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Tod im Schutzgebiet –
Ein Bericht über die Realität der Indigenen in Kolumbien zwischen FARC und Militär

Autor:  | November 2009 | Artikel empfehlen
Kolumbien - Tod im Schutzgebiet - Teil1

Das Massaker an 27 Indigenen des Volkes der Awá in Nariño wäre eines der schwer wiegendsten Kriegsverbrechen der FARC. Koka, Drogenhandel und Waffengewalt drohen, dieses Volk zu vernichten.

Awa Massaker, To the cemetery. Foto: Michael von BergenJosé gehört dem indigenen Volk der Awá an. Er ist untrennbar mit dem Land verbunden, auf dem er seit jeher dem Ackerbau und der Jagd nachgeht und das ihm inmitten der Gefahren der Natur das Überleben sichert. Sein Haus liegt weit draußen auf dem Land in Barbacoas, in der Provinz Nariño, an einem so entlegenen Ort, dass es Tage dauern kann, dahin zu gelangen. Die Routine seines bäuerlichen Lebens fand am 4. Februar ein abruptes Ende, als er Frau und Kinder zurücklassen und in den Regenwald fliehen musste, um seiner Hinrichtung zu entgehen. An diesem Tag arbeiteten die Bewohner des Resguardo (ein Schutzgebiet unter indigener Verwaltung) Tortugaña Telembí auf ihren Feldern in diesem paradiesischen Landstrich von 250.000 Hektar, in dem mehr als 25.000 Awá leben. Gegen zwei Uhr nachmittags tauchte ein Trupp der FARC auf. „Erst kamen sie einzeln und schließlich war es ein ganzer Haufen Guerilleros”, berichtet der schüchterne Mann und erklärt, an den Schulterklappen erkannt zu haben, dass es sich um Leute der FARC handelte.

Die Guerilleros versammelten die Awá und fragten sie, ob sie in der Gegend Armeetruppen gesehen hätten. Beinahe alle Anwesenden schwiegen. Einige aus Angst, doch die meisten, da sie Spanisch weder sprechen noch verstehen. Einige antworteten, dass keine Armeetruppen in der Nähe wären. Daraufhin führte ein kräftig gewachsener Guerillero einige Indigene von der Gruppe, in der auch Frauen und Kinder waren, zu einem kleinen Hügel am Rande des Weilers. Er deutete mit der Hand in die Ferne auf etwas, das ein Trupp Soldaten hätte sein können und sagte: „Und was sind das dann für welche?” Keiner der Indigenen antwortete. Sie ahnten bereits, dass ihr Los gefallen war. Nur Minuten später wurden mindestens 17 Awá ans Ufer des Flusses Hojal gezwungen. Dort wurden sie einer nach dem anderen durch Stiche in den Bauch getötet und in den aufgewühlten Fluss geworfen. „Ich konnte mich davonmachen und flüchten”, erklärt José, der bisher einzige Zeuge des Massakers. Er glaubt, dass die Guerilleros mit Messern töteten, um keinen Lärm zu machen und die Armee nicht aufzuschrecken.

Bis zum darauffolgenden Freitag konnten die in das Gebiet des Massakers verlegten Armeeeinheiten keine Leichen finden. Die Militärs beschweren sich über mangelnde Unterstützung der Gemeinde, die, eingeschüchtert durch das brutale Vorgehen der FARC, von keiner der Kriegsparteien in den Konflikt verwickelt werden möchte.

Die Ereignisse in Barbacoas waren noch nicht aufgeklärt, als eine Beobachterkommission nach Ricaurte aufbrechen musste. Aus dieser ebenfalls in Nariño befindlichen Gemeinde wurde gemeldet, dass in der Woche zuvor 10 Awá einem Massaker zum Opfer fielen.

Sollten beide Massaker bestätigt werden, so hätten die FARC in weniger als einer Woche 27 Awá ermordet. Was bezweckt die FARC mit dieser Grausamkeit?

