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“Elefante Blanco” und die nachhaltige Land-Städte

Autor:  | Juli 2013 | Artikel empfehlen

Gesehen: Elefante Blanco, Nuevo Juan del Grijalva. Foto 1: SnapshotElefante Blanco” (“Weißer Elefant”) ist ein Dokumentarfilm von Katerine Martineau und Chloe Blaszkewyc über das Entwicklungsprogramm des Präsidenten von Chiapas, Juan Sabina Guerrero, in dessen Folge “nachhaltige Land-Städte” (ciudades rurales sustentables) errichtet werden sollten. Das Programm ist eine Reaktion der Regierung auf die katastrophalen Überschwemmungen des Río Grijalva im Jahr 2007, welche das Leben, die Häuser und das Land verschiedener Familien bedroht hatten. Das Entwicklungsprogramm gehört auch zu den acht Millennium-Zielen der Vereinten Nationen (Objetivos del Milenio).

Der Film wurde 2011 gedreht, in Spanisch und der Mayasprache Tzotzil. Leider wird das Interview mit einer Tzotzil-sprechenden Frau nicht übersetzt. Die Regisseurinnen nutzen in ihrem Film verschiedene Medienberichte über die Überschwemmungen, in denen gezeigt wird, dass ein Teil des Flussufers einstürzte und 25 Menschenleben forderte. Wegen der abrutschenden Schlamm-Massen wurde das Land als gefährliches Gebiet deklariert, weshalb die Regierung von Chiapas die Evakuierung des Gebietes forciert und die Bewohner in die nachhaltigen Städte umsiedeln will. Verschiedene Gemeinden waren von der Katastrophe betroffen, unter anderen Rómulo Calzada in dem Municipio Tecpatán, deren Bewohnern für den Film interviewt wurden. Interviewt wird z.B. auch eine Familie, deren Mitglieder weiterhin in ihrem Heimatort bleiben wollen. Sie verstehen nicht, weshalb sie ihr Haus und ihr Land verlassen sollen. Die neuen Städte entsprechen nicht ihrer Lebensweise.

Die nachhaltigen Land-Städte

Bei den im Dokumentarfilm gezeigten neuen Städten handelt es sich um Nuevo Juan del Grijalva und Santiago el Pinar. Im September 2009 weihte der mexikanische Präsident Felipe Calderón, die „erste nachhaltige Land-Stadt der Welt” ein, und im April 2011 folgte die zweite in Los Altos de Chiapas. Das Entwicklungsprogramm verfolgt das Ziel, die in kleinen marginalisierten Gemeinden verstreute Bevölkerung in einem Siedlungszentrum zu konzentrieren. In einer zentralen Siedlung, so heißt es, könnten die Bewohner besser mit der notwendigen Infrastuktur versorgt werden. Beabsichtigt sei, die Armut und Marginalisierung der Gemeinden zu bekämpfen und die Bevölkerung zentral mit Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern, aber auch mit Trinkwasser und Strom zu versorgen.

Nach Auffassung der Regierung sollte die Umsiedlung der Bevölkerung erfolgen, ohne sie aus ihrem Umfeld zu reißen, Gesehen: Elefante Blanco, Santiago el Pinar. Foto2:  Snapshotund vor allem unter Respektierung ihrer Identität. Das sollte auch den Respekt gegenüber der Umwelt einschließen. Der Film hinterfragt die Nachhaltigkeit der neuen Städte und auch, worin die Entwicklung für ihre Bewohner bestehen kann. Martineau und Blaszkewyc zeigen Medienpräsentationen und öffentliche Beiträge der für das Entwicklungsprogramm zuständigen Politikern, lassen in Interviews aber auch Dorfbewohner und Experten (z.B. von der Universität Puebla), aus dem  Kollektiv für gemeinsame Analyse und Forschung (CAIK) und Menschenrechtsorganisationen zu Wort kommen. Oft werden Bilder der neuen Städte gezeigt, auf denen alles neu, sehr künstlich und wenig “ländlich”wirkt. Die Straßen sind zumeist leer, man sieht nur wenige Menschen, aber viele Losungen, die das Regierungsprogramm loben.

Widersprüche und Proteste

 Der Films zeigt eine Demonstration in San Cristóbal de Las Casas. Diese Demonstration wird “Procesion” genannt. Es ist eine Art “Pilgerfahrt-Demonstration”, wie sie die Katholische Diözese und die Katholische Gemeinde der Region oft organisiert haben, und sie führt quer durch die ganze Stadt bis zur Kathedrale im Stadtzentrum. Die Menschen protestieren gewaltlos gegen die “proyectos de muerte”, die Projekte des Todes: Die nachhaltigen Land-Städte sind eins davon.

