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Abschlusserklärung der EZLN-Kommandantur vor dem Nationalen Indígena-Kongress (CNI) in Nurio, Michoacán

Autor:  |  Frühjahr 2001

An die Bevölkerung von Nurio!
Brüder und Schwestern der Purepecha!
Brüder und Schwestern des Nationalen Indigena-Kongress!
Brüder und Schwestern der nationalen Zivilgesellschaft!
Brüder und Schwestern der internationalen Zivilgesellschaft:

Durch meine Stimme spricht die Stimme der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee. Die Geschichte, die uns in diesen Tagen zusammengeführt hat, ist nicht neu. Die Beschwernisse, die uns hier einberufen, sind nicht neu. Unser Kampf ist nicht neu. Weder die Schmerzen noch die Kämpfe kennen Zeit und Besitzer. Mit ihnen sind wir geboren und leben wir. Der Schmerz eint uns, auch wenn wir viele sind. Diese Schmerzen, das sind wir.

Bruder und Schwester der Amuzgos: Sie machen sich über unsere Kleidung lustig, über unsere Gebräuche, über unsere Kultur, über alles, was uns ausmacht. Sie machen aus unserer Identität eine Schande.

Bruder und Schwester der Coras: Sie verfolgen unsere Geschichte, indem sie uns verfolgen. Lange Zeit verfolgt, sind wir als indigena dazu da, dass der Verfolger seinen Sinn findet.

Bruder und Schwester der Cuicatecos: Sie ersticken uns mit ihren Lügen. Nach aussen hin lügen sie, und sie hängen uns das Bild der Sinnlosigkeit und Mutlosigkeit an. Nach innen lügen sie, und sie hängen uns das Bild der Resignation und der Unbeweglichkeit an.

Bruder und Schwester der Chiapas: Sie verstümmeln unseren Namen. Andererseits fordern sie uns auf, unsere Geschichte zu vergessen, und sie verpflichten uns, uns so zu nennen, wie sie uns nennen, und nicht so, wie wir selbst uns nennen.

Bruder und Schwester der Chinantecos: Unsere Behausungen entbehren aller Dienstleistungen. Wir leben im Elend, im Elend sterben wir, und im Elend werden unsere Kinder geboren und aufgezogen. Unsere Häuser sind Särge, in denen unsere Familien sich stapeln. Wir haben kein Trinkwasser, wir haben kein elektrisches Licht, wir haben keine Dränage, wir haben keine Materialien.

Bruder und Schwester der Chocholtecos: Unsere Gemeinden liegen ungesehen abseits der Landstrassen. Sie negieren unsere Existenz, und da wir nicht aufhören zu existieren, verstecken sie uns vor allen.

Bruder und Schwester der Choles: Sie brechen unseren Willen mit dem Elend, wir müssen weit von den Unsrigen weggehen, um uns den Reichen zu verdingen, womit wir wieder neues Elend erwerben, das uns den Willen bricht.

Bruder und Schwester der Chontales: Auf viele Weisen erklären sie uns den Krieg: Manchmal mit der Kugel, manchmal mit dem Betrug, manchmal mit der Armut, manchmal mit Gefängnissen. Immer mit der Vergessenheit.

Bruder und Schwester der Guarijios: Die Erinnerung ist heute ein Vergehen. Wir sind die Erinnerung. Wir sind indigenas. Wir sind Gesetzesbrecher. Unser Blut füllt die Gefängnisse und die Friedhöfe.Das ist das Urteil: Gefängnis und Grab zur Erinnerung.

Bruder und Schwester der Huastecos: Wir leben weniger Jahre als sie, wir werden mehr krank als sie; doppelt so viele Kinder von uns sterben, gemessen mit ihnen; wir haben mehr Unfälle als sie. Wir haben mehr Tote. Wir haben weniger Krankenhäuser, weniger Ärzte, weniger Krankenschwestern, weniger Medikamente, weniger Leben.

Bruder und Schwester der Huaves: Unsere Arbeit wird schlecht bezahlt. Koyoten und Kaziken tun sich zusammen, um uns mit ihren Preisen auszuplündern. Lange und schmerzhafte Arbeitstage werden mit wenigen Münzen entgolten, die für nichts ausreichen.

Bruder und Schwester der Kikapus: Mit unserer Arbeit arbeiten wir, um Arbeit zu haben, und dass man uns Arbeit gäbe, damit wir unsere Arbeit machen können.

Bruder und Schwester der Kukapas: Die Musik zu unserem Gesang ist Lärm für ihre Ohren, und ihren Lärm wollen sie zu Musik für unsere Ohren machen.

Bruder und Schwester der Mames: In einem kleinen Winkel leben wir, und in diesem Winkel wollen sie uns einpferchen. Knapper und immer knapper wird die Luft, die uns bleibt, und auch der Boden und der Himmel.

Bruder und Schwester der Matlatzinca: Die Geschichte ist klar: Wir haben unsere Toten, das Blut, die Schmerzen; unsere Häuser und Felder sind zerstört, unsere Leute sind tot und sterben wie tötliche Tote.

