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Ich male diese Worte
Einige Worte zum Tode von Octavio Paz

Autor:  |  Sommer 1998

Der 20. April dieses Jahres war ein Trauertag für Mexiko. An diesem Tag starb in der Hauptstadt der „größte Denker und Dichter des Landes” (Präsident Zedillo), Octavio Paz. Der Lyriker und Essayist verkörperte wie kein anderer die mexikanischen Intellektuellen, auch wenn er mit diesen im Laufe seines Lebens zahlreiche Konflikte auszutragen hatte. Er war Kosmopolit und Humanist, unnachgiebiger Verteidiger der Freiheit – ein homo politicus und poeta doctus. Zwischen zornig und sanftmütig verbreitete und verteidigte er seine Einstellungen gegen viele Schmähungen mit diplomatischem Geschick. Er sagte von sich: „Ich habe mich niemals politisch engagiert. Ich habe nur über Politik reflektiert.” Doch das tat er mit Vehemenz und Verantwortungsbewusstsein. Immer sein Ziel vor Augen, die Welt und die Gesellschaft zu einen. Die Brüderlichkeit unter den Menschen, aber auch mit der Natur wollte er seinen Lesern nahebringen. Sein unermüdliches Schaffen, hervorgerufen durch eine unstillbare Neugier nach allem Neuem und Unbekannten resultierte nicht zuletzt aus den Erfahrungen und Enttäuschungen seines reichen Lebens.

Herkunft und Jugend

Octavio Paz stammt aus einer bürgerlichen Familie mit indianisch-andalusischen Wurzeln und wurde am 31. März 1914 in Mexiko-Stadt geboren. Besonders durch den Großvater wurde er frühzeitig mit der europäischen Kultur, vorwiegend in Gestalt der französischen Buchkultur, bekannt. Bildung und Belesenheit kennzeichnen die auch im Hinblick auf ihre meist liberalen Anschauungen afrancesados Genannten, zu denen die Familie Paz gehörte. Der Großvater Ireneo Paz war ein bekannter Intellektueller und Freimaurer, der immer auch Einsicht und Einfluss in die Politik des Landes hatte. Er prägte seinen Enkel mehr, als dies der Vater tat. Dieser war politischer Journalist und gehörte zu den jungen Revolutionären dieser Zeit. Als Freund von Zapata und Soto y Gama engagierte er sich leidenschaftlich für die Agrarreform und warb für die Ziele seiner Mitstreiter in einem von ihm gegründeten Wochenblatt. Wegen seiner politischen Engagements musste er einige Jahre in den Vereinigten Staaten im Exil leben. Das war auch die erste Begegnung des vierjährigen Sohnes Octavio mit dem Ausland. Doch eine spätere Reise sollte ihn mehr verändern.

Das politische Interesse bekam er also quasi mit in die Wiege gelegt. Ebenso könnten seine literarischen Ambitionen als genetisch veranlagt angesehen werden. Der Großvater schrieb historische Romane, Theaterstücke und sogar Poesie. Der Vater verewigte Emilio Zapata in einer Biographie. Octavio Paz wurde so mit den besten Anlagen geboren, die von der Familie, besonders dem Großvater mit der faszinierenden Bibliothek, hinreichend gefördert wurden.

In dieser Bibliothek las er zum ersten Male die Klassiker der spanischsprachigen Literatur wie Lope de Vega und Francisco de Quevedo. Die umfangreiche Bibliothek bot dem Heranwachsenden immer neue Entdeckungen und hinterließ einen beständigen Eindruck der hispanischen und auch französischen Kultur; und nicht nur der Lyrik, die er später bevorzugen würde.

Bereits auf dem Gymnasium begann er sich persönlich, aus eigenem Antrieb, aktiv mit der Politik zu beschäftigen. Er nahm mit Klassenkameraden an Streiks teil, diskutierte mit ihnen über die aktuellen Probleme des Landes und der Welt. Seine Generation war die erste Mexikos, welche die Weltgeschichte als die eigene miterlebte. Die Mexikaner begannen, sich selbst als ein Teil dieser großen Welt zu fühlen. Die libertären Ansichten waren nicht neu für den Jugendlichen, er kannte sie bereits aus dem Elternhaus. Etwas völlig Neues waren hingegen die Ereignisse, die weit entfernt von Mexiko, in der kommunistischen Sowjetunion ihren Ausgang nahmen. Diese neue Ordnung begeisterte und interessierte den jungen Paz sehr.

