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Kubanischer Dokumentarfilm

Autor:  |  Frühjahr 1999

Das Entstehen einer kubanischen Filmkunst und -industrie beginnt am 24. März 1959, also nur knapp vier Monate nach dem Sieg der kubanischen Revolution. Fidel Castro erlässt das erste revolutionäre Gesetz auf kulturellem und künstlerischem Gebiet, mit der Präambel: „Film ist eine Kunst”. Damit wird der Film zum Kunstwerk erhoben, womit gleichzeitig eine Absage an das vorausgegangene kommerzielle Kino erteilt werden sollte. In diesem Gesetz heißt es: „Der Film ist seiner Charakteristika gemäß ein Instrument zur Meinungsbildung und zur Herausbildung des individuellen und kollektiven Bewusstseins. Er kann zur Vertiefung des revolutionären Geistes beitragen und die schöpferische Kraft erhöhen. Die Struktur des Filmwerkes verlangt die Schaffung einer hochtechnisierten und modernen Industrie sowie eines Vertriebsapparates mit denselben Charakteristika.” Der Film, in Kuba gern die „siebente Kunst” genannt, sollte also von nun an im Dienste der Revolution stehen. „Der Film muss – wie jede andere echte Kunst – ein Appell an das Bewusstsein werden und ein Beitrag zur Beseitigung der Unwissenheit, zum Erkennen von Problemen, zur Formulierung von Lösungen und zur dramatischen und zeitgemäßen Darstellung der großen Konflikte des Menschen und der Menschheit.”

Das ICAIC – Zentrum der Filmkunst

Mit dem Erlass des Filmgesetzes legt die Revolutionsregierung den Grundstein für die Errichtung einer nationalen Filmindustrie. Das staatliche Institut für Filmkunst und -industrie, das ICAIC (Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos) wurde gegründet. Es findet in einem modernen Hochhaus in Havannas Stadtteil Vedado seinen Platz. Darin befinden sich seit der Gründung des ICAIC Projektionssäle, zahlreiche Büros, Studios, Kopierwerke und Werkstätten, also Arbeitsräume für die Filmproduktion der verschiedenen Departements für Spielfilm, Dokumentarfilm, Wochenschau und (seit 1961) Zeichentrickfilm. Das ICAIC erhält von Anfang an einen autonomen Status und bildet damit eine Ausnahme im Vergleich zu anderen kulturellen und künstlerischen Institutionen Kubas.

Auf einem Treffen Fidel Castros mit Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen, 1961 in Havanna, wurde in den „Worten an die Intellektuellen” (Palabras a los intelectuales) der Raum, in dem sich bewegt werden durfte, deutlich. Castro deklariert darin den Leitspruch: !Dentro de la Revolución todo, contra la Revolución nada!* Dieses Credo sollte bis heute seine Gültigkeit behalten und betrifft in erster Linie die angesehenste Kunst Kubas: den Film. Das Hauptziel von Castros Rede ist die Eliminierung des als bürgerlich angesehenen Konzeptes eines künstlerischen Liberalismus. Die Freiheit, die ein Künstler beansprucht, kann sich also nur innerhalb des revolutionären Rahmens verwirklichen.

