lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Mythen und Ammenmärchen über Staudammgroßprojekte

Autor:  | Juli 2010 | Artikel empfehlen

Mexiko: Staudamm El Cajón. Foto: Da nukeDie großen Staudammprojekte werden präsentiert, als seien sie ein Symbol für Entwicklung, für saubere Energie und für eine Alternative angesichts der Klimakrise. Nichts davon ist richtig, und so wie bei vielen Megaprojekten haben nur ein paar transnationale Unternehmen etwas davon. In diesem Fall sind es diejenigen, die mit der Kontrolle des Wasserzugangs, dem Staudammbau und der Energiegewinnung zu tun haben – während die Grundrechte der Gemeinden verletzt werden. Es ist wichtig, diese Mythen als solche zu entlarven, denn in Wirklichkeit haben sie – abgesehen von enormen negativen sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die lokale Bevölkerung – verheerende Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit und das Klima.

Eines der Argumente, mit dem die Regierung herumfuchtelt, um die großen Staudammprojekte voranzubringen, ist: Sie seien eine Alternative angesichts der Klimakrise. Die Nichtregierungsorganisation International Rivers Network hat Studien zum Lebenszyklus von Staudämmen zusammengestellt. Dabei werden die Zerstörung von Vegetation und Naturgebieten, die dem Bau von Dämmen und Turbinen zum Opfer fallen und dann nicht mehr auf natürliche Weise Kohlenstoff binden können, ebenso mit einberechnet wie das bei der Pflanzenverwitterung entstehende Methangas in den Stauseen. Diese Studien belegen, dass die großen Staudammprojekte insgesamt mehr schädliche Gase abgeben als aufnehmen und so den Treibhauseffekt verstärken. Besonders stark ist dieser Effekt in tropischen Regionen, wo die Megastaudämme sogar mehr Treibhausgase ausstoßen als einige Energiequellen, bei denen fossile Brennstoffe genutzt werden.

Das ist etwa beim Wasserkraftwerk La Parota im mexikanischen Bundesstaat Guerrero der Fall. Dort leistet die Bevölkerung seit mehr als sieben Jahren Widerstand – mit einer Bilanz von vier Toten, vielen Verwundeten und Inhaftierten. Abgesehen davon, dass die Mehrheit der GemeindevertreterInnen gegen das Projekt ist und erreicht werden konnte, dass das Projekt im vergangenen Januar auf Eis gelegt wurde, gelang es der staatlichen Föderalen Elektrizitätskommission CFE eine durch bewaffnete Sicherheitskräfte geschützte, „falsche“ Versammlung einzuberufen, auf der eine Minderheit dem Projekt zustimmte. Der Rat von Gemeinden und Gemeindevertretungen im Widerstand gegen den Staudamm von La Parota wird sich angesichts dieser Machenschaften nicht geschlagen geben, und es ist wichtig, dass ihr gerechter Kampf Unterstützung findet.

Die Mehrzahl der bereits fertigen oder geplanten Staudammgroßprojekte im Land wird gegen den Willen der lokalen Bevölkerungen durchgesetzt. Es gibt keinen einzigen Fall, in dem es umgesiedelten Gemeinden besser ginge als vorher. Stattdessen bewirkt dies den Zerfall von Gemeinden und Familien, die zwangsumgesiedelt wurden oder Bedingungen hinnehmen mussten, die weit von den ihnen zuvor gemachten Versprechungen entfernt sind. So geschehen beim Staudamm von Picachos in Sinaloa. Ausnahmslos kommen die Erlöse aus den Megastaudämmen nicht in den vertriebenen Gemeinden an. Stattdessen dienen die Gewinne dazu, das Kapital nationaler und transnationaler Unternehmen zu vermehren, die – zusätzlich zu den enormen Zuschüssen, die sie für den Bau erhalten – am laufenden Betrieb der Stauwerke verdienen. In vielen Fällen werden die Projekte auch noch für die Clean Development Mechanisms (CDM – Saubere Entwicklungsmechanismen) der Vereinten Nationen angemeldet, um dadurch zusätzlich noch CO2-Kredite erhalten zu können, was den Zynismus des Ganzen besonders verdeutlicht. Die Staudämme La Yesca und La Parota sind Projekte der Föderalen Elektrizitätskommission und werden von der Regierung als CDM-Projekte ins Feld geführt.

