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Malinche

Autor:  |  Frühjahr 2000

um 1503 – ? Legendenumwobene indígena aus Mexiko, über deren Leben fast nichts bekannt ist. Es ist heute schwer, hinsichtlich der Person Malinche Legende und Wirklichkeit zu trennen. Verbürgt ist lediglich, daß M. Dolmetscherin, Ratgeberin und wohl auch Geliebte des spanischen Konquistadors Hernan Cortes war. Ihr eigentlicher Name war Malinali, aus dem ehrerbietigen Malintzin der mexikanischen indígenas wurde dann das spanische Malinche. M. gehörte zu den ersten getauften Ureinwohnerinnen Mexikos (zusammen mit ca. zwanzig anderen den Spaniern geschenkten Frauen) und trug fortan den christlichen Namen Marina. Nach eigenen Angaben war M. die Tochter eines aztekischen Caciquen aus der Gegend von Coatzacoalco (heute Bundesstaat Veracruz) und war bereits als Kind geraubt oder entführt und in Tabasco versklavt worden. Von dort kam sie um 1519 als Geschenk an die Spanier. Cortes erkannte sehr bald den Wert der jungen Frau, die sowohl Nahuatl als auch Maya (und bald auch) Spanisch sprach und so als Vermittlerin zwischen den verschiedenen mexikanischen Völkern und den Spaniern diente. Offensichtlich war M. den Spaniern treu ergeben und hat mit ihrem profunden Wissen des Landes und der Sitten die Eroberung Mexikos sicher nicht unwesentlich erleichert – sie war „ein zusätzlicher Soldat in der Konquista” (F. Benitez). Die Bedeutung Malinches in der mexikanischen Geschichte und Gegenwart ist unbestritten, wobei ihre Person symbolisch für verschiedenen Theorien und Erklärungsmuster vornehmlich der mexikanischen Identität herhalten muß – die sich um historische Authentizität nicht scheren. In der mexikanischen mestizaje-Diskussion gilt sie quasi als Mutter aller Mexikaner: ihr gemeinsamer Sohn mit H. Cortes, Martin Cortes, ist hier der erste Mestize und somit der Ursprung eines Volkes von Mestizen. Für andere wiederum (so für O. Paz) ist M. la chingada, d.h. die Vergewaltigte, Sinnbild aller Mexikaner als Kinder der Vergewaltigung – ungeliebt vom Vater (Spanien). Für Paz drückt sich hierin das bis heute wirkende Trauma der Mexikaner aus, das ihre Identität nach wie vor prägt. Am nachhaltigsten dürfte bis heute jedoch das seit dem 19. Jahrhundert gezeichnete Bild von M. als Verräterin ihres Volkes und ihrer Kultur wirken. In unserem Jahrhundert wurde dafür der Begriff des malinchismo geprägt. In der chicano-Kultur der in den USA lebenden Mexikaner trifft der Begriff malinchista selbst Frauen, die Beziehungen zu Männern anderer „Rassen” haben. Es sind daher verständlicherweise vor allem Frauen, und insbesondere chicanas, die versuchen, das Malinche-Bild zu korrigieren. Für sie ist M. nicht nur Dienerin und Konkubine, sondern eine selbständige Persönlichkeit, die selbstbewußt ihre menschliche Überzeugung vertrat.


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