lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Der mexikanische Narcocorrido – Teil 3: Das Geheimnis seines Erfolgs

Autor:  | September 2010 | Artikel empfehlen

Los Tucanes de Tijuana (Foto: Manuel Rojo)Die Gründe für die immense Popularität der Narcocorridos sind komplex und vielschichtig. In den Jahren 2001 und 2002 nahmen diverse Radiosender, 42 allein im Bundesstaat Michoacán, auf eine von staatlichen Stellen ausgesprochene „Einladung zur Selbstzensur“ hin Narcocorridos aus ihrem Programm. Paradoxer-, jedoch nicht überraschenderweise, ist diesen Zensurversuchen ein nicht zu unterschätzender Anteil am Erfolg der Narcocorridos zuzuschreiben. Gerade auf Jugendliche, die einen Großteil der Zuhörerschaft der Narcocorridos ausmachen, üben Musiker und Lieder, denen Behörden und das sogenannte Establishment kritisch gegenüber stehen, eine große Anziehungskraft aus. Diese Anziehungskraft wird in der Musikindustrie bewusst für Marketingzwecke instrumentalisiert, wie die Titel Corridos prohibidos (dt. verbotene Corridos) einer 1989 veröffentlichten Platte der Tigres del Norte und des Albums Tucanes de plata: Catorce tucanazos censurados (dt. Vierzehn zensierte Hits der Tucanes) beweisen. Jene Marketingstrategien für Narcocorridos, die auf ein jugendliches Publikum abzielen, gleichen denen des Hip-Hop oder Gangsta Rap. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Feststellung des Anthropologen Mark Cameron Edberg, die jugendliche Zielgruppe vergleiche die Inhalte der Narcocorridos mit denen der Rapmusik, die Inhalte der Corridos bezögen sich jedoch auf das alltägliche Leben der Latinos und gäben Sachverhalte realitätsgetreu wieder. Für den Erfolg eines Narcocorridos ist es jedoch unerheblich, ob er auf einer tatsächlichen Begebenheit basiert. Ausschlaggebend ist lediglich die Wahrnehmung des Publikums diesbezüglich.

Das Publikum ist ein weiterer Schlüsselfaktor in der Frage nach den Gründen des Erfolgs der Corridos. Neben Drogenhändlern selbst setzt sich das Publikum in erster Linie, wenn auch nicht ausschließlich, aus Angehörigen der einkommensschwachen Unterschicht und Arbeiterklasse zusammen. Ein Großteil der Zuhörerschaft lebt oder lebte auf dem Land im Norden Mexikos, insbesondere in den Hauptanbaugebieten für Hanf und Mohn in den Staaten Sinaloa, Durango, Chihuahua und Sonora. Auf diese Zuhörerschaft üben Narcocorridos eine besondere Faszination aus, wie der Corrido-Experte James Nicolopulos erläutert: „Die Käufer dieser Alben sind arm und kämpfen unter einem System, das sie gezielt ausgrenzt. […] Wer dieses System schlägt, wer daraus ausbricht, wird zum Helden seiner Kultur.”

Jene, die sich in irgendeiner Form gegen das System auflehnen, können sich der Sympathie der Unterdrückten und Benachteiligten ihrer Gesellschaft sicher sein und Narcocorridos sind Teil der Tradition des Corridos als eine Form des kulturellen Widerstandes. Das Motiv „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist tief in der mexikanischen Gesellschaft verankert – der Anthropologe Campbell sieht Narcocorridos im Hinblick auf die Parallelen in der Verwendung des Motivs gar als maskuline Machoversion der Telenovelas („Mexican soap operas, but from a decidedly macho, masculine perspective“).

Dem Narcocorrido als Variation eines Volksliedes kommt, verstärkt durch die relative Homogenität seines Publikums, eine identitätsstiftende Funktion zu. Dies ist ein entscheidender Faktor. Für in den USA lebende Mexikaner wecken Narcocorridos Erinnerungen an ihre Heimat, ihre Herkunft, ihre Wurzeln und oftmals an ein Leben, das sich sehr von ihrem Leben in den USA unterscheidet. Wie auch schon der klassische Corrido vor ihm dient der Narcocorrido als Träger einer Reihe charakteristischer Elemente, die sich zur mexicanidad vereinen lassen. Der Corridista ist sich dieser Funktion bewusst, wie allein der Titel des Corridos El mexicano cien por ciento beweist. Hilfestellung zur Identitätsbildung gibt der Narcocorrido nicht nur durch den gezielten Einsatz bekannter semantischer Motive. Durch die Verwendung der substandardlichen Gruppensprache der mexikanischen Drogenkultur wird eine gezielte Inhomogenität im Sprachverhalten im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen erreicht. Diese Inhomogenität manifestiert die Zugehörigkeit des Publikums zur Subkultur und reflektiert gleichzeitig ihre Abgrenzung von anderen sozialen Gruppierungen. Der zentrale Beitrag einer Gruppensprache zur Identitätsfindung ist in der Forschung seit langem bekannt und entsprechend gut dokumentiert. Er zählt zu den elementarsten Funktionen aller Gruppensprachen.

