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Kämpfe um eine intakte Umwelt [Teil 1]

Autor:  | Januar 2014 | Artikel empfehlen

Beispiele aus Kolumbien und Peru

Umweltzerstörung beim Kohleabbau - Foto: TroskillerLateinamerika hat in den letzten Jahren einen wirtschaftlichen Boom erlebt. Von Mexiko bis Argentinien konnten etliche Staaten über einen längeren Zeitraum ein stetiges Wirtschaftswachstum verzeichnen. Sogar die weltweite Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009 zog die Ökonomien der Region weniger stark in Mitleidenschaft, als dies in Europa der Fall war. Allerdings beruht die positive wirtschaftliche Entwicklung in den meisten Staaten auf der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen. Kohle, Gas, Erdöl oder Edelsteine werden in vielen Ländern abgebaut, hinzu kommt der extensive Anbau von Soja, Ölpalmen oder anderen so genannten „Energiepflanzen“.

Diese Art des export-orientierten Wirtschaftens, die in den Debatten um den Extraktivismus und Neo-Extraktivismus vor allem von lateinamerikanischen Autorinnen und Autoren wie Alberto Acosta, Eduardo Gudynas oder Maristella Svampa thematisiert wird, bringt einschneidende soziale und ökologische Folgen mit sich. Die Lebensräume indigener und bäuerlicher Gemeinschaften werden bedroht, der soziale Zusammenhalt durch das Engagement multinationaler Konzerne gefährdet und die Umwelt durch den intensiven Abbau stark belastet. Vielfach kommt es aus diesem Grund zu Protesten gegen die Ressourcenförderung, die meist auf lokaler Ebene in den Abbaugebieten zu beobachten sind. Oft protestieren jedoch nur die wenigen ansässigen Menschen in den schwer zugänglichen Gebieten gegen die Folgen des Ressourcenabbaus. Die Medienaufmerksamkeit ist deshalb gering. Trotzdem gibt es Gruppen und Bewegungen, die sich gegen die negativen Auswirkungen auf ihre Gemeinschaften wehren und für den Erhalt der eigenen Lebensräume kämpfen. Im Folgenden sollen drei Beispiele aus dem Departement Cauca in Kolumbien sowie aus den Provinzen Cajamarca und Amazonas in Peru dargestellt werden.

Verschiedene Kontexte, ähnliche Anliegen

Soziale Bewegungen sind in Lateinamerika ein bekanntes Phänomen. Zunächst wehrten sich die Kreolen und Indigenen gegen die spanische Besatzung. Nach der Unabhängigkeit kämpften im 20. Jahrhundert Bauern, Arbeiter, Frauen und Stadtbewohner in verschiedenen Ländern für ihre Rechte. Ende des 20. Jahrhunderts dominierten wiederum Indigene die Schlagzeilen. In Mexiko, Ecuador oder Bolivien gelangen ihnen politische Erfolge. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends mussten sie jedoch auch Rückschläge hinnehmen. Zunehmend wurde die Umweltthematik wichtiger, indigene Gruppen verbündeten sich mit Umweltaktivisten, um ihre Lebensräume zu schützen.

Im Folgenden werden verschiedene Beispiele für diesen Kampf um die Erhaltung der Umwelt und eigener Lebensräume dargestellt. Die Kämpfe finden in verschiedenen Ländern unter unterschiedlichen Bedingungen statt, es lassen sich aber auch einige Ähnlichkeiten feststellen.

Umweltschutz im Krieg

Kolumbien: Indigene zwischen den Fronten der Gewalt - Foto: Von BergenKolumbien befindet sich seit über 50 Jahren im Krieg. Der bewaffnete Konflikt wird zwischen der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) sowie der Regierung und paramilitärischen Gruppen ausgetragen. In diesem Konflikt geht es verstärkt um die Kontrolle von Ressourcen und Verkehrswegen. Der Anbau von Palmöl oder Drogenpflanzen und ihr Abtransport sind zwischen den Kriegsparteien heftig umkämpft. Die Zivilbevölkerung wird bei diesen Auseinandersetzungen stark in Mitleidenschaft gezogen, vor allem bäuerliche und indigene Gemeinschaften sind von den Kampfhandlungen betroffen. So beispielsweise die Nasa im südwestlichen Departement Cauca.

Die Nasa bestehen jedoch auf ihrer Autonomie den bewaffneten Gruppen gegