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Der mexikanische Narcocorrido – Teil 5: Armut

Autor:  | Februar 2011 | Artikel empfehlen

Subsistenzbauernfamilie (Foto: Quetzal-Redaktion.pg)Ein häufig in Narcocorridos aufgegriffenes Thema ist das der Armut und der daraus resultierenden sozialen Benachteiligungen als Grund für den Handel mit nicht legalisierten Drogen. Die Zahl der Narcocorridos, deren Protagonist aus einem wohlhabenden sozialen Umfeld stammt und sich dennoch bewusst für den Drogenhandel als Einkommensquelle entscheidet, ist verschwindend gering. Bei den Helden der Narcocorridos handelt es sich um Personen, die oft aus ländlichen Gebieten und ärmlichen Verhältnissen stammen. In Contrabando y Traición wird in der Zeile

Mit deinem Anteil/ kannst du ein neues Leben beginnen

das Motiv für den Marihuanaschmuggel genannt: Camelia und Emilio wollen ein neues Leben beginnen. Bereits in den frühen Schmuggelcorridos der 1930er Jahre finden sich Hinweise auf die Beweggründe, die den oder die Protagonisten des Liedes zu nach juristischem Verständnis kriminellen Handlungen treiben:

Ich habe nachgedacht, meine Herren/ Es gibt keine Arbeit mehr
Ich muss mein Glück versuchen / wenn der Herr es mir gewährt
Die Saat wirft nichts mehr ab/ Mehr muss ich nicht sagen
Jetzt erntet man am besten das/ was die Fässer uns geben

Corrido de los Bootleggers

Dieser Umstand soll auch in Narcocorridos nicht verschleiert werden. Im Gegenteil: Die Herkunft aus einem sozial schwachen Umfeld und die anfängliche Armut des Protagonisten werden offen gelegt und sollen Mitgefühl und Verständnis für die Taten des Drogenhändlers wecken:

Ich weiß, dass mein Geschäft gefährlich ist/ Aber Hunger macht mutig

La Ley 57

Viele Leute kritisieren mich/ weil ich gegen das Gesetz verstoße
Es heißt, ich verdiene schmutziges Geld/
das bestreite ich nicht, ich weiß es sehr wohl
Aber Geld, auch wenn es sehr schmutzig ist/ macht satt, denkt mal darüber nach

El Cártel de a Kilo

Der Drogenhändler rechtfertigt sein Handeln auch damit, dass sich sogenannte „ehrliche Arbeit” trotz großer Anstrengungen nicht auszahlt:

Mach nicht weiter/ Lass die krummen Geschäfte
Sagen mir dauernd/ Leute, die keine Ahnung haben
Das Leben ist beschwerlich/ auch wenn man ehrlicher Arbeit nachgeht

La Piedrita Columbiana

Wie lange Zeit vor ihm der mexikanische bandido und der amerikanische outlaw muss auch der Drogenhändler sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, da von niemandem, auch oder erst recht nicht vom Staat, Hilfe zu erwarten ist. Der Einstieg in den Drogenhandel ist eine Chance, das eigene Leben und die eigene finanzielle Situation signifikant zu verändern. Es sind nicht nur materielle, durch Armut begründete Faktoren, die das Geschäft mit illegalen Drogen attraktiv erscheinen lassen, sondern auch immaterielle, denn der Drogenhandel bietet die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu bestimmen und mit Würde zu gestalten. Durch das Geschäft mit Kokain, Marihuana und Heroin wandelt sich der ehemals sozial Schwache vom Patiens zum Agens:

Lange Zeit war ich arm/ und wurde gedemütigt
Seit ich Geld verdiene/ haben sich die Zeiten geändert
Jetzt nennt man mich ‚Patrón‘/ Ich habe meinen privaten Code

Clave Privada Die große Frage ist nur, ob es für ein Problem wie das des Landbesitzes in Kolumbien überhaupt eine Lösung gibt – ein Problem, das sich aufgrund seiner historischen, politischen und rechtlichen Komplexität bis heute als unlösbare Herausforderung dargestellt hat. Von den zahlreichen – allesamt äußerst wichtigen und dringlichen – Strukturreformen, die auf der Agenda der Regierung stehen, könnte allein das Landgesetz zu einer bedeutsamen Zäsur in der Geschichte Kolumbiens werden. So wie Álvaro Uribe zuerst für Frieden auf den Straßen des Landes sorgen musste, um zum Vorreiter in Sachen Sicherheitspolitik zu werden, ist Juan Manuel Santos bewusst, dass es eines Wunders auf dem Lande bedarf, damit es zu dem Wohlstand kommen kann, den er versprochen hat.

