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Declaración de Morelia

Autor:  |  Frühjahr 1993

In Morelia (Mexiko) trafen sich am 9. September 1991 Vertreter aus mehr als 20 Ländern der Erde unter dem Motto “Bis zu Ende des Jahrtausends”. Sie verabschiedeten die Erklärung von Morelia:

Eine einzigartige Begegnung hat stattgefunden. Erstmals versammelten sich Ökologen, Wissenschaftler, Vertreter indianischer Gemeinschaften Amerikas, Politiker und Schriftsteller aus 20 Ländern in Morelia, Mexiko. … Unabhängig voneinander, aber ohne Ausnahme, gab jeder Teilnahme seiner Sorge über die Bedrohung des Lebens in unserer Welt Ausdruck. 24 000 Millionen Tonnen fruchtbarer Boden sind jedes Jahr durch Erosion der Welt verloren gegangen. Wenn die Vernichtung der Wälder und die Erosion wie in der Gegenwart weiter gehen – so versichern die Wissenschaftler -wird die Erde am Ende dieser Jahrzehnte kernen fruchtbaren Boden mehr haben, während die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen angewachsen sein wird.

Die Nuklearkatastrophe von Chernobyl im Jahre 1986, die aufgrund ihrer radioaktiven Intensität auf verschiedene Weise mehr als 35 Millionen Menschen betraf, war nur eine von mehr als 100 nuklearen Unfällen in den letzte Jahrzehnten. Auf diesem Treffen hat der für die Sanierung Chernobyls verantwortliche Wissenschaftler mitgeteilt, daß bis zum Jahr 2000 noch mindestens drei nukleare Unfälle mit einer Stärke wie in Chenobyl stattfinden könnten.

70% der Weltbevölkerung leben an den Küsten der Ozeane. Der irrationale Brennstoffverbrauch der industrialisierten Länder hat schnell und irreversibel das Weltklima verändert. Die Zunahme des Meeresspiegels und die Erwärmung der Erde werden zu einer Überschwemmung der Küstenregionen und damit im Weltmaßstab Umweltflüchtlinge schaffen, wie wir sie heute jährlich in Bangladesh erleben.

Das Überleben der Menschheit hängt von der biologischen Vielfalt ab. Durch die Umweltzerstörung und insbesondere durch die rücksichtslose Vernichtung der tropischen Wälder in Amerika, Asien und Afrika werden in den nächsten 10 Jahren mindestens l Million Tier- und Pflanzenarten und in den nächstem 50 Jahren ein Viertel alle Lebenspezien der Erde vernichtet.

Wir, die Teilnahmer der “Begegnung von Morelia”, fordern, daß die Führer der Welt -die an dem im Juni 1992 in Brasilien stattfindenden Umweltgipfel teilnehmen werden- daß sie sich verpflichten, die ökologische und ethnologische Vernichtung zu stoppen. Außerdem schlagen wir ein internationales Umweltgericht nach dem Vorbild des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag vor.

20% der Weltbevölkerung verbrauchen 80% des Reichtums und verursachen 75% der Weltverschmutzung. Wir glauben, daß es ausreichend Technologien und Kenntnisse gibt, um diese obszöne Ungerechtigkeit bezüglich des Reichtums zu beseitigen. Wir fordern nicht nur die sofortige Beendigung des Exports von Sondermüll in Dritte-Welt-Länder, die Verringerung der Verschmutzung von Flüssen und Ozeanen sowie den Stop der Exportes von giftigen chemischen Produkten, sondern auch einen effektiven Transfer von Mitteln und Kenntnissen von Nord nach Süd. … Die traditionellen Gesellschaften sind in der Regel die besten Vermögensverwalter der biologischen Vielfalt. In den letzten 500 Jahren wurden die Kenntnisse und Rechte der indigenen Nationen ignoriert, sowohl in Amerika als auch in der ganzen Welt. Diese Minderheiten, die in ihren eigenen Länder ausgebeutet werden, sind ausschlaggebend für die Bewahrung der biologischen und kulturellen Vielfalt. Wir beklagen die kulturelle Verschmutzung und den Verlust von Traditionen, die mit der Unterordnung des Menschen unter die Marktgesetze das Leben entstellten. Die Traditionen sind durch den Druck der ökonomischen und politischen Willkür sowie die Konsumgewohnheiten und die Verschwendung gefährdet, wie auch die Erde gefährdet ist.

Wir bitten die Führer der Welt, auf dem Weltgipfel im Juni 1992, eine Vereinbarung über die globalen Klimaveränderungen zu unterschreiben. Die industrialisierten Länder müssen nur einen geringen Kompromiß eingehen, um den Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2000 um 20% zu verringern. Wir bestehen auf der Umsetzung des Protokolls von Montreal über den Schutz der Ozonschicht. Ebenso drängen wir auf eine Übereinkunft für den Schutz der biologischen Vielfalt und konkrete Fortschritte bei Ausarbeitung eines globalen Waldabkommens.

Der offensichtliche ökonomische Irrsinn von nuklearer Macht und die Wahrscheinlichkeit einer Umweltkatastrophe fordern die Abkehr von der Kernenergie zu einer sicheren, sauberen und effektiveren Energie. Auch ist es notwendig, daß die die Vermehrung der atomaren, chemischen und biologischen Waffen durch den Militärischen Komplex gestoppt und ein substantieller Prozentsatz der Militärausgaben zur Umweltsicherheit verwendet wird. Um dies sicher zu stellen, fordern wir die Beendigung der Geheimhaltung und das Recht auf Informationsfreiheit in allen Umweltfragen. Die Teilnehmer der Begegnung von Morelia … bekräftigen, daß sich die Umweltzerstömng nicht auf eine bestimmte Nation bzw. einen Staat beschränkt. Wir fordern unsere Kollegen Schriftsteller, Ökologen, Wissenschaftler und Mitglieder der indianischen Gemeinden und alle diejenigen, die sie sich für die Umwelt engagieren, auf, gemeinsam die Schaffung eines internationalen Umweltgerichtshofes zu fordern, auf dem die kriminellen Aktivitäten gegen die Umwelt der ganzen Welt bekannt gemacht werden können.

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Teilnehmer: Vassily Aksyonov, Miguel Alvarez del Toro, Homero Aridjia, Gert Bastian, Carmen Roullosa, Lester Brown, Fernando Cesarman, Vladimir Chernousenko, Sandra Cisneros, Alan Durming, Kjell Espmark, Arturo Gomez-Pompa, Miguel Gringberg, Miroslav Holub, Fol-ke Issaksson, Jewell James, Roberto Juarroz, Petra Kelly, J.M.G. Le Glezio, Thomas Lovejov, Amory Lovins, Margarita Marino de Botero, Adam Markhain, Peter Matthiessen, Gita Mehta, W. S. Merwin, Evaristo Nug-kuag, Michael Ondaatje, Monika van Paemel, Octavio Paz, Nelida Pifiön, Agnea Flegel, Peter Raaven, Augusto Roa Bastos, F. Shewood Rowland, Kirkpatrick Säle, Vikram Seth, Yuko Tsushima, Alvaro Vimana, Hans Van de Waarsenburg, Jeffrey Wilkerson.

aus: El Dia, Mexiko, 10. 9. 1991.


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