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Konflikt oder Integration?
Ethnische Beziehungen in Kuba 1812-1912

Autor:  |  Herbst 1997

Die wichtigsten Erklärungsmodelle für die ethnischen Beziehungen auf Kuba sind der allgemeinere „Integrationsansatz” (graduelle, segregierte Integration) bzw. das eher politikgeschichtliche Modell der „Rassen- und Klassenallianzen” unter dem Schlagwort der „cubanidad”, auf Basis sozialhistorisch-quantifizierbarer „Strukturen der Gleichheit und Ungleichheit” und dem dekonstruktivistischen Ansatz vom „Schweigen der Libertadores” über Rassenprobleme. Diesen Modellen, die sich mehr oder weniger deutlich auf den Integrationsansatz zurückführen lassen, hat Aline Helg unter dem bezeichnenden Titel „Our Rightful Share” ein „Rassismus-Modell” entgegengesetzt. Verhüllt oder brutal offen habe Rassismus seitens der „Weißen” gegenüber den Schwarzen und Farbigen die kubanische Geschichte geprägt, bis heute verdeckt durch einen wohlkonstruierten „myth of racial equality”.

Sklaverei bedeutete per se strukturelle Gewalt. Diese strukturelle Gewalt umkettete sozusagen hegelianisch Beherrschte wie Beherrscher. Andererseits war die Masse der Sklaven gegenüber freien Lohnarbeitern in der Subsistenz nicht in solch hohem Maße ökonomischer Gewalt ausgesetzt. Sie mußten also, profan gesagt, nicht selbst für ihr tägliches Überleben sorgen, was wiederum neben der sowieso vorhandenen hohen Effektivität der Sklaverei in den modernsten Bereichen der Zuckerproduktion ein starkes Pro-Sklaverei-Argument war und von der sog. revisionistischen Historiografie auch aufgegriffen worden ist.

Es war schon Humboldt, der auf die in den Strukturen der Sklavereigesellschaften angelegten Gewaltpotenzen verwiesen hat; auch die Verbindungslinien zur Gesetzgebung hat der preußische Adlige aufgezeigt. Entgegen den liberalen Illusionen von Humboldt aber hat die Sklaverei auf Kuba in dem entscheidenen halben Jahrhundert zwischen 1789 und 1845 keine Regelung durch den Gesetzgeber (Krone) erfahren.

In den Strukturen der Sklaverei finden sich auch die Grundlagen für sexuelle Gewalt zwischen den Geschlechtern, vor allem zwischen versklavten Frauen einerseits und Besitzern sowie dem Personal der Zuckerplantagen andererseits. Um nicht nur „Opfer” zu konstruieren: Selbstverständlich haben versklavte Frauen diese Konstellationen zu nutzen gewußt, um die eigene Position und die ihrer Kinder zu verbessern; selbstverständlich gab es Beziehungen echter Liebe und selbstverständlich waren nicht alle Angehörigen des weisungberechtigten Personal von Plantagen Weiße, sondern oft waren scharze contra-mayorales verhaßter als der „liberale” Besitzer. Diese Formen struktureller Gewalt und ihre Weiterungen im Bereich der Geschlechterbeziehungen wollen wir hier nicht analysieren, sondern auf Basis der oben genannten Modelle fragen, wie sie die beiden großen, offenen und traumatischen Ausbrüche ethnischer Gewalt in der politischen Geschichte der Antilleninsel erklären (Verschwörung „La Escalera”, 1843/44 und den sogenannten „Rassenkrieg” von 1912). Der Rassenkrieg von 1912 ist ja das eigentliche finale historische Argument von Aline Helg, während die Argumente der Integrationisten eher auf die Arbeiten von Jorge Ibarra und Luis Perez Jr. zurückgehen. Deren Meinung nach hätten sich in den Unabhängigkeitskriegen schwarz-weiße Allianzen als Basis der „Kubanität” (cubanidad) herausgebildet, die wiederum die Grundlagen für die tiefgehende Gleichheitsmentalität der Kubaner geschaffen hätten. Perez ist darüberhinaus der Meinung, daß sich der Aufstand 1912 in Oriente aus ökonomischen und strukturellen Gründen erklären lasse, nämlich vor allem durch die Verdrängung freier, meist farbiger Bauern vom Land. Der Protest dagegen sei mit dem Bemühen der Führung der 1908 gegründeten Farbigen-Partei (Partido Independiente de Color; PIC) zusammengefallen, die Afrokubaner gegen das Verbot ihrer Partei zu mobilisieren.