In San Ildefonso (einem Colegio und früherem Priesterseminar), nun als Student, nahm er die Suche seines Lebens auf. Seine Suche nach dem Grund für diese ständigen Unruhen, die er selbst mit der Geschichte definierte. Schritte hinaus in die Welt. Die Beschäftigung mit der Literatur und vor allem der Poesie band ihn an einige enge Freunde. Poesie und Revolution, für Octavio Paz waren sie damals ein und dasselbe. Zwei Seiten einer alles bewegenden Leidenschaft. Die Entdeckung des Lebens versinnbildlichte sich an seinem Philosophiestudium, das ihm ermöglichte, die verschiedensten Facetten des Lebens zu betrachten und zu „befühlen”. Doch die bloße Theorie an der Universität reichte dem jungen Paz nicht mehr. 1936 verlässt er die Universität und sein Elternhaus. Eine Anstellung findet er als Lehrer an einer Realschule für Arbeiterkinder in Mérida (Yucatán). Während des Aufenthaltes an diesem geschichtsträchtigen Ort entdeckt er die Geschichte und Mythen seines Volkes, die ihn fortan faszinieren und beschäftigen werden. In vielen Werken setzt er sich in den folgenden Jahrzehnten mit der Geschichte, der Kultur und den Kulten der Mexikaner und ihrer Vorfahren, den Hochkulturen der Mayas und der Azteken, auseinander. Hier erhielt er überraschend eine Einladung zu einem Kongress, der eine prägende Wirkung auf Leben und Werk haben wird.

Die Zeit der Ideologien und Verirrungen

Zu dieser Zeit ist er bereits mit den kommunistischen Ideen und den daraus abgeleiteten Idealen der mexikanischen Intellektuellen vertraut. Obwohl kein Mitglied der Kommunistischen Partei, kann man ihn zu deren Sympathisanten zählen. Als solcher wird er Delegierter Mexikos beim Internationalen Antifaschistischen Schriftstellerkongress in Spanien. Hier kommt er erstmals mit der sowjetischen Variante des Marxismus unmittelbar in Berührung und beginnt, einen Widersinn dagegen zu entwickeln. In erster Linie ist der Kongress eine Bestätigung für den jungen Schriftsteller. Er wird in seinem Beruf und damit seinem Können von anderen als Dichter und Schriftsteller anerkannt. Bereits mehrere kleinere Gedichtbände hatte er vorgelegt, und sie wurden (auch von den Großen der Zunft) gelesen. Er wird mit den Größen der lateinamerikanischen Dichtung, z.B. mit Pablo Neruda, bekannt. Die Erfahrung der Brüderlichkeit, die Solidarität mit dem spanischen Volk im Bürgerkrieg und die Entdeckung seiner mediterranen Wurzeln gehörten zu der Seite der positiven Erkenntnisse des Kongresses. Anregende Diskussionen beginnen – und enden unter der Aufsicht der kommunistischen Funktionäre. Bestimmte Geschehnisse wurden nicht diskutiert, Personen totgeschwiegen. Kritik „an der Sache” war gleichbedeutend mit Trotzkismus, der schlechtesten Einstellung überhaupt. Das war die andere, negative Seite des Kongresses. Diese Erfahrungen weckten den Zweifel in Octavio Paz, nicht an der Gerechtigkeit des Antifaschismus, sondern an den Methoden der orthodoxen Kommunisten. In einer späteren politischen Autobiographie schrieb er, durch diesen Zweifel zur Entdeckung der Kritik gekommen zu sein. Diese wurde für ihn zum moralischen Kompass seines Lebens, im privaten wie im öffentlichen. Die Verurteilung Andre Gides als Feind des spanischen Volkes machte ihn auf die verdrehende Argumentation und die beeinflussende Propaganda der Kommunisten aufmerksam. Eine zurückhaltende Opposition zum Sowjetregime war die Konsequenz für ihn. Diese sollte sich im Laufe der Jahre und Ereignisse zu einer vollständigen Ablehnung dieser Ideologie festigen. Octavio Paz lehnte schließlich alle Ideologien, für ihn Pseudoreligionen, ab. Da sie den einzelnen konkreten Menschen nicht hinreichend berücksichtigen. Die prägendsten Beispiele zur Herausforderung dieser Einstellung gaben in diesem Jahrhundert die Konzentrationslager Hitlers, von denen er in den USA erstmals hörte, und die Zwangsarbeitslager (Gulags) Stalins, die ihn zum endgültigen Bruch mit den kommunistischen Ideen trieben.

