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Interview mit Felipe Hernández Pentón
Agrarökonom am Centro Universitario in Sancti Spiritus/Kuba

Autor: und:  | Oktober 2010 | Artikel empfehlen
Interview mit Felipe Hernández Pentón

Prof. Dr. Felipe Hernández Pentón - Foto: Quetzal-Redaktion, sscKuba befindet sich im Moment aufgrund der internationalen Finanzkrise in einer schwierigen finanziellen Lage. Dies wird vor allem beim derzeitigen großen Außenhandelsdefizit, dem ersten seit drei Jahren, sichtbar. Hinzu kommt, dass das Bruttoinlandsprodukt nicht in dem gewünschten Rhythmus wuchs. Letztes Jahr ist es sogar um 0,25% gesunken.

Aber neben diesen Problemen befindet sich Kuba zugleich in einem Prozess der Umorientierung, der durch innenpolitische Kontroversen – wie dem Konflikt zwischen alten sozialistischen Kadern und neuen politisch progressiveren Kräften innerhalb der Kommunistischen Partei – sowie außenpolitischen Zwängen – hier vor allem durch die weitgehende internationale wirtschaftliche Isolation infolge des US-Wirtschaftsembargos – flankiert wird.

Hinzu kommt, dass sich Kuba stets Wellenbewegungen hinsichtlich einer verstärkt zentral oder dezentral ausgerichteten Wirtschaftspolitik ausgesetzt sah. Im Moment lässt sich wieder eine Tendenz zur Dezentralisierung feststellen. Es scheint sogar so zu sein, dass sich diese Entwicklungsrichtung nun stabilisiert und es keine plötzlichen Umschwünge mehr geben wird. Viele Maßnahmen der Regierung Raúl Castros deuten darauf hin.

Von den Veränderungen ist natürlich die Landwirtschaft nicht ausgenommen. Da die Nahrungsversorgung zudem sehr hart von der Krise getroffen wurde und sie zugleich den empfindlichsten Teil der kubanischen Wirtschaft darstellt, veröffentlicht QUETZAL in der Serie zur Lage der kubanischen Landwirtschaft ein Interview mit einem ausgesprochenen Kenner der Materie, dem Agrarökonomen Prof. Dr. Felipe Hernández Pentón vom Centro Universitario in Sancti Spiritus. Das Interview fand am 08.07.2010 in Leipzig statt.

Die kubanische Wirtschaftsstruktur war traditionell über Jahrzehnte durch den Zuckersektor geprägt, der für den Hauptanteil der Exporte und damit der Deviseneinnahmen sorgte. Derzeit hat dieser Sektor aber sehr stark an Bedeutung verloren. Wie würden Sie den Diversifizierungsgrad der Landwirtschaft einschätzen?

Die kubanische Landwirtschaft wird weiterhin bestimmt vom sozialistischen Staatssektor, in dem fast 80% der Beschäftigten der Landwirtschaft tätig sind. In der Folge der Krise könnte sich der Staatssektor noch ausweiten, weil sich mehr Bauern zu Kooperativen zusammenschließen. Der Staatssektor ist aber nochmals geteilt: Es gibt einen neu entstehenden Sektor, der mit seiner Produktivität fast das durchschnittliche Weltniveau erreicht. Dieser Sektor hat Vertrauensleute in der Buchführung und bekommt Monopolabnahmepreise für seine Produkte und Rohstoffe. Diese Kooperativen sind meist vollständig in den Händen des Staates, d.h., dass der Staat der Besitzer ist. Nur manchmal werden Geschäfte – Joint Ventures – mit anderen getätigt.

Derzeit versucht der Staat, die Landwirtschaft und die wirtschaftlichen Prozesse im Allgemeinen zu stimulieren, indem man zunehmend auf richtige Kostenkalkulationen der Inputs und der Importe wert legt. Selbst Fidel Castro hat immer betont, dass man in Kuba nie genau weiß, was und wie hoch die wirklichen Kosten sind. Natürlich ist dies das Erbe des sowjetischen Modells, das teilweise immer noch in Gebrauch ist. Ein Teil des Staatssektors, der durch die erwähnten Initiativen reformiert werden sollte, wurde nach 2003 in hohem Maße zentralisiert. Das Gesetz räumt jetzt zwar den einzelnen Betrieben viel Autonomie bei der Anstellung von Arbeitskräften oder für den Verkauf ihrer Produkte ein, aber de facto geschieht dies nicht so. Jede Transaktion über 3000 Pesos muss vom Ministerium gebilligt werden. Vielleicht wird sich diese Handhabung wieder verändern.