Wir können das Problem ethnischer Gewalt in den Unabhängigkeitskriegen nicht vertiefen, aber hier hat die Interpretationshoheit des integrationistischen Ansatzes dazu geführt, daß die durchaus vorhandene ethnische Konflikte (unterschiedliche Behandlung von Kriegsgefangenen, Einsatz von Schwarzen als Sturmtruppen bzw. in den Eskorten, Offiziersernennungen nach „Rassenquorum”, automatische Vergabe von Offiziersrängen für Weiße mit Universitätsabschluß, etc.) wenig oder nicht untersucht worden ist.

Was erlaubt es uns, von „ethnischer” statt von „rassistischer” Gewalt zu sprechen? Das Hauptargument für die Sklaverei im iberischen Bereich war das der „christlichen Zivilisation”, also ein kulturelles, kein rassistisches im modernen Sinne. Der Begriff raza in der spanischen Sprache bezeichnete vor seiner Korrumpierung durch den französischen Begriff „race” auch eine gemeinsame Abstammung aus einer Ethnie oder aus einem Kulturkreis. Die Schwarzen auf Kuba organisierten sich entsprechend den Traditionen der iberischen politischen Kultur in cabildos de nación, die Richard Konetzke als „völkische Ratsversammlungen” definiert hat. Die afrikanischen „Nationen” (Lucumi, Congo, Mandinga, Carabali, Arara usw.) waren aber keine Nationen im europäischen Sinne des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern bestanden in einer bewußten Zuordnung der versklavten (oder freien) Schwarzen zu einem imaginären afrikanischen Abstammungsverband, im Innersten zusammengehalten vor allen durch Sprache und religiöse Kulte.

Die kubanischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts vor Jose Marti, allen voran Jose Antonio Saco, konstruierten eine moderne kubanische „Nation” der weißen Kreolen, die Schwarzen der Insel, die „raza negra”, gehörten für sie nicht dazu: „Die kubanische Nationalität…, ist die, die durch die weiße Rasse gebildet wird (und) die… um die 400000 Individuen ausmacht.” Wir können das Thema hier nicht vertiefen, aber es nimmt nicht Wunder, daß 1898, als die Souveränität über Kuba, gemäß des Pariser Vertrages, von Spanien an die USA überging, (wahrscheinlich) Schwarze den Antrag stellen konnten, alle „Afrikaner” – de facto als ein „anderes Volk” – konsularisch zu vertreten. Der P1C konstituierte sich dann, als nach fünf Jahren Republik deutlich wurde, daß die früheren weißen Allierten und einige schwarze Partizipationsikonen nicht gewillt waren, die Gleichheitsvision des Unbhängigkeitskrieges in den sich herausbildenden patriotischen Konsens zu übernehmen. Der Konflikt (von 1912) selbst war eine aus der Kolonialzeit und den Unabhängigkeitskriegen nachgeschleppte Auseinandersetzung, wobei der „Unabhängigkeitskrieg” (als Ereignis) in diesen Langzeitprozessen nur insofern wichtig ist, als das die politische Mobilisierung im Militärischen unter den Afrokubanern starke Illusionen geweckt hatte. Es bleibt auch zu erforschen, inwieweit dem Begriff „raza” von 1912 ein ethnisches Verständnis zugrundelag, oder ob sich der moderne Rassenbegriff schon durchgesetzt hatte.

