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Blauer Dunst aus der Neuen Welt

Autor:  | Mai 2009 | Artikel empfehlen

Cohiba - eine von Kubas berühmten Havanos - Foto: Matías W. RojasReloba, Kazike oder Credito bekommt man für einen kubanischen Peso am Kiosk. „Das ist schlechtes Kraut, aber für den Preis ok“, erzählt Carlos und zündet sich genüsslich eine Reloba an, so als wäre es eine Cohiba oder Montecristo. Der passionierte Zigarrenraucher weiß viel über Puros (Zigarren), Kubas berühmtesten Exportartikel, zu erzählen.

Als 1492 Kolumbus Kuba entdeckte, traf er in der Nähe des heutigen Baracoa auf „Indios“, wie er die Ureinwohner nannte, die sich mit blauem Dunst einnebelten, in dem sie die erste Version einer Zigarre rauchten. Es waren rohe, gedrehte Blätter aus unbehandeltem Tabak, eingewickelt in getrocknete Maishülsen. Der Umfang dieser „Urzigarren“ betrug Armstärke. Kolumbus nahm einige Tabakblätter mit nach Europa und schon bald war das Zigarrenrauchen ein extravagantes Wohlstandssymbol in der spanischen Gesellschaft. Es dauerte jedoch noch drei Jahrhunderte, bis die Zigarre, im Gegensatz zum Pfeifentabak, auch außerhalb der Iberischen Halbinsel bekannt wurde.

Carlos lächelt verschmitzt als er sagt: „Ausgerechnet aus Kuba kommt bis heute eines der Symbole für Reichtum und Eleganz.“ Echte Habanos kann auch er sich nicht leisten und wenn er trotzdem mal eine Gute raucht, wird nach dem wie und woher nicht gefragt. Für ihn kein Problem, denn die teuren Habanos helfen Kuba und außerdem hat er ja seine Reloba vom Kiosk um die Ecke.

Die Indios verwendeten Tabaco vor allem als Bestandteil ihrer religiösen Riten und als Heilmittel. Mit der Ausrottung der Indios durch die spanischen Eroberer geriet auch der religiöse Charakter des Tabaks in den Hintergrund. In der Santería, dem kubanischen Heiligenkult, blieb der Tabakrauch jedoch bis heute heilig.

Rauchen als Genuss, als sinnliche Lust, trat in den Vordergrund und wird in vielen kubanischen Liedern besungen. „Der Zucker war Sklaventum, der Tabak Freiheit. In der kolonialen Geschichte Kubas war der Zucker spanischer Absolutist, der Tabak befreiender Mambí. Der Tabak begünstigte die nationale Unabhängigkeit. Der Zucker hat immer ausländische Intervention bedeutet“, schreibt der kubanische Ethnologe Fernando Ortíz (1881–1969) in seinem Essay „Tabak und Zucker. Ein kubanischer Disput“. Der bereits von Kolumbus nach Europa gebrachte Tabak ist bis heute der einzige Bestandteil der berühmten Habanos. Dieser Titel, eine weltweit geschützte Bezeichnung, ist allein für eine kleine Auswahl berühmter Marken reserviert.

Die anilla, Markenzeichen echter Kuba-Zigarren - Foto: Maximilian HaackDie Tradition des Tabakanbaus und die handwerklichen Methoden der Zigarrenherstellung entstanden vor 200 Jahren in Havanna und haben sich bis heute fast unverändert erhalten. Holländische Händler brachten Mitte des 18. Jahrhunderts die ersten Zigarren nach Russland an den Hof der russischen Zarin Katharina II. Die herrschsüchtige Zarin deutscher Herkunft, auch bekannt als Katharina die Große, ließ ihre Zigarren mit Seidenbändern umwickeln, um ihre zarten Finger vor Nikotinflecken zu schützen. Dieses Hilfsmittel war der Vorläufer der Bauchbinde (anilla).

Um 1860, so erzählt die Legende, wurde die Bauchbinde durch den deutschen Gustav Bock in Kuba eingeführt. Er war nach Havanna gekommen, um sein Glück mit Zigarren zu probieren. Auch er wollte mit seiner Idee verhindern, dass seine wohlhabenden Kunden ihre weißen Handschuhe beim Rauchen beschmutzen.

