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Der Kampf um die Rehabilitierung der mexikanischen Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa

Autor:  | Januar 2012 | Artikel empfehlen

Mexiko: Die Menschenrechtsaktivistin Digna Ochoa - Foto: Harald Ihmig, QRalManche Leute sagen, mein Handeln sei mutig. Ich habe eher Zorn empfunden, wenn ich andere leiden sah. Für mich ist Zorn eine Energie, eine Kraft. Unrecht und der Zorn darüber motivieren uns, etwas zu tun und Risiken einzugehen im Bewusstsein, dass die Dinge sich sonst nicht ändern. Zorn hat uns dazu gebracht, uns der Polizei und den Soldaten entgegen zu stellen. Digna Ochoa

Zum Zeitpunkt ihres Todes am 19.Oktober 2001 war Digna Ochoa y Plácido eine der bekanntesten und international angesehensten mexikanischen MenschenrechtsverteidigerInnen. Die 37-jährige Rechtsanwältin stammte aus einer armen und kinderreichen Familie mit indigenen Wurzeln im Bundesstaat Veracruz. Digna war 16 Jahre alt als ihr Vater, ein oppositioneller Gewerkschafter, 1980 von der Polizei verhaftet und gefoltert wurde. Zusammen mit ihrem älteren Bruder Jesús kämpfte sie erfolgreich für seine Freilassung. Digna studierte später Jura und begann, in der lokalen Staatsanwaltschaft zu arbeiten. Dort entdeckte sie eine „Todesliste“ angeblicher „Revolutionäre“, auf der auch ihr Vater und ihr Bruder standen.

1988 wurde sie selbst entführt, mehrere Tage in einem verlassenen Bauernhaus festgehalten, geschlagen und vergewaltigt. Sie war überzeugt, dass staatliche Sicherheitskräfte die Täter waren und erstattete nach ihrer Flucht Anzeige. Es wurde nicht einmal ermittelt. Digna ging nach Mexiko-Stadt. Sie trat in den Dominikanerorden ein und lebte acht Jahre lang als Novizin in einem sozial engagierten Konvent, ohne jedoch die endgültigen Gelübde abzulegen. Als Anwältin arbeitete sie nun für das von Jesuiten gegründete und geleitete renommierte Menschenrechtszentrum „Centro de Derechos Humanos Miguel Agustín Pro Juárez”, kurz PRO genannt. Dort war sie an der Verteidigung in brisanten, weil systemrelevanten Menschenrechtsfällen beteiligt: Wie mehrere ihrer KollegInnen von PRO erhielt die Anwältin Morddrohungen.

Und es blieb nicht bei Drohungen: Im August 1999 wurde Digna in ein Auto gezerrt, beraubt und bedroht, im Oktober dann in ihrer Wohnung überfallen und die Nacht über gefesselt und mit verbundenen Augen über ihre „Guerillakontakte“ verhört. Am Morgen ließen die Täter sie mit den Füßen an ihr Bett gefesselt neben geöffneten Gasbehältern zurück. Das Menschenrechtszentrum PRO wandte sich an die Interamerikanische Menschenrechtskommission in Washington, der Interamerikanischen Gerichtshof wurde eingeschaltet und verpflichtete den mexikanischen Staat zu Schutzmaßnahmen für die bedrohten PRO-Anwälte sowie zu Ermittlungen. Letztere wurde nie ernsthaft betrieben. Die Polizisten, die Digna Ochoa nun schützen sollten, waren dafür offensichtlich nicht ausgebildet, gaben aber, wie sich später herausstellte, fleißig Informationen über ihr Privatleben weiter.

Digna vermutete, dass die Angriffe damit zu tun hatten, dass sie Rodolfo Montiel und Teodoro Cabrera, zwei vom Militär willkürlich inhaftierte und gefolterte Mitglieder der Ökobauernorganisation ‚Campesinos Ecologistas de la Sierra de Petatlán’ im Bundesstaat Guerrero, verteidigte. Ein Präzedenzfall, bei dem erstmals Mitglieder der Armee wegen Folter angeklagt werden sollten und sich einer öffentlichen Vernehmung stellen mussten.

