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Padura, Leonardo: Das Havanna-Quartett

Autor:  | Januar 2011 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gelesen, Kuba, Literatur

Kriminelles aus Kuba

Leonardo Padura: Das Havanna Quartett

Vom ersten Schluck an wusste El Conde aufgrund seiner Trinkerfahrung, dass Rum mit alten Beatles-Songs, beides genossen mit alten Freunden, eine explosive Mischung sein konnte.

Der Unionsverlag Zürich hat seine Sammelausgabe von vier Kriminalromanen des Kubaners Leonardo Padura schlicht unter dem Titel Das Havanna-Quartett zusammengefasst. Diese Geschichten um den Teniente Mario Conde, genannt El Conde (dt.: Der Fürst), spielen in Havanna im Jahr 1989. Überschrieben sind die Bücher mit Winter, Frühling, Sommer und Herbst und erlauben es, den Helden über ein knappes Jahr hinweg bei seiner Arbeit zu beobachten, von Januar bis Oktober.

Der Kriminalist mit dem aristokratischen Nachnamen wirkt wie ein alter Bekannter, zumindest dann, wenn man schon den einen oder anderen Kriminalroman gelesen hat. Bereits der Beginn der Tetralogie ist zünftig – der Held, aus dem verdienten Wochenende zum Dienst gerufen, kämpft mit einem veritablen Kater. Im Laufe der Geschichten wird er das noch öfter tun. Wie viele seiner fiktionalen Kollegen ist er grüblerisch, hat Probleme mit dem Alkohol und ein Faible für schöne Frauen. Dieses Faible bewahrt ihn nicht vor Problemen mit dem anderen Geschlecht, und so ist er – nach zwei Scheidungen – seit längerer Zeit solo, wie sich das für einen richtigen Detektiv gehört. Trotz aller Komplikationen und seiner, in jeder Hinsicht, unkonventionellen Art, ist El Conde der beste Ermittler der Kriminalpolizei in Havanna. So weit die Klischees, die man irgendwo irgendwie bereits gelesen hat. Also, alles schon gehabt? Ja und nein. Ja, wegen des „typischen“ Kriminalisten, den wir so bereits seit Hammett und Chandler kennen (was kein Zufall ist, denn Padura verehrt die Meister). Nein, weil bei Padura die Kriminalfälle genau genommen nur Staffage sind, Transportmittel für die eigentliche Handlung. Dabei sind die Verbrechen nicht ohne: Ein hoher Mitarbeiter des Industrieministeriums verschwindet in der Silvesternacht spurlos, eine junge Lehrerin wird ermordet, und einen Homosexuellen in Frauenkleidern sowie einen Emigranten auf Besuch in der alten Heimat ereilt das gleiche Schicksal.

Beginnt Padura Condes Geschichte noch sehr persönlich – der verschwundene (und letztendlich tot aufgefundene) Ministeriumsmitarbeiter war einst sein Mitschüler und die ermordete Lehrerin unterrichtete an derselben Schule, verzichtet der Autor schließlich auf diesen Kunstgriff, die Fälle wirbeln das Leben des Detektivs ohnehin durcheinander. Oder sollte man besser sagen: die Begleitumstände der Fälle? Ich habe noch keinen Krimi gelesen, in dem das Verbrechen so unwichtig war wie z.B. in „Labyrinth der Masken“, dem dritten Band der Tetralogie. Es ist nicht wirklich von Bedeutung, wer den schwulen jungen Mann unter so bizarren Umständen getötet hat. Das Buch handelt von Condes Problemen mit Homosexuellen, die letztlich nur die Probleme der kubanischen Machogesellschaft spiegeln. Und es zeigt den schwierigen, widersprüchlichen und oft höchst bornierten Umgang des „revolutionären Kuba“ mit seinen Künstlern. Letztlich zwingen alle Fälle den Kriminalisten, sich mit seinem Leben auseinander zu setzen.

Mario Conde, Angehöriger der in den fünfziger Jahren geborenen „verborgenen Generation“ Kubas, hadert mit seinen Vorurteilen, seinem Frust über verpasste Möglichkeiten und die offensichtlichen Widersprüche, mit denen er in Beruf und Alltag ständig konfrontiert ist. Seine Freunde und er sind irgendwie alle gescheitert, das Leben ließ ihre einstigen Träume verkümmern. Diese Unzufriedenheit ist sicher kein exklusives Gefühl von kubanischen Mittdreißigern, doch für sie ist es ungleich schwieriger, neu anzufangen. Und einfach wegzugehen, ist schon gar nicht möglich.

Im Grunde geht es in Paduras Büchern um das ganz gewöhnliche Leben auf Kuba, das durch die Verbrechen nur offenbar wird. Er konfrontiert die hehren Ansprüche an den „neuen Menschen“ mit dem Alltag im Land. Da ist die Armut der einfachen Leute, die versuchen, das Beste aus dem allgegenwärtigen Mangel an so ziemlich allem zu machen, mit nicht immer legalen Mitteln. Auf der anderen Seite findet man die Bereicherung und Korruption von Funktionären, die sich dabei durchaus im Recht fühlen. Die Verbrechen, die der Autor schildert, sind vor allem die Folge dieser Bereicherungssucht auf Kosten anderer, der Verlogenheit und Rücksichtslosigkeit im Interesse der eigenen (hier sozialistischen) Karriere.

Leonardo Padura gilt nicht umsonst als einer der besten kubanischen Gegenwartsautoren. Seine realistischen Geschichten aus Havanna sind auch ohne Verbrechen interessant und höchst aufschlussreich, die Krimihandlung fungiert da lediglich als sehr wirksames Schmiermittel.

Leonardo Padura:
Das Havanna-Quartett.

Unionsverlag, Zürich 2008.
ISBN-13: 978-3293003859


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