Den Vorsitz des ICAIC übernimmt Alfredo Guevara, ein Intellektueller und Kampfgefährte Fidel Castros. Mit Alfredo Guevara treten die Filminteressierten in das ICAIC ein, die, vor der Revolution vereinigt in der progressiven Kulturvereinigung Nuestro Tiempo, bereits als Pioniere des kubanischen Films gelten: Julio Garcia Espinosa, José Massip, Tomás Gutiérrez Alea, Santiago Alvarez, Oscar Valdés u.a. Anfangs gibt es noch viele Schwierigkeiten, sich vor allem technisch zu organisieren. Unmittelbar nach dem Sieg der Revolution existieren noch amerikanische Verleihfirmen und Kinosäle in Kuba, jedoch gelingt es dem ICAIC mit der allmählichen Verstaatlichung des Privatbesitzes, sich die technische Ausrüstung und die Kinosäle anzueignen. Eine vollständige Verstaatlichung erfolgt jedoch erst 1961, nach der Zerschlagung der nordamerikanischen Invasion in der „Schweinebucht”. Die Übernahme von technischem Personal und Ausrüstungen der amerikanischen Filmgesellschaften erleichtert erheblich den Aufbau einer kubanischen Filmindustrie. Nicht allein die Gründung des ICAIC, sondern auch die Alphabetisierungskampagne sowie die Gründung weiterer kultureller Institutionen wie des Consejo National de Cultura (Kulturnationalrat) und der UNEAC (Union de Escritores y Artistas de Cuba – Schriftsteller- und Künstlerverband von Kuba) nach 1961 stellen Faktoren für den Aufbau einer national ausgerichteten Kulturarbeit dar.

Die Ausbildung der Regisseure findet in der praktischen Arbeit statt. Filme werden dringend benötigt, was bei allen jungen Cineasten, die sich im ICAIC zusammenfinden, zunächst den „Sprung ins kalte Wasser” erfordert. Das heißt, dass auf praktischem Weg die Technik des Filmemachens erlernt werden soll. Dies kann besonders bei der Produktion von didaktischen Filmen vonstatten gehen, die bereits 1960 entstehen und bis Anfang der 70er Jahre den größten Anteil innerhalb der Dokumentarfilmproduktion ausmachen. Sie werden oft als Unterrichts- und Lehrmaterial verwendet und kommen in Schulen, Hochschulen, Fabriken oder landwirtschaftlichen Betrieben zum Einsatz.

Die Stilmittel

Die 60er Jahre (1959-1969) gelten unter Kritikern und Cineasten als das Edad de Oro (Goldenes Zeitalter) des kubanischen Dokumentarfilms. Diese Zeit ist charakterisiert durch eine große Motivation und Experimentierfreudigkeit seitens der jungen Cineasten. Innerhalb kurzer Zeit kann sich eine Bewegung entwickeln, die als Schule des kubanischen Dokumentarfilms gelten soll und große internationale Erfolge feiert. Worin sich dieser rasche Erfolg begründet, ist eine Frage, zu deren Beantwortung Tomás Gutiérrez Alea beitragen kann: „In den ersten Jahren war unsere Wirklichkeit sehr bewegt, sehr reich an Ereignissen, an gewaltigen Veränderungen. Man brauchte nur die Kamera zu nehmen, auf die Straße zu gehen und loszudrehen. Da konnte man ein vitales, direktes, organisches Kino machen. Die Wirklichkeit lieferte alles und forderte den Dokumentaristen heraus.” Die Form ist kein bloßes strukturelles Element, das dem Inhalt untersteht, sondern trägt durch eine bestimmte Sprache, die Imaginationen ermöglicht, ebenso zum Abbild der Realität bei.

Als Meister der Montage und der Schaffung eines eigenen Stils gilt unbestritten Santiago Alvarez. Aus seinen Noticieros entstanden viele Dokumentarfilme, die bis heute als Klassiker des kubanischen und internationalen Dokfilms gelten und sich vor allem durch ihre außergewöhnliche Montage auszeichnen. Dabei hervorzuheben ist der sechsminütige Dokumentarfilm NOW! von 1965. Der lediglich aus Archivfotos zusammengestellte Film wird durch seine dynamische, dem Rhythmus des gleichnamigen Songs angeglichene kontrapunktische Montage zu einem Meisterwerk des kubanischen Dokumentarfilms. Prämiert mit einer „Goldenen Taube” auf dem Dokumentär- und Kurzfilmfestival in Leipzig, wird dieser Film meist zuerst mit dem Namen seines Regisseurs Santiago Alvarez in Verbindung gebracht.

