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Francesco Taboada: „Die mexikanische Revolution ist der Ursprung des Indigenismus der EZLN und der ALBA.“

Autor:  | April 2011 | Artikel empfehlen

Emiliano Zapata - Foto: Public Domain/Library of CongressIm Interview spricht Francesco Taboada Tabone (geb. 1973) über die Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag der mexikanischen Revolution. „Die mexikanische Regierung weiß nur wenig über die Revolution. Wir haben eine Marionettenregierung der USA. Was getan oder unterlassen wird, um an die 200 Jahre Unabhängigkeit oder die Revolution zu erinnern, hat mit den Wünschen und dem Bewusstsein des mexikanischen Volkes kaum etwas zu tun. Armando Soriano sagt: ‚Man darf nicht vergessen, dass der 20. November der 100. Jahrestag der Revolution ist und dass wir, die indigenen Völker, die historische Rolle kennen, die uns zuteil wird.’”

Francesco Taboada ist Regisseur von Los Últimos Zapatistas (Die letzten Zapatisten) (2004), Pancho Villa, La Revolución no ha terminado (2007), 13 Pueblos en defensa del agua, el aire y la tierra (2009), Tin Tan (2010) und Maguey (2010). Zur Zeit dreht er den Dokumentarfilm Revolución Bolivariana (Bolivarische Revolution). „Die Idee zum Film kam mir, nachdem ich die Einladung für das Programm „Aló Presidente“ in Caracas bekommen hatte. Dort machte Comandante Hugo Chávez die Parallelen, die es zwischen der Geschichte Mexikos und der von Südamerika gibt, deutlich. Der Bolivarismus und der Guevarismus sind durch die Verbindung von mehreren Völkern entstanden. Dies wurde bis zur Conquista von vielen indigenen Völkern so praktiziert. Die indigenen Bewegungen der EZLN, die von Evo Morales und der Bolivarismus des Präsidenten Hugo Chávez, der ALBA-Staaten, sind Bewegungen, die für die endgültige Befreiung noch notwendig sind.“

Mario Casasús: Warum legst du in deinen Dokumentarfilmen über die mexikanische Revolution so viel Wert auf die mündliche Überlieferung?

Francesco Taboada: In Mittelamerika hat die mündliche Überlieferung bei der Übermittlung von Wissen schon immer eine zentrale Rolle gepielt. Mit den Alphabetisierungsprogrammen und vor allem mit dem Einzug des Fernsehens in ländlichen und indigenen Gebieten hat die Mündlichkeit an Wichtigkeit verloren und spielt heute in der Bildung gar keine Rolle mehr. Durch diesen Verlust gehen auch von Vorfahren übermitteltes Wissen, Musikinstrumente, wie der bajo quinto [ein Bass, Anm. der Übers.], die zur Begleitung von Corridos gespielt wurden, und ganze Sprachen wie das kiliwa oder das aguacateco verloren. Durch diese Verluste kann man regelrecht vom Ethnozid von Gemeinschaften sprechen. Für uns ist es daher sehr wichtig, dass wir mit unseren Filmen zum Erhalt der Tradition der mündlichen Überlieferung beitragen.

Warum hast du den Zapatismus und den Villismus für deine Filmographie und deine Historiographie ausgewählt? Welche Projekte hatten diese beiden Revolutionäre?

Beide Bewegungen sind Bewegungen der Landbevölkerung, also der echten Mexikaner. Heute werden Zapata und Villa von den Widerstandsbewegungen, die es im ganzen Land gibt, als Symbole der Hoffnung gesehen. Die Mexikaner fühlen sich nicht mit Personen wie Carranza, Obregón oder Calles verbunden, da diese weniger starke Ideologien hatten. Der Zapatismus ist die Entwicklung des indigenen Mexikos im Kontext der Unterdrückung. Sowohl Villa mit seinen Agrardekreten als auch Zapata mit seinem Plan de Ayala und anderen Manifesten hatten Projekte für das Land, wie sie die heutigen Regierungen vermissen lassen.