Ein anderer Ort des Widerstands ist der Staudamm El Zapotillo im Bundesstaat Jalisco. Ziel ist die Umleitung des Flusses Rio Verde, um Wasser in das Industriegebiet „Ciudad Industrial de León“ in Guanajuato zu bringen. Dies bedeutet eine ökologische Katastrophe von riesigen Ausmaßen, weil es das Ökosystem in den betroffenen Gebieten völlig aus dem Gleichgewicht bringt. In den Regenzeiten würde das Wasser über den Fluss Río Turbio zurück in das Flussbecken Lerma-Chapala-Santiago geleitet werden. Im Falle der Umsetzung würde das zufließende saubere Wasser – durch Industrie und industrielle Landwirtschaft schwer kontaminiert – wieder zurückgeleitet werden. Verschlimmern würde sich dadurch auch die Wasserqualität des Flusses Río Santiago. Gegen dessen extreme Verschmutzung kämpft die Bevölkerung der Stadt El Salto im Bundesstaat Jalisco bereits seit Jahren an. Das durch Exkremente und Industrieabfälle verdreckte Flusswasser bringt den BewohnerInnen den Tod: durch Krebs und Atemwegskrankheiten.

Um den Staudamm El Zapotillo zugunsten großer Firmen bauen zu können, beabsichtigen die Nationale Wasserkommission Conagua und die Staatliche Wasserkommission von Jalisco (CEAJ), die Orte Acasico, Palmarejo y Temacapulín zu überfluten – Orte, die sich dort seit Jahrhunderten befinden. Angesichts des Widerstandes der Bevölkerung droht man ihnen mit gewaltsamer Vertreibung. Raúl Iglesias, Leiter der Behörde des Flussgebiets Lerma Santiago-Pacífico sagte den EinwohnerInnen, man werde ihnen Boote und Rettungswesten kaufen, wenn sie bleiben würden. Am geplanten Ort der Wiederansiedlung gibt es kein landwirtschaftlich nutzbares Land für die Umzusiedelnden, so dass sie ihre bisherige Lebensgrundlage verlieren würden, denn sie sind Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, die Tierhaltung und Ackerbau betreiben.

Die Nichtregierungsorganisation Colectivo Coa erklärt, dass ungeachtet dessen, dass die EinwohnerInnen Verfassungsbeschwerden und Anfechtungsklagen einreichten und die Suspendierung der Bauarbeiten beschlossen wurde, die CEAJ die Umsiedlungsarbeiten fortsetze – ohne jegliche rechtliche Grundlage. Ohne Einwilligung der BewohnerInnen übertrug die Nationale Wasserkommission Conagua die Arbeiten am Staudamm El Zapotillo dem spanischen transnationalen Unternehmen FCC und der mexikanischen Firma Peninsular Compañía Constructora sowie der Hermes-Gruppe. Diese erhalten für Entwicklungs- und Baukosten öffentliche Zuschüsse in Höhe von 75 Prozent der Kosten sowie die Gewinne aus dem Betrieb des Staudamms in den kommenden 25 Jahren. Laut Claudia Gómez von der Organisation Coa wird daher bei Staudammgroßprojekten besonders offensichtlich, wie transnationale Firmen agieren, um der Allgemeinheit Ressourcen zu rauben und daraus privaten Nutzen ziehen. Für die Regierung, so fügt sie hinzu, sei dies eine andere Möglichkeit, bäuerliche und indigene Gemeinschaften zu zerstören, denn Enteignungsdekrete der Regierung bedeuteten das Ende der Hoheit indigener oder bäuerlicher Gemeinden über ihre Lebensgrundlagen. Wie die indische Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy schon anklagend feststellte: Die großen Staudammprojekte sind ein sicheres Mittel, um Kleinbauern und Kleinbäuerinnen aus ihrer Umgebung völlig herauszureißen und eine zynische Massnahme, um den Armen das Wasser, das Land und die Möglichkeit zur Bewässerung des Landes zu nehmen und alles den Reichen zu übertragen. Und, als wäre das nichts, verschlimmert dies auch die Klimakrise.

* Forscherin der ETC-Gruppe.

Übersetzung aus dem Spanischen: Bettina Hoyer

Bildquelle: Da nuke

Der Original-Beitrag stammt aus La Jornada vom 08.05.2010. Die hier veröffentlichte deutsche Übersetzung erschien bereits am 17.06.2010 beim Womblog. Mit freundlicher Genehmigung des Blogs.


