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Interview mit José Trujillo
Leiter eines Milchprojektes in Pinar del Río/Kuba

Autor:  | August 2010 | Artikel empfehlen

Jose Trujillo bei einem Vortrag von Cuba Sí in Leipzig - Foto: Quetzal-Redaktion, sscZur aktuellen Lage der Landwirtschaft in Kuba vermelden die großen Medien kaum Neuigkeiten, sei es, weil dem Inselstaat insgesamt wenig Beachtung geschenkt wird oder weil es nur wenige Daten gibt. Aus diesem Grunde veröffentlicht QUETZAL in der Folge einige Beiträge von kubanischen Landwirtschaftsexperten, die diese Informationslücke schließen sollen.

Den Auftakt bildet ein Interview mit José Trujillo, dem Präsidenten des Kubanischen Verbandes der Tierproduktion (Asociación Cubana de Producción Animal) in der Provinz Pinar del Río und Leiter des Milchprojektes von Cuba Sí in der gleichen Region. Das Treffen fand am 21.07.2010 auf Einladung von Cuba Sí in Leipzig statt.

Verheerende Wirbelstürme

Pinar del Río befindet sich im Westen der Insel und grenzt im Norden an den Golf von Mexiko. Die Provinz hat 732.000 Einwohner und eine Fläche von etwa 10.000 Quadratkilometer. In der gleichnamigen Hauptstadt leben 184.000 Einwohner. Die Provinz ist von der Landwirtschaft geprägt. Etwa 80 Prozent der Tabakproduktion Kubas stammen von hier.

Im Jahr 2008 wurden sechs Kreise im Osten der Region durch die Hurrikane Gustav und Ike fast vollständig zerstört. 97.000 Häuser waren betroffen, die landwirtschaftlichen Anbauflächen – und auch die Betriebe der Tierzucht. Die Milchproduktion sank von 39.000 Liter täglich auf 6.000 Liter nach den Hurrikanen. Etwa 100.000 Legehennen und 500.000 Stück Federvieh kamen ums Leben; etwa 50 Millionen Eier gingen verloren.

Verschiedene Hilfsorganisationen, darunter Cuba Sí, Agroacción Alemana, Secours Populaire Français, Fondo Gallego, Asociación Catalana por la Paz de Barcelona und auch die kanadische Botschaft, haben mit ihren Spenden geholfen, einen Großteil der Schäden zu reparieren. Inzwischen sind 90 Prozent der Rinder-, Schweine- und Vogelzuchtanlagen wieder voll funktionstüchtig. Die Ernährungssicherheit gilt als gesichert. Von den zerstörten Häusern wurden bisher 35.000 in Stand gesetzt. Trotzdem ist die Situation weiterhin als kritisch zu bezeichnen, auch wenn die Familien in Staatseinrichtungen oder bei Angehörigen vorübergehend Unterkunft fanden.

Wie ist generell die Entwicklung der Landwirtschaft seit den schwierigen Jahren in den 1990ern einzuschätzen? Wie hat sich die Produktivität entwickelt?

Anfang der 90er Jahre war die kubanische Landwirtschaft auf dem tiefsten Stand ihrer Entwicklung angelangt. Wissen Sie, was Ameisen sind? Wir Kubaner sind wie die Ameisen, denn wir haben es geschafft, die schwierigsten Situationen zu überleben und aus dem Untergrund heraus unsere Landwirtschaft wieder zu entwickeln. Wir haben derzeit zwar immer noch eine schwierige Situation, aber nichtsdestotrotz können wir die Grundbedürfnisse befriedigen. Seitdem das sozialistische Weltsystem zusammengebrochen ist, begann für Kuba die „Spezielle Periode“ (Período Especial), aber wir leben in einer speziellen Periode seit der Revolution, weil wir blockiert sind und belästigt werden. Und ohne Empfindlichkeiten verletzen zu wollen: Wir hatten Glück, dass es die DDR, die Sowjetunion, Bulgarien gab, denn nur so konnten wir atmen. Wir hatten viele Probleme, aber wir konnten uns durch unsere eigenen Anstrengungen entwickeln.