Neben diesem „Staatssektor in Umwandlung“ gibt es noch einen Teil des Staatssektors, der als stillstehender Sektor bezeichnet wird und der am schlimmsten von der Krise betroffen ist: in ihn wird nicht investiert und die Löhne befinden sich auf dem niedrigsten Niveau. Insgesamt ist also der Staatssektor sehr ineffizient.

Daneben gibt es noch einen privatwirtschaftlichen Genossenschaftssektor, die UPBC [Unidades Básicas de Producción Cooperativa, Anm. der Verf.], die inzwischen fast 70% des Bodens der ehemaligen Staatsfarmen bewirtschaften…

…70% der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Kubas?

Plantagenfeld (Foto: Fabiano Rodrigues de Souza)Fast 70%, ja. Der Staat als direkter landwirtschaftlicher Akteur ist nicht mehr so präsent. Zehn bis zwölf Prozent des Bodens befinden sich schon in von privaten Kleinbauern gebildeten sozialistischen Kooperativen; die restlichen im Sektor der UBPC. Allerdings waren in diesen „proletarischen“ Produktionsgenossenschaften die Autonomie und die Selbstverwaltung nie vollständig. Denn einerseits garantierte ihnen der Staat immer (also auch in schlechten Zeiten) den Absatz ihrer Produktion mit Hilfe von Festpreisen. Und andererseits unterlagen sie weiterhin den staatlichen Produktionsvorschriften: Wenn eine UBPC beispielweise für Zuckerwirtschaft eingeteilt ist, muss sie auf mehr als 60% des zur Verfügung stehenden Bodens Zuckerrohr anbauen. Der restliche Teil der Bodenfläche muss mit anderen Kulturen bewirtschaftet werden. Hierin liegt das Problem, dass dadurch die Motivation der Leute oft leidet, weil in den Kooperativen jedes Mitglied und seine Familie ein Stück Land für die eigene Subsistenz zur Verfügung gestellt bekommt. Laut unseren Untersuchungen liegen die Produktivitäten und Einnahmen einiger dieser privatwirtschaftlichen Parzellen pro Jahr um einiges höher als die Einkommen und Produktivitäten aus der Kooperativentätigkeit.

Den anderen Typus der Kooperativen bilden ehemalige private Bauern, denen es ein bisschen besser geht, auch weil sie immer wieder durch die rigiden Methoden der Preisfestlegung gerettet wurden.

Doch um zurückzukommen auf die Frage nach der Diversifizierung: Der Tabakanbau hatte immer Priorität, weil die Weltmarkpreise rentable Absatzchancen versprachen. Zucker dagegen hat an Bedeutung verloren, weil die Weltmarktpreise für Zucker nicht so gut und auch nicht mehr gesichert, wie durch die festen Abnahmepreise von den Sowjets, sind. Außerdem haben wir beim Zuckerrohranbau in Kuba festgestellt, dass die Produktivitätssteigerungen in den untersuchten Provinzen meist aufgrund der Anwendung von Pestiziden und Düngemitteln erreicht wurden. Die Elastizitätsfaktoren für die Steigerung der Produktivität in der Zuckerwirtschaft lagen zwischen 0,75% und 0,9%. Als es keine chemisch-industriellen Inputs für die Landwirtschaft mehr gab, gingen die Produktivitäten nach unten.

Alles in allem kann man sagen, dass der private Landwirtschaftssektor immer mehr an Bedeutung durch verstärkte Landumverteilung gewinnt. Inzwischen wurden fast eine Million Hektar brachliegendes Land an Familien, an Kooperativen und an Staatsfarmen übergeben. Insgesamt gibt es in etwa noch drei Millionen Hektar Land, das schlecht bewirtschaftet wird oder brachliegt und zur Umverteilung zur Verfügung steht. Fast 900.000 Familien konnten bereits von den Umverteilungen profitieren. Trotzdem hat Raúl Castro vor ein paar Monaten heftig wegen der langsamen Durchsetzung protestiert.

Interessant ist auch, dass man in den Bauernkongressen, die gerade abgeschlossen wurden, die Freiheit der Bauern für ihre autonomen Produktionsentscheidungen vereinbarte. Sie können einkaufen, einstellen, wen sie möchten, wie viel sie möchten. Ein Arbeitsgesetzbuch ist erstmals in Planung. Die zentrale Lieferung und Verteilung von Vorprodukten sowie Rohstoffen wurde beendet. Die Regierung Castro plant, dass jetzt vermehrt marktwirtschaftliche Verhältnisse lokal entstehen, um gewisse Finanzierungsmöglichkeiten zu schaffen.

Allerdings bleibt das Problem der Ernährungssicherheit und der Stabilität in der Landwirtschaft bestehen. Es war in der letzten Zeit sogar soweit, dass man Reis aus Bolivien hat importieren müssen.

Könnten Sie ein paar konkrete Zahlen zur Lage der Landwirtschaft sagen: Wie hoch ist die Produktivität und damit die Eigenversorgung?

Die Landwirtschaft konnte und kann derzeit nicht die eigene Subsistenz sichern. Man importiert Nahrungsmittel, und die Gesamtimporte übersteigen die Einnahmen aus den Exporten, so dass Kuba ein Handelsbilanzdefizit ausweist. Durch den Einbruch der Zuckerexporte wurde das Handelsbilanzdefizit sogar noch vergrößert. Das Nahrungsmitteldefizit beträgt fast 200 Millionen US-$. Man importiert zurzeit – nach inoffiziellen Zahlen – fast 80% der benötigten Nahrungsmittel.

Es gibt Familien, die ein kleines Stückchen Land besitzen, welches zur Subsistenz der Besitzer beiträgt. Aber wie viel dies genau ist, lässt sich nur schwierig ermitteln. Wir haben es teilweise versucht zu messen, aber in Umfragen machen die Leute nie genaue Angaben zu ihren Produktionsverhältnissen. So ist die Mentalität. Es betrifft meistens Kleinstbauern mit ganz wenig Fläche. Diese minifundistas gibt es seit 1940. Die Verfassung der Regierung von Batista gab den Leuten das Recht auf ein Einkommen auf einem kleinen Stück Land. Natürlich, die Verfassung von 1940 wurde zu damaligen Zeiten als die fortschrittlichste der Welt angesehen, aber sie wurde nicht konsequent angewendet. Seitdem gibt es jedenfalls schon diese Tradition der Selbstversorgung auf einer kleinen Parzelle. Im Gegensatz dazu bestand für die Landarbeiter auf den Zuckerplantagen in Krisenzeiten das Problem der Subsistenz, weil sie nicht über ein Stückchen Land verfügten. Es war manchmal sogar so schlimm, dass Unterernährung auftrat. Die Revolution hat dies abgeschafft.

Hier noch ein paar Zahlen zur Entwicklung der Produktivität in der Landwirtschaft in konstanten Pesos von 1982: 1985 waren es demnach 581 Pesos pro Hektar, 1998 287 Pesos pro Hektar und 2003 lediglich 110 Pesos pro Hektar.

Liegt die niedrige Produktivität an den fehlenden Inputs?

Ja, an fehlenden Inputs, vor allem an den fehlenden Importen von Düngemitteln. Die Produktionsausstattung in Kuba war einmal mit die fortschrittlichste in ganz Lateinamerika: zum Beispiel beim Traktoreinsatz pro Hektar und beim Einsatz von Düngemitteln. Der Arbeitseinsatz pro Hektar ist dagegen stets etwa gleich geblieben – bei 2,3 Arbeitskräften pro Hektar – trotz der großen Investitionen. Das bedeutet, dass sich die Arbeitsorganisation und die industriellen Arbeitsgruppen in der Landwirtschaft nicht verändert haben und es auch nicht zu einer Verbesserung der Produktivität kam.

Heißt das, dass die kleinen Produzenten heute produktiver sind als die großen?

Maisfeld (Foto: Agencia Brasil: Elza Fiuza)Die Size-Yield-Inverse [also ein Produktionsergebnis invers zur Größe der Produktionseinheit, Anm. der Verf.] trifft auf Kuba zu. Dies wurde verstanden und die Riesenflächen, die immer noch teilweise vorhanden sind, kontinuierlich reduziert. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es diese großen Latifundien in der Zuckerproduktion. Aber zugleich stabilisierte ein Institut – vor allem im Interesse der Amerikaner – die Zuckerproduktion. Der Anteil der USA an der direkten Zuckerproduktion in den Fabriken betrug damals 40-50%, der Rest wurde über politische Quoten geregelt. Aufgrund dessen wusste jeder in Kuba, wie viel Zucker zu verkaufen war. In den Zeiten der beiden Weltkriege sank die Nachfrage nach Zucker aus den USA, um danach wieder anzuziehen. Das war normal. Während der Zuckerernte arbeiteten viele in den Fabriken, und wenn die Nachfrage sank, dann wurden weniger Leute in den Fabriken beschäftigt. Jede Fabrik hatte drei oder vier Beschäftigte für die Buchführung.

