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Nur das Schwierige ist anstrengend. Ein Versuch, über José Lezama Lima zu schreiben

Autor:  |  Herbst 1995

Lezama zu lesen ,ist eine der mühsamsten und oft auch ärgerlichsten Tätigkeiten, die es geben kann. Julia Cortázar

Ich habe es versucht, und ich stimme Julio Cortázar nur zu gerne zu. Irgendwie tat es mir gut, diesen Satz zu entdecken: wenn schon Cortázar Probleme hatte, kann es wohl doch nicht nur an mir allein gelegen haben. Wie aber schreibt man einen Beitrag über einen Autor, den man eigentlich nicht so richtig verstanden hat? Tut man so als ob, wobei man sich in diesem speziellen Fall ja darauf verlassen könnte, daß den sowieso kaum jemand gelesen hat? Oder schreibt man nur über das, was man auch vertreten kann? Nun bin ich ja davon überzeugt, nicht allein mit diesem Dilemma zu sein. Nicht umsonst behaupten böse Zungen, Kritiker seien verhinderte Schriftsteller, Dichter etc., die vor allen Dingen wegen ihres mangelnden Verstands und Talents verhindert seien. Zum Glück muß ich mich ja nicht zu den Kritikern zählen, stehe also auch nicht unter dem berufsbedingten Zwang, besonders verständig und kundig gelten zu müssen. So gesehen, wäre das Ganze ja relativ einfach, und außerdem – wer kennt schon Lezama Lima? Sie vielleicht?

Mir ist der Name des Kubaners schon lange ein Begriff, was an sich kein besonderes Verdienst ist. Als 1982 in der DDR sein Buch »Paradiso« verlegt wurde, war ich auf ihn aufmerksam geworden. Das sei einer der Schlüsselromane, eines der bedeutendsten Bücher der modernen lateinamerikanischen Literatur hieß es damals in der Ankündigung. Und da ich mich für lateinamerikanische Literatur interessiere, habe ich es gekauft. Nichts Besonderes also. Zum Lesen bin ich erst jetzt gekommen. Nicht, daß ich es seinerzeit nicht versucht hätte, aber irgend etwas hatte mich wieder davon abgebracht, etwas, das nichts mit dem Buch zu tun hatte.

Aber beginnen wir am Anfang, beim Autor selbst. Hierzulande dürfte Jose Lezama Lima nicht gerade zu den populärsten und verbreitetsten lateinamerikanischen Schriftstellern gehören. Nur ein Bruchteil seines Werkes, das neben dem bereits genannten Roman und einem Romanfragment Erzählungen, Essays und vor allem auch Gedichte umfaßt, ist ins Deutsche übersetzt worden. Und auch das, was in Deutsch vorliegt, dürfte nur einen relativ kleinen Leserkreis gefunden haben. Jose Lezama Lima wurde am 19. Dezember 1910 in Columbia, einem Militärlager in der Nähe Havannas geboren. Er war der Sohn eines kubanischen Ingenieurs mit der Disziplin eines Militärs europäischer Schule, Enkel eines als Zuckerfabrikant reich gewordenen baskischen Großvaters, der wiederum durch eine Frau von außergewöhnlicher ethischer und physischer Zartheit mit einer Familie von Befreiern verwandt war. Die Familie seiner Mutter hatte wegen ihrer Unterstützung für den Kampf von Jose Marti einige Jahre ins Exil gehen müssen. Der Vater, ein Oberst, starb, als Jose Lezama acht Jahre alt war. In seinem Roman wird er später den Tod des Vaters weniger als endgültigen Verlust beschreiben, sondern als Abwesenheit, pulsierend und wachsend wie die unmittelbarste, makelloseste Gegenwart (…) die Abwesenheit war Anwesenheit, Durchdringung, occupatio der Stoiker. Schon als Kind litt er unter Asthmaanfällen, die ihn häufig zwangen, das Bett zu hüten und der Schule fern zu bleiben. Seine Bildung erfolgte weitgehend zu Hause; sein universales Wissen in der Literatur und in besonderem Maße auf dem Gebiet der Mythologie, ob nun griechische, chinesische oder indische, erwarb er wohl hauptsächlich im Selbststudium. Von Kindheit an und zeitlebens kennzeichnete ihn eine enge Beziehung zu Büchern: Bücher, besonders die Poesie, hatten für ihn eine nachgerade magische Bedeutung. Seine Weltanschauung war nicht zuletzt eine “Buchanschauung”. Kuba hat er, außer zu zwei kurzen Reisen nach Jamaika und ins mexikanische Puebla, nicht verlassen.