Das Resguardo der Awá liegt in einem Gebiet, in dem der Drogenhandel zuletzt stark zugenommen hat. Es gibt versteckte Anbauflächen (in ganz Nariño mindestens 20.000 Hektar), Drogenlabore und Transportrouten, die von der Guerilla und der Armee stark umkämpft sind. Aus diesem Grund erreicht die Kriminalitätsrate in Gemeinden wie Barbacoas, Ricaurte und Samaniego erschreckende Ausmaße. Sie liegt im Schnitt bei 100 Fällen auf 100.000 Einwohner. Dies mag absurd erscheinen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich um Dörfer mit etwa 15.000 Einwohnern handelt. Vor diesem Hintergrund und angesichts einzelner Fälle von gezielten Morden bezeichnet das Büro zur Verteidigung der Bürgerrechte (Defensoría del Pueblo) die Gemeinden in diesem Gebiet seit 2007 als gefährdet. Von bewaffneten Gruppen ihrer Bewegungsfreiheit beraubt und von Minenfelder umzingelt sind sie den Waffen aller Konfliktparteien ausgeliefert.

Als Antwort auf die illegalen Gruppen beschloss die Regierung, die 19. Mobile Brigade der Armee in dieses Gebiet zu verlegen. Diese Maßnahme weckte ebenfalls das Misstrauen der Indigenen, da sie befürchten, die Anwesenheit der Armee erhöhe noch die Bedrohung durch illegale Gruppen.

In  Nariño gibt es Vermutungen, das Massaker sei eine Vergeltungsaktion der FARC für jüngste Operationen der Armee. Im Besonderen für die Zerstörung eines Kokainlabors, das der FARC-Kolonne Daniel Aldana zugeschrieben wurde.

Solange jedoch humanitäre Organisationen wie Acnur oder das Rote Kreuz nicht am Ort des Geschehens eintreffen, wird es schwierig sein festzustellen, was geschehen ist. Handelt es sich um ein weiteres Kapitel im Kampf um die Kontrolle über die Region oder versucht die FARC, die Awá von ihrer Neutralität abzubringen?

José, der einzige Zeuge, hat sich inzwischen wieder in den Regenwald aufgemacht, um seine Familie zu retten. Bislang ist nichts mehr von ihm zu hören gewesen.

Aus: La Semana vom 14.02.2009, Edición No. 1398.

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Auf der Suche nach den verschollenen Toten

Kolumbien - Tod im Schutzgebiet - Teil2

Ein Aufruf mobilisierte 700 Indigene aus ganz Kolumbien, um die Leichen der von der FARC ermordeten Awá zu bergen, und zeigt damit die Bedeutung von Zivilcourage gegenüber der Gewalt. Juan Esteban Mejía war für La Semana vor Ort.

Awa Massaker, Guardia indígena. Foto: Michael von BergenIn nur acht Tagen erreichten 700 Indigene, was die Behörden in zwei Monaten nicht zustande brachten. Sie drangen bis ins Resguardo Tortugaña-Telembí im ländlichen Ricaurte in der Provinz Nariño vor. Dort hatte die FARC am 04. Februar acht Awá getötet und drei weitere verschleppt.

In Begleitung der Guardia Indígena (indigene Selbstschutzorganisation) und Vertretern der Gemeinden von Cauca, Nariño, Huila, Valle, Putumayo, Quindío und Córdoba durchquerten die 700 Helfer den dichten und sumpfigen Regenwald, der zu großen Teilen vermint ist. Sie trotzten dem Wind und den Fluten, um das riskante Vorhaben zu verwirklichen, die Leichen der Getöteten zu finden und die am Ort des Massakers verbliebenen Awá aufzusuchen. Aber vor allem ging es ihnen darum zu zeigen, dass dies ihr Territorium ist, auf dem sie sich frei bewegen können, selbst wenn sie von bewaffneten Gruppen bedroht werden.

In der betreffenden Region führte die 23. Brigade der kolumbianischen Armee die Operation Emperador gegen die FARC-Kolonne Mariscal Sucre durch. Ende Januar zwangen die Kampfhandlungen die Guerilleros, sich bis in ihr Rückzugsgebiet in der Nähe des Resguardo der Awá zurückzuziehen. Oberst José David Vásquez, Verbindungsoffizier für die Belange der Indigenen in Nariño, erklärte gegenüber La Semana, die FARC unterhielte acht Feldlager in diesem Gebiet.