Zurück aus dem Exil – schutzlos

Die Drohungen gegen PRO und Digna gingen auch im Jahr 2000 weiter. Schließlich reiste die Anwältin nach Washington aus, wo sie für die interamerikanische Menschenrechtskommission arbeitete. Der Leiter von PRO, Edgar Cortez beteuert in dem Film „Digna hasta el último aliento“ (2003), er habe seine Mitarbeiterin aus Sicherheitsgründen ins Exil zwingen müssen. Andererseits wird aus vielen Aussagen in diesem Film und aus der exzellenten 500-seitigen Recherche der kanadischen Journalistin Linda Diebel (2005) deutlich, dass Digna sich von der PRO-Chefetage kaltgestellt und – wohl nicht zu Unrecht – hinter ihrem Rücken verleumdet fühlte. Das Arbeitsverhältnis wurde aufgelöst. In den USA steigerte sich ihre Popularität, sie erhielt mehrere bedeutende Menschenrechtspreise, wurde in Kerry Kennedys Buch „Speak Truth to Power: Human Rights Defenders Who Are Changing Our World“ porträtiert und bekam ein Stipendium der MacArthur Foundation.

Dennoch war sie ohne den institutionellen Rückhalt von PRO in einer äußerst vulnerablen Situation, als sie ein halbes Jahr später nach Mexiko zurückkehrte. Im Mai 2001 wurde ihre Akte vom mexikanischen Generalstaatsanwalt General Macedo del la Concha, einem einflussreichen Militär und Mitglied der Regierungspartei PAN (Partei der Nationalen Aktion), geschlossen. Im August hob der Interamerikanische Gerichtshof auf Ersuchen der mexikanischen Bundesregierung die Schutzmaßnahmen gegen sie auf.

Gleichzeitig erhielt Digna neue Todesdrohungen, und es gab beunruhigende Anzeichen dafür, dass sie observiert wurde und ihre neue Privatwohnung ausspioniert und geöffnet worden war. Sie wollte sich davon nicht beirren lassen. Im Gegenteil: Enthusiastisch begann sie in einer Kanzlei mit befreundeten AnwältInnen zu arbeiten. Zu den Fällen, die sie zusammen mit ihrer Kollegin Bárbara Zamora anpacken wollte, gehörte ein besonders kritischer: Die Brüder Alejandro, Héctor und Antonio Cerezo waren willkürlich verhaftet und der Bildung einer terroristischen Vereinigung angeklagt worden. Anfang Oktober 2001 unternahm sie zusammen mit dem Hamburger Theologen und Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation FIAN, Prof. Harald Ihmig, eine Reise zu einem der Brennpunkte sozialer Auseinandersetzungen in Mexiko – in den Bundesstaat Guerrero und zu den Bauern der Sierra de Petatlán, deren Mitglieder sie 1999 vertreten hatte. Dignas Ziel auf der Reise im Oktober 2001 war klar: Sie wollte die Rechte der Ökobauern gegen die Holzkonzerne, Militärs, Paramilitärs und lokalen Machthaber verteidigen und helfen, ihre Lebenssituation zu verbessern.

Eine heikle Situation für den Präsidenten

Mexiko: In Erinnerung an die Menschenrechtsaktivistin Digna Ochoa - Foto: inimexDazu kam es nicht mehr: Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr und einen Tag vor einem geplanten Besuch der Brüder Cerezo im Hochsicherheitsgefängnis wurde Digna Ochoa tot in ihrem Büro aufgefunden. Eine Welle der Empörung ging durch Mexiko und die Welt. Die Lage schien eindeutig: Allen Indizien zufolge handelte es sich um einen politischen Mord. Eine peinliche Situation für den rechtskonservativen Präsidenten Vicente Fox, Ziehkind und Liebling der US-Regierung, der einen Wandel im korrupten System der bis zu seinem Amtsantritt herrschenden „Partei der institutionalisierten Revolution“ (PRI) versprochen und eine ganze Reihe neuer Menschenrechtsinstitutionen gegründet hatte. Heikel aber auch für den von der linken „Partei der Demokratischen Revolution“ (PRD) regierten Bundesstaat Mexiko, in dessen Zuständigkeit die Ermittlungen fielen.