Bruder und Schwester der Mavas: Wir haben keine Lehrer, weil wir keine Schulen haben; und wir haben keine Schulen, weil wir keine Lehrer haben. Die Regierungserziehungsprogramme bestehen darin, dass sie unsere Leute in der Unwissenheit lassen.

Bruder und Schwester der Mazahuas: Sie verseuchen das Wasser, sie machen es zu einer Ware, sie stehlen es uns, sie verkaufen es uns. Sie lassen das Land ohne Bebauung, damit es vor Durst vertrocknet.

Bruder und Schwester der Mayos: Sie hetzen uns gegeneinander auf. Sie säen Zwietracht zwischen uns und betreiben, dass der Bruder durch die Bruderhand umkommt.

Bruder und Schwester der Mazatecos: Unsere Ernährung ist kümmerlich und schlecht. Wir kennen das Fleisch, die Milch und die Eier vom Namen her, aber diese Namen fehlen immer auf unseren Tischen. Das einzige, was reichlich vorhanden ist auf unseren Tischen, sind die hungrigen Münder von uns und unseren Kindern.

Bruder und Schwester der Mixes: Als Frauen werden wir dreimal getötet. Wir werden getötet als Arme, getötet als indigenas, getötet als Frauen. Dreimal töten sie uns.

Bruder und Schwester der Mixteken: Der Alkohol ist Gift für unser Blut, und der Preis, den wir für das Gift bezahlen, dient nur dazu, den Mächtigen zu mästen. Wir erbitten Lebensmittel und erhalten Alkohol, der unsere Fröhlichkeit zersetzt und dazu führt, dass unser Herz traurig wird.

Bruder und Schwester der Nahuas: Wenn wir Ungerechtigkeiten und Willkür erleiden und dagegen protestieren, werden wir unterdrückt. Wenn wir unsere Rechte einfordern, werden wir unterdrückt. Wenn wir sprechen, werden wir unterdrückt. Wenn wir uns organisieren, werden wir unterdrückt. Wenn wir Widerstand leisten, werden wir unterdrückt. Immer ist die Unterdrückung die Antwort, die wir erhalten. Nie erhalten wir ein aufmerksames Gehör, ein ehrliches Wort, eine brüderliche Grosszügigkeit. Immer die Bedrohung, das Gefängnis, den Tod.

Bruder und Schwester der Nahnus: Unsere Hautfarbe bedeutet für den Mächtigen Schwäche, Rückständigkeit, Unwissenheit, böswilligen Groll, einen schlechten Witz oder eine verächtliche Geste.

Bruder und Schwester der O’odham: Sie wollen uns unsere Würde abkaufen, das einzige, was keinen Preis hat. Sie vermögen es nicht, also verfolgen sie unsere Würde, sie sperren sie ein und vernichten sie.

Bruder und Schwester der Pames: Sie nehmen unsere Ländereien, um zu säen, und sie ernten den Tod, der süß ist in den Venen und Lungen. Sie nehmen die Gewinne, wir sind das Fleisch für ihre Herrschaft.

Bruder und Schwester der Popoluca: Obwohl wir indigena viel arbeiten, spüren wir nichts vom Fortschritt. Und wer nicht arbeitet, schreitet voran auf Kosten unseres Elends. Wir arbeiten und ernten Armut, der Reiche arbeitet nicht und zum Preis erhält er Reichtümer.

Bruder und Schwester der Purepecha: Unsere Sprache wird geächtet. Sie fürchten sie wegen ihrer Ausdruckskraft, sie fürchten sie, da sie uns erlaubt, die Geschichte und Vergangenheit zu sehen. Sie fürchten sie, weil sie heutzutage rebelliert. Sie fürchten sie, weil sie ein Morgen verkündet. Sie furchten unsere Sprache, und deshalb verfolgen und vernichten sie sie.

Bruder und Schwester der Raramuri: Für die Macht haben wir nicht einmal die Hoffnung. Der Schmerz und die Hoffnung lassen uns von neuem vorwärtsgehen, so wie gestern, so wie immer. Aber jetzt gehen wir nicht allein. Nicht allein ohne uns, nicht allein ohne die anderen. Jetzt werden wir von neuem marschieren, aber die sieben Tage, die wir ins Land gehen, nach oben, wo man die Gesetze macht, werden Erschütterungen auslösen bei all den indigenas, die wir sind.

Wenn der Schmerz uns einte, wenn uns die Hoffnung eint, dann wird alles keinen Sinn haben, wenn uns nicht das Morgen eint. Demokratie! Freiheit! Gerechtigkeit!

Von der Purepecha-Gemeinde Nurio, Michoacän. Clandestines Revolutionäres Indigena-Kommitee -General-Kommandantur der Zapatistischen Nationalen Befreiungs-Armee

Mexiko, 4. März 2001, aus: La Jornada v. 6. März 2001
Aus dem Span.: Wolfgang Nieklasen


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