Zurück in Mexiko schrieb er Artikel für Zeitschriften, in denen seine Erschütterungen und Zweifel publik werden sollten. Das machte ihm die mexikanischen Kommunisten nicht gerade zu Freunden. Das rege politische Interesse bereitete seinem „kleinen ideologischen System” (seiner eigenen Bewertung der Ereignisse) immer mehr Schwierigkeiten. Zu nennen wären die Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakt und die Ermordung Trotzkis. Die Bereitschaft zu einer endgültigen Trennung vom kommunistischen Gedankengut fiel ihm sehr schwer. Es waren die revolutionären Gedanken seiner Jugend, der Glaube an das Gute im Menschen, an Gerechtigkeit und Frieden für alle, die ihn zögern ließen, marxistisches Ideengut zu verdammen. Octavio Paz Auseinandersetzungen mit den engagierten (meist kommunistischen) Schriftstellern wurden immer ernster, eine Distanzierung folgte. Um einen „Klimawechsel” zu bekommen, verließ der junge Poet Mexiko Ende des Jahres 1943.

Erkundung fremder geistiger Regionen

Seine „Weltreise” führt ihn als erstes in die USA. Er beschrieb die Reise als ein geistigen Beben, das ihn durchdrang. Er lebte eine Zeitlang in Los Angeles und lernte von diesem Staat aus, sein eigenes Land und die Mentalität der Mexikaner differenzierter zu sehen. Niedergeschlagen hat sich das Erfahrene in dem ersten essayistischen Band Octavio Paz’, den er 1950 veröffentlichte. In „Das Labyrinth der Einsamkeit” versucht er das Wesen der Bewohner Mexikos zu ergründen. Er nahm damit das Thema der Einsamkeit Lateinamerikas auf, bevor Gabriel Garcia Márquez sein weltberühmtes Buch schrieb. Erst seine Generation begann, die Sprache im Weltzusammenhang wiederzufinden. Das Metier der Essays wurde zu seinem Markenzeichen (neben der Lyrik). Diese Kunstform vereint Philosophie, Ästhetik und Poesie. Sie ist schöpferisch und kritisch zugleich. In seinen Augen war Kritik die wichtigste Aufgabe der lateinamerikanischen Intellektuellen. Im Laufe der Jahre wurde übrigens aus dem Kritiker auch ein gefürchteter Polemiker. Anregend und aufregend waren diese Jahre für ihn. Besonders der Glauben der Menschen an sich selbst (im Gegensatz zu den Mexikanern) beeindruckte und beflügelte seinen Geist. Hier begann er, sich auch mit der mexikanischen Kulturgeschichte zu befassen und wurde im Laufe der Jahrzehnte auf diesem Gebiet zu einer geachteten Instanz.

Die zweite Station der Reise war Paris. Die Stadt galt als Zentrum der großen intellektuellen Debatten dieser Jahre. Wenn es auch seinen künstlerischen Einfluss verloren hatte, bemühte sich Octavio Paz, die Atmosphäre tief in sich aufsaugen. Während seiner Tätigkeit an der mexikanischen Botschaft in Paris hatte der Schriftsteller genügend Zeit, sich mit der französischen Prominenz in Sachen Literatur und Kritik bekannt zu machen. Die bedeutendsten waren Jean-Paul Satre, Albert Camus und Andre Breton, die ihn jeweils auf ihre Art prägten. Er fand aufmerksame Freunde und warme Worte. Die Entdeckung des Surrealismus hatte fundamentale Bedeutung für seine geistige Entwicklung und sein Werk. Philosophische und politische Visionen wurden in dem vom Kommunismus enttäuschten Mann wieder lebendig. Er glaubte an die Kraft des Redens: „Gegen das Schweigen und das Getöse erfinde ich das Wort.” (1949) – Ideen von Rebellion und Revolte gegen die herrschende Situation. Weg von der Einsamkeit hin zu Solidarität und Gemeinschaft sind Themen, die sein weiteres Schaffen beinhalten wird. Sein Ideal war stets, ein Mensch unter seinesgleichen zu sein. Das große Geheimnis der Geschichte bzw. der Menschen, die Geschichte zu gestalten, rief sein Interesse hervor. Für Paz war der Surrealismus ein Leben als Abenteuer, er ein „verborgener Brennpunkt poetischer Leidenschaft in unserer elenden Zeit”, eine Bewegung zur radikalen Befreiung der Kunst. 1949 veröffentlicht Paz seine erste große Gedichtsammlung Libertad bajo palabra, die einen Bruch mit der damals in Mexiko geschriebenen Lyrik darstellt. Die Gedichte entsprechen mehr der in Europa (noch) vorherrschenden kritischen Avantgarde. Im Jahr darauf folgt das schon erwähnte Essay El laberinto de la soledad.