Bald begannen die Hersteller, die Bauchbinden aufwendiger zu gestalten. Bei den legendären Marken wie Punch, Partagás oder Romeo y Julieta hat sich das Design bis heute nicht verändert. Bauchbinden sind zu einem Symbol für Habanos geworden, von Sammlern geschätzt und von der Tabakkonkurrenz – bis heute – gerne für Zigarrenfälschungen nachgeahmt. Fälschungen kubanischer Zigarren nahmen so schnell überhand, weshalb bereits 1870 eigens zum Urheberschutz die Havana Brands Association gegründet wurde.

Was macht die Einzigartigkeit der Habanos aus? Die Kombination aus Mikroklima und mineralstoffreichen Böden bestimmen die Pflanzungen erster Qualität (Vegas Finas de Primera). An vielen Orten der Welt wird zwar kubanisches Saatgut für den Tabakanbau verwendet, aber diese Kombination aus Klima und Boden findet man nur in Kuba und selbst hier in nur wenigen Regionen. Dazu muss man wissen, dass für eine Habano fünf verschiedenen Blattsorten notwendig sind und jede einzelne davon speziell kultiviert und bearbeitet wird.

Der innere Teil einer Habano ist die Einlage (tripa), bestehend aus drei Blattsorten (volado=flüchtig, seco=trocken, ligero=leicht). Sie sind die Quelle des Aromas. Das Umblatt (capote) umwickelt die Blätter der Einlage und gibt der Zigarre Form und Struktur. Das Deckblatt (capa) ist ein auserlesenes, feines und hochelastisches Blatt, welches das Umblatt bündig umhüllt und dazu da ist, das Auge zu erfreuen.

Die Vuelta Abajo im Südwesten der Provinz Pinar del Rio gilt als die beste Tabakanbauregion der Welt. Es ist die einzige Region, in der alle fünf Blattsorten erzeugt werden können. Remedios heißt ein weiteres Tabakanbaugebiet in der Region um Santa Clara, Santi Spíritus und Ciego de Avila. Von hier kommen u. a. die Blattsorten für die neuen, vor kurzem eingeführten Habanos-Marken José L. Piedra und Guantanamera. Ein bedeutsamer Qualitätsgrund darf natürlich nicht vergessen werden: die jahrhundertealten Kenntnisse und die Hingabe, mit der die Tabakpflanzer (vegueros) und die Zigarrenroller (torcederos) die besondere Kultur des Tabakanbaus und der Zigarrenherstellung pflegen.

Das Können des Tabakpflanzers (veguero) entscheidet über die Qualität der Havanna. Bis zu einer halben Million Tabakpflanzen werden von einem Pflanzer mehr als 150 Mal während der Vegetationsperiode kontrolliert. Jedes einzelne Blatt ist wichtig. Von Juni bis August werden mit Hilfe von Zugtieren die Böden gepflügt und für die Aussaat vorbereitet. Die Pflänzlinge wachsen in den Monaten September bis November und werden nach 45 Tagen mit einer Höhe von 13 bis 15 Zentimetern umgepflanzt.

Nach dem Beginn des Wachstums werden die Felder vollständig mit speziellen Gewebebahnen (tela tapado) abgedeckt und jede Pflanze horizontal an einen Draht gebunden. Regelmäßige Bewässerung ist in dieser Wachstumsphase wichtig. 40 Tage nach dem Umpflanzen beginnt die mühselige Ernte von Hand. Jeweils nur zwei bis drei Blätter dürfen auf einmal abgenommen werden. Um eine Pflanze abzuernten, benötigt man 30 Tage. Um an der Luft zu trocknen, werden die geernteten Blätter in Tabakhäuser (casas de tabaco) gebracht. Unter ständiger Überwachung von Temperatur und Feuchtigkeit werden die Blätter über 25 Tage getrocknet. Danach ist die Arbeit des Tabakpflanzers beendet.