Sie haben uns [in den 1990ern, der Verf.] den Schnuller weggenommen, wie wir in Kuba sagen, und das waren die Kraftstoffe. Wir haben früher, zur Zeit der UdSSR, 13 Millionen Tonnen Kraftstoffe verbraucht; nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems ging es auf eine 1 Million Tonnen zurück. Ohne diese Brennstoffe, ohne politische und ökonomische Auslandsbeziehungen mussten wir in der Landwirtschaft wieder auf Ochsenkraft und vormoderne Produktionstechniken zurückgreifen, um die Äcker zu bearbeiten. Aber wir haben auch gemerkt, dass wir viele Sachen früher schlecht machten, dass wir neu anfingen und dass wir die Dinge jetzt besser machen.

Milchprojekt von Cuba Sí - Foto: Salvador Sáinz/Public DomainHeute besitzt die Landwirtschaft in Kuba wieder eine Entwicklungsperspektive, um Importe zu ersetzen, um die Selbstversorgung mit Milch, Bohnen, Reis zu erreichen, und es ist durchaus möglich, kleine Parzellen an individuell produzierende Einheiten zu übergeben, damit diese für sich und für den Markt produzieren. Es gibt jetzt bereits tausende dieser Kleinproduzenten, die in ihrer Wichtigkeit für die gesamte Landwirtschaft in Kuba eine wachsende Rolle einnehmen. Als man die Erzeugerpreise speziell für Milch erhöht hat, führte dies zu einer Erhöhung der Milchproduktion um rund 12.000 Liter pro Tag. Der Produktionspreis für ein Kilo Rindfleisch ist auf 8 Pesos gestiegen und der Preis für ein Kilo Schweinefleisch ist auf 13 Pesos gestiegen. In den 90er Jahren, als die spezielle Periode begann, war die Schweinfleischproduktion bei 1000 Tonnen, heute sind wir bei 13.000 Tonnen angelangt.

Jetzt sind wir bestrebt, die Konsumentenpreise für Fleisch wieder etwas zu senken, damit natürlich auch mehr Kubaner Schweine- und Rindfleisch konsumieren können. Wir haben auch besonders die städtische Landwirtschaft entwickelt, d.h. alle freien Flächen in den Städten werden bestellt, und vor allen Dingen werden dort Gemüse erzeugt, was für Kuba früher nicht üblich war. Auch das Projekt von Cuba Sí umfasst drei Ziele: erstens die Milchproduktion generell zu erhöhen; zweitens die Erhöhung der städtischen Anbauflächen zur Erzeugung von Gemüse und drittens die Erhöhung des Anteils der Züchtung von Kleinvieh, also nicht bloß Rinder, sondern auch Schafe und Ziegen. Das hat zur Erhöhung der Produktion beim Schweine- und Schaffleisch, bei der Ziegenmilch (deren Konsum hauptsächlich für Kinder mit speziellen gastrischen Problemen bestimmt ist), aber auch bei der Kaninchenproduktion geführt.

Wie ist derzeit die Lage bei der Zuckerproduktion in Kuba? Wie viel erntet man, wie ist die Produktivität?

Die kubanische Zuckerproduktion war nicht rentabel und effizient genug. Während der  „Speziellen Periode“ besaßen wir keine Düngemittel und andere benötigten Inputs mehr, um Zucker zu produzieren. Das heißt, die Kosten für die Produktion blieben gleich beziehungsweise nahmen sogar zu, sodass es immer unrentabler wurde. Der internationale Zuckerpreis ist von 57 Cent [US-Dollar, Anm. des Verf.] auf 7 Cent gefallen, und wir hatten das Ziel, sowohl Zucker auf dem internationalen Markt zu verkaufen, als auch den Eigenbedarf zu decken. Da wir bei diesen Weltmarktpreisen  kaum Gewinne erzielten, mussten wir den gesamten Zucker selber essen, und die Zahl der Diabetiker auf Kuba nahm zu. Wir wussten nicht, wohin mit dem Zucker.