Dem Wunsch seiner Mutter entsprechend studierte er schließlich Jura. Besonders gefesselt kann ihn das Studium wohl nicht haben, die Vorlesungen waren langweilig und alltäglich, die einzelnen Fächer wurden nur in allgemeiner Übersicht behandelt, auch mengenmäßig wurde kein Material geboten, an Hand dessen der Student sich ein funktionales Wissen hätte aneignen können, das die Wirklichkeit berücksichtigt und unmittelbare Bedürfnisse befriedigt hätte. Wer gezwungen war, in dieser Galeere zu rudern, sang nach vollendeter Vorlesung ein Halleluja, wenn er die neue Arena seiner Freiheit wiedergewonnen hatte und in den Hof hinausrennen konnte. Ab 1938 arbeitete er drei Jahre lang in einer Anwaltskanzlei, danach in der Verwaltung. Von Kindheit an eng mit Büchern verbunden, war die Juristerei zweifellos nicht sein großer Traum, und so begann er früh mit seiner literarischen und publizistischen Arbeit. Schon 1937 gab er eine literarische Zeitschrift, »Verbum«, heraus, welcher weitere folgen sollten: »Espuela de Plata« (1939-1941), »Nadie Parecia« (1942-1944) und zu guter Letzt »Origenes« (1944-1956), die beste Zeitschrift spanischer Sprache (O. Paz). Sein erster Gedichtband (»Muerte de Narciso«) erschien ebenfalls schon im Jahre 1937. »Muerte de Narciso« markiert den Anfangspunkt einer reichen und bedeutenden lyrischen Produktion; die Namen seiner Gedichtbände zu erwähnen, will ich mir und den Lesern hier ersparen, man kann sie in jedem guten Literaturlexikon nachlesen. Schon sehr bald avancierte J. Lezama zum Kopf der avantgardistischen Lyriker Kubas. Lange Zeit war seine Lyrik der Maßstab, an dem sich jüngere Lyriker zu messen hatten, ein Maßstab, den er allem Anschein nach auch selbst anlegte: für junge Lyriker (so heißt es) war Lezama ein Feind, ein launischer Schiedsrichter in kubanischen Zeitungen, der Tyrann der Poesie, den es zu stürzen galt (R. González Echevarria).

In den fünfziger Jahren gab er in einer Vorlesungsreihe (zusammengefaßt in dem Essayband »Amerikanische Ausdruckswelt«) eine Darstellung der Entwicklung der amerikanischen Kultur, in der er diese als eigenständige Errungenschaft gegenüber der europäischen Kultur kennzeichnete. Er widersprach der verbreiteten Auffassung, Amerika könne nichts Eigenes hervorbringen; eine Auffassung der auch mancher Amerikaner selbst anhängt – zu glauben, sein Ausdruck sei nicht eine erreichte Form, sondern ein Problemfall, eine Sache, die zu lösen -wäre. Lezama betonte die Gemeinsamkeiten, die Zusammenhänge des Amerikanischen auf 4em ganzen Kontinent, angefangen beim Popul Vuh über Sor Juana Ines de la Cruz bis hin zu Walt Whitman. Abhängigkeit und Kleingeistigkeit, in Amerika (wie anderswo auch) nicht eben selten, waren ihm ein Greuel. Aus dieser Auffassung machte er auch in der Öffentlichkeit kein Hehl. 1954, zur Zeit der Diktatur Batistas schrieb er: Ihr seid auf ganz elementare Weise unfähig zu staunen. Ihr seid Vertreter des nihil admirari, des Schilds der ältesten Dekadenz. Ihr habt das Haus aus bröckeligem Material gebaut, ausgelotet von Affen und mit auf Spirituskochern gebackenen Steinen. Die Revolution begrüßte er – für ihn bedeutete sie, daß alle negativen Zauberformeln unschädlich gemacht worden sind. 1961 wählte man ihn zu einem der sechs Vizepräsidenten der Union der Schriftsteller und Künstler Kubas (UNEAC) und er wurde Berater beim Zentrum für Literarische Studien. Ab 1971 war er von offizieller Seite Diskriminierungen ausgesetzt (ich habe allerdings keinen Hinweis gefunden weshalb), und er zog sich zurück.

lose” Lezama Lima hatte an seinem Hauptwerk, dem bereits erwähnten Roman »Paradiso«, mehr als zwanzig Jahre geschrieben. Erst 1966 erschien das Buch in Havanna. In dieser Zeit schon mußte er begonnen haben, an seinem zweiten Roman »Oppiano Licario« zu arbeiten. Als der Schriftsteller im Jahre 1976 starb, hinterließ er dieses Werk nur als Fragment.

