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Die aktuelle Situation der Behinderten in Mexiko

Autor:  |  Frühjahr 1997

Zu wenigen Gelegenheiten spricht man wie jetzt von bedeutenden Veränderungen für die Behinderten. Ein wichtiger Faktor dabei war der internationale Druck durch die UNESCO, der seinen Niederschlag im „Nationalen Programm für das Wohlergehen behinderter Personen und ihre Eingliederung in die gesellschaftliche Entwicklung” fand, welches im Mai 1995 auf Betreiben des Präsidenten bekanntgegeben wurde.

Dieses Programm ist interessant und beinhaltet verschiedene Aspekte der Entwicklung und sozialen Eingliederung von Behinderten. Es könnte wirklich zu wesentlichen Veränderungen für diesen Personenkreis fuhren, wenn, ja wenn dies alles mittels konkreter, geplanter, systematischer und dauerhafter Aktivitäten in der Praxis durchgesetzt würde.

Das Programm setzt sich u.a. folgende Ziele:

  • Die Integration der m inderjährigen Behinderten in die Normalschule;
  • Zugang zur beruflichen Rehabilitierung, zu Ausbildung und Beschäftigung, um Chancengleichheit im Arbeitsleben zu erreichen;
  • Umstrukturierung und Anpassung der städtischen Infrastruktur, um die freie Bewegung und den sicheren Zugang zu allen öffentlichen Einrichtungen zu gewährleisten;
  • Verbreitung einer „Integrationskultur”, Respekt gegenüber behinderten Personen und deren ungehinderten Zugang zu den Kommunikationsmitteln, wobei Integration sowohl die soziale Integration als auch die im Erziehungswesen einschließt.

Zur aktuellen Situation

In der städtischen Infrastruktur lassen sich heute Veränderungen feststellen, die die sozialen Integration von Behinderten ermöglichen, so wurden z.B. Erleichterungen für den Zugang zu einigen Behörden, Bürgerzentren und wichtigen Straßen vorgenommen. Solche Hilfen für Behinderte gibt es bisher allerdings in fast keiner öffentlichen Lehranstalt, weder in städtischen Randgebieten noch in den Vierteln, die von Angehörigen der Unterschichten bewohnt werden. Und in einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit das erstrangige Problem im Lande ist, kann von einer Arbeitsintegration schon gar nicht geredet werden. Vorangekommen ist man in den Bemühungen, eine Integrationskultur zu verbreiten.

In diesem Zusammenhang sei auf die Versuche verwiesen, die aktuelle Entwicklung mit entsprechenden Begriffen zu erfassen. So werden nicht mehr die Begriffe „Geistesgestörte” oder „Zurückgebliebene,” „Blinde”, „Taube” usw. verwendet, sondern man spricht neuerdings von behinderten Personen, die einer besonderen Erziehung bedürfen. (Im Spanischen setzt sich „Discapacidad” aus Capacidad = Kapazität, Fähigkeit, Vermögen, und dis- einer untrennbaren Vorsilbe, die eine Negation oder Abtrennung anzeigt, zusammen. Also ist eine Person mit „Discapacidad” eine Person mit einer bestimmten Unfähigkeit, in der wörtlichen Übersetzung also ebenso diskriminierend wie die wörtliche Bedeutung im Spanischen. Es gibt den Begriff in keinem mir zugänglichen Spanisch-Lexikon ohne diskriminierende Bedeutung. Im Deutschen bietet sich im allgemeinen Sinn und am wenigsten diskriminierend wohl nur der Begriff „Behinderte” an; d. Übers.)

Die Veröffentlichung des nationalen Behindertenprogramms ging einher mit der Verbreitung des Gedankens der sozialen Integration durch die Massenmedien. Doch danach „blies man zum Rückzug”; und heute sind die Medien nach wie vor zahlungskräftigen Verbänden vorbehalten.

Integration im Erziehungswesen

Die Anordnung, minderjährige Behinderte in die Grundschulen zu integrieren, ihnen damit Zugang zu den Lehrinhalten der Normalschule zu geben, griff einen Prozeß auf, der gerade langsam in Gang gekommen war. Da jedoch keine detaillierte Planung zur Umsetzung erarbeitet worden war, erzeugte diese Anordnung oft Verwirrung, Unordnung und Unzufriedenheit.