Wie eine Mitarbeiterin des CAIK am Ende des Films explizit ausführt, wird die Identität der Bewohner nicht wirklich respektiert. Im Gegenteil, die Selbstbestimmung der Bevölkerung wird durch die Umsiedlung und die Konzentration in bestimmten Zentren infolge des Regierungsprogrammes verletzt. Der Plan der Umsiedlung wurde nie mit den Gemeinden oder deren Repräsentanten diskutiert. Scheinbar ist er Teil eines umfassenden Wirtschaftsplans, dessen Ziel die wirtschaftliche Nutzung des nunmehr “unbewohnten” Landes ist.

In dem Film wird erklärt, dass die Regierung Geld in das Gebiet des vom Erdrutsch betroffene Land am Río Grijalva investiert hat. Gleichzeitig wurde den Bewohnern ein finanzieller Ausgleich für die verlorenen Häuser und das Land versprochen, aber es wurden lediglich weitere Wirtschaftsprojekte von Energiekonzernen und der Grupo Mexiko gefördert, wohingegen die von der Katastrophe betroffene Bevölkerung leer ausging. Wenn sich die Betroffenen für ihre Rechte einsetzten, wie z.B. 2010 mit einer Demonstration in der Nähe von Rómulo Calzada, dann wird hart gegen sie vorgegangen, und es kam auch zu Verhaftungen. Die Filmemacherinnen konnten auch mit einigen Inhaftierten sprechen.

Gesehen: Elefante Blanco, obstladen. Foto 3: SnapshotAm Ende verabschieden Martineau und Blaszkewyc den Zuschauern mit einem kurzen Epilog, sie geben gewissermaßen eine Bestätigung für die Erfolglosigkeit des Entwicklungsprogramms der nachhaltigen Städte. Diese sind von den Bewohnern nie wirklich angenommen worden. Eine der wenigen Familie, die dorthin umgesiedelt wurden, musste die Stadt Ende 2011 verlassen, weil ihr Haus nach wie vor nicht über Wasser und Strom verfügte. Der am meisten vom Entwicklungsprogramm überzeugte Einwohner von Santiago el Pinar, musste am Ende Taxifahrer werden. Er wurde für die Leitung einer frutería, eines Obst- und Gemüseladen, beauftragt, aber sein Laden musste geschlossen werden. Das einziges was die Filmemacher im Jahr 2011 im Geschäft gefunden hatten, als die Stadt eigentlich schon bewohnt sein sollte, waren verschiedene Videospiel-Automaten, Kühlschränke mit Getränken, verpackte Süßigkeiten und Getränkepulver, aber keine regionalen Produkte und schon gar kein Obst und Gemüse.

Die letzten Sequenzen des Films zeigen noch einmal eine der zahlreichen propagandistischen Losungen des  Regierungsprogrammes: “Son Hechos no palabras” wurde während des Aufbaus der Stadt auf den Beton geschrieben “Fakten, nicht Worte”. Die Losung ist ein offensichtlicher Widerspruch zur Realität der “ciudad rural sustentable”.

Espoir Chiapas und der Doku online

Der Dokumentarfilm “Elefante Blanco” wurde Anfang 2013 auch auf der Seite der Nichtregierungsorganisation “Espoir Chiapas” frei zur Verfügung gestellt. Die französiche NGO entstand 2003, sie unterstützt die Völker des mexikanischen Bundesstaates Chiapas und ihren Kampf für die Autonomie. Sie informiert über verschieden Themen, auch mit wie Video und Dokumentarfilmen. Espoir Chiapas engagiert sich für die Menschenrechte in der Region, für politische Gefangene, die Autonomen Gemeinschaften des EZLN und deren Projekte sowie für die  Migranten in Mexiko. Vor allem unterstützt Espoir Chiapas die Zivilgesellschaft Sociedad Civil Las Abejas mit Gesundheitsprojekten und gibt Hilfe für die Frauenorganisationen und für wirtschaftliche Unabhängigkeit. Alle Mitglieder von Espoir Chiapas arbeiten ehrenamtlich für die NGO in Frankreich, in Kanada und vor allem in San Cristóbal de Las Casas, Chiapas.

Informationen über die NGO “Espoir Chiapas” und ihre Arbeit auf der Seite: espoirchiapas.blogspot.de

Der Film Elefante blanco kann hier angesehen werden:                          Gesehen: Elefante Blanco. Foto 4:Snapshot

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Bildquellen: [1]; [2]; [3]; [4] Snapshots, Nutzung im Rahmen der Rezension.


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