Die dritte Station seiner Reise führt Octavio Paz aufgrund seiner diplomatischen Tätigkeit 1952 in den fernen Osten. Schon während seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten hatte er sich kurz mit fernöstlicher Kultur beschäftigt. Nun ist es an ihm, sie persönlich in Indien und später in Japan zu erleben. Die japanische Ästhetik regte in zum lyrischen Schreiben im knappen Stil der haikus an. Die Faszination dieser Gegend wird sich für ihn vor allem in einem längeren Aufenthalt in Indien in den Sechziger Jahren offenbaren.

Die Stimme Mexikos

Doch zuvor kehrt er nach neun Jahren des Kosmopolitismus zurück in seine Heimat. Hier schrieb er neben seiner diplomatischen Tätigkeit für diverse Zeitschriften. Er leistete einen ungeheuren Beitrag zur Einführung ausländischer Autoren in die mexikanische Literaturszene. Seine Erfahrungen wollte er den Einheimischen darbringen. In dieser Zeit veröffentlicht das Werk „Der Bogen und die Leier” (El arco y la lira). In dem poetologischen Essay beschäftigt er sich mit der Frage nach der Aussage von Gedichten und untersucht, was die Eigenheit von Gedichten (gegenüber anderen literarischen Formen) ausmacht. Er kommt kurzzeitig wieder zurück zu den Anfängen seines Schaffens und will die Lyrik erkunden:

Ich schreibe
jeder Buchstabe ist ein Keim
(Vrindavan l965)

Die Welt kennt allerdings in erster Linie sein politisches Engagement und nicht das schöne lyrische Werk des Poeten Octavio Paz [1]. 1961 fuhrt ihn sein Diplomatenleben wieder nach Indien (nach einem kurzen Zwischenspiel in Paris). 1962 wird er hier Botschafter Mexikos. Erheblich länger als der erste Aufenthalt in diesem Land wird diese Station jetzt ein wahres Intermezzo, das ihn endgültig der fernöstlichen Kultur zugeneigt macht. Er lernt sie nicht nur zu respektieren, sondern zu lieben.

Die Akzeptanz der Andersheit einer Kultur ist ein Thema, das vor allem seine gesellschaftlichen Äußerungen beherrscht. Insbesondere in Europa fiel es ihm hin und wieder negativ auf, dass die Europäer von einer eurozentrischen Modernität ausgehen. Sie versuchen (auch indirekt), ihr System auf die restliche Welt auszudehnen. Diese Kritik am okzidentalen Glauben wollte er durch die Erklärung von Mythen und Symbolen außereuropäischer Kulturen den Völkern der Dritten Welt nahebringen und deren Selbstbewusstsein so fordern.

Hier, in Indien, entwickeln sich besonders die dichterischen Fähigkeiten weiter. Er reflektiert kritisch das eigene Werk und schafft dadurch immer wieder Neues. Die Sinnlichkeit und Erotik Asiens haben es ihm angetan, wie man in seinen Langgedichten des Werkes „Östlicher Abhang” lesen kann. Auch die Theorie der Kunst wird von Paz immer wieder in verschiedenen Essays untersucht. Der Strukturalismus hatte es ihm angetan. Außerdem erhielt der nunmehr 49jährige 1963 seine erste internationale Auszeichnung, den Grand Prix International der Brüsseler Maison Internationale de la Poésie, nachdem er schon einige mexikanische bzw. lateinamerikanische Preise bekommen hatte. Es sollten in den folgenden Jahren noch viele, bis zum höchsten folgen. Auch die zweite Heirat nahm sein Empfinden gefangen und beflügelte seinen Geist. Diesen erfreulichen Ereignissen stand eine Katastrophe in seiner Heimat gegenüber.