In den 70er und 80er Jahren waren hunderte von Leuten für die Kontrolle der Produktion und für die Buchführung in der Industrie und Landwirtschaft zuständig. Das verdeutlicht die Ineffizienz in der Produktionsstruktur. Arbeitslosigkeit wurde offiziell abgeschafft. Der Handel mit der Sowjetunion und anderen Ostblockländern erwies sich für Kuba als günstig, weil es ein relativ gesicherter Handel war, ähnlich dem amerikanischen Handel vor der Revolution.

Die Nachteile, die sich daraus ergaben, bestanden in der Abhängigkeit von Importen und dem Monokulturanbau. Jede Farm umfasste mehr als 20.000 Hektar, manchmal sogar 180.000 Hektar Fläche.

Mit marktwirtschaftlichen Anreizen versucht man nun, die Nahrungsmitteldefizite zu reduzieren. Ob die Produktivität der kleinen Produzenten dafür ausreicht, ist noch nicht sicher.

Wie entwickeln sich gerade die Eigentumsverhältnisse?

Im Moment ist es in Kuba so, dass der Staat 28% [inklusive sozialistischer Kooperativen, Anm. der Verf.] hält – plus drei Prozent oder auch minus zwei Prozent, weil diese Landmessungen nicht immer klare Aussagen liefern. In dem Staatssektor entwickeln sich aber auch neue Farmtypen heraus: rentable Farmen mit entsprechenden Produktionsmethoden und mit einem guten Investitionsniveau. Sie arbeiten in Richtung der “Präzisions-Landwirtschaft”: ein bisschen Genetik, ein bisschen dies und das. Aber sie arbeiten gut. Sie haben diversifizierte Anbaukulturen, die nicht leicht festzustellen sind. Neben den staatlichen Militärfarmen besitzen viele Staatsbetriebe eigene Farmen, die für ihre Selbstversorgung produzieren.

Proletarische Genossenschaften [UPBC, Anm. der Verf.] besitzen etwa 41% der Fläche. Dann gibt es noch die private Kleinlandwirtschaft, die in etwa 17% umfasst. Wenn man die 4% hinzuaddiert, die Land unter dem Verfügungsrecht des “usus fructus” [die Nutzung des staatseigenen Bodens für den eigenen Anbau, Anm. der Verf.] erhalten haben, dann wären es 21%. Ein Teil dieser Landwirte ist Mitglied in den “Cooperativas de Créditos y Servicios”, also den Kredit- und Dienstleistungsgenossenschaften. Der andere Teil der privaten Bauern gehört zu keinen Kooperativen.

Als neue Projekte gelten zum Beispiel die Formen der urbanen Landwirtschaft, bei der am Rande der Stadt – etwa zehn Kilometer entfernt – eine zum Besitz der Staatsfarmen gehörende brachliegende Fläche durch selbstversorgende Produktionseinheiten bewirtschaftet wird. Die Produkte verkaufen sie auf dem freien Markt. Das war in der Zeit der Schattenwirtschaft auch der Fall, nur jetzt ist es legal.

Neben der Landübergabe gibt es immer noch zu einem kleinen Prozentsatz illegale Landbesetzungen. Dies wurde vor allem früher deshalb möglich, weil aufgrund der Größe der Staatsfarmen die Kontrolle – beispielsweise durch den Betriebsleiter – nicht gegeben war. Aber dies ist mittlerweile kein politisches Problem mehr, da es keine große Bedeutung mehr hat. Die Tendenz geht vielleicht dahin, dass sich der Staatssektor noch etwas mehr verringert und dass sich die Bauern vermehrt in proletarische Genossenschaften integrieren und damit nicht mehr so abhängig sind vom Paternalismus des Staates. Das ist schwer, weil man bisher daran gewöhnt war, nach den industriellen, sozialistischen Fünf-Jahres Plänen zu produzieren.

Wie funktionieren die Kredit- und Dienstleistungsgenossenschaften genau? Woher kommen die Gelder, wer und wie werden diese Gelder vergeben?