Die Armut trieb ihn dazu/ diesen Weg einzuschlagen
Mit seinem Mut nahm er/ sein trauriges Schicksal selbst in die Hand
Erst war er der Patensohn/ Jetzt ist er der Pate

El Chaca de Michoacán

Ich lernte das Leben kennen/ bis ich Geld hatte
Und ich leugne nicht, dass ich arm war/ auch nicht, dass ich Eseltreiber war
Jetzt bin ich ein gemachter Mann/ meine Tiere (Drogen) verführen die Gringos

Mis Tres Animales

Wenn sich die persönliche Situation durch das Drogengeschäft auch verbessert, besteht doch ein großer Unterschied zwischen den gran señores und ihren Arbeitern. Die Narcocultura bildet hier keine Ausnahme:

Die Arbeiter der großen Bosse/ machen die ganze Arbeit
Sie bezahlen ihnen so wenig/ obwohl sie selbst Millionen verdienen
Der ‚Patrón‘ gibt das Geld aus/ und der Arbeiter ist es, der schuftet

El Cártel de a Kilo

Einige Narcocorridos richten den Fokus nicht auf den Handel selbst, sondern auf den Mohn- und Hanfanbau, der als einzige Alternative zu traditionellen Anbauprodukten wie Mais gesehen wird, da sich für den Kleinbauern mit letztgenanntem keine Gewinne erwirtschaften lassen:

Die zwei Hektar Land/ die mir mein Vater vererbte
Bearbeitete ich mit Hingabe/ um etwas zu erreichen
Doch die Realität sieht anders aus/ Ich war am verhungern
Ein Freund seit Kindertagen/ schlug mir eines Nachmittags vor
Lass uns der Armut entfliehen/ Lass es uns anders nutzen
Ich schwöre euch, dass sich meine Lage/ innerhalb kurzer Zeit verbesserte

Las Dos Hectáreas

Die starken Winde peitschten/ in der Sierra
Des Staates Durango/ All diese Menschen halten sich fest
Um zu essen/ müssen sie Gras sähen

Yerba en la Sierra

Bergdorf in Bundesstaat Guanajuato, Mexiko (Foto: Quetzal-Redaktion.gt)

Doch stimmt diese Darstellung mit der Realität überein?

Sind Handel und Anbau von Drogen eine Reaktion auf Armut und Hunger? Daten zur mexikanische Wirtschaft und Statistiken zum Drogenhandel helfen, diese Frage zu beantworten.

Angaben des Leiters des US-Büros für Internationale Betäubungsmittel- und Rechtsangelegenheiten (Bureau of International Narcotics and Law Enforcement Affairs, INL), zufolge beziehen ca. 300.000 Mexikaner ihr Einkommen aus dem Anbau oder der Weiterverarbeitung von Rohstoffen für illegale Betäubungsmittel, weitere 150.000 direkt aus dem Drogenhandel, der jährlich zwischen 15 und 25 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet. 2007 wurden in Mexiko rund 6.900 Hektar Mohn angebaut – eine Menge, aus der sich ca. 18 Tonnen reines Heroin gewinnen lassen können. Der Anbau von Marihuana belief sich im selben Jahr auf rund 8.900 Hektar. Potentielle Marihuanaproduktion: 15.800 Tonnen.