Die FARC beschuldigte 11 Awá, unter ihnen zwei schwangere Frauen, Informationen über den Aufenthalt ihrer Kämpfer an die Armee weitergegeben zu haben. Gemäß dem Bericht eines Augenzeugen, der dem grausamen Massaker entkommen konnte, seien sie deswegen zur Schlucht des El Hojal gebracht und mit Macheten getötet wurden. Einige Tage später erklärte die FARC, acht Awá der Gruppe hingerichtet zu haben, ohne auf den Verbleib der übrigen drei Personen einzugehen.

Eine Woche nach dem Vorfall gab die Staatsanwaltschaft bekannt, dass drei Leichen aufgefunden wurden, die allerdings nicht identifiziert werden konnten. Die Indigenen aus Tortugaña-Telembí gehen davon aus, dass die drei nicht aus ihrer Gemeinde stammen, da sie einen Tagesmarsch vom Ort des Massakers entfernt gefunden wurden.

Nach den Vorfällen flohen 400 Awá entsetzt aus dem Resguardo. Die staatliche Koordinierungsstelle für Sozial- und Entwicklungsprogramme (Acción Social) errichtete für sie in einem Ausbildungszentrum der UNIPA (Interessenvertretung der Awá) im Verwaltungsbezirk El Diviso, Barbacoas, eine provisorische Unterkunft. „Zwei Schuhkartons haben sie uns hingestellt!” beschwert sich der Gouverneur des Resguardo Tortugaña-Telembí, José Libardo Paín.

Schon bald kam es in der Unterkunft zu Streitigkeiten und gesundheitlichen Problemen, da die Awá nicht daran gewöhnt sind, so zahlreich auf engem Raum zusammenzuleben. Ihre Häuser befinden sich sonst sehr weit voneinander entfernt. Unter den Flüchtlingen breitete sich ein Virus aus, der Durchfall und Fieber hervorruft. Von diesen Krankheiten waren sie immer verschont geblieben. Zudem sind sie an eine Ernährung mit Bananen, Yucca, Mais und viel tierischem Eiweiß gewöhnt, da sie von der Jagd und dem Fischfang leben. Aber in ihrem Refugium werden sie mit Getreide und Konserven versorgt. Dies „schlägt ihnen auf den Magen”, erzählt José Arturo García, Verantwortlicher für Statistik der Nachrichtenagentur IPS in El Diviso.

Awa Massaker at the cemetery. Foto: Michael von BergenDie Toiletten befinden sich unter den Wohnräumen und auch die Klärgrube ist zu nah an den Gebäuden. Die dadurch auftretenden Gerüche sind unerträglich. Die Verzweiflung über diese Zustände war so groß, dass 240 Awá in benachbarte Gemeinden aufbrachen. Von ihrem Verbleib ist nichts bekannt. Das Elend und die Verlassenheit der Flüchtlinge weckte die Solidarität der Indigenen-Organisationen, die angesichts dieser Tragödie nicht in Gleichgültigkeit verharren konnten. So entstand die Idee des Solidaritätsmarsches, der 470 Indigenen aus verschiedenen Dörfern am 24. Februar in den Regenwald führte. Unter den Teilnehmern war auch das Ehepaar Mélida Guanga und Marín Guasalusán, das fünf Kinder durch das Massaker verloren hatte. Aufgrund ihres Alters und der Strapazen konnten sie dem Marsch allerdings nicht lange folgen und mussten die Rückkehr antreten.

Unterwegs schlossen sich fast 300 weitere Awá aus den durchquerten Dörfern an. Da der Marsch durch vermintes Gebiet führte, wurden weitere Unglücksfälle befürchtet. Luis Evelis Andrade, Chefberater der ONIC (Nationale Organisation der Indigenen Kolumbiens), berichtet, die Begleitung durch die Guardia Indígena verhinderte, dass Personen vom Weg abkamen oder unsicheren Boden betraten.