Zweifellos war Lezama ein langsamer Schreiber, ein sehr langsamer. Eine sehr seltene Langsamkeit, die Langsamkeit der Natur, der du eine Langsamkeit der Beobachtung entgegensetzt, die gleichfalls Natur ist. Gott sei Dank, geht Hand in Hand mit dieser Langsamkeit, welche die Beobachtung zu fabelhaften Dimensionen steigert, ein ungewöhnlich ausgebildetes Gedächtnis.

Möglich, daß er jedes Wort auf die Goldwaage legte, sehr genau abwägte. Sein Roman »Paradiso« erscheint jedenfalls wie ein sorgfältig komponiertes Gedicht, bei dem kein einziges Wort überflüssig ist, alles seine spezifische Bedeutung hat. Und doch -»Paradiso« erstreckt sich über mehr als 600 Seiten. Ein lakonischer Autor war er augenscheinlich nicht. Es gibt Kritiker, die die Meinung vertreten, bei Lezama sei nichts zufällig gewesen, nicht einmal offensichtliche Fehler. Dem sehr aufmerksamen und umfassend gebildeten Leser fallen solche Fehler schon einmal auf – aber über eine geradezu universale Bildung sollte er wahrhaftig verfügen. Ohne sie kann die Lektüre zum Martyrium werden. Da beginnt ein Kapitel mit einer geradezu sachlichen Schilderung von Alltäglichkeiten und springt plötzlich und übergangslos zu Assoziationen aus der griechischen Mythologie über, und von dort zur chinesischen. Der Autor schweift scheinbar ständig ab, die Sprache verliert sich im Mystischen, wird poetisch, so daß es schwer fällt, überhaupt noch von einem Roman zu sprechen. Wo fängt der Roman an, wo endet das Gedicht, fragt Cortázar in diesem Zusammenhang. Aber vielleicht ist das auch ziemlich egal, außer vielleicht für Literaturkritiker und Romanisten. Ich halte es immer noch für das Beste, einfach einmal zu lesen, ohne Hintergedanken und Vorurteile. Eins sei mit Bezug auf diesen Roman aber gesagt – ein Leser, der sich auf das Buch nicht einlassen will oder kann, ist bei »Paradiso« verloren. Glauben Sie mir, Sie haben keine Chance!

Genaugenommen ist »Paradiso« kein richtiger Roman (gemessen an dem, was man im allgemeinen so kennt), auch wenn – zwar auf verwinkelten Pfaden – eine Geschichte erzählt wird. »Paradiso« ist eher die Reise durch Geschichten, durch das Leben von Jose Cemí, seiner Familie und seiner Freunde; ein Streifzug durch das Havanna von der Jahrhundertwende bis ca. in die dreißiger Jahre, mit Möblierung und Wohnraumgestaltung, … Arten des Lebens, und der Neugier, … Weisen des Schmeckens und der Speisenzubereitung, die allesamt eine Lebenshaltung verströmen, die vollendet, verfeinert und geheimnisvoll ist, theokratisch und selbstbezogen, umherschweifend in der Form und fest verwurzelt in ihrem Wesen. Es handelt sich um eine Reise mit Aufenthalten, vielen Umwegen – irgendwohin und ohne einen kontinuierlichen Bezug zur Zeit. Ist der Held auf der Suche nach dem Paradies, das für Lezama die Poesie ist, wie es heißt? Schon möglich, das würde manches erklären.

Jose” Cemí, die Hauptperson des Buches, ist wohl der Autor selbst. Ganz Kluge, die partout alles enträtseln müssen (eine grauenhafte Charaktereigenschaft, nebenbei bemerkt), wollen enthüllt haben, daß Cemí eigentlich “C’est mi” bedeutet, was ja auf gut Französisch/Spanisch “Das bin ich” heißt. Zu Lezama würde es ja passen, ungeniert die Sprachen zusammenzuschmeißen, sich nichts dabei denkend – oder vielleicht gerade. So gesehen bin ich geneigt, denen zuzustimmen, die da sagen, bei diesem Kubaner sei nichts absichtslos, schon gar nicht seine Fehler, seine sprachlichen (nicht poetischen, die sowieso nicht) Konstruktionen. Ich gebe ja zu, daß ich viel zu wenig von ihm gelesen habe, und daß meine Französischkenntnisse entschieden zu jämmerlich sind, um beurteilen zu können, ob er einen Franzosen falsch zitiert. (Gerhard Poppenberg weist in seinem Nachwort zu “Die amerikanische Ausdruckswelt” auf seine Probleme als Übersetzer hin, auf die immer wieder auftauchende Frage “Verbesserst du es oder hat er sich etwas ganz besonderes dabei gedacht?”, die für ihn nicht einfach zu beantworten war.) Das Französische soll hier nur als Beispiel dienen, ich hätte genauso gut indische Mythologie oder Taoismus schreiben können.

