseits eine handels-, sicherheits- und migrationspolitisch stark „nordamerikanisierte“ Seite hat, andererseits historisch, kulturell und demographisch weiterhin in Lateinamerika verankert ist. Aus der Perspektive der Regionalisierung Nordamerikas gestaltet sich diese Zwitterstellung Mexikos höchst ambivalent: Unter handelspolitischen Gesichtspunkten mag Mexikos Einbindung in NAFTA ein Gewinn gewesen sein, unter sicherheitspolitischen Aspekten stellt das Land eher ein großes Risiko dar. Wenn man zudem berücksichtigt, dass das große NAFTA-Versprechen, Mexiko zu einem Land der Ersten Welt zu machen, nicht in Erfüllung gegangen ist und sich stattdessen die Nord-Süd-Teilung des Landes weiter vertieft hat, dann kann es nur eine Antwort geben: Mexiko hat durch NAFTA ökonomisch mehr verloren als gewonnen.

In sicherheitspolitischer Hinsicht fällt die Bilanz sowohl für Mexiko als auch für NAFTA noch deprimierender aus: Der seit 2006 tobende Drogenkrieg hat das Land in eine tiefe Krise gestürzt, und manche Beobachter zählen es bereits zu den failing states. Was aus der Sicht der meisten Mexikaner eine Katastrophe darstellt, ist für die USA und damit auch für NAFTA mehr als nur ein Sicherheitsrisiko. Da die mexikanische Krise, wie oben bereits angedeutet, strukturelle Gründe hat, die durch NAFTA eher verschärft als gemindert werden, ist Mexiko in der Kette der drei NAFTA-Länder das schwächste Glied. Dies ist auch ein entscheidender Grund, warum der Fokus der „NAFTA-land Security“ auf Mexiko gerichtet ist.

Mexiko im Fokus der „NAFTA-land Security“

Mexiko: Armee - Foto: Oriana ElicabeDamit liefert Mexiko zugleich den Schlüssel zum Verständnis der sicherheitspolitischen Regionalisierung des NAFTA-Raumes und darüber hinaus, was sich in vier Punkten zusammenfassen lässt:

Erstens ergibt sich die Notwendigkeit der Einbindung Mexikos in die sicherheitspolitische Integration Nordamerikas aus der Kombination von drei Faktoren. Die strukturelle Basis bildet die 1994 besiegelte Zugehörigkeit des Landes zu NAFTA, die damals noch auf eine Freihandelszone beschränkt war. Die Reaktion der USA auf 9/11 änderte den Charakter der NAFTA-Zone grundlegend, indem Washington nunmehr die sicherheitspolitische Regionalisierung Nordamerikas ins Zentrum der regionalen Agenda rückte. Den dritten Faktor stellt die akute Sicherheitskrise dar, die in Verbindung mit den bestehenden Defiziten mexikanischer Staatlichkeit das Land zum schwächsten Glied der „NAFTA-Kette“ werden lässt.

Aus dieser Kombination leiten sich zweitens die sicherheitspolitischen Prioritäten Washingtons gegenüber Mexiko ab. Auf der offiziellen Agenda Washingtons stehen drei Problemfelder ganz oben: der internationale Terrorismus, das Vordringen der organisierten Kriminalität und die illegale Migration in die USA. Oberstes Ziel bei der Bekämpfung dieser drei Gefahrenquellen sind der Schutz von „NAFTA-land“ auf regionaler Ebene und des Territoriums der USA auf der nationalen Ebene. Gegenüber Mexiko bedeutet dies, eine möglichst umfassende Implementierung der US-Homeland Security Perimeter zu erreichen, dem jedoch sowohl strukturelle (seitens Mexikos) als auch finanzielle Grenzen (seitens Washingtons) entgegenstehen. Zu den Merkmalen Mexikos als schwächstes NAFTA-Glied gehören aus der Sicht der USA neben den herkömmlichen Defiziten (Korruption, Klientelismus, Straflosigkeit, Gewalt, innere Nord-Süd-Teilung, Wohlstandsgefälle gegenüber den USA und Kanada) auch die Existenz und das Wirken sozialer bzw. politischer Widerstandsbewegungen, die vor allem im Zentrum und Süden Mexikos bedeutsam sind. Die Zapatisten in Chiapas zählen dabei wohl zu den international bekanntesten. Unter dem Deckmantel der offiziellen sicherheitspolitischen Agenda kann sich der mexikanische Staat deshalb bei der Bekämpfung dieser Bewegungen der Hilfe und Unterstützung Washingtons gewiss sein.