Ein weiteres Stilmittel, das eng mit der Montage in Verbindung steht, bildet die Musik. Sie ist in einem musikalischen Land wie Kuba nicht nur unverzichtbar, sondern erhält eine große Bedeutung innerhalb der kubanischen Kinematographie. Sie erhält nicht die Funktion eines bloßen Füllmittels, sondern steht als Unterstützung und Kontrapunkt in engem Zusammenhang mit dem dramatischen Diskurs. Oft anstelle von Kommentar eingesetzt, bildet die Musik ein wichtiges Mittel der Erzählung.

Des weiteren zeichnen sich kubanische Dokumentarfilme durch die Position und den Einsatz der Kamera aus. Es soll zwar erreicht werden, dass die interviewte Person nicht durch die Kamera abgelenkt wird und frei erzählt, andererseits wird nicht versucht, die Kamera praktisch unsichtbar werden zu lassen. Im Gegenteil: Ziel ist es, dass die gefilmte Person die Präsenz von Kamera und Filmteam bewusst wahrnimmt und akzeptiert, jedoch praktisch vergisst, und sich in dem Maße mitteilt, in dem sie sich auch anderen mitteilen würde. Ein schnelles und spontanes Filmen, meist ohne Drehbuchvorlage, trägt weiterhin dazu bei, ein möglichst realistisches Ergebnis zu erzielen. Des weiteren ist die Kamera bestrebt, so plastisch und eindrucksvoll wie möglich zu fotografieren. Sie zeichnet sich durch bestimmte, ausgesuchte Einstellungen (Groß, Nah, Halbtotale, Totale, Detail etc.) aus und trägt damit dazu bei, ähnlich wie beim Spielfilm, ein psychologisches bzw. dramatisches Moment zu erzeugen.

Die bewusste Auswahl der Themen und deren Vielfalt tragen zum Erfolg des kubanischen Dokfilms bei. Den thematischen Mittelpunkt bildet der Mensch als soziales Wesen. Das direkte Filmen von Interviews und deren Originalton als narratives Mittel stellt ein weiteres charakteristisches Mittel in den Dokumentarfilmen dar. Oft fehlt der Sprecher völlig, was den Eindruck der Authentizität erhöht. Interviews, Atmosphärentöne und Musik übernehmen große Teile der Narration. Der Einsatz von letreros, sogenannte „Schriftbänder” mit kurzen und prägnanten Sätzen, Wortgruppen oder statistischen Daten, die oft in rhythmischer Form in den Film geschnitten werden und einen symbolischen Charakter erreichen können, sind ein beliebtes Mittel, um so weit wie möglich die Stimme eines Off-Sprechers zu ersetzen. Insgesamt wird in vielen Dokumentarfilmen angestrebt, den Text des Sprechers so kurz wie möglich zu halten.

Der häufige Einsatz von Fotoanimationen und seine Verknüpfung mit graphischem Material stellt ein weiteres expressives Mittel im kubanischen Dokumentarfilm dar. Graphische Elemente wirken häufig unterstreichend bzw. unterstützend zum Text des Sprechers, der interviewten Personen, zu den gefilmten Bildern oder den Ideen und Konzepten, die der Film übertragen soll. Der Einsatz von Zeichentrickmaterial dient oft der Karikierung oder Parodisierung bestimmter Ereignisse oder Personen.

Der Humor, der nicht nur Lachen erzeugen soll, sondern auch mit politischen und ideologischen Intentionen eingesetzt wird, bildet, sowohl formal als auch inhaltlich, ein weiteres auffälliges Mittel im kubanischen Dokumentarfilm. Der Humor, die Satire, der Sarkasmus, die Ironie, augenscheinlich im kubanischen Volk verwurzelt, erlangen in den Filmen neue Bestimmungen. Santiago Alvarez beispielsweise lässt in seinem Dokumentarfilm L.B.J. aus dem Jahre 1968 deutlichen Sarkasmus gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson spüren, der sich bereits im Titel bemerkbar macht. Die drei Buchstaben stehen nicht nur für die Initialen des Präsidenten sondern für (Martin) Luther King, Bob und John F. Kennedy. Johnson wird in diesem Film mittels einer dynamischen Montage, in der die Bilder und Graphiken einen neuen Sinn bekommen, indirekt für den Tod dieser drei Männer verantwortlich gemacht. Santiago Alvarez gelingt mit diesem Film eine bissige Satire.

