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Interview mit Leonardo Padura
Kubanischer Schriftsteller

Autor: und:  | Dezember 2008 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Interviewt, Kuba, Literatur

Leonardo Padura - Kubanischer SchriftstellerLeonardo Padura Fuentes, Jahrgang 1955, gilt als einer der meist gelesenen zeitgenössischen Schriftsteller Kubas. Nach dem Abschluss eines Literaturstudiums 1980 schrieb er zunächst für verschiedene kubanische Zeitschriften, wandte sich aber bald der Publikation von Büchern zu. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus „Das Havanna-Quartett“ (Pasado perfecto, 1991; Ein perfektes Leben, 2003 – Vientos de cuaresma, 1994; Handel der Gefühle, 2004 – Máscaras, 1997; Labyrinth der Masken, 2005 – Paisaje de otoño, 1998; Das Meer der Illusionen, 2005). Zu seinen Besonderheiten zählt, dass er das Genre des Kriminalromans gezielt einsetzt, um durch seinen Ermittler Mario Conde ein ganz persönliches Bild von der kubanischen Wirklichkeit, dem Leben und der Gesellschaft auf der Karibikinsel zu zeichnen. Vor allem die Krisenstimmung Anfang der 90er Jahre nach dem Wegbruch der Solidar- und Wirtschaftsbeziehungen zum ehemaligen Ostblock wird thematisiert.

Padura erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen. Sein Buch Adiós Hemingway wurde 2007 mit dem Deutschen Krimipreis-International, 3. Preis prämiert. Gleich zwei mal bekam Padura den renommierten spanischen Krimi-Preis Premio Hammett (für Paisaje de otoño und La neblina de ayer, 2005).

Anlässlich der Vorstellung dieses soeben vom Union Verlag Zürich auf deutsch herausgegebenen Romans Der Nebel von gestern am 22.10.2008 im Haus des Buches Leipzig bekannte Padura zunächst, dass eine große Anzahl an Autoren, von den (US-)amerikanischen Erzählern des 20. Jahrhunderts über Michael Bulgakow und Günther Grass bis hin zu Jean Paul Sartre Einfluß auf sein literarisches Schaffen hatten. Eine ganz besondere Beziehung besaß er aber zeitlebens mit Ernest Hemingway. Dessen Stil war sein erstes Modell des Schreibens, bis er feststellte, dass er nie an die Sprache seines Vorbildes herankommen würde – und bis er in einem persönlichen Erkenntnisprozess das dramatische Scheitern Hemingways als Person eingestehen musste. In seinem Buch Adiós Hemingway beschreibt er diese Haß-Liebe.

Leonardo Padura mit dem Quetzal

Im Anschluss an die Buch-Präsentation stellte sich Leonardo Padura Fuentes exklusiv den Fragen für den Quetzal:

Wie begann Ihr Interesse an der Literatur?

Als ich begann, an der Universität zu studieren, spürte ich schon eine gewisse Unruhe zu schreiben, weil ich schon andere Freunde hatte, die schrieben, und ich sagte mir: Wenn sie schreiben, warum soll ich nicht schreiben. Ich glaube, es war am Anfang ein bißchen aus Konkurrenz-Gründen. Und so begann mein anhaltendes literarisches Interesse.

Woher kommt der Name Mario Conde?

Er entsprang aus einer Kombination von Notwendigkeiten. Als ich in der Universität war, hatte ich begonnen zu schreiben, was niemals ein Buch wurde, und darin gab es eine Person namens Mario La Mar; und als ich anfing an Pasado Perfecto zu schreiben, sagte ich mir: „Ich werde Mario La Mar als Namen für diese Person auswählen.“ Aber ich entschied mich, einen anderen Nachnamen zu suchen, der mir auch als Spitznamen dienen sollte, und deshalb nahm ich „Conde“ [Graf], damit sie ihn El Conde rufen könnten. Es gibt keinen weiteren Grund, warum er Mario Conde heißt.

Was sind Ihre Pläne für weitere Bücher? Und wie endet die Geschichte mit Mario Conde?

Zwischen Paisajes de Otoño und La Neblina de Ayer gibt es mit Adiós Hemingway und La Novela de mi Vida zwei Bücher, in denen die Person Mario Conde nicht auftaucht, und jetzt schreibe ich ein weiteres Buch, in dem Mario Conde ebenfalls nicht auftaucht. Es ist ein Buch ähnlich wie La Novela de mi Vida, das bisher noch nicht auf deutsch übersetzt wurde. Es ist ein Buch, dass die Vergangenheit benutzt, eine Reflexion über die Gegenwart anzustellen. In La Novela de mi Vida gibt es eine Person, der zentrale Charakter des Buches, der der erste kubanische Dichter ist, der große romantische Poet José María Heredia, sozusagen ein bißchen wie der kubanische Lord Byron. Es wird eine Rückbesinnung sein auf die Poesie, die Kultur, das Exil und die kubanische Nation – von ihm bis in die Gegenwart.