Drittens lässt sich seit 9/11 eine zunehmende Securization und – daran anknüpfend – Militarisierung der bilateralen Beziehungen Mexikos zu den USA beobachten. Für die Darstellung der Gründe, Muster und Ziele dieser Entwicklung eignet sich die Merida-Initiative besonders gut. Die bilaterale Kooperation zwischen den beiden Ländern versteht sich als entscheidender Beitrag der Konzipierung und Umsetzung der sicherheitspolitischen Regionalisierung im Rahmen der NAFTA. Unmittelbarer Anlass für die Merida-Initiative war der 2006 ausgebrochene mexikanische Drogenkrieg, dessen Gewaltbilanz 2011 ihren Höhepunkt erreichte und der bis heute mehr als 100.000 Tote gefordert hat. Von der Zerschlagung der kolumbianischen Drogenkartelle von Medellín und Calí in den 1990er Jahre profitierten in erster Linie deren mexikanischen Partner und Konkurrenten, die neben dem Anbau und der Vermarktung von heimischem Marihuana auf den Transit des Kokains von Kolumbien in die USA spezialisiert waren. Ein deutliches Zeichen für die beherrschende Macht- und Marktstellung der mexikanischen Kartelle ist die Verlagerung der Transitrouten von der Karibik auf die mittelamerikanische Landbrücke, die sich zwischen Kolumbien und den USA erstreckt. Über diese neuen Routen, die hauptsächlich von zehn mexikanischen Kartellen kontrolliert werden, laufen inzwischen etwa 80 Prozent der für den US-Markt bestimmten Drogen. Inzwischen ist Mexiko auch zum Produzenten von Heroin und Methamphetamin „aufgestiegen“. Für die USA und damit auch für „NAFTA-land“ hat sich Mexiko zu einem zentralen Sicherheitsproblem entwickelt.

Als Hauptinstrument für dessen Lösung wurde 2007 im Zeichen der shared responsibility die Merida-Initiative aus der Taufe gehoben. Über verschiedene Programme haben die USA von 2008 bis 2015 mehr als 2,5 Mrd. US-Dollar bereitgestellt, der Anteil Mexikos an entsprechenden Maßnahmen soll sich auf das 10fache belaufen.

Die Fixierung auf das Drogenproblem und der Umstand, dass das Konzept der Merida-Initiative auf dem Plan Colombia von 2000 aufbaut, werfen viertens Fragen auf, die vor allem von Menschen­rechtsaktivisten und den Vertretern sozialer Bewegungen thematisiert werden: Inwiefern dienen die Merida-Initiative im Speziellen, in diesem Kontext auch oft als Plan México bezeichnet, und die sicherheitspolitische Regionalisierung im Allgemeinen Zielen, die weit über die Bekämpfung des Drogenproblems und der damit verbundenen Gewalt hinaus gehen? Ist die an US-Interessen ausgerichtete „NAFTA-land Security“ tatsächlich geeignet, diese Probleme zu lösen oder sind diese nicht eher Teil des Problems? Mehr noch: Liefert das ganze Spektakel um den „war on drugs“ nicht einen hervorragenden Vorwand, um die wachsende Militarisierung der mexikanischen Gesellschaft sowie die Kriminalisierung der sozialen und politischen Protestbewegungen nicht nur voranzutreiben, sondern zudem noch zu verdecken?