Wie kann man die mexikanische Revolution im lateinamerikanischen Kontext sehen?

Zapatisten - Subkommandant Marcos (Foto: Oriana Elicabe)Es war die erste Revolution des Jahrhunderts. Ihre Besonderheit und auch ihr Erfolg sind eine Antwort auf die Forderung nach einem eigenen, gerechten System. Die mexikanische Revolution hat keine fremden Modelle übernommen, sie ist aus unserem eigenen Weltbild entstanden. Gerade deshalb war sie so erfolgreich und stellte eine Motivation für Dutzende weiterer Bewegungen in ganz Lateinamerika dar: die Bewegungen um Sandino in Nicaragua, Farabundo Martí in El Salvador, Pedro Pérez Delgado „Maisanta“ in Venezuela, Luis Carlos Prestes in Brasilien und Hipólito Yrigoyen in Argentinien. Etwas aktueller sind die zapatistische Bewegung der EZLN (Zapatistische Armee der nationalen Befreiung) in Chiapas oder die revolutionären Bewegungen von Evo Morales in Bolivien und Hugo Chávez in Venezuela sowie die indigene Bewegung in Ecuador.

Der Historiker Francisco Pineda hat die Solidarität, die dem Zapatismus von Kuba (Genaro Amezcua aus Puebla reiste im März 1916 nach Havanna), den USA (Octavio Paz arbeitete in den USA) und von Uruguay (von María Collazo, Gründerin der Zeitung „La Batalla“ in Montevideo) entgegengebracht wurde, dokumentiert. War es überhaupt möglich, dass der Zapatismus die internationale Politik analysieren und sich in sie hätte einmischen können?

Auf jeden Fall. Der Zapatismus hat sich selbst als eine Möglichkeit gesehen, die Welt neu zu erfinden, und dafür brauchte man Anerkennung und die Verbindung zu anderen Bewegungen. Das begann schon, als Zapata bewusst wurde, dass die Bewegung, die in seinem Dorf Anenecuilco entstanden war, die einzig passende, zuverlässige und historisch angemessene Lösung war, um die sozialpolitischen Strukturen in Mexiko zu verändern. Als die Anarchisten in die Provinz Morelos kamen, wuchs das zapatistische Netzwerk über die Grenzen seines ursprünglichen Gebiets hinaus.

Was tat die US-Regierung, um den militärischen Niedergang der Zapatisten und der Villisten zu beschleunigen?

Ich habe schon von einigen Forschern gehört, dass sie die These vertreten, dass Venustiano Carranza ein „Anti-Yankee-Nationalist“ war. Wenn man sich die Geschichte seit dem Villismus ansieht, wird sehr deutlich, dass Venustiano Carranza und sein Nachfolger Álvaro Obregón eng mit der US-Regierung zusammenarbeiteten. Deswegen erlaubten die USA dem Militär von Carranza, das US-amerikanische Gebiet zu durchqueren und Francisco Villa in Agua Prieta zu überraschen. Und deshalb haben die Amerikaner auch aufgehört, Waffen an Villa zu verkaufen, mit Carranza handelten sie jedoch weiter. Das war der Grund, warum Pancho Villa 1916 die USA überfiel. Sicher ist auch, dass die USA als Bedingung für die Anerkennung von Obregón verlangten, sich von Francisco Villa zu trennen.

Endete die mexikanische Revolution mit dem Tod von Emiliano Zapata und Francisco Villa? Was für ein Land und was für eine Stimmung hinterließen sie?

Sie hinterließen ein Land, das weiß, dass der Befreiungskampf noch nicht beendet ist. Felipa Ramos, ein alter Zapatist, sagte mir: „Diese Revolution haben nicht wir begonnen, unser Großvater Cuauhtémoc hat sie begonnen“.