Weitersagen:

4 Kommentare zu “Mythen und Ammenmärchen über Staudammgroßprojekte”

  1. Elba Jayuya vom 2. Juli 2010 - 21:03 Uhr

    Wo ist eine ideale Loesung fuer das Energie- und Wasserproblem ? Fuer riesige Bevoelkerungsmassen ? Schon vor 1492 kaempften manche der tausenden von indigenen Ethnien in den Amerikas um Wasserrechte, und das Hochland von Zentral-Mexiko wurde abgeholzt fuer Kochbrennstoff fuer die Bevoelkerung von Staedten wie Tenochtitlan und Texcoco- heute Mexico D. F.. Das Wassertragen und Brennholzherschaffen war eine der vielen Pflichten der Frauen und Sklaven. (Wie man heute noch im Fernsehen ueber Regionen in Afrika ersehen kann.) Und Menschen erkrankten an allgegenwaertigen Rauch in den Siedlungen -genau so wie sie heute noch daran Erkranken in den Doerfern in Lateinamerika. Deshalb ist Elektrizitaet eine bessere Loesung und Elektrizitaet und Wasserversorgung durch Staudaemme ist heute wirtschaflich zu Zeit noch die bezahlbarste fuer die Volkswirtschaften, und die am wenigsten zerstoerend fuer die weiteren Wohnlandschaften. Fuer die “Umsiedler” ist das fast immer eine Krisis – und da muss die Nation natuerlich entsprechende Verguetung und Unterstuetzung bieten. Das muss auf aber jeden Fall eine NATIONALE Angelegenheit bleiben und die “Einmischung” von “Fremden” (lese “Gruenen” und “Rechtler” von Europa und USA ) darf auf keinen Fall erlaubt werden: Die Lateinamerikaner habe auch erwachsene Denker und die Kolonialepoche ist schon lange vorbei!

  2. Jan Z. Volens vom 12. Juli 2010 - 21:16 Uhr

    Der Belo Monte Staudamm in Brasilien ist jetzt in den Nachrichten. Die Befuerworter, die Regierung, und die Mehrzahl der betroffenen Menschen – erscheinen aber nicht in den Nachrichten – nur Nachrichten von den versteckten Feinden des Aufstrebens des multirassischen Brasiliens: Die USA, England, und er Vatikan. Die USA versucht alle lateinamerikanischen Nationen, wie frueher, in “Kontrolle” zu unterdruecken, England kontrolliert noch immer mit USA die Weltfinanzmaerkte (New York -London, das weiss sogar Angela Merkel zu ihren Verdruss!), und der Vatikan ist ein internationale Kriminalorganisation, wie die Mafia, und versucht Brasilien als armes, verdummtes Volk zu “kontrollieren” (Wirtschaftswachstum bringt Bildung und veringert den Aberglauben!). Im Gefolgschaft der USA, England, Vatikan – laufen viele NRO (“Gruene”, “Gute Menschen”, “Glaeubige”) welche wahrscheinlich von “Stiftungen” und “Institute” finanziert und “geleitet” werden, welche vorrangig GEOPOLITISCHE Ziele der USA, Englands, und des Vatikans “operate” (die zivilen Brueder der bewaffneten “Contractors” und “Special Forces”). Viele “actors” und “Prominente” beteiligen sich dabei fuer die “self-promotion” (Selbstreklame). Der Belo Monte Staudamm ist ueberhaupt nicht im “Amazonas Urwald” sondern in einem Landwirtschaftbezirk welcher von seit 100 Jahren besiedelt wurde (400,000 Rinder, und Bodenernten) und welcher gar nicht so entfernt von der Megacity Belem und dem Atlantikstrand ist. Die Elektrizitaet wird von der Bevoelkerung gewuentsch weil man nicht weiter in der Dunkelheit mit Kerosinefunzeln leben will, und mit Holz die Mahlzeiten kochen oder neben einen qualmenden, toesenden Dieselgenerator leben – oder ohne Elektrizitaet weil nicht genug Kapazitaet gebaut wurde. Und Brasilien will nicht weiter nur Rohmaterialienerporteur bleiben sondern das Eisenerz, das Aluminium, die Baumwolle, und die Celusose (fuer Klopapier und Zeitungen)in Vertigprodukte verarbeiten und EXPORTIEREN. (Brasilien ist heute der groesste Hersteller und Exporteur von Mittelstreckenflugzeugen – sehe EMBRAER.) Seite 1977 habe alle Regierungen Brasiliens den Belo Monte Staudamm gewuentscht: Die Militaerdiktatur (von USA Unterstuetz), die Konservativen, die Sozialdemokraten, und heute die “Linken”. Aber die USA und England haben immer die internationale Finanierung untersagt. Heute braucht Brasilien keine internationale Finanzierung (Brasilianische Konzerne kauften pleite Firmen in Europa und USA, von Jan. bis Mai 2010 fuer $ 11+Millarden!) Heute kann die USA und England nur ihre “gruenen” NROs und ihre “Nachrichtenmedien” gegen Brasilien zielen. Und der oestreichische Bischof Erwin Kraeutler welcher bei Belo Monte seine Sitz hat, ist persoenlich am 16. April zum Ratzinger im Vatikan geflogen um die Europaer gegen Brasiliens Regierung aufzuwiegeln – den Kraeutlers oestreichische Priester sind ueberall in Brasilien gegen die brasilianischen Regierungen aktiv (obwohl besonders europaeische Priester dort wegen Knabenvergewaltigung schon in Gefaengnissen sitzen!). Wichtig: Die Meinung des brasilianischen Regierung kann man im youtube Video “AHE Belo Monte” – sehen, die Version ‘habis 130′ ist in Englisch. Was die Menschen bei Belo Monte meinen liest man direkt in “altamiranet.com.br” (wer Spanisch versteht kann das lesen). Ueber die taeglichen Nachrichten vom wirklichen Amazonasurwald – tausend Kilometer oestlich von Belo Monte, sehe “portal amazonia.com.br -

