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Fidel Castros UNO-Rede 1960

Autor:  | November 2015 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gesehen, Kuba

Kuba: Fidel Castro - Foto: Ministerio del Poder Popular para la Comunicación y la Información VenezuelaIn der Reihe „Verlorene Filmschätze“ hat arte an die Rede von Fidel Castro vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 26. September 1960 in New York erinnert. Mit viereinhalb Stunden Dauer hat sie damals alle Rekorde gebrochen. Der Zuschauer kann sich anhand zeitgenössischer Filmaufnahmen selbst ein Bild vom zehntägigen Aufenthalt des kubanischen Revolutionsführers in Manhattan machen. Im Mittelpunkt des 26minütigen Beitrags stehen die Reaktionen, die dieser Besuch in den USA ausgelöst hatte, sowie die mehrmaligen Treffen mit Nikita Chruschtschow, der ebenfalls zur UN-Vollversammlung angereist war. Die Filmemacher informieren über zahlreiche Details, anhand derer die damalige Atmosphäre lebendig wird: Das Verhalten der Polizisten beim Eintreffen der Kubaner, der Wechsel des Hotels, der Empfang der sowjetischen Delegation, die per Schiff in New York eingetroffen war, filmische Rückblicke auf die Guerilla in der Sierra Maestra und den vorangegangenen USA-Besuch von Fidel Castro kurz nach dem Sieg der Revolution, die Beschlagnahme des Flugzeuges, mit dem die Kubaner in New York gelandet waren, durch US-Behörden, die Sitzordnung und andere Gepflogenheiten während der Vollversammlung, die Treffen der Kubaner mit Afro-Amerikanern …

Auf die Rekordrede Fidel Castros selbst wird erst am Schluss kurz eingegangen. Ihre eingangs gestellte Frage, ob dessen Reise in die „Höhle des Löwen“ ein Erfolg gewesen sei, beantworten die Filmemacher mit einem klaren „ja“. Will man die dokumentarischen Aufnahmen und Kommentare  über den unmittelbaren Zeitraum hinaus würdigen, dann bedarf es eines erweiterten Blickes auf das Jahr 1960. International standen die Unabhängigkeit zahlreicher afrikanischer Länder, die Kongo-Krise und der sich anbahnende Bruch zwischen Moskau und Peking im Zentrum der Ereignisse. Durch den Film erfährt der Zuschauer, dass von den 14 Delegationen, die 1960 erstmals zur UN-Vollversammlung angereist waren, 13 afrikanische gehörten. Aus der Sicht der Supermächte des Kalten Krieges, der USA und der Sowjetunion, war der Sieg der kubanischen Guerilleros eine Überraschung mit weitreichenden Folgen. Zwar hatte Fidel Castro bei seinem USA-Besuch im April 1959 „sehr deutlich“ erklärt, dass die Rebellen keine Kommunisten seien. Die Agrarreform vom Mai 1959 sowie die ersten offiziellen Kontakte zwischen Kuba und der Sowjetunion hatten jedoch den Unwillen Washingtons gegenüber dem kubanischen Kurs zur Rückgewinnung der nationalen Souveränität verstärkt. Noch vor Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Havanna und Moskau, die am 8. Mai 1960 erfolgte, hatte US-Präsident Eisenhower am 17. März einen Aktionsplan zum Sturz Fidel Castros gebilligt. Zwei Wochen zuvor, am 4. März, war der belgische Frachter „La Coubre“, der französische Waffen für die kubanische Rebellenarmee geladen hatte, im Hafen von Havanna explodiert und hatte 81 Menschen in den Tod gerissen. Fidel Castro, der am Tag darauf vor einer gewaltigen Menschenmenge der Opfer gedachte und die USA der Sabotage bezichtigte, beendete seine Rede erstmals mit den Worten: „Patria o muerte, venceremos!“ (dt.: Vaterland oder Tod, wir werden siegen!). 

Im Sommer 1960 spitzte sich die Konfrontation zwischen dem US-amerikanischen Goliath und dem kubanischen David weiter zu, als sich die Raffinerien von Shell, Texas Oil und ESSO Standard Oil in Kuba weigerten, sowjetisches Erdöl zu verarbeiten. Die Kubaner reagierten am 29. Juni mit deren Besetzung. Eisenhower verbot daraufhin den Import kubanischen Zuckers und eröffnete den Wirtschaftskrieg gegen die Karibikinsel. Am 6. August erfolgte seitens der Kubaner die Nationalisierung der US-Unternehmen (Ölraffinerien, Zuckerplantagen, Elektrizitätswerke, Telefongesellschaften etc.). In dieser Atmosphäre hatte dann Fidel Castro am 26. September vor der UN-Vollversammlung seinen großen Auftritt. Erst 19 Jahre später folgte der nächste. Vielleicht noch wichtiger als die Rede selbst waren die Treffen mit Chruschtschow. Das persönliche Kennenlernen beider Protagonisten, das ausgerechnet auf US-amerikanischem Boden seinen Anfang nahm, bildete die Basis für die enge Allianz Kubas mit der Sowjetunion, die dreißig Jahre Bestand haben sollte und später von Wladimir Putin unter gänzlich veränderten Bedingungen erneuert wurde.

So wichtig einerseits die wirtschaftliche und militärische Hilfe der Sowjetunion für das Überleben der kubanischen Revolution gewesen sein mag, bewiesen die Kubaner andererseits bereits im April 1961, als sie die Söldner-Invasion in der Schweinebucht zerschlugen, dass sie willens und fähig waren, selbst die Hauptlast ihres Kampfes gegen den US-Imperialismus zu tragen.

Mit dem Auseinanderfallen der Sowjetunion Ende 1991 musste Kuba plötzlich ganz ohne Schutzmacht auskommen. Der vielfach erwartete „regime change“ fiel jedoch aus. Nach den harten und entbehrungsvollen Jahren der „Sonderperiode“ in den 1990ern fand das Land im Ergebnis der Linkswende in Lateinamerika ab 2000 neue Bündnispartner. Inzwischen hat Barack Obama eingestehen müssen, dass die bisherige antikubanische Politik der USA gescheitert ist. Zwischen dem Fortbestehen des US-Embargos und den neuerlichen Sirenenklängen aus Washington müssen die Kubaner ihren Weg in eine Zukunft finden, die sowohl von globalen Gefährdungen als auch internen Problemen überschattet wird. Auch wenn die Zeit des hoffnungsvollen Aufbruchs und der rekordverdächtigen Reden von 1960 vorbei ist, hat die seitdem zurückgelegte Entwicklung den Grundstein dafür gelegt, dass Kuba sein revolutionäres Erbe im 21. Jahrhundert weiter bewahren, nutzen und mehren kann.

 

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Bildquelle: Ministerio del Poder Popular para la Comunicación y la Información Venezuela 


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