Wie waren die Gedenkfeiern, die zum hundertsten Jahrestag der mexikanischen Revolution stattfanden? Oder stand eher der zweihundertjährige Unabhängigkeitstag im Vordergrund der kulturellen Veranstaltungen?

Centenario de la Revolucion (Foto: Presidencia de la República Mexico)Es waren leere Gedenkfeiern. Die mexikanische Regierung weiß nur wenig über die Revolution. Sie wird von den USA gesteuert und das, was sie tut, um an die Revolution oder die Unabhängigkeit zu erinnern, hat nur wenig mit den Wünschen und dem Bewusstsein des Volkes zu tun. Wie Armando Soriano, ein indigener Einwohner von Xoxocotla sagte: „Wir dürfen nicht vergessen, dass der 20. November der 100. Jahrestag der Revolution ist und dass wir, die indigenen Völker, wissen, welche historische Rolle uns zuteil wird“.

Haben die reaktionären Historiker ihre anti-zapatistische und anti-villistische Sicht auf die Revolution zum 100. Jahrestag noch einmal überarbeitet?

Natürlich. Die Abneigung, die die mexikanische Regierung gegenüber der Revolution verspürt, zeigt sich deutlich darin, dass sie den Preis für Wissenschaft und Kunst (premio de ciencias y artes) Enrique Krauze verliehen hat. Einem bürgerlichen Historiker, der für seinen Anti-Zapatismus bekannt ist und für seine große Liebe zu den Familien Creel und Terrazas, die erbitterte Feinde des Volkes waren – und gegen die Villa ständig ankämpfte. Krauze ist außerdem Mitglied im Verlagsvorstand des Medienunternehmens Televisa, das für die Ignoranz in Mexiko verantwortlich ist. Auf internationaler Ebene wächst der Hass der Oligarchien gegenüber den revolutionären Bewegungen. Deswegen wurde Mario Vargas Llosa, ein Gegner der indigenen amerikanischen Bewegungen, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Sind der Zapatismus und der Villismus im Lateinamerika des 21. Jahrhunderts noch aktuell? Und sucht die EZLN noch immer nach neuen Einigungen in Bezug auf das Abkommen von Aguascalientes?

In dem Abkommen wurde der Plan von Ayala als einziges revolutionäres Programm beschlossen. Alle bewaffneten Bewegungen haben sich darin zusammengeschlossen. Anscheinend hat der Rassismus von Carranza sie dazu gezwungen, das Abkommen von Aguascalientes nicht zu akzeptieren, und mit der Unterstützung der USA entschloss man sich, gegen Francisco Villa und Emiliano Zapata zu kämpfen. Anlässlich der Vereinigung, die mit der Revolution stattfand, hat die EZLN die autonomen Gemeinschaften anerkannt.

Zum Schluss noch: Wie kamst du auf die Idee, einen Dokumentarfilm über die bolivarische Revolution zu drehen? Werden wir in dem Film einen roten Faden erkennen können, der die Geschehnisse der mexikanischen und der bolivarischen Revolution verbindet?

Die Idee kam mir, nachdem ich die Einladung, an dem Programm „Aló Presidente“ in Caracas teilzunehmen, bekommen hatte. Dort machte Comandante Hugo Chávez mir die Parallelen deutlich, die zwischen der Geschichte Mexikos und der von Südamerika bestehen. Der Bolivarismus hat, wie auch der Guevarismus, seinen Ursprung in der Vereinigung von mehreren Völkern. Dies wurde bis zur Conquista von vielen indigenen Völkern so praktiziert. Seit der spanischen Eroberung hat der Gedanke der Vereinigung von Völkern verstärkt an Wert gewonnen – Ziel war es seitdem, sich von den Kolonialisten zu befreien. Dieser Gedanke wird auch heute noch umgesetzt und die mexikanische Revolution war ein wichtiger Schritt in diesem historisch bedeutsamen Prozess. Die indigene Bewegung der EZLN, die von Evo Morales und der Bolivarismus des Präsidenten Hugo Chávez, der ALBA-Staaten, sind Bewegungen, die für die endgültige Befreiung noch notwendig sind.