Der Drogenkrieg als „Trojanisches Pferd“ der Aufstandsbekämpfung

Mexiko: Jaime Gonzalez Duran von der Drogenmiliz Los Zetas - Foto: Presidencia de la República MexicoAnhand des mexikanischen Drogenkrieges und der dabei zur Anwendung kommenden Strategien, die paradigmatisch durch die Merida-Initiative verkörpert werden, lassen sich der Doppelcharakter der sicherheitspolitischen Regionalisierung Nordamerikas und die daraus resultierenden Widersprüche besonders anschaulich offenlegen. Einerseits sehen die USA im Drogenhandel und der mit ihm verbundenen Gewalt eine solch gefährliche Bedrohung ihrer Sicherheit, dass sie diesem Übel bereits in den 1970er Jahren den Krieg erklärt haben. Andererseits sind alle bisher praktizierten Strategien, die auf Militarisierung und Bekämpfung der Produzenten gesetzt haben, gescheitert. Wenn der war on drugs von Washington trotzdem weitergeführt und im Falle Mexikos sogar noch intensiviert wird, dann stellt sich die Frage, welche Absichten und Ziele tatsächlich verfolgt werden.

Für die Suche nach einer Antwort liefert die Merida-Initiative, die im Laufe der Jahre angepasst und verfeinert wurde, selbst reichlich Material und Argumente. Mit einer präzisierten Strategie unter der Bezeichnung Beyond Merida, die auf vier Eckpfeilern beruht, wurde die sicherheitspolitische Kooperation im Mai 2013 von Barack Obama und seinem 2012 gewählten Amtskollegen Enrique Peña Nieto intensiviert und vorangetrieben. Der erste Pfeiler zielt auf die Zerschlagung der Strukturen der organisierten Kriminalität, der zweite dient der Institutionalisierung des Rechtsstaates, drittens soll eine „Grenze des 21. Jahrhunderts“ errichtet werden, und der vierte Pfeiler beinhaltet die Stärkung zivilgesellschaftlich organisierter Gemeinschaften. Während in der ersten Phase der Merida-Initiative die Lieferung militärischer Ausrüstungen (Waffen, Helikopter, Kommunikationstechnik etc.) im Vordergrund stand, setzt „Beyond Merida“ stärker auf den Auf- und Ausbau von Institutionen.

Auf diese Weise soll nicht nur die Drogenkriminalität besser bekämpft, sondern generell das Gewaltmonopol des Staates durchgesetzt werden. Die Professionalisierung der Sicherheitsapparate, der Ausbau des Grenzregimes, die Bekämpfung der Korruption und die Durchsetzung rechtsstaatlicher Normen dienen der Implementierung von Sicherheitsstandards, die mit denen der US-Homeland Security kompatibel sind. Die dafür erforderliche Kooperation zwischen beiden Ländern öffnet zugleich neue Zugänge für die Ausweitung des Aktionsradius diverser US-Institutionen auf Mexiko und darüber hinaus. In der Praxis dient der Drogenkrieg á la Merida in dreifacher Hinsicht als „neoliberales Trojanisches Pferd“ (Paley 2015): Zur Bekämpfung und Kriminalisierung sozialer und politischer Protestbewegungen, zum Schutz von Megaprojekten und Investitionen, die von transnationalen Unternehmen getätigt werden, sowie zur geopolitischen Absicherung der regionalen Vormachtstellung der USA. Erleichtert wird die „Vermischung“ von Drogenkrieg, Repression und Aufstandsbekämpfung durch hybride Wortschöpfungen wie „Narco-Guerilla“ oder criminal insurgency.  

Paradigmatisch für die Instrumentalisierung des Drogenkrieges ist der Fall der 43 Studenten aus Ayotzinapa, die in Iguala (Bundesstaat Guerrero) am 26. September 2014 gewaltsam entführt wurden und bis heute verschwunden sind. In das grausame Verbrechen sind nachweislich der Bürgermeister des Ortes, die lokale Polizei, die Bundespolizei und kriminelle Drogenbanden (narcos) verwickelt. Aus der Sicht der Angehörigen der Opfer, die von den meisten Mexikanern geteilt wird, ist der Staat selbst Akteur dieses und zahlreicher anderer Verbrechen.  