Das Schwellenland Mexiko ist die zwölftgrößte Volkswirtschaft der Welt und durch zahlreiche Freihandelsabkommen außenwirtschaftlich gut vernetzt. Von diesen Abkommen profitieren in erster Linie große Industrieunternehmen, während seit Inkrafttreten des Freihandelsabkommens NAFTA mit den USA und Kanada Zehntausende mexikanische Kleinbauern, die mit subventionierten und deshalb kostengünstigeren Produkten aus den nördlichen Nachbarstaaten nicht konkurrieren konnten, ihre Existenzgrundlage verloren haben. Angaben von Mitarbeitern der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) aus dem Jahre 2007 zufolge ist es rund drei Millionen Landwirten in Mexiko nicht mehr möglich, von den finanziellen Erträgen ihrer Ernte zu leben, weshalb ein beträchtlicher Teil der Bauern den Anbau traditioneller Produkte wie Mais zugunsten des Hanf- und Mohnanbaus aufgegeben hat. Durch diesen Wechsel werden die Bauern nicht reich, aber er ist für sie aufgrund der o.g. Konkurrenz die einzige Möglichkeit, weiterhin in der Landwirtschaft und ihrer Heimat tätig zu sein.

Doch es ist nicht nur die materielle Armut, der sozial schwache Mexikaner mit Hilfe des Drogenanbaus und -handels entkommen wollen. Auch wenn Armut ein gesellschaftliches Phänomen mit vielen Gesichtern ist, bedeutet Armut vielerorts für die Betroffenen in erster Linie, eben kein Gesicht und erst recht keine Stimme zu haben, in der Masse und Anonymität zu verschwinden, unbedeutend zu sein. Der Weg aus der Armut ist oftmals gleichbedeutend mit dem Weg aus der Anonymität der Masse, hin zur Individualität und Verwirklichung seiner selbst. Auch die immaterielle Armut ist also nicht nur in den Narcocorridos ein entscheidender Faktor.

Ismael ‚El Mayo‘ Zambada, einer der Anführer des Sinaloa-Kartells, jedoch, hatte auf die Frage, warum er in das Drogengeschäft eingestiegen sei, eine einfache Antwort etwas anderer Art: „Nomás. – Einfach so“.

Literatur:

Avilés, Karina (2007): „Cultivos ilícitos, única opción de campesinos para la supervivencia“ In: La Jornada, 31.12.2007:

CIA World Factbook (2010): Mexico: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/mx.html

De la Garza, María Luisa (2008): Pero me gusta lo bueno – Una lectura etica de los corridos que hablan del narcotrafico y de los narcotraficantes. México, D.F.: Porrúa.

Ehringfeld, Klaus (2008): „Bauern gegen Freihandel“ In: Handelsblatt, 02.02.2008.

Herrera-Sobek, María (1993): Northward bound – the Mexican Immigrant Experience in Ballad and Song. Bloomington [u.a.]: Indiana University Press.

Johnson, David (2009): Testimony before the House Appropriations Committee vom 10. März 2009.

Mellmann, Anne-Katrin (2008): Mexiko im Drogenkrieg (Manuskript). Gesendet am 03.01.2009 im Rahmen der Bayern 2-Reihe Breitengrad.

Scherer García, Julio (2010): „Proceso en la guarida de ‚El Mayo‘ Zambada.“ In: Proceso, 03.04.2010.

Seffer, Kristin (2008): „Drogenhandel und Drogenanbau in Mexiko. Genese der Kartellstrukturen und aktuelle Situation“ In: Quetzal, März 2008: http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/mexiko/drogenhandel-und-drogenanbau-in-mexiko-genese-der-kartellstrukturen-und-aktuelle-situation-19093.html

Simonett, Helena (2001): Mexican Musical Life across Borders. Middletown: Wesleyan University Press.

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Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion.pg; [2] Quetzal-Redaktion.gt


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1 Kommentar zu “Der mexikanische Narcocorrido – Teil 5: Armut”

  1. Maximilian Acosta Schultze vom 21. Dezember 2013 - 19:42 Uhr

    Ich finde das Thema sehr interessant und werde es wird warscheinlich mein Abiturthema sein. Allerdings bräuchte ich dazu die Noten der Corridos bzw. eines Corridos. Könnten Sie mir sagen wo ich diese finden kann?

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