Der Einsatz dieser aufgeführten stilistischen Elemente erlaubt, die kubanische Dokumentalistik als eine Bewegung mit eigenen Charakteristika anzusehen. Im Laufe der Jahre gelingt eine systematische Verwendung dieser Elemente, die sich in neue Thematiken integrieren und somit eine große Diversität eröffnen.

El Noticiero – Eine neue Wochenschau

Vor der Revolution existierten bereits verschiedene Wochenschauen in Kuba, die sich auf die bloße Wiedergabe politischer und gesellschaftlicher Ereignisse beschränkten. Die vorrevolutionären Wochenschauen Kubas, wie z.B. Royal News oder Noti-Cuba lassen sich jedoch in keiner Weise als Vorgänger, geschweige denn als Modelle für den Noticiero, der sich nach der Revolution entwickeln soll, ansehen.

Wie auch insgesamt ein neuer Film und ein neuer Markt entstehen soll, so muss auch die Wochenschau ein neues Gesicht bekommen, gilt sie doch als wichtiges Instrument nicht nur der Information und Bildung, sondern vor allem der Propaganda, die für ein Land wie Kuba, in dem die Revolution unter das Volk getragen werden soll, unabdingbar war.

International gesehen waren die Wochenschau und der Dokumentarfilm zu jener Zeit bereits zwei diskriminierte Genres innerhalb des Films. Die Wochenschau war zum großen Teil bereits aus den Kinos verschwunden, und wo sie noch existierte, nahm sie die Rolle der einfachen Berichterstattung ein, ohne künstlerischen Anspruch. Der Dokumentarfilm diente oft lediglich dazu, die Leinwand mit einigen zusätzlichen Minuten zu füllen. Kuba ist eines der wenigen Länder, in denen die Wochenschau und der Dokumentarfilm ein hohes ästhetisches Niveau erreicht haben. Jedoch ist im neugegründeten ICAIC anfangs nicht klar, wie diese neue Wochenschau aussehen soll. Als nach der Gründung des ICAIC sporadisch Aufgaben verteilt werden, ist es Santiago Alvarez, der für die neue Wochenschau zuständig werden soll. Am 6. Juni 1960 wird der Noticiero ICAIC Latinoamericano ins Leben gerufen. Der Name ist Programm. Die lateinamerikanische Wochenschau des ICAIC soll innerhalb des historischen Kontextes Lateinamerikas ihren Platz finden. Kuba will sich darin nicht als abgekapseltes Land sehen, sondern als ein Teil des großen Kontinents Lateinamerika, in dem Probleme wie Armut und Diktatur vorherrschen, die es aufzuzeigen und zu bekämpfen gilt.

Ab 1962 erreicht der Noticiero eine konstante Anzahl von 52 Ausgaben pro Jahr. 1961 lässt sich bereits eine Steigerung hinsichtlich der Anwendung formaler filmischer Ausdrucksmittel ausmachen. Dies zeigt sich am Beispiel Muerte al invasor (Tod den Invasoren), einem Dokumentarfilm, der aus dem Material einer Wochenschau unter der Regie von Santiago Alvarez, in Zusammenarbeit mit Tomás Gutiérrez Alea entsteht, und im kubanischen Gemeinschaftsprogramm auf dem Dokumentär- und Kurzfilmfestival in Leipzig 1961 einen Preis erhält. Dies zeigt bereits die Richtung der Dokumentarfilme von Santiago Alvarez an, die zum großen Teil aus dem Material der Wochenschauen entstehen. Das filmische Material der Noticieros, das in Archiven gelagert wird, bietet ebenso eine Quelle für viele andere kubanische Dokumentaristen. Der Noticiero beginnt mit einer bescheidenen Anzahl von 14 Kopien, die sich schnell auf mehr als 40 (später auf 60) Kopien pro Woche steigert. Die Nachfrage an kubanischen Wochenschauen wächst nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland.