Während die Eltern behinderter Kinder darin natürlich die Möglichkeit sehen, ihren Kindern Zugang zum allgemeinen Erziehungswesen zu verschaffen, drücken die Lehrer verschärft ihren Unwillen aus, diese Schüler aufzunehmen. Das wird vor allem mit dem Fehlen entsprechender Kenntnisse darüber begründet, wie behinderte Kinder in die reguläre Schulklasse integriert werden können. Die Lehrer haben weder die notwendige Ausbildung noch Unterrichtsmittel, die auf diese speziellen Anforderungen zugeschnitten sind.

Inzwischen ist der Prozeß der schulischen Eingliederung behinderter Kinder in Gang gekommen, neue Möglichkeiten seiner Umsetzung werden geschaffen und unterschiedliche Resultate sind zu verzeichnen. Da allerdings keinerlei präzise Planung des Prozesses existiert, geschieht seine Umsetzung häufig nach der Versuch-Irrtum-Methode.

Die Integration der behinderten Kinder, die Zugang zu den Lehrinhalten der Regelschule bekommen, ist vielversprechend. Doch es existiert in Mexiko weiterhin eine Minderheit, marginal noch unter den Marginalen, die in diesen Integrationsprozeß in keiner Weise einbezogen ist: Die Rede ist von denen, die früher als Geisteskranke oder Geistesgestörte, Psychotische oder Psychopathen bezeichnet und abgetan wurden. Diese werden, sofern die Familie über beträchtliche Geldmittel verfügt, in einer privaten Anstalt untergebracht, wenn nicht zu Hause „unter Verschluß” verwahrt. Oder sie werden in psychiatrischen Krankenhäusern unter sehr schlechten, beklagenswerten Zuständen behandelt, falls sie von ihren Familien im Stich gelassen wurden bzw. wenn diese ihre Einweisung beantragen, weil sie sich nicht imstande fühlen, mit ihnen zu Hause zu leben.

Die Unterstützung der staatlichen Institutionen tendiert praktisch gegen Null, sowohl für die Minderheit der Behinderten als auch für ihre Angehörigen. Das Sonderschulwesen, das immerhin noch über Spezialisten verfügt, die Orientierungshilfen für Schüler und Angehörige geben könnten, übernimmt keine Verantwortung für die, die in die Normalschule nicht aufgenommen werden können.

Die Einrichtungen des Gesundheitswesens informieren die Eltern höchstens über die festgestellte „Abweichung” und geben bestenfalls eine Orientierung für die Behandlung des Kindes. Das geschieht aber nur zum Zeitpunkt der Feststellung der Behinderung; danach müssen die Eltern allein klarkommen. Es handelt sich ja eigentlich nicht um ein Gesundheitsproblem, das schnell und zeitweilig durch einen Eingriff gelöst werden könnte. Hilfe für die psychisch Kranken findet sich allenfalls in universitären und privaten Vereinigungen, die jedoch über zu geringe finanzielle Mittel und eine minimale Kapazität verfügen, um die bedürftigen Fälle versorgen zu können.

Hier müssen aber auch bestimmte öffentliche Einrichtungen erwähnt werden, die verschiedene Typen von Behinderten wie Blinde, Taube u.a. betreuen. Auch wenn die Arbeit dieser Institutionen nicht auf die Integration im normalen Schulwesen oder die soziale Eingliederung gerichtet ist, liefern sie doch ein Werkzeug zur persönlichen Entwicklung dieser Kinder; z.B. durch Unterrichtung in Braille-Schrift (Nationale Blindenschule) oder in Zeichensprache für Taubstumme. Aber letztendlich bleibt den meisten von ihnen nur der „freie Markt” der ambulanten Verkäufer, Straßenmusikanten und Bettler (siehe Bild). Den körperlich wie geistig Behinderten ist in Mexiko zum größten Teil die soziale Eingliederung und Gleichstellung immer noch immer versperrt.

Übers. aus dem Spanischen: Nicki


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