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Im Zweifelsfalle: für die Menschen

Autor:  |  Winter 1997

Der Papst besucht Kuba. Es ist nicht nur der erste Besuch eines Papstes in Kuba überhaupt. Der Inselstaat ist außerdem das einzige noch kommunistische Land mit einer christlichen (katholischen) Tradition. Warum legen beide Seiten soviel Wert auf diese Visite? Wem bringt dieses Ereignis einen Vorteil? Das kommunistische Kuba sollte von der Intention der Ideologie her doch eigentlich gegen das kirchliche Massenereignis agieren.

Stattdessen wird der Papstbesuch in großem Maßstab gefeiert. Größer als andere “revolutionäre Zurschaustellungen”. Wie auch in anderen ehemaligen realsozialistischen Staaten gelang es Parteiführung nicht, den Glauben auszumerzen. 85% aller Kubaner bezeichnen sich als religiös. Der Vatikan selbst gibt die Zahl seiner Schäfchen auf der karibischen Insel mit 4,8 Millionen (ca. 44%) an.

Mit Kolumbus und den Spaniern kam auch der Katholizismus nach Kuba. Der erste Bischof wurde hier bereits im Jahre 1518 eingesetzt. Die Kirche unterstützte traditionell in erster Linie die Kolonialherren und später die Großgrundbesitzer. Trotz dessen bekannte sich ein Großteil der Bevölkerung zu ihr auch wenn sie den christlichen Glauben mit den afrikanischen Kulten und Spiritismus aus der Sklavenzeit mischten. Mit dem Sturz des Diktators Batista endete nicht auch sofort die Ära der Kirche. Damals war Castro noch nicht der überzeugte Kommunist, den er heute darstellt. Das wurde er erst durch die Invasion der Vereinigten Staaten in der Schweinebucht 1961. Mit der Unterstützung Moskaus kam auch die neue Ideologie und die Ablehnung der Religion, die der Jesuitenzögling sehr schnell annahm und verbreitete.

Im Zuge der Säkularisierung wurden Klöster und Kirchen enteignet, Nonnen und Mönche des Landes verwiesen. Obwohl die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan nie abgebrochen wurden, erlebten Christen eine Periode der Isolation und der Feindseligkeiten. Dies änderte sich erst in den 80er Jahren. 1986 gab es ein erstes Treffen kirchlicher Verantwortlicher. Durch diese partielle Öffentlichkeit der Kirche kam es zwar nicht sofort zu einer Wiederbelebung des Glaubens, aber doch zu einer Annäherung zwischen Kirche und Gesellschaft. Eine Zusammenarbeit mit dem Parteiregime wurde möglich und von dieser auch erwünscht.

Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropäer. Herte sich die Lage der kommunistischen Partei in Kuba radikal. Weil das Land zuvor in einer strategisch wichtigen Position im internationalen Staatengefüge stand, mußte sie nun um ihre Stellung bangen. Das zwang sie auch zu Konzessionen gegenüber dem Heiligen Stuhl in Rom. Die veränderte Einstellung kam besonders durch eine Verfassungsänderung 1992 zum Ausdruck. Das atheistische Gemeinwesen wurde zum laizistischen Staat umgedeutet. Es herrscht Religionsfreiheit. Die neue Toleranz findet in diesem Jahr ihren absoluten Höhepunkt. Ein zweiter großer Ideologe besucht Kuba – der Papst. Schon vor einem Jahr gewährte der Papst dem Mäximo Lider eine Audienz und hörte von den großen Taten des Fidel Castro für die Armen. Hier fanden sie wohl ein gemeinsames Herzensanliegen. Castro verkündete hernach die Übereinstimmungen zwischen den Zielen der beiden großen “Glaubensrichtungen”.

Warum kam es zu diesem Einstellungswechsel? Einerseits erhofft der kubanische Staatschef die Fürsprache des Vatikan bei der Aufhebung des US-amerikanischen Embargos; doch der US-Kongreß muß seine Entscheidungen nicht vom Heiligen Stuhl absegnen lassen. Im Gegenzug sorgt sich der Papst um Menschenrechte auf der Insel. Castro ist anscheinend bereit, die Diskussion über diese Fragen zumindest nicht von vornherein auszuschließen.

Das kommunistische Regime wird durch den kirchlichen Besuch wohl nicht aufgewertet werden. Da kann selbst der heilige Vater nichts tun. Auch wenn der Papst sich als eine Art Befreiungsritter (Guillermo Cabrera in einem Spiegel-Interview) sieht, wird ihm hier nicht der polnische Erfolg beschieden sein. Die Öffnung des ansonsten abgeschlossenen Systems zeigt sich auf keinem weiteren Gebiet. Auch die Erfüllung der Wünsche des Papstes nach mehr Freiheit und Menschenrechte für die Kubaner gefährden Castros Herrschaft in keinster Weise. Alles, auch die geringste Kleinigkeit, ist unter Kontrolle des allmächtigen Führungsorgans.

Die Macht des Herrn Castro kann nur durch ein Aufbegehren der Bevölkerung und durch die Landung militärischer Verbände auf der Insel ins Wanken geraten. Beides ist nicht unbedingt abzusehen. So kann die kubanische Regierung Gastfreundschaft gegenüber dem Vatikan und der Welt demonstrieren. Was nützt nun dieser Besuch? Er wird an den Gegebenheiten des Staates nichts ändern, außer daß dem Volk und der Weltpresse ein großartiges Spektakel geboten wird. Doch die Weltöffentlichkeit wird in vielen Artikeln und Berichten darauf aufmerksam gemacht, daß es ein Land wie Kuba noch gibt. Allein dieser Grad an Öffentlichkeit bringt den Mäximo Lider in eine Art Zugzwang. Somit wird etwas getan werden. Im Zweifelsfalle für die Menschen.


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