La Escalera l843/44

Die erste klar erkennbare ethnische Konfrontation, die sogenannte „Verschwörung von Aponte” (1812), können wir hier nur erwähnen. Sie ist vor allem deshalb wichtig geworden, weil es sich um eine deutliche schwarz-weiße Konfrontation gehandelt hat: freie Schwarze mit Verbindungen zu Plantagensklaven auf der einen Seite; weiße Besitzer und Kolonialmacht auf der anderen. Allerdings wird die Komplexität und Kompliziertheit dieses an und für sich recht klaren Falles darin deutlich, daß Jose Antonio Aponte, Führer eines Lucumi-Cabildos und Inspirator der Verschwörung, von farbigen Offizieren der Kolonialmilizen verraten wurde. Die schwarzen Verschwörer ließen sich vom Modell der Revolution auf Saint-Domingue/Haiti inspirieren. Das hat insofern für alle nachfolgenden ethnischen Konflikte Bedeutung erlangt, als anhand des Verweises auf den negro Aponte die Furchtikone Haiti als Hauptbestandteil kubanischer Geschichtserinnerung konstruiert werden konnte. Noch heute dient das Sprichwort „más malo que Aponte” zur Kennzeichnung schlimmster Bedrohungen.

Bei den Vorgängen, die unter dem Sammelnamen La Escalera (dt.: Die Leiter) in die Geschichte eingangen sind, handelte es sich um ethnische Gewalt seitens der obersten Kolonialverwaltung. 1844 wurden 4039 Verdächtige durch die Kolonialtruppen und ihre Helfer verhaftet, davon der größte Teil freie Farbige, nämlich 972 Schwarze, 2166 freie Mulatten, 74 Weiße und 827 ohne Kastenzuordnung. Etwa 300 Personen wurden während der Prozeßvorbereitung an den berüchtigten Leitern zu Tode geprügelt. 78 Personen verurteilte die koloniale Macht nach Prozessen zum Tode: 39 Sklaven, darunter eine Frau, 38 freie Farbige und einen Weißen; für 228 schlössen sich auf zehn Jahre die Festungstore von Melilla oder Fernando Po („presidio”). Verbannt wurden vor allem freie Farbige (433), kein Sklave und ein Weißer; 1230 wurden freigesprochen. Insgesamt hatte man 3076 Personen den Prozeß gemacht. In den Jahren nach 1844 hatte Kuba die höchste Selbstmordrate unter Farbigen.

Eine Erklärung für diesen Akt staatlicher Gewalt besteht darin, daß es als Folge des Sklavereiliberalismus und des kaum gezügelten Sklavenschmuggels in die Zuckeraufschwungsregion von Matanzas, wo 1843 die Verschwörung entdeckt worden war, zu einer chaotischen Selbstorganisation gekommen sei, derer man nur noch mit einem Gewaltrundumschlag Herr bleiben zu können glaubte. Nicht nur die Krone hatte die Kontrolle über die Besitzer schon 1790 verloren, die Kreolen lehnten diese Gesetzgebung als Eingriff in den Rechtsraum der Plantagen ab. In der Synergie zwischen amorphen, vielfältigen Verschwörungsnetzen der in der in der Zucker-boom-Region zusammengedrängten Sklaven und der Furchtverstärkung wegen britischer oder haitianischer Einflüsse glaubten dann auch die Hacendados die Sicherheit in den Zuckerzonen nicht mehr gewährleisten zu können.

An dieser Stelle setzte der Generalkapitän O’Donnell mit seinen unbeschränkten Vollmachten (facultades omnimodas) an. Es wurde eine gezielte ethnische Verfolgungs- und Terrorwelle zur Zerstörung der Verschwörungsnetze ausgelöst, vor allem aber sollten die Verbindungslinien, die zwischen den freien Farbigen und den Sklaven der Plantagen entstanden waren oder vermutet wurden, zerschlagen werden. Diese Welle ethnischer Gewalt ist unter dem Sinnbild der Leiter, an die die Verdächtigen gebunden wurden, ehe man Geständnisse aus ihnen herausprügelte, in die kubanische Geschichte eingegangen. Leopoldo O’Donnell, der spanische Generalkapitän, bewies den Kreolen damit die Notwendigkeit einer starken Zentralmacht, die die Institution Sklaverei zu schützen vermochte. Der Welt und Großbritannien bewies der Gewaltschlag, daß Spanien noch „Herr im Hause” Kuba war.