Angst und Panik befielen die MenschenrechtsverteidigerInnen in Mexiko nach dem Mord: Wenn es unter diesen – scheinbar günstigen – politischen Umständen, Digna getroffen hatte, dann konnte es jeden jederzeit an jedem beliebigen Ort treffen. Aber die Auflösung der Dilemmata war schon nahe: Während die Aufmerksamkeit allmählich abebbte, wurde von Seiten der Justiz (manche sagen: unter Mithilfe jesuitischer Kreise) ein neues Szenario fabriziert und Stück für Stück öffentlich lanciert, das alle – Täter und Kläger (einschließlich des Menschenrechtszentrums PRO) – auf perfide Weise entlastete: Digna Ochoa habe unter schweren Persönlichkeitsstörungen inklusive krankhafter Geltungssucht gelitten. In ihrer Verzweiflung über den Bruch mit dem Menschenrechtszentrum, für das sie ja immerhin zwölf Jahre lang gearbeitet hatte, und aufgrund privater Probleme, nicht zuletzt mit ihrem Verlobten, habe sie Selbstmord begangen. In ihrem überbordenden Narzissmus habe sie diesen Suizid minutiös geplant und raffiniert als Mord getarnt.

Zehn Jahre lang kämpften die Familie von Digna Ochoa und ihre Anwälte vergeblich um eine ordnungsgemäße Untersuchung des Falles. Sie brachten unzählige Beweise bei, die die Selbstmordhypothese mehr als unwahrscheinlich machen. Die mexikanische Justiz hat den Fall im November 2010 dennoch unwiderruflich abgeschlossen: Sie ist bei der Suizidversion geblieben. Und auch die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte in Washington, die eine so bedeutende Rolle in Dignas Leben gespielt hatte, hat mittlerweile, im Dezember 2011, die Möglichkeit negiert, den Fall nochmals aufzurollen. Es hat den Anschein, als bliebe nun, vom mexikanischen Staat die Wiederherstellung des gutes Rufes von Digna Ochoa zu fordern und ihre Lebensleistung zu würdigen.

Und es bleibt die bittere Erkenntnis, dass der Abwehrkampf gegen den Rufmord, die Angst, und die Auseinandersetzung mit persönlichen Schuldgefühlen enorme Kräfte absorbiert haben, während die Suche nach den wahren Tätern und ihren Hintermännern im Sande verlief. Wo sie zu finden wären, wagen nur wenige deutlich auszusprechen, wie z.B. der Anthropologe Gilberto López y Rivas. Die Tageszeitung La Jornada zitierte ihn am 17.2.2002 mit folgenden Worten: „Es besteht kein Zweifel daran, dass dieses Verbrechen von einem Einsatzkommando des militärischen Geheimdienstes verübt wurde und der Schuldige aus den Reihen des mexikanischen Militärs kommt. Das zeigen die gezielte Verfolgung, die Verhöre, die Art der Attentate auf ihr Leben. Sie festbinden und Gastanks öffnen, damit sie durch das Einatmen des Gases stirbt? Das ist deren Modus Operandi.“

Quellen und weiterführende Lektüre:
Diebel, Linda (2005, paperback edition 2007): Betrayed. The Assassination of Digna Ochoa. New York, Carroll & Graf Publishers (Besprechung von Harald Ihmig, erschienen in: ila 294 (April 2006).
La Jornada 17.2.2002 Gallardo declarará ante el MP en el caso Ochoa: Bátiz
La Jornada 20.10.2002 Participación de militares, clave en caso Digna Ochoa
La Jornada 20.7.2003 Blanche Petrich: Caso Digna: resultado vergonzoso, por ahora
Noriega Garcia, Pilar: Caso Digna. Insulto a la Razón (Ms. México D.F. 2011)
Film: Digna… hasta el último aliento. (Regie: Felipe Cazals, México 2003)

Besonderen Dank an Christiane Schulz für unentbehrliche Hinweise und Anregungen.

Bildquellen: [1] Harald Ihmig. Nutzungsrechte liegen der Redaktion vor. [2] inimex.

Den zweiten Teil zum Fall Digna Ochoa finden Sie hier: Der Fall Digna Ochoa Teil 2


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