Das Buch, das ich gerade schreibe, hat einen allgemeinen Rahmen, aber mit einer komplett anderen Geschichte. Es ist ein Buch über Leo Trotzky und seinen Mörder Ramón Mercader mit dem Titel Der Mann, der die Hunde liebte. Es ist eine Reflexion über das Scheitern der Utopie des 20. Jahrhunderts, weil die Gesellschaft der Gleichen im 20. Jahrhundert scheiterte. Es ist ein Buch, das ich hoffe, in den nächsten zwei oder drei Monaten beenden zu können und das ich hoffe, in Deutschland eventuell 2010 zu publizieren. Und wenn dir La neblina de Ayer als ein etwas hartes Buch aus Sicht der Kritiker erscheint, kannst du dir dieses Buch schon vorstellen, das ich jetzt schreibe.

Aber da ich schon mehr als vier Jahre an diesem Buch sitze, stets abwechselnd zwischen Nachforschung und Schreiben, habe ich es satt. Und wenn ich eine Geschichte satt habe, passiert mir im Allgemeinen immer das gleiche, durch das Fenster beginnt sich Mario Conde hereinzulehnen: „Erinnere dich, ich bin noch hier!“ Und ich will schon das nächste Buch mit Mario Conde beginnen, das ein Buch sein wird, das mit der Zeit geht. Im Moment habe ich nur eine unscharfe Grundidee für das Buch, aber im allgemeinen beginne ich nur mit dieser Grundidee zu schreiben, und das Buch nimmt immer mehr Form im fortschreitenden Schreibprozeß an. Das Buch ist noch wie in einem Embrionen-Stadium, aber das sich schon so verhält, als wären nach einem Liebesakt die Espermatozoiden in die Eizelle eingedrungen. Diese Geschichte beginnt, langsam zu wachsen. So hoffe ich, dass es in ein paar Jahren einen weiteren Mario Conde gibt.

Warum haben Sie Ihre Bücher in Barcelona und nicht in Kuba veröffentlicht?

Ich habe meine Bücher in Kuba veröffentlicht, bis ich den Preis in Spanien gewann; ich schloss einen Vertrag mit einem spanischen Herausgeber ab, und seitdem veröffentlichen wir zuerst in Barcelona und dann publizieren wir in Kuba.

War es für Sie angesichts der von Ihnen geübten Kritik schwierig, in Kuba zu publizieren…?

Nein. Es gab kein Papier für Buchveröffentlichungen! Alle meine Bücher wurden in Kuba veröffentlicht, ohne dass ein einziges Wort geändert worden wäre, aber in den 90ern gab es keine Möglichkeit zum Publizieren, es gab kein Papier. Es war eine sehr schwierige Situation, und die Option, die blieb, bestand darin, außerhalb von Kuba zu veröffentlichen.

Wie ist das kulturelle Leben in Kuba heute?

Das kulturelle Leben ist sehr intensiv. Viel intensiver als es die Wirtschaft erlauben würde und viel intensiver als es scheint, weil man das kulturelle Leben manchmal in den Ländern nur in großen events sieht oder man sieht alles durch die großen events. Es gibt in Kuba ein sehr aktives, sehr dynamisches kulturelles Leben, das man jeden Tag im Thetater, in den bildenden Künsten, in der Musik, im Tanz sieht.

Auf dem Gebiet der Literatur ist die Veröffentlichung von Büchern ein bißchen mehr zurück geblieben, obwohl sie sich ziemlich stark in den letzten zehn Jahren erholt hat. Es gab einige Momente in den 90ern, in denen fast keine Bücher veröffentlicht wurden. Und im allgemeinen, vielleicht da, wo ich denke, es gibt ein größeres Problem, ist die Welt des Kinos, weil sie mehr Ressourcen braucht..Trotzdem gibt es eine Gruppe von jungen Regisseuren, die mit den digitalen Methoden, die heute zur Verfügung stehen, sehr interessante Dokumentarfilme machen, die ein sehr dynamisches, kritisches, lebendiges Bild der zeitgenössischen kubanischen Realität aufzeigen.

Sie kritisieren so sehr das aktuelle Leben in Kuba, aber was gefällt Ihnen?