Das flotte Wort O’Donnells, Kuba sei „mit einer Fiedel und einem Hahn” zu regieren, ist erst nach der Gewalttat entstanden. Der Terror traf in Verteidigung der Farblinien vor allem den zwischen Ende des 18. Jahrhunderts und 1840 entstandenen sozialen Sektor des schwarzen und mulattischen Klein- und Mittelbürgertums von Havanna, Matanzas und Santa Clara. Die Hauptstrafen (Tod und Verbannung) wurden nach „Farbe” vergeben. Hier fand das sich danach auf Kuba durchsetzende Konzept der raza negra als Kennzeichnung aller Träger „afrikanischen Blutes”, egal ob es sich um afrikanische oder kreolische Schwarze oder kubanische Farbige handelte, seine schreckliche erste Materialisierung.

Soweit würde ja der Rassismus-Ansatz noch alles erklären: Rassismus von Staat und kreolischen Besitzern, die, trotz vielfältiger Konflikte untereinander, gegen freie Afrokubaner, Sklaven und deren weiße Freunde gemeinsam Front machten, wenn es sein mußte auch mit spektakulärer ethnischer Gewalt. Die summarische Konstruktion raza de color bzw. raza negra zur Kennzeichnung des farbigen Teils der Bevölkerung als einer der weißen Gesellschaft feindlichen Gruppe hat sich zur Kennzeichnung der ethnischen Grundbestandteile der kubanischen Bevölkerung seit dieser Zeit durchgesetzt; sie gilt cum grano salis noch heute und ist auch von Afrokubanern zur Eigenbezeichnung verwandt worden und wird noch verwandt.

Paquette hat in seiner minutiösen Untersuchung aber auch Elemente des Allianzansatzes bei der Erklärung von 1843/44 eingeführt. Gegen die Vermutung, die Verschwörung sei regelrecht konstruiert worden, um einen Vorwand zu haben, verweist er darauf, daß es wirklich mehrere Verschwörungen gegeben hat, die vor dem Hintergrund einer durchaus revolutionären Situation im Hinterland von Matanzas ihre Konflikte untereinander, vor allem die zwischen Weißen, Mulatten und Schwarzen, nicht hätten ausräumen können. Paquette spricht also von einer Allianz, die an ihren eigenen internen „Farb”-Konflikten scheiterte, an Problemen also, wie sie aus der Geschichte der kubanischen Unabhängigkeitskriege und den Schwierigkeiten der weißen Separatisten mit dem Abolitionismus und dem Verhältnis zu den Afrokubanern, gut bekannt sind.

Die „guerra de razas” 1912

Bei der Erklärung von 1912 und der dort zu Tage tretenden atavistischen ethnischen Gewalt bietet sich der Rassismus-Ansatz eigentlich an. Aber bei genaueren Archivstudien zeigt sich, und hier hat Helg eben zu stark mit ihrem Modell und zu wenig historisch gearbeitet, das es sich auch bei diesen Vorgängen im Ansatz um einen Allianzversuch nach dem Muster provinzieller Klientel-Kaziken-Beziehungen gehandelt hat. Wahrscheinlich haben wir in den Ereignissen von 1912 einen Weg der Mobilisierung von Afrokubanern zur Erzwingung stärkerer Partizipation vor uns. Die Konzentration auf die spektakulären Ereignisse verdeckt aber, das es andere Wege der Mobilisierung gab, die auch nach 1912 funktionierten.