Original-Beitrag aus Clarín de Chile vom 20.11.2010. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift.

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Übersetzung aus dem Spanischen: Charlotte Navitzkas

Bildquellen: [1] Public Domain/Library of Congress, [2] Oriana Eliçabe, [3] Presidencia de la República Mexico.


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1 Kommentar zu “Francesco Taboada: „Die mexikanische Revolution ist der Ursprung des Indigenismus der EZLN und der ALBA.“”

  1. jan z. volens vom 14. April 2011 - 03:45 Uhr

    In der ganzen Westliche Hemisphaere reiben sich indigene Voelker gegen die nationalen Gesellschaften und nationalen Regierungen: Von Kanada, Alaska und Groenland, bis zur Suedspitze in Chile und Argentinien: Tausende von Indigenenvoelkern. Grundsaetzlich wollen alle wirtschaftliche Sonderrechte und eine Erhaltung ihrer eigenen Kultur (als Ergaenzung zu der nationalen Kultur von welcher sie ihre Jugend nicht abhalten koennen). Zapatas “Grund und Boden” Philosophie von 1916 – fuer Kleinbauern werden heute als Wirtschaftsrechte und Ausbeutungrechte (Mineralien, Holz) fuer indigene Genossenschaften gefordert. Damit sind tausende von Rechtsanwaelten (indigene und weisse) mit tausenden von Justizprozessen beschaeftigt – fast ueberall. Der Zapatista auf dem Pferd in der Epoche der “Revolucion” ist durch den Rechtsanwalt ersetzt worden, und durch den “public relations specialist” der in Lateinamerika meist von den Kirchen oder NROs von USA, Britanien, Holland, BRD – “finanziert” wird: Damit die USA und ihre NATO-Partner die Entwicklungspolitik und die nationale Einheit untergraben koennen mit dem Ziel Lateinamerika “unter Kontrolle” zu halten. Jetzt erst, erwachen auch die Linken – welche blindlinks fuer Ethnienrechte” gestanden haben – und erkennen zu ihren Erstaunen – dass die USA und ihre NATO”Partner” durch ihre NROs – die nationale und kontinentale Einheit untergraben koennen, indem sie Forderungen von Indigenen unterstuetzen welche auch gegen die Entwicklungsplaene und territoriale Sicherheit der von linken regierten Nationen wirken. Ecuador und Bolivien sind schon in dieser Situation. Brasilien, Argentinien und Venezuela sind schon nahe an dieser Gefahr. Ein Beispiel – vor zwei Wochen traffen sich Gruppen von Guaranis von Brasilien, Paraguay, Argentinien, Bolivien – und forderten die Unabhaengigkeit ihrer historischen Gebiete von diesen Nationen Suedamerikas – und lehnten auch die von den linken Regierungen angebotene Zusammenarbeit einer transnationalen Guaranizone innerhalb ihrer Nationen und innerhalb der UNASUR ab. Natuerlich ist das teilweise von der katholischen Kirche schon seit Jahren – im Auftrag des Vatikans und der USA vorbereitet worden. Kurz: Die deutschen Gutmenschen und auch die linken Lateinamerikaner sind beide zu naiv um das Interesse der USA und des Vatikans zu bemerken fuer die Untergrabung der nationalen Entwicklungsplaen und die geopolitische Unabhaengigkeit der Nationen Lateinamerikas. In der heutigen Wirklichkeit sind die romantischen Erinnerungen an die “Revolucion” (1910-1920) und an “Cuautemoc” (1519) nur huebsche Ablenkungen – und da kann auch ein Lob von einem “Comandante” kaum was aendern.

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