Insgesamt gelingt es dem Noticiero bereits nach wenigen Jahren, mit den traditionellen Strukturen der Wochenschauen zu brechen, und damit eine höhere Kommunikation mit dem Zuschauer zu erlangen. Durch seine weitreichende Verbreitung mit Hilfe der mobilen Kinos erhält der Noticiero die Funktion eines wichtigen Instruments zur Bildung und Ideologisierung des Volkes.

Der Kameramann des Noticieros soll die unerlässliche Fähigkeit der Voraussicht besitzen, um die wichtigsten Aspekte der Ereignisse mit einer solchen Klarheit „einzufangen”, dass sie eine Interpretation des Geschehens, das dokumentiert werden soll, zulässt. Die Kameraarbeit in der kubanischen Wochenschau erlangt durch ihre Experimentierfreudigkeit und Innovation einen enormen Einfluss auf den Dokumentarfilm. Der Einsatz von Handkameras, die Kamerabewegung, spezifische Einstellungen, die Nutzung verschiedener Linsen und Filter, die Beleuchtung, die Arbeit mit Filmen unterschiedlicher Empfindlichkeit werden zu gemeinsamen Elementen in der Wochenschau und im Dokumentarfilm. Die meisten Kameramänner Kubas, wie auch die Regisseure, erhalten ihre praktische Ausbildung innerhalb des Noticieros, bevor sie Dokumentär- bzw. Spielfilme drehen.

Die Anwendung vielfältiger stilistischer Mittel wie Montage, Fotografie und Musik sowie der Einsatz von Graphiken, Foto- und Zeichentrickanimationen in den Noticieros prägen entscheidend die kubanische Dokumentalistik. Die Spezialisierung auf ein einziges Thema pro Ausgabe – bis zu Muerte al Invasor wurden noch verschiedene Themen in einem Noticiero behandelt – ermöglicht eine Vertiefung in das jeweilige Thema, was einen höheren Informationsgehalt zur Folge hat. Des weiteren werden Themen behandelt, die noch nach längerer Zeit ihre Aktualität behalten. Ein Beispiel dafür ist der Dokumentarfilm !NOW! von Santiago Alvarez aus dem Jahr 1965, der von der Diskriminierung der Afroamerikaner in den USA handelt. Dieser Film bildet einen Höhepunkt innerhalb der kubanischen Dokumentalistik und entsteht aus einem Noticiero. !NOW! ist wohl der international berühmteste kubanische Dokumentarfilm und erhält zahlreiche Preise auf insgesamt 13 Festivals.

Vor allem in den Jahren 1965 bis 1969 ist eine große Wechselwirkung zwischen Dokumentarfilm und Noticiero auszumachen, wozu einerseits die „Konservierung” von Material der Noticieros in Dokumentarfilmen beiträgt, zum anderen entwickeln sich aus monothematischen Noticieros eigenständige Dokumentarfilme, die zum Teil große internationale Erfolge feiern. Die Erhöhung der Qualität der Dokumentarfilme in den 60er Jahren wirkt sich wiederum auf die laufende Produktion der Noticieros aus. Dieser dialektische Prozess, in dem sich Noticiero und Dokumentarfilm gegenseitig beeinflussen, erschwert des öfteren die Unterscheidung beider Genres. Die dramaturgische Struktur der kubanischen Dokumentarfilme ist in großem Maß vom Noticiero geprägt, dessen wichtigstes Prinzip in der spezifischen Aneinanderreihung und Neuinterpretierung der Bilder durch die Montage liegt. Die Noticieros erlangen Charakteristika des Dokumentarfilms. Die Möglichkeiten der Assoziierung und Deutung sowie die Verwendung von Symbolen löst die Wochenschau aus ihrer spezifischen Funktion, nämlich der Demonstration von Ereignissen und bringt die Interpretation der Ereignisse. Diese neue Form, innerhalb eines kinematographischen Werkes die Informationen zu organisieren und zu verbreiten, befreit den Noticiero von der Bindung an eine chronologische Darstellung der Ereignisse.