Was beabsichtigt ein Autor, wenn er plötzlich und unvermittelt bei der Beschreibung einer Situation von der dritten Person Singular in die erste Person Singular springt, der Held zum Erzähler wird; und wenn er ebenso unvermittelt den Sprung zurück vollzieht? Vielleicht weist er so ja nur auf die autobiographische Essenz des Buches hin. Oder will er den Leser einfach verwirren. Ich habe nicht versucht, den tieferen Sinn solcher sprachlichen Eskapaden zu ergründen, das überlasse ich den Literaturwissenschaftlern.

Ich denke, man kann dieses Buch auf vielerlei Weise lesen. Man kann zum Beispiel ein Nachschlagewerk zur Hand nehmen und dann zu gegebener Zeit alles das nachlesen, was man gerade nicht versteht. Der Figuren aus verschiedensten Mythen und Legenden der Welt sind allerdings sehr zahlreich, die kennt man im allgemeinen nicht alle. In den meisten Fällen wird man deshalb nicht wenig nachzuschlagen haben. Dann dauert die Lektüre natürlich entsprechend lange. Wer sich dieser Mühe nicht unterziehen möchte, liest vielleicht ganz einfach drauflos. Und läßt das Buch wirken. So habe ich das gemacht. Auch das ist nicht das reine Vergnügen. Man will immer wieder verzweifeln, weil man den Ab- und Ausschweifungen nicht mehr zu folgen vermag (ich habe ja eine polytechnische allgemeine Oberschulbildung, aber von einer Universalbildung ist die weit entfernt – wer hat die heute noch???) oder ums einfacher zu sagen, weil man andere Romane gewöhnt ist. Auch wenn »Paradiso« Cemís Geschichte erzählt, eine Lebensgeschichte ist das eigentlich nicht. Der verblüffte Leser wird sehr bald feststellen, daß das Kind Cemí sich nicht allzuviel vom Studenten Cemí unterscheidet; beide sind gleichermaßen interessiert an ihrer Umwelt, reflektieren diese aufmerksam und – das verblüfft am meisten – sie sprechen die gleiche Sprache. Tatsächlich sprechen alle Personen in diesem Roman ein und dieselbe Sprache. Oh ja, diese Dialoge und Monologe, die so philosophisch, so gelehrt, so gestelzt wirken, können zu Beginn der Lektüre zum Alptraum werden, so daß man das Buch am liebsten wegwerfen möchte. Aber man kann sich daran gewöhnen. Es ist dann auch gar nicht mehr seltsam, daß ein Schulkind an seinem ersten Schultag zu seinem Mitschüler sagt: Als ich das Klassenzimmer betrat, war ich so verwirrt, daß mein Blick sich trübte. Ich meinte, es regne. Ich berührte Nebel, ich zupfte Tinte von Tintenfischen, oder eine Mutter über ihren Sohn: Wenn diese ausgezogenen Fäden, diese denkenden Würmer in ihm abkühlen, wird er sich einkapseln und verkalken, und sein Ende wird gutartiger Wahnsinn sein, oder er wird unauffindbare, unwiederherstellbare magische Funde miteinander in Einklang bringen, ein in die Wüste abgestürzter schwefelhaltiger Meteor neben einem Feigenbaum, auf dem noch Fetzen vom Mantel eines zahmen Teufels hängen, ein menschenscheuer Buchhalter vorgeblicher Reichtümer. Lezamas Personen verkörpern mehr Typisierungen als Individuen (das habe ich jetzt sinngemäß bei Cortázar abgeschrieben, besser hätte ich es wirklich nicht sagen können). Sie reden nicht, sondern Lezama läßt sie reden. So gesehen ist die Sprache natürlich Programm. Es fällt am Anfang schwer, damit zurechtzukommen. Und einfach ist es bis zum Schluß nicht, aber man wundert sich zumindest nicht mehr so sehr. Voraussetzung ist natürlich, daß man bis zu Von neuem hörte er: Hesychastischer Rhythmus, wir können beginnen durchhält, d.h. bis zum letzten Satz.