Von den traditionellen privaten Bauern ist der größte Teil Mitglied in den „Cooperativas de Créditos y Servicios“, den Kredit- und Dienstleistungskooperativen. Diesen Kooperativen räumt der Staat gewisse Vorrechte bei Dienstleistungen ein; zum Beispiel ist es möglich, dass diese Genossenschaften vom Staat neue Traktoren erhalten. Diese Traktoren könnten dann als Bürgschaften für Kredite von der “Banco Popular” eingesetzt werden oder auch für die Bezahlung von Erweiterungen und Weiterbildung, für die Beschäftigung von Spezialisten und von Fachkräften der Landwirtschaft. Ein Teil dieser Kooperativen fungiert auch als “Cooperativas de Créditos y Servicios Ampleadas”, vergrößerte Kooperativen, die über mehr Fläche verfügen, diese aber nur für den Staat bewirtschaften können. D.h., sie verkaufen die Produkte an den Staat zu einem festen Preis.

Diese Kooperativen sind somit nicht frei in ihren Investitionsentscheidungen?

Ja, sie sind nicht frei in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen. Ein weiteres Hindernis ist das weitgehende Fehlen eines Großhandels. Dies forderten wir schon seit 20 Jahren. Nun, im Rahmen der neuen Landumverteilungen, wird versucht, eine Form von Großhandel und damit marktwirtschaftliche Prinzipien für Vorprodukte zu etablieren.

Welche Rolle spielt der Biosektor in der kubanischen Landwirtschaft?

Das weiß kein Mensch, das kann man nur schätzen. Aber die Tendenz ist, vergleichbar mit der in anderen Ländern, vor allem in den Städten bezüglich der Nachfrage steigend. Die suburbane Landwirtschaft, die an den urbanen Randgebieten Felder bewirtschaftet, wächst. Nördlich, nord-westlich von Havanna ist das gesamte Land verloren, weil sich dort der Marabú ausgebreitet hat und man alles rekultivieren und urbar machen muss. Dabei wird auf diesen Flächen zunehmend landwirtschaftliche Bioproduktion, ohne Düngemitteleinsatz, betrieben.

Dabei treten aber Probleme aufgrund der geografischen Konstitution Kubas auf: Es ist eine kleine Insel, die relativ eng bebaut ist. Es ist schwer, klare Abgrenzungen zwischen den einzelnen Produktionsarten zu ziehen, sodass es durchaus der Fall sein kann, dass auf der einen Fläche mit Düngemitteln und Pestiziden produziert und nicht weit davon entfernt Bioproduktion betrieben wird.

Die Produktion mit genmanipulierten Anbaukulturen ist in Kuba nicht messbar. Es gibt eine kleine Tendenz zum genetischen Anbau von Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffeln. Das wird sehr gelobt, weil dort die Erträge steigen. Aber der genmanipulierte Anbau ist unkontrolliert.

Die eigene Düngemittelproduktion beträgt im Vergleich zu den Importen zurzeit 40%. Aber auch bei der Schaffung von Mitteln gegen Schädlingsbefall konnten bei einigen Arten gute Erfolge erzielt werden; beispielsweise werden bestimmte Insektenarten ausgesetzt, die Schädlinge bekämpfen, oder Aufforstungen betrieben. Hier ist der Erfolg sichtbar.

Ein Vorteil, der durch die Abkehr von der Zuckerrohrproduktion auftritt, ist die Verbesserung und Regenerierung der Böden, da nicht mehr tausende von Hektar in diesen riesigen Staatsfarmen bewirtschaftet werden. In der Zuckerrohrproduktion sind ökologische Schäden durch die Produktionsmethoden und die Monokultur entstanden. Auch beim Tabak wurden viele Pestizide verwendet. Zurzeit wird beim Zucker und beim Tabak die Hälfte biologisch und die andere Hälfte normal produziert. Bei manchen anderen Kulturen gab es früher pro Jahr etwa 23 Behandlungen mit Gift; Zwiebeln, Knoblauch und Reis werden teilweise immer noch auf den Klein- und Riesenfarmen mit Chemikalien behandelt, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Für den Reisanbau gibt es immer häufiger für kleine Flächen die Anbaumethode der Biokultivierung. Ich würde also abschließend sagen, dass die Tendenz hin zum Bio-Anbau relativ stabil ist und stetig wächst, aber nicht in einem überproportionalen Tempo. Dies ist aber nur mein Eindruck, den ich mit Zahlen nicht belegen kann.

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Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion, ssc; [2] Fabiano Rodrigues de Souza; [3] Agencia Brasil: Elza Fiuza


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