Kritiker des Weltgeschehens

Einen Bruch, diesmal mit der eigenen Heimat, stellt für ihn das Jahr 1968 dar. Kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt demonstrierten Studenten auf dem Plaza de las Tres Culturas in Tlatelolco. Um diese Meinungsbekundung zu verhindern, richtete das Militär ein Blutbad an. Octavio Paz tritt aus Protest von seinem Posten als Botschafter zurück. Da er durch seine Bekanntheit eine Forum und Zuhörer in vielen Ländern hat, gibt er mehrere verurteilende Erklärungen vor der Weltpresse ab. Auch in der Zukunft wird es immer umstritten sein, wenn Paz seine freie, politische Meinung äußert, insbesondere in der öffentlichen Meinung Mexikos und unter den dortigen Studenten, die ihn als zu konservativ ablehnen.

Intermezzo aus dem Westen [2] (mexikanisches Lied)

Mein Großvater sprach mir beim Kaffee
von Juárez und Porfirio,
den Zuaven und Plaeteados.
Und das Tischtuch roch nach Pulver.

Mein Vater sprach mir beim Tequila
von Zapata und Villa,
Soto y Gama und den Flores Magón.
Und das Tischtuch roch nach Pulver.

Ich bleibe stumm:
von wem könnte ich schon sprechen?

An dieses Schweigen hielt er sich nie. Speziell mit zunehmenden Alter hielt er sich immer weniger aus der Politik heraus, um anderen den Weg zu zeigen, den er nicht mehr gehen konnte. Doch aktiv in der Politik war er im Gegensatz zu Mario Vargas Llosa, der Präsident seines Landes (Peru) werden wollte, nie. Er mochte nun nicht mehr Mexiko nur eine eigene Stimme geben wie bei seiner ersten Rückkehr. Er wollte das Land verändern, es modernisieren und demokratisieren, die internen Alternativen stärken und damit nach außen wirken. Die Politik interessiert ihn wieder einmal in stärkerem Maße. Die Kultur ist ein gutes Mittel dazu, da sie Phantasie und Kreativität freisetzt, Pluralität. Die politischen Visionen Octavio Paz’ haben insbesondere in Lateinamerika einen Widerhall gefunden: teils in heftigen Polemiken, teils in Unterstützung durch andere Intellektuelle. Seine Essays der folgenden Jahre beschäftigen sich mit politischer Philosophie, Totalitarismus und außenpolitischen Themen. Sie wurden oftmals von Zeitschriften veröffentlicht, die Paz mitherausgab. Ab 1976 war dies die Zeitschrift „Vuelta” in Mexiko. Diese stürmischen Jahre stellten die Aktion und Teilnahme am Weltgeschehen dar. Doch die Ideen und Hoffnungen, die seine Jugend erleuchtet und bewegt haben, sind im Laufe seines Lebens nach und nach erloschen. Er selbst bezeichnete sich in seinem letzten Interview als unverbesserlichen Pessimisten. Doch in seinen Schriften und Gedichten kommt auch immer der Glaube an das Gute im Menschen zum Ausdruck. Er hat die Suche nach diesem nie aufgegeben. In seiner Kleinen politischen Autobiographie (Itenario) zieht er die Lehre, dass man gegen das Böse nur in sich selbst ankämpfen kann. Dies ist der Sinn der Geschichte. Sein Hoffen auf Veränderung galt den jungen Menschen. Die kommende Generation sollte mutig auf den Horizont blicken, nach der aufgehenden Sonne suchen, auch wenn die Gefahr des Erblindens besteht.

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[1] Paz, Octavio: Itenarium. Kleine politische Autobiographie, Frankfurt (Main): Suhrkamp Verlag, 1996
[2] Gedichte entnommen aus: Octavio Paz: „Vrindavan und andere Gedichte aus dem Osten”, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1994


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