Nein, nein. Nicht, dass ich so sehr das Leben in Kuba kritisiere. Vielmehr beziehe ich mich auf die Wirklichkeit des Lebens in Kuba. Das Leben in Kuba besitzt gute und schlechte Seiten. Und als Einwohner muss man ein wenig Verantwortung im Bezug auf bestimmte Angelegenheiten, die in Kuba passieren, haben. Schau mal, die Elemente des kulturellen kubanischen Lebens zum Beispiel, die ich dir gesagt habe, ist ein indiskutabler Erfolg: Die Lebendigkeit der Lektüre, die es in Kuba gibt, die Menge an Lesern, an äußerst bedeutenden Lesern, die in meinem Land leben. Und, das ist grundlegend, ich glaube, die Bildung ist ein wichtiger Erfolg, obwohl wir selbst sehr stark die Probleme kritisieren, die es in der Bildung in Kuba gibt. Wir kritisieren sehr die Probleme, die es in der öffentlichen Gesundheitsversorgung gibt, aber wenn wir das Gesundheitssystem mit dem in anderen Ländern Lateinamerikas vergleichen, dann ist Kuba ein Paradies. Aber ich glaube, dass wir das Recht haben, verlangen zu können, dass es besser sei – und man muss diese Kritik machen.

Welche Bedeutung hat für Sie die Kubanische Revolution?

Das war ein tiefgreifender Wandel im kubanischen Leben. Das war ein Zeitpunkt, an dem viele wirtschaftliche, soziale, politische Aspekte des Lebens auf Kuba eine grundlegende Veränderung erfuhren. Und nicht nur in Kuba, sondern für die Ideologie in ganz Lateinamerika, für bestimme Bewegungen, für bestimmte Denkarten hatte diese Transformation ein bedeutendes Gewicht.

Was bedeutete die Revolution für Sie persönlich und Ihre Familie? Sie waren vier Jahre alt, als die Revolution stattfand…

Ich war vier Jahre alt, als die Revolution siegte, und ich nahm nicht bewußt wahr, was passierte. Es war ein sehr großer Wandel. Für meine Familie war es auf eine bestimmte Art ziemlich traumatisch, weil damals die Auflösung der Familie begann. Ein großer Teil der Familie reiste in die USA aus. Der Lebensstil, den die Familie gewöhnlich hatte, änderte sich grundlegend ab diesem Zeitpunkt.

Welche ständigen Veränderungen hat es nach der Speziellen Periode in Kuba gegeben?

Es haben sich viele Sachen nach der Speziellen Periode verändert. Aber ich glaube, dass es vor allem ein ethischer Wandel war. Ich fühle, dass sich jene romantische Vision, die meine Generation in den 70er und 80er Jahren hatte, radikal veränderte, und heute gibt es eine viel praktischere Vision, die in diesem Buch die Person von Yoyi el Palomo repräsentiert.

Wenn wir an die Zukunft denken, welche weiteren Veränderungen sind Ihrer Meinung nach notwendig?

Viele. Raúl Castro hat die Notwendigkeit von strukturellen und von der Allgemeinheit anerkannten Veränderungen, d.h. tiefgreifenden Veränderungen, in Kuba angekündigt. Und diese Veränderungen beziehen sich vor allem auf die Wirtschaft. Die kubanische Wirtschaft hat bisher nicht funktioniert. Die Landwirtschaft war ein Desaster. Die Industrie funktioniert schlecht. Die Bedürfnisse der Menschen können nicht gedeckt werden, und es fehlt eine große strukturelle und konsensuelle Veränderung in der kubanischen Wirtschaft.

Wir haben drei persönliche Frage: Was gefällt Ihnen an Ihrem Leben in Kuba?

Mi gefällt vor allem die Lektüre. Bücher lesen ist für mich ein großes Vergnügen – und Kino. Aber in Kuba ist es sehr weit zurück geblieben, wie wir schon gesagt haben, also was ich mache ist jedes mal, wenn ich kann, kaufe und sehe ich Filme auf DVD.

Ihnen gefällt der Bolero und nicht die Salsa?

Mir gefällt beides. Und ich habe ein Buch über die Salsa geschrieben. Ich habe ein Buch geschrieben, dass Die Gesichter der Salsa heißt, in dem es zwölf Interviews mit wichtigen Salsamusikern gibt.

Zuletzt, was ist Ihr Lieblingsrum?

Ich habe sehr gern einen Rum mit dem Namen Santiago getrunken, der in Santiago de Cuba hergestellt wurde. Aber ich trinke kaum noch Rum…

 

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Das Interview führten Sven Schaller und Romina Luz Hermoza Cacsire de Schaller am 22.10.2008 in Leipzig. Die spanische Original-Version finden Sie hier.

Bildquelle: [1], [2] Detlef Endruhn, mit freundlicher Genehmigung

Übersetzung: Sven Schaller


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