Ein spezielles Unternehmen, Empresa de Acopio y Beneficio del Tabaco, kauft – sortiert nach einzelnen Ernten – den Tabak auf. Für jedes Tabakblatt beginnt nun eine lange Reise, bestehend aus den Stationen Auslese (escogida), Entrippen (despalillo) und Reifelagerung in Tabakhallen (pacas). Es vergehen Monate, in einigen Fällen Jahre, bis ein Blatt für die Herstellung einer Habano gereift ist.

Die getrockneten Blätter werden zuerst einem natürlichen Fermentationsprozess unterzogen. Die anschließende Auslese und Sortierung erfolgt nach den Kriterien Größe, Farbe und Textur. Danach wird die Entfernung der Blattrippen durch speziell ausgebildete Fachkräfte vorgenommen. Nach einer zweiten, längeren, Fermentierungszeit gelangen die Tabakblätter in die Reifelagerung. Neben der Fermentierung der Tabakblätter ist die Reifelagerung in Sackleinenballen ausschlaggebend für den Geschmack, wobei die Deckblätter speziell in Ballen gelagert werden, die aus der Rinde der Königspalme hergestellt werden. Genau wie beim Wein gilt auch hier: Je länger die Reifezeit, um so besser die Qualität.

Eine torcedera beim Zigarre rollen - Foto: Sven WerkBevor die Torcederas (Zigarrenrollerin) mit ihrer komplizierten Arbeit beginnen, werden die in drei Jahren gereiften Tabakblätter nach drei Komponenten sortiert: Die Einlage (tripa) ist das Herz der Zigarre; das Umblatt (capote), es bildet den Mantel für die Einlage, sowie das Deckblatt (capa), welches der wichtigste Bestandteil der Zigarre ist, denn es steuert bis zu 60 Prozent des Aromas einer Zigarre bei und ist verantwortlich für die unverwechselbare Farbe, Struktur und den Duft jeder einzelnen Habano-Marke. Davon gibt es immerhin 33 verschiedene mit mehr als 240 unterschiedlichen Fomaten.

Das Deckblatt wird angefeuchtet (moja) und seine Mittelrippe per Hand entfernt (despatillo). Der Maestro Ligador (Mischmeister) kennt die Rezeptur für jede Marke. Er entscheidet, in welchem Verhältnis die drei Komponenten zusammenzustellen und den torcederas/os zu übergeben sind. Mit Hilfe eines Holzbrettes (tabla), einer speziellen Klinge (chaveta), einer Hülse (casquillo), einer Guillotine, geschmackfreiem, pflanzlichen Klebstoff (goma) und einer Messlehre beginnt nun das Zigarrenrollen.

Diese Arbeit wird heute in Kuba fast ausnahmslos von Frauen verrichtet. Bis auf wenige kleine Formate werden alle Habanos in Handarbeit gerollt. Eine gute torcedera kann – in Abhängigkeit von Größe und Schwierigkeitsgrad der Formate – zwischen 60 bis 150 Habanos pro Tag anfertigen. Die fertigen Zigarren werden in Bündeln zu 50 Stück (media rueda) gebunden, mit dem Namen der torcedera sowie Hinweisen auf Marke, Format und Herstellungsdatum versehen. Verkoster (catadors) sowie mittlerweile modernste Technik gewährleisten strengste Qualitätskontrollen.

Bevor die Zigarren in Zedernholzkisten verpackt in den Handel gehen, werden sie in einem speziellen Lagerraum bei 16 bis 18 Grad in mit Zedernholz verkleideten Fächern einige Tage gelagert. Sortierer (escogedores) wählen innerhalb jeder Farbe die Zigarren für eine Kiste aus und ordnen sie so an, dass ein gleichmäßiger farblicher Verlauf in der Kiste gewährleistet ist. Die antilladora legt die Bauchbinde mit äußerster Vorsicht um jede Zigarre. Jede Habano-Kiste verlässt dann die Fabrik mit einem Garantiesiegel der Republik Kuba.

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Bildquellen: [1] Matías Rojas, [2] Maximilian Haack, [3] Sven Werk

Original-Beitrag aus: Cuba Sí Revista 01/2006, S. 10; 02/2006, S. 11; 01/2007, S. 11 und 02/2007, S. 11. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Zeitung.


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