Im Falle eines Unglücks wäre es sehr schwer geworden, die Verletzten zu versorgen, da nur am Ziel des Marsches ein Hubschrauber zur Verfügung stand. Außerdem hätte jede zur Explosion gebrachte Mine bezahlt werden müssen. Dies besagt das grausame Gesetz, das die FARC in dieser Region eingeführt hat: wer von einer Mine verletzt oder getötet wird, muss sie bezahlen.

Doch der Marsch wurde von weisen Alten begleitet, die bereits seit Monaten mit den Geistern des Regenwaldes in Verbindung stehen, um die Minen zu entfernen. Sie erzählen, sie könnten sie von allein zur Explosion bringen. Diese ehrwürdigen Männer fungierten auch als spirituelle Führer. Mit ihrem Rat erhielten sie die Entschlossenheit der Indigenen aufrecht, den Ort zu erreichen, von dem die Awá mit Gewalt vertrieben wurden.

Nach vier Tagen fanden sie im Resguardo Tortugaña-Telembí drei Leichen. Überrascht stellten sie fest, dass es sich nicht um Opfer des Massakers im Februar handelte, sondern eines anderen Vorfalls im September 2008. An einem anderen Ort fanden sie Gräber mit fünf weiteren Leichen, von denen vier in einem gemeinsamen Grab lagen. Es wurden also insgesamt acht Leichen entdeckt. Nur zwei von ihnen wurden den Behörden für die entsprechenden forensischen Untersuchungen übergeben, während die restlichen in ihren Gräbern belassen wurden. „Wir fordern nun die Staatsanwaltschaft auf, die restlichen Leichen anhand der von uns übermittelten Wegbeschreibungen zu bergen”, berichtet Andrade.

Der Fund der Indigenen weist darauf hin, dass erheblich mehr Personen getötet wurden als bisher angenommen. Das Gebiet ist ein regelrechter Friedhof. Wie La Semana erfuhr, wurden zahlreiche Gräber entdeckt und viele Leichen in den Gewässern der Gegend gefunden.

Der Marsch konnte nicht auf das Eintreffen der Ermittler der Staatsanwaltschaft warten, da die Teilnehmer schlicht zu erschöpft oder krank waren. Viele litten an Magenschmerzen, verursacht von der schlechten Qualität des Wassers, das sie unterwegs trinken mussten. Zudem hatten sie Informationen darüber erhalten, dass einige der Leichen bereits, wie so oft, in den Río Bravo gespült worden waren.

Andrade erklärt, die Gegend sei so isoliert, dass „die dort ansässigen Indigenen nicht wissen, was im Land geschieht, und andersherum”. In dieser Abgeschiedenheit sind sie der Willkür bewaffneter Gruppen ausgeliefert, die sie für ihre Ziele instrumentalisieren.

Nach seiner Rückkehr aus Tortugaña-Telembí berichtet Andrade: „Sie leben eingekreist, terrorisiert und in Angst davor, dass ihnen dasselbe Schicksal wie den Ermordeten widerfährt. Die Kinder sterben an vermeidbaren und heilbaren Krankheiten. Doch die Eltern können ihre Häuser nicht verlassen, da sie sonst getötet werden. Die Familien leiden an Hunger, doch zur Jagd und Nahrungssuche aufzubrechen, birgt das Risiko, von Antipersonenminen, die über das ganze Gebiet verteilt sind, getötet oder verletzt zu werden.” Deshalb sind einige der Vertriebenen, die am Marsch mit der Hoffnung, bleiben zu können, teilnahmen, lieber wieder mit den anderen Teilnehmern zurückgekehrt.

Die Indigenen haben es gewagt, ohne Schutz außer dem ihrer Geister und Schamanen, die FARC und ihre todbringenden Minen mit dieser Geste des zivilen Widerstandes und der Solidarität herauszufordern. Es mag kein völliger Erfolg gewesen sein. Dennoch war dieser Marsch ein Fanal, um das Territorium zurückzugewinnen und die Freiheit der zivilen Bevölkerung inmitten des Krieges einzufordern.

Aus La Semana vom 04.04.2009, Edición No. 1405.

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Übersetzung aus dem Spanischen: René Steffen.

Bildquelle: Michael von Bergen. Nutzungsrechte liegen der Redaktion vor.


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