Der subtile Umgang mit dem Kollektivbewusstsein der Zuhörerschaft und die Verwendung beliebter Motive spielten bereits bei der Verbreitung der Tradition des Corridos eine entscheidende Rolle. Es ist die damit zusammenhängende stark ausgeprägte und stark identitätsstiftende Funktion des Genres, die Corridos zur mexikanischsten aller musikalischen Traditionen macht. Gepaart mit der Verwendung bekannter Strukturen und einer cleveren Marketingstrategie sind Kollektivbewusstsein und Identitätsstiftung Elemente, die zum Erfolg der Narcocorridos maßgeblich beitragen.

Literatur:

Almada, Marcos (2005): „Narcocultura – música, marihuana y mucha acción. La cultura del narcotráfico en los medios de entretenimiento“ In: dph, 07/2005.

Androutsopoulos, Jannis (1998): Deutsche Jugendsprache: Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main [u.a.]: Lang.

Astorga, Luis (1995): Mitologia del “Narcotraficante” en Mexico. México, D. F.: Plaza y Valdés.

Astorga, Luis (1997): Los corridos de traficantes de drogas en Mexico y Colombia. UNAM. Instituto de Investigaciones Sociales.

Edberg, Mark Cameron (2001): El narcotraficante: narcocorridos and the construction of a cultural persona on the U.S.-Mexico border. Austin: University of Texas Press.

Eguiarte Bendímez, Enrique (2000): „El corrido mexicano: Elementos literarios y culturales“ In: Rilce – Revista de filologia hispanica, Nr. 16.1. Pamplona.

Manzo Robledo, Francisco (2007): Del romance espanol al narcocorrido mexicano. México, D.F.: Libros para todos.

Massard, Noemïe (2005): „El narcocorrido mexicano: Expresión de una sociedad en crisis.“ In: La Siega, Nr. 2, Februar 2005: http://www.lasiega.org/entrega2/entrega2_9.pdf

Paredes, Américo (2001): A Texas-Mexican Cancionero – Folksongs of the Lower Border. Mit einem Vorwort von Manuel Peña. Austin: University of Texas Press.

Simonett, Helena (2001): Mexican Musical Life across Borders. Middletown: Wesleyan University Press.

——————

Bildquelle: Manuel Rojo


Weitersagen:

1 Kommentar zu “Der mexikanische Narcocorrido – Teil 3: Das Geheimnis seines Erfolgs”

  1. jan z. volens vom 19. September 2010 - 10:06 Uhr

    …und jetzt eine ganz andere Darstellung der Beziehung von Jungendlichen zu der mexikanischen Musik: In mehreren Staaten der USA wird in Mittel-und Oberschulen, und Universitaeten, die mexikanische Mariachi-Musik als Wahlfach geboten: Die Menschen und Politiker in diesen Gemeinden bezahlen die Kosten durch ihre Grundsteuern! Jedes Jahr treffen sich in San Antonio/Texas, die Mariachis von vielen Mittel-und Oberschulen und Universitaeten und bieten ihre beste Darbietung. Das sind bis zu 30 verschiedene Mariachis mit ungefaehr 500 Musikern, und das dauert 5 Stunden. Mariachi Vargas de Tecalitlan kommen von Mexiko als Schiedsrichter. (Die 100 Jahre alte Vargas Dynastie ist fuer Mariachi dass was die Strauss in Wien fuer den Walzer waren). Unter den Universitaeten, kommt auch “Mariachi Veritas” der Harvard University von Massachussets, geleitet von zwei Chinesen welche sonst Wissenschaftler sind! Vom Ende der Welt in der Steppe von West-Texas, von dem 12,000 Einwohner Landkreis Zapata (Zapata County)- kommen die Mariachis der Mittelschule und der Oberschule – meist immer die Gewinner in diesen Staffeln. Sehe youtube video MARIACHI HALCON ZAPATA HIGH SCHOOL (das leitet zu vielen anderen youtube Videos der vielen anderen Mariachis von Schulen und Universitaeten). Die Gemeinden bezahlen das, die Eltern helfen auch mit, und die Schueler bemuehen sich wirkliche Kunst zu bieten. Noch ein Beispiel vom Volk in Mexiko: Der 5 Jahre alte Tlaxtecatl, ist der Trompetensoloist des Jugendphilharmoniker mit dem barocken Preludiun Tedeum von Marc-Antoine Charpentier 1642-1710, sehe youtube Video ORQUESTA SINFONICA ESPERANZA AZTECA PRELUDIM TEDEUM.

Kommentar schreiben




top