Das mobile Kino

Der kubanische Film sollte vor allem Eines hervorbringen: die Kommunikation mit dem Volk. Dazu musste jedoch eine Umerziehung des Publikums, dessen Geschmack sich noch am US-amerikanischen Filmmarkt orientierte, vonstatten gehen. Mit der Revolution entsteht das Problem, einen Vertrieb zu schaffen, der es selbst denjenigen Menschen ermöglichen würde, Film zu sehen, die in den entlegensten Gebieten Kubas lebten, in denen Film ein weitgehend unbekanntes Medium darstellt.

Kinosäle existierten nur in den größeren Städten. Ein Großteil der Landbevölkerung hatte bis zur Revolution noch nie einen Film gesehen, da es dem US-amerikanischen Vertrieb wenig lukrativ erschien, auf dem Land Kinos zu errichten, inmitten einer Bevölkerung, die gekennzeichnet war von Analphabetentum und Armut, und aus diesem Grund auch nicht die finanziellen Mittel für einen Kinobesuch hätte aufbringen können.

Mit dem Sieg der Revolution sollte sich dies ändern. Das ICAIC sorgt dafür, dass Filme aus aller Welt auf den kubanischen Leinwänden zu sehen sind, und sich somit ein anspruchsvolles Kino den Kubanern präsentiert. Da alle Kubaner, auch die auf dem Land lebenden, in diesen Genuss kommen sollen, muss der Verleih völlig neu organisiert werden. 1961 gründet sich innerhalb des ICAIC das Departement zur Verbreitung von Filmkunst, das das Distributionsproblem lösen soll. Es wird zu einem alten Mittel gegriffen, das bereits in der Sowjetunion der 20er Jahren zur massiven Agitation eingesetzt wurde: das mobile Kino, das cine-móvil, was den positiven Nebeneffekt der Einsparung von Baukosten für feste Kinosäle mit sich zog. Lastwagen sowjetischer Herkunft, ausgerüstet mit der nötigen technischen Ausrüstung, das heißt mit Projektionsapparaten (16mm), einer Leinwand sowie einem Generator zur Stromerzeugung, bringen erstmalig im April 1962 Filme in die ländlichen Gebiete, in Dörfer, Schulen und Fabriken und geben der Bevölkerung oft das erste Mal in ihrem Leben die Gelegenheit, Kino zu sehen. Gibt es keine Straßen oder befestigte Wege, werden Film und Technik auf Eselskarren oder in Booten transportiert. Dies ermöglicht es, auch die entlegenste Gegend zu erreichen, wo es teilweise weder Telefon, noch Fernsehen oder Radio bzw. in den ersten Jahren keinen Strom gibt.

Der zehnminütige Dokumentarfilm Por primera vez (Zum ersten Mal), 1967 von Octavio Cortázar, beschreibt den Fall des erstmaligen Kinobesuchs für die Bevölkerung eines kleinen Dorfes in den Bergen der Sierra Maestra, der durch ein cine-móvil ermöglicht wird. Der Enthusiasmus und die Freude der Leute, von Kindern bis Alten, beim Anblick von Chaplins Modern Times macht die große Bedeutung der mobilen Kinos deutlich und veranschaulicht im Allgemeinen die große Faszination des Mediums. Dieser Dokumentarfilm zählt bis heute zu einem der besten der kubanischen Kinematographie und trifft auch im Ausland auf Anerkennung: so wurde er 1969 mit einer „Goldenen Taube” auf dem Filmfestival in Leipzig prämiert.