Jose Miguel Gómez, General des Unabhängigkeitskrieges 1895-1898 in den kubanischen Zentralprovinz Las Villas und militärisches Ziehkind von Maximo Gomez war noch während der ersten Okkupation durch die USA (l898-1902) wichtigster Kazike der Liberalen in der frühen Republik geworden. Er war mit Hilfe „schwarz-weißer” Allianzen klientelistischer Natur zwischen 1904 und 1908 an die Spitze der nationalen Machtpyramide gelangt (Präsident 1909-1913). Aline Helg selbst vermutet in ihrem Buch eine Absprache, die ja nur nach dem Vorbild der erfolgreichen Allianzen in Las Villas funktionieren konnte. Diesem Allianzversuch aber war im nationalem Rahmen kein Erfolg beschert, wie noch sechs, sieben Jahre zuvor, als die Provinz Las Villas die Basis der Allianzen war. Wir wissen noch nicht genau warum. Wir können vermuten, daß die Konflikte innerhalb der liberalen Koalition (Jose Miguel Gomez gegen Alberto Zayas, d.h., miguelistas versus zayistas), dazu führten, daß der Armeechef, Jose de Jesus Monteagudo, den Regierungstruppen freie Hand zum ethnischen Massaker gab. Auch Konflikte sowohl zwischen den provinziellen und nationalen Machtgruppen als auch kubanischen Gruppen von Akteuren und der Schutzmacht USA können eine Rolle gespielt haben. Von Kubanern ist mehrfach die Vermutung persönlichen Abgrenzungsmotive im Falle „Chucho” Monteagudos geäußert worden, was auch nicht ganz sicher ist, aber mit dem Rassenansatz (Verteidigung der ,,Farb”-Schranke) erklärbar wäre. Fest steht nur, daß es im Vorfeld des Massakers eine Art Absprache zwischen Jose Miguel Gómez und dem späteren Führer des Aufstandes in Oriente, Pedro Ivonet, gegeben hat. Sie ist auch schriftlich festgehalten worden: „Es hat sich in dieser Provinz eine große Partei von Negern und Mulatten gebildet, die farbige Unabhängige [der PIC – M.Z.] genannt werden, sie ernannten mich zum Präsidenten; ich habe akzeptiert und ich will Ihnen sagen, daß in dieser Partei ihre Wiederwahl [zum Präsidenten – M.Z.] begründet ist, diese [Partei] ist aus Konservativen und Liberalen zusammengesetzt und wird ein Kontingent von 7 oder 8 Tausend Männern von Rio Jobabo bis Baracoa sein, soweit die Provinz Oriente ist, ich glaube, Sie wissen von all dem und alle die, die Sie vom Gegenteil von dem, was ich sage, überzeugen wollen, wollen Sie täuschen. Denn die Mehrheit dieser Neger und Mulatten sind [sie] mit Ihnen und wenn Sie sich davon überzeugen wollen, machen Sie einen kleinen Besuch im Oriente und Sie werden den Empfang sehen, den Ihnen alle machen. Wir wissen, daß Sie der General Gömez sind, der den Boniato mit uns gegessen hat und Sie müssen die Mambises von Oriente nicht fürchten, diese sind die Gefährten des Präsidenten der Republik von Kuba…”

Eine handschriftliche Notiz von José Miguel Gómez am Ende dieses Briefes besagt, daß der Präsident zu diesem Zeitpunkt noch bereit war, auf die Vorschläge von Ivonet einzugehen.

Besonders der schöne kubanische Satz: „General Gömez, der den Boniato mit uns gegessen hat…”, beschreibt eindeutig einen solchen Allianzansatz, der allerdings schon durch die Erinnerung an die Kameraderie des vierzehn Jahre zurückliegenden Krieges verklärt ist. Alexandra Bronfman weist in einem Artikel über die Ereignisse von 1912 in Cienfuegos darauf hin, daß die Aufständischen „Es lebe die Wiederwahl” geschrien hätten. Darüber hinaus ist darauf zu verweisen, daß die Allianzen zwischen Schwarzen und Weißen, auch zwischen Liberalen und Gesellschaften von Schwarzen, noch im gleichen Jahr 1912 nachzuweisen sind. Die Masse der Schwarzen hat möglicherweise den Aufstand von 1912 mit Abstand zur Kenntnis genommen oder die eigene Beteiligung aus Scham über den Abfall vom martianischen nationalen Konsensus später in Schweigen gehüllt.

Eine Analyse der Identität von Esteban Montejo, wie sie im „Cimarrón” deutlich wird, zeigt, dass Montejo fast immer über „die Kubaner” – im spanischen Original benutzt er oft sogar einen pejorativen Diminuitiv (los cubanitos, los coronelitos cubanos) – als über die Anderen spricht. Er selbst bezeichnet sich und seine Gruppe ethnisch als „die Neger” oder verwendet die irnaginierten Nationsbezeichnungen „lucumies” oder congos. Nur an wenigen Stellen seiner Erzählung sieht sich Montejo auch als „Kubaner”, vor allem in dem Kapitel über den Krieg von 1895, als er die Schlacht von Maltiempo beschreibt. Ansonsten spricht er höchsten von den „Befreiern” (libertadores).