  3. Jan Z. Volens vom 12. Juli 2010 - 21:59 Uhr

    Berichtigung: Der wirkliche Amazonasurwald ist tausend Kilometer WESTLICH von Belo Monte/Altamira/Para. Das Nachrichtennetz “portal amazonia.com” oder auch “portal amazonia.com.br” kommt von der Megacity Manaus und bietet die Nachrichten von einigen Amazonasstaaten – Acre, Rondonia, Roraima, und Amazonas. Wer Spanisch liest kann das verstehen. Man liest Nachrichten welche die von USA und England beherrschte Weltpresse nicht berichtet, besonders die Anstrengungen der brasilianischen Behoerden und Beamten fuer den Naturschutz und die Fuersorge fuer die Indigenen. Jetzt zum Beispiel ist eine Nachricht von Caracarai/Roraima – dort hat der Umweltbatallon der Landespolizei einen Spinnenaffen und drei Papagaien von einem ehemaligen Stadtrat beschlagnahmt – welcher rund $ 12,000 Strafe zahlen muss. Letzes Jahr mussten in Brasilien solche Verstoesser gegen den Naturwildschutz ueber $ 7 Millionen Strafe zahlen. — Fuersorge fuer die Indigenen: Im Januar flog ein Helicopter mit dem Pilot und einen Bordmechaniker von Manaus 550 Kilometer nach Sueden um eine kranke Indianerin von Suruwaha zu den naechsten Krankenhaus in Labrea zu evakuieren. Der Helicopter und die Maenner verschwanden irgendwo im Urwald. Die brasilianische Luftwaffe suchte wochenlang uber 20,000 Quadratkilometer – aber weder der Helicopter noch die Maenner sind gefunden worden. (Die brasilianische Indigenenschutzbehoerde FUNAI schickt noch immer Expeditionen zu den “isolados” – den Indigenenethnien welche bisher ohne Kontakt zur “Welt” verblieben – aber der Kontakt wird nur hergestellt wenn dies von den Indigenen gewuenscht wird. Es gibt auch noch Gruppen von den man nur Hinweise gehoert hat… Sehe “Funai Brasil”.)

  4. Jan Z. Volens vom 12. Juli 2010 - 22:30 Uhr

    FUNAI ist der national Indigenenschutzdienst Brasiliens. Wer dann im Internet “Funai Brasil” waehlt, bemerkt sowohl die offizielle Information von FUNAI , und auch die von USA und England “gesteuerten” Kritiker (Nur die USA und England wissen was richtig ist und IHREN eigenen geopolitischen Interessen dient…). In Kanada, wo die Familie Sachsen-Gotha-Hanover-Schleswig auch “Windsor” Koenige sind ,bestehen noch ueber 800 Klageverfahren von Indigenenethnien (First Nations) ungeloest in kanadischen Gerichten, und die Armee wird manchmal gegen die Indigenen “eingesetzt” sehe im Internet “Oka crisis” und “Mohawk warriors”. Die USA hat bis her noch die Anerkennung von ueber 1000 Native American Nations & Bands verweigert: “Wegen fehlender historischer Dokumentation”. Teilweise an der Ostkueste wurden die Indigenen als “colored” dokumentiert um spaetere Grundrechte zu vermeiden…Sehe “Native American lawyers”… Bisher haben sich die Brasilianer nicht in die Angelegenheite in USA oder Kandada eingemischt, auch nicht in die Beziehung der “Deutschen” zu den Romas, Tuerken oder Sorben!

Kommentar schreiben




top