Der Einsatz der cine-móviles hat großen Erfolg, und das ICAIC kann auf diesem Weg viele neue Zuschauer für sich gewinnen. Allen Vorstellungen der cine-móviles gehen Ausgaben der Lateinamerikanischen Wochenschau des ICAIC voraus und erfüllen so die Aufgabe der Information und Agitation im Sinne der Revolution. Der Wochenschau folgt meist ein kubanischer Dokumentarfilm, häufig ein didaktischer, der zur Bildung und Erziehung der Zuschauer beitragen soll, indem er z.B. Anleitung für die Bestellung der Felder gibt. Dem folgt im Normalfall ein Spielfilm. Auf dem Plan stehen anspruchsvolle Spielfilme aus aller Welt, sowie aus Kuba und anderen lateinamerikanischen Ländern. Das Programm der mobilen Kinos deckt sich oft mit dem der Kinosäle in den Städten. Die Vorführungen sind kostenlos. Im Zuge der sich zeitgleich vollziehenden Alphabetisierungskampagne wird die Verbreitung von Film mittels der Einführung der mobilen Kinos gern als „audiovisuelle Alphabetisierung” bezeichnet. Ein genaues Datum für das Ende der mobilen Kinoeinheiten lässt sich nicht ausmachen. Ab dem Jahr 1976 zeichnet sich ein Prozess des allmählichen Verschwindens der eine móviles ab, wozu in entscheidendem Maße das Fernsehen und die Errichtung von Videosälen in den Bergen beiträgt.

Film in der „Sonderperiode”

Die Gegenwart ist gekennzeichnet von einer andauernd schweren Wirtschaftskrise, hervorgerufen durch den Wegfall sowjetischer Wirtschaftshilfe. Wie viele andere Bereiche liegt nun auch die kubanische Filmproduktion am Boden. Das ICAIC fungiert hauptsächlich als Technik- und Personalverleih für ausländische Produktionen und kann auf diesem Weg Geld einnehmen, das jedoch auf keinen Fall für den erneuten Aufbau einer kubanischen Filmproduktion genügt. Die wenigen Dokumentarfilme, die in den neunziger Jahren entstehen, werden ausschließlich auf Video hergestellt. Andererseits gelingt es, zwar nur wenige Spielfilme, dafür aber um so anspruchsvollere zu produzieren, die eine nahezu vollkommene Reflexion der Período Especial darstellen. Innerhalb des Dokumentarfilms scheint die Motivation zur Reflexion kubanischer Realität nicht so deutlich, wozu das geringe Interesse des ICAIC, ein neues Dokumentarfilmkino ins Leben zu rufen, beiträgt. Der einsetzende Verfall der kubanischen Dokfilms, der sich bereits in den 80er Jahren ankündigt, erreicht in den neunziger Jahren seinen Höhepunkt. Der Noticiero wird 1991 eingestellt und Dokumentarfilme kommen nicht mehr in den Kinosälen zur Aufführung, sondern allenfalls in Videosälen oder im Fernsehen, wo in jüngster Zeit die meisten Dokumentationen entstehen. Viele kubanische Cineasten zeigen sich jedoch in den letzen zwei bis drei Jahren wieder optimistischer, in dem sie auf eine junge Generation hoffen, die die schwierigen Jahre Cubas als Kinder und Jugendliche durchlebten und in der Lage seien, dies kritisch in Dokumentarfilmen zu reflektieren. Des weiteren wird positiv vermerkt, dass sich inzwischen unter den jungen Video-Dokumentaristen viele Frauen befänden, eine Tendenz, die sich bereits in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mit Filmerinnen wie Rebeca Chavez, Marisol Trujillo, Mayra Vilasís, Lizette Vila und Estela Bravo abzeichnet. Letztere gilt als Pionierin und Motor einer unabhängigen kubanischen Filmkunst auf Video.

*Innerhalb der Revolution: alles, gegen die Revolution: nichts!


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