Wichtiger ist, daß sich im Zeitraum 1870-1920 einerseits der moderne positivistische Begriff der „Rasse” durchsetzte, während andererseits die (weiße) zeitgenössische Presse die Aufständischen im Oriente auch weiterhin ethnisch-kulturell definierte und diffamierte, vor allem durch bildliche Darstellungen und durch den Verweis auf barbarische religiöse Praktiken („ñañiguismo”). Rebecca Scott hat zuletzt für diesen Zeitraum den wechselnden „Sinn” des modernen Konstrukts „Rasse” gezeigt.

Während dieser Jahre macht die kubanische Gesellschaft drei dramatische Grundprozesse durch:

  • die Abolition der Sklaverei 1886 und die Modernisierung der Zuckergroßproduktion ca. 1870-1920;
  • die „Konstruktion” eines unabhängigen Staatswesens durch den Unabhängigkeitskrieg 1895-1898 und den imperialistischen Eingriff der USA 1898-1902 sowie
  • die Frühzeit der „abhängigen” Republik 1902-1917).

Nur zehn Jahre nach der Abolition der Sklaverei kam es im Unabhängigkeitskrieg 1895-1898 zu einer beispiellosen Mobilisierung von Afrokubanern für nationale Ziele, ideologisch gefördert durch das martianische Programm der Rassengleichheit („con todos y para el bien de todos”), auf Basis einer zunehmend multiethischen Zuckerarbeiterschaft. Vor allem im kubanischen Befreiungsheer (Ejercito Libertador Cubano; E.L.C.) bildeten sich militärische Allianzen; schwarze und mulattische Offiziere kommandierten weiße Soldaten und umgekehrt. Als der Krieg zu Ende war, die Amerikaner das Land besetzt hatten und im Zuge einer paktierten Transition den konservativsten Elementen des Separatismus zur Macht verhalfen (Präsident: Tomas Estrada Palma), behielten die neuen Eliten zwar die martianische Rhetorik bei, behandelten aber die Gleichheitsverheißungen dilatorisch und vergaßen sie ganz.

Im Kampf um die Präsidentschaft zwischen weißen, eher zivil ausgerichteten Kreisen um Estrada Palma und der liberalen Offiziersgruppe um José Miguel Gömez nutzte letztere populistisch die Enttäuschung der schwarzen Veteranen im Wahlkampf und – als dieser manipuliert wurde – im bewaffneten Aufstand (guerrita de agosto, 1906). Als Jos£ Miguel Gomez schließlich die Präsidentschaft erlangt hatte, zeigte sich, daß auch die Liberalen nicht bereit waren, den Schwarzen die von diesen geforderte Partizipation zu gewähren. 1908 gründete sich der Partido Independiente de Color mit dem Ziel, die afrokubanische Bevölkerung autonom zu mobilisieren. 1910 brachte Martin Morua Delgado, ein mulattischer Politiker aus der Klientel von Jose Miguel Gömez und zu dieser Zeit Senatspräsident, ein Amendment zur kubanischen Verfassung durch, das die Bildung von Parteien auf „Rassenbasis” verbot.