Vier gravierende Argumente sprechen also dafür, das sicherheitspolitische Gesamtkonzept, das hinter der Merida-Initiative steht, grundsätzlich in Frage zu stellen: Erstens sind die Erfolge bei der Drogen- und Gewaltbekämpfung bislang minimal. So konstatiert ein Bericht des State Department, dass 2013 lediglich zwei Prozent des Kokains, das über die Transitrouten Mexikos nach Norden transportiert wurde, von den Behörden des Landes beschlagnahmt werden konnten. Zweitens wird der war on drugs instrumentalisiert, um den Widerstand, der sich infolge der neoliberalen Politik regt, zu unterdrücken. Ein deutliches Indiz stellt die erschreckend hohe Zahl an Menschenrechts­verletzungen dar, die von Angehörigen der staatlichen Sicherheitskräfte begangen werden. Drittens blendet das Konzept der „NAFTA-land Security“ die sozialen und ökonomischen Ursachen der mexikanischen „Sicherheitskrise“, die im Kern eine Staatskrise ist, aus. Dies fängt bei den ökonomischen Anreizen des Drogenhandels an, führt über die Gründe, die viele Menschen in die Migration treiben, bis hin zu den Folgen der Neoliberalisierung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viertens lässt die derzeitige Sicherheitspolitik jene Ursachen außen vor, die in den USA selbst beheimatet sind. Dazu zählt nicht nur die Tatsache, dass der US-Drogenmarkt erst jene Nachfrage erzeugt, die die Drogen- und Menschenhändler Gewinn bringend zu bedienen suchen. Überdies stammen etwa 70 Prozent der Waffen, über die die Drogenkartelle verfügen, aus den USA. Im weiteren Kontext wären dann noch jene Auswirkungen zu diskutieren, die das auf die USA zugeschnittene NAFTA-Projekt, auf die mexikanische Gesellschaft hat.

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Will man die eingangs gestellte Frage beantworten, was Mexiko mit Nordamerika verbindet, dann lassen sich zusammenfassend folgende Punkte nennen: Erstens gehört Mexiko geographisch zu Nordamerika, und sein Territorium reichte bis 1848 weit in das Gebiet der heutigen USA hinein. Zweitens ist Mexiko der einzige Nachbar, dem sich das Kernland Nordamerikas, die USA, im Süden gegenübersieht. Daraus ergeben sich zahlreiche Wechselbeziehungen, die lange vor NAFTA begonnen haben. Die mexikanische Einwanderung und ihre Folgen sind nur der offensichtlichste Aspekt der engen Interaktionen zwischen beiden Ländern. Drittens hat sich durch die Zugehörigkeit Mexikos zu „NAFTA-land“ die geopolitische Grenze Nordamerikas nach Süden verschoben, ohne dass das Land seine lateinamerikanische Identität verloren hat. Man kann es auch anders herum formulieren: Mexiko ist in Lateinamerika verankert und seit 1994 zugleich Teil der Regionalisierung Nordamerikas. Dieser Umpolung (Nordung) Mexikos liegen zwei Ursachen zugrunde: Zum einen ist der von den einheimischen Eliten herbeigeführte Kurswechsel hin zum Neoliberalismus zu nennen, mit dem sich diese aus der Krise der Importsubstituierenden Industrialisierung retten wollten. Zum anderen muss auf die Interessen der USA verwiesen werden, die in der konkreten historischen Situation zu Beginn der 1990er Jahre bereit waren, Mexiko in die von ihnen dominierte Regionalisierung Nordamerikas einzubeziehen. Dieser Prozess erhielt durch drei neue bzw. sich verstärkende Herausforderungen – 9/11, den mexikanischen Drogenkrieg und das Anwachsen der Migration ins nördliche Nachbarland – eine sicherheitspolitische Dimension. Die sich daraus entwickelnde „NAFTA-land Security“ hat die Umwandlung Mexikos vom „schwächsten Glied“ der NAFTA zum handlungsfähigen „Subhegemon“ der USA zum Ziel. Aus der Sicht der USA geht es nicht nur darum, die eigene Südgrenze zu Mexiko zu sichern. Mit Blick auf die Region südlich von Mexiko rücken zwei weitere Projekte auf die Agenda der westlichen Hegemonialmacht: Die Übertragung der smart border-Standards auf die Südgrenze Mexikos (frontera sur), die zugleich die Südgrenze von NAFTAmerika bildet, sowie die Absicherung von Mesoamerika 2.0, jenes Expansionsraumes, der von dort bis Kolumbien reicht und ganz Zentralamerika einschließt.

 

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Bildquellen: [1] University of Texas at Austin, [2] Jonathan McIntosh, [3] Oriana Elicabe, [4] Presidencia de la República Mexico


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