Ich hatte mich durch diesen Roman gekämpft, ja gekämpft – dieses Wort kann ohne weiteres hier stehenbleiben. Schließlich sollte ich über Lezama schreiben, das setzt die Lektüre voraus. Wenn ich ehrlich bin, so ganz privat wäre vermutlich mein Sessel im Club frei geblieben, wie es Cortázar generell für die potentielle Leserschar seines Freundes Lezama prophezeite. Mein Verdienst besteht allerdings vor allem in meiner Ausdauer. Jetzt aber, wo die schwierige Lektüre hinter mir liegt, erlebe ich ein Phänomen, mit dem ich nicht im Traum gerechnet habe, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit einem Buch von Jose Lezama Lima. Auf der Suche nach geeigneten Textbelegen für eben diesen Quetzal-Beitrag lese ich mich plötzlich fest. Jetzt – in aller Ruhe – werden mir die ungewöhnlichen Verzweigungen, Metaphern, Bezüge erst so richtig bewußt. Nicht, daß ich meine Kenntnisse in Sachen Mythologie zwischenzeitlich enorm erweitert hätte, nein, das nicht, und es ist auch nicht so, daß ich mittlerweile alles durchschauen würde; aber nun ist es nur noch die Sprache des Kubaners, die mich interessiert. Diese Sprache erkenne ich die Schönheit der Sprache, und das Lesen macht Spaß.

Jose Cemí erinnerte sich, wie der Maler aus seiner Geldtasche -und dabei mußte einem auch einfüllen, daß ein Name noch lange nicht die Sache selbst ist – ein Zitat aus Balzacs Roman hervorholte.

Das Merkwürdige war, daß er nicht mit Natürlichkeit antwortete, sondern als Natur, wie die Lianen, die ein Versteck für den Flüchtigen bereithalten.

Ich komme mir vor wie Kopernikus und werde die Gesetze der durch einen dunklen Zufall verlorenen oder versunkenen Dinge formulieren. Erstes Gesetz: Das Papier verpapiert sich gern.

Victorias Navajolächeln begann zu verlöschen, an den Rändern zu zerfasern.

Oppiano Licario erinnerte sich der unabänderlichen Verschiedenheit der Herbste, die über sein Rückgrat getanzt waren.

Lezama sagt selten etwas direkt, seine Sätze ufern aus, verzweigen sich in unzähligen und ungewöhnlichen Verbindungen. Da ist die Rede von dschingiskhanhafter Erzählung, von Langsamkeit einer liebenswürdigen Reverenz auf einer Zigarrenkiste. Ja, welche Bedeutung kommt überhaupt der Langsamkeit bei Lezama zu? Aber das würde jetzt zu weit führen. Kurz und gut, mit Erstaunen empfinde ich Vergnügen bei der Lektüre dieses Buches – ich picke mir die Stellen heraus, die mir Spaß machen, die geheimnisvoll schönen, die lustigen.
Wenn ich es recht bedenke, hat Jose Lezama Lima vor der Herausgabe seines Hauptwerkes vermutlich nur eines vergessen. Er hätte, so wie es Cortázar mit seinem »Rayuela« tat (und damit wären wir wieder am Ausgangspunkt) seinen Lesern von vornherein die Möglichkeit einräumen sollen, sich das Buch nach ihrem Gusto zusammenzustellen, sich ihren eigenen Roman zu erlesen. Vielleicht hätte er eine Art (undogmatischen; schließlich sollte dem Leser/der Leserin nichts aufgezwungen werden) Leitfaden durch seinen Roman aufstellen sollen. Damit wäre es für uns etwas einfacher gewesen. Ganz offensichtlich hat er aber gerade das nicht gewollt.
Wie meinte er noch? Nur das Schwierige ist anregend…

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Die Zitate stammen aus:
Jose Lezama Lima :Paradiso. Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1982 (bzw. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1979).
ders.: Die amerikanische Ausdruckswelt. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1992.
Julio Cortázar: Reise um den Tag in 80 Welten. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1980.
Angel Flores: Spanish American Authors. H.W. Wilson Company New York 1992.
Neben kleineren (verstreuten) Beiträgen erschien von J.Lezama Lima außerdem in Deutsch:
Spiel der Enthauptungen. Erzählungen. Frankfurter Verlagsanstalt Frankfurt/M. 1991.


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