Da 1912 neue Wahlen anstanden und José Miguel Gómez die Wiederwahl anstrebte, gab es zunächst die oben genannten Absprachen zwischen Gómez und der Führung des PIC. Aber die Allianz kam über diesen Ansatz nicht hinaus. Das Tragische an der Konfrontation von 1912 bestand darin, daß sich auf beiden Seiten Mitglieder der 1895-1898 gebildeten Allianzen befanden. Nur 14 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg und seinen Gleichheitsillusionen rutschte ein politischer Konflikt in rassistische Schlächterei und ethnische Gewalt ab. Während im Unabhängigkeitskrieg massenhaft Beispiele für ein wahrhaft brüderliches Verhältnis der Rassen in der separatistischen Bewegung gab, wurde das alte Konstrukt der „raza negra” zur positiven Chiffre der Selbstidentifikation der PIC-Führung und zugleich zur negativen Chiffre der Repression: in den Bergen von Oriente wurden „Schwarze” wahllos umgebracht; unter anderem auch einige haitianische Bürger, die auf Kuba arbeiteten. Welche Erklärungen gibt es für die abrupte Änderung des Sinns von „Rasse” in einer historisch so kurzen Zeit? Die integrationistische Historiographie hat dafür vor allem den Rassismus der nordamerikanischen Interventen und ihren Einfluß auf die weißen kubanischen Eliten während der beiden Okkupationen Kubas 1898-1902 und 1906-1909 in Anschlag gebracht. Die Afrokubaner seien unter den Vorwänden der „Respektabilität”, der Hautfarbe, der Bildung und der „barbarischen” Kultur aus dem öffentlichen Dienst und aus dem neugebildeten Heer und Polizei verdrängt bzw. gar nicht erst aufgenommen worden. Pérez Jr. hat deshalb die Guardia Rural (Landpolizei) und das neue Ejercito Permanente im Gegensatz zum E.L.C. „koloniale Armeen” genannt. Die revisionistische Historiographie, zuletzt vor allem Aline Helg, hat die Ideologie des kubanische Nationalismus hinterfragt und ist zu dem Schluß gekommen, daß der Antirassismus eines Marti und eines Maceo im Grunde zur Verdeckung wirklicher Rassenprobleme durch einen Mythos der Rassengleichheit geführt habe. Der plakative Antirassismus habe verdeckt, daß die meisten weißen Separatisten tiefen Haß und Furcht vor der afrokubanischen Gleichheit hegten. Ada Ferrer hat mit anderer Zielrichtung als Helg in ihrem Ansatz der „Rassen-Blindheit” des Martianismus und des „Schweigens der Befreier” über Konflikte zwischen schwarz und weiß darauf verwiesen, daß afrokubanische Insurgenten gegeben habe, die noch während des Krieges eine Gleichheitsvision gegenseitiger Rechte und Pflichten formuliert hätten, die weit über das martianische Projekt hinausgegangen sei. Diese Vision sei nach der Machtübernahme durch weiße Separatisten nicht mit in das nationale Projekt der Nachkriegszeit aufgenommen worden, nach den Enttäuschungen der frühen Republik aber von den Führern des PIC eingefordert worden.

Der Autor ist Professor für Lateinamerikanische Geschichte an der Universität Köln.
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Die Feldforschungen für diesen Artikel wurden ermöglicht durch ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter dem Titel „Das Erbe Afroamerikas. Regionale Gesellschaften und politische Kultur in Brasilien, Kuba und Venezuela (1880-1930)” im Schwerpunktprogramm „Transformationen der europäischen Expansion vom 16. bis zum 20. Jahrhundert”.

Literatur:

Bronfman, Alexandra, Clientelism and Chaos in Cienfuegos, 1912 (in Vorbereitung, zitiert mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin).

Ferrer, Ada, To Make a Free Nation: Race and the Struggle for Cuban Independence, 1868-1898, Ph.D., University of Mi-chigan, 1995 (unpubliziert).

Helg, Aline, Our Rightful Share. The Afro-Cuban Struggle for Equality 1886-1912, The University of North Carolina Press, Chapel Hill and London 1995.

Ibarra, Jorge, Ideologiamambisa, La Habana: Institute Cubano del Libro, 1967.

Paquette, Robert L., Sugar Is Made With Blood. The Conspiracy of La Escalera and the Conflict between Empires over Slavery in Cuba, Middletown, Conn.: Weslayan University Press, 1988.

Perez Jr., Louis A., Cuba: Between Reform and Revolution, New York: Oxford University Press, 1988

Ders., Politics, Peasants, and People of Color: The 1912 Race War’ in Cuba Reconsidered, in: Hispanic American Historical Review 66 (August 1986), S. 509-539

Scott, Rebecca J., The Lower Class of Whites and the ‘Negro Element': Race, Social Identity, and Politics in Central Cuba, 1899-1909, in: La Nación

Sofiada: Cuba, Puerto Rico y Filipinas ante el 98, Consuelo Naranjo, Miguel A.Puig-Samper y Luis Miguel Garcia Mora (eds.), Aranjuez (Madrid): Doce Calles, 1996.

Zeuske, Michael, Die diskrete Macht der Sklaven. Zur politischen Partizipation von Afrokubanern während des kubanischen Unabhängigkeitskrieges und der ersten Jahre der Republik (l895-1908) – eine regionale Perpektive, in: Zeuske (Hrsg.), Nach der Sklaverei. Comparativ. Leipziger Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsforschung, no. l (1997), Leipzig, S. 26-98.


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