Da entschied man, die Zuckerproduktion zurückzufahren. Die Zuckerrohrproduktion ist von 90.000 Tonnen auf 10.000 Tonnen pro caballeria reduziert worden. [1 caballería cubana =  13,4 Hektar.  Diese Daten konnten vom Verfasser nicht verifiziert werden. Die Produktivität bei Zuckerrohr liegt in Kuba weit unter dem internationalen Durchschnitt. Man schätzt einen Ertrag von 30 Tonnen pro Hektar. Im Vergleich dazu liegt er sowohl in Peru mit etwa 110 Tonnen pro Hektar und in Brasilien mit etwa 80 Tonnen pro Hektar viel höher. Diese Werte bedeuteten aber lediglich eine Produktion von zirka 1500 Tonnen pro caballería beziehungsweise 1100 Tonnen pro caballería.] Diese Größenordnung reicht für den Eigenkonsum aus, aber um rentabel auf den Weltmarkt aufzutreten, bei den niedrigen Zuckerpreisen, ist die Menge viel zu wenig. Für Kuba ist es fast günstiger, den Zucker auf dem Weltmarkt zu kaufen, als ihn selbst herzustellen. Aber für den Eigenbedarf produzieren wir ausreichend Zucker. Gleichzeitig hatte die Zuckerindustrie nun plötzlich zu viele Arbeiter, von denen infolge der reduzierten Produktion einige unter Weiterbezahlung des Lohnes zum Studium gingen, andere in neue Berufe, und diejenigen, die bereits annähernd am Rentenalter waren, bekamen die Möglichkeit, in Rente zu gehen.

Viele dieser ehemaligen Zuckerfelder wurden dann weitgehend in Weiden für die Viehproduktion umgewandelt, aber auch für den Anbau von Yucca, Reis, Bohnen genutzt, sodass die Zuckerrohrfelder weitgehend verschwunden sind und sich in ganz normale Agrarfelder oder Wiesen verwandelt haben. Gerade auch in der Region Pinar del Rio werden die Flächen von ehemals zwei großen Zuckerkombinaten mit der Hilfe von Agroacción und einer spanischen Gesellschaft rekultiviert und in Ackerflächen beziehungsweise Viehweiden verwandelt.

Woher kommt die Pflanze Marabú, die erst jetzt richtig bekannt geworden ist, und warum ist sie zu einer Plage geworden?

Die Pflanze ist ein aggressives Unkraut, eine ‘Invasorenpflanze’. Ab 1990 gab es keine Kraftstoffe, keine Macheten, keine Kühe, und die Felder blieben unbewirtschaftet, so dass sich die Pflanze ungestört ausbreiten konnte. Die einzige Möglichkeit, ihr beizukommen, besteht darin, sie an den Wurzeln herauszureißen und den Boden kontinuierlich zu beackern.

Da wir praktisch während 14 Jahre – von 1990 bis 2004 – keine Werkzeuge besaßen, hat die Pflanze die Mehrzahl der Felder richtiggehend besetzt. Gerade die Politik, Land an individuelle Bauern zu verteilen, hat aber dazu geführt, die Möglichkeiten zur Bekämpfung der Pflanze erheblich zu verbessern und diese Flächen der Agrarproduktion wieder zur Verfügung zu stellen.

Eine kleine Anekdote am Rande: Am 26. Juli 2010 hat der Präsident Kubas, Raúl Castro, offiziell der Marabú-Pflanze den Krieg erklärt.

Wie ist die Versorgung der Kinder mit Milch gesichert?

Alle Kinder Kubas bis zum Alter von sieben Jahren bekommen einen Liter täglich zu einem gestützten Preis von 30 Cent, während die Produktion eines Liters Milch durchschnittlich einen Dollar kostet. An Schwangere und Patienten in den Krankenhäusern wird Milch kostenlos verteilt. Mit unserem neuen Milchprojekt wollen wir es erreichen, dass alle Kinder bis zum Alter von 14 Jahren mit Milch versorgt werden.

Bezüglich der Märkte mit individueller Produktion wurde bereits gesagt, dass die Produktion von landwirtschaftlichen Gütern über den Preis angeregt wird. Gibt es in Kuba einheitliche Erzeuger- und Verbraucherpreise für landwirtschaftliche Produkte? Es ist ja bekannt, dass im Osten von Kuba sehr oft starke Trockenheit herrscht und demzufolge möglicherweise die Produktion nicht in dem Maße gesichert werden kann, wie im Westen. Wie wird das innerhalb des Landes ausgeglichen?

In Kuba gibt es einen festgelegten Höchstpreis auf den staatlichen Märkten für Landwirtschaftsprodukte, der nicht überschritten werden darf. Aber die individuellen Produzenten können, je nach Angebot und Nachfrage durchaus mit ihrem Preis variieren, d.h. sie können individuelle Preise zwischen Produzent und Verbraucher festlegen. Dies gilt für alle 14 Provinzen. Für den Osten Kubas, wo die größte Trockenheit vorherrscht, wird die Landwirtschaft besonders intensiv gefördert – diese Region hat die höchste Investitionsquote –, um das Produktionsniveau des übrigen Kubas zu erreichen. Es ist klar, dass die Produzenten ihre Preise nicht ins Endlose erhöhen können. Wir haben also den individuellen Produzenten in Gesprächen klar gemacht, dass alle Beteiligten am Marktprozess Kubaner sind und dass sie sich daher in der Preisfindung solidarisch zeigen sollen. Ihr Hauptziel solle sein, den Wohlstand aller Kubaner zu erhöhen.

Die einzige Lösung für dieses Problem liegt jedoch darin, mehr zu produzieren, sodass es keine Mangelerscheinungen und demzufolge keine illegalen Preiserhöhungen gibt. Wir glauben, dass wir das Ziel der Selbstversorgung und einer ausreichenden landwirtschaftlichen Produktion in nicht allzu ferner Zukunft erreichen können.

Es muss übrigens noch als wichtig erwähnt werden, dass alle Produzenten, die durch Projekte [wie das von Cuba Sí, der Verf.] gefördert werden, den Preis niemals über das mittlere, normale Preisniveau erhöhen.

Wir haben häufiger davon gehört, dass es individuelle Produzenten gibt. Wie sieht generell die Struktur in der Landwirtschaft aus: Individuelle Produktion, staatliche Genossenschaften, private Genossenschaften etc.?

In Kuba gibt es verschiedene Produktionsformen. Es gibt die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, das ist eine Gruppe von Produzenten mit einer Generalversammlung, die sie repräsentiert. Sie arbeiten im Kollektiv, und die Gewinne werden unter den Mitgliedern verteilt. Daneben gibt es Dienstleistungskooperativen, die individuelle Produktion betreiben. Die Familien können die Produkte an die [Landwirtschaftlichen Produktions-, der Verf.] Genossenschaften oder auf einem individuellen, privaten Marktstand verkaufen. Jeder Quadratmeter Land in Kuba ist staatlich, mit der Ausnahme derjenigen Eigentümer, die vor der Revolution [von 1959, der Verf.] ein Stück Land besaßen, denn die besitzen dies immer noch. Es gibt keinen privaten Landbesitz, sondern nur die Nutzung, sowohl in den Kooperativen als auch die individuellen Produzenten. Die individuellen Produzenten können ihr Stück Land so produktiv gestalten, wie sie nur wollen, aber in dem Moment, wo sie aufhören, dieses Stück Land zu bearbeiten, fällt das Stück Land an den Staat zurück. Als letztes gibt es dann noch die Staatsfirmen, d.h., es gibt drei Formen: die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die Dienstleistungskooperativen und die Staatsfirmen.

Um ein Beispiel zu geben: In Pinar del Rio werden 80% der Tabakproduktion individuell hergestellt. Die Gemüseproduktion schwankt, aber in Pinar del Rio ist sie praktisch in den Händen der Kleinproduzenten. Die Kleinbauern produzieren in Pinar del Rio etwa 25% der gesamten Milchproduktion. Der Rest wird von den Staatsfirmen produziert. Die Eier werden nur in den Staatsbetrieben gelegt. Das Schweinefleisch wir zu 95% von den Kleinproduzenten hergestellt.

Die Kooperativen und Kleinproduzenten in Kuba sind eine Klasse für sich. Ich war in einigen Ländern Lateinamerikas unterwegs – in Ecuador, Haiti und der Dominikanischen Republik – und habe dort die Kooperativen mit denen in Kuba vergleichen können. Als Ergebnis kann ich sagen, dass die Kooperativen in Kuba einen Sinn fürs Allgemeinwohl entwickelt haben, der auch die individuellen Produzenten erfasst, sodass sie eine ganz andere Einstellung auch zu ihren Konsumenten, zu ihren Landleuten, haben.

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Der deutschen Version liegt in weiten Teilen die Verdolmetschung von Dr. Hubert Reimer zugrunde. Das spanische Original gibt es hier.

Transkription: Thomas Ploetze


Bildquelle:[1] Quetzal-Redaktion, ssc; [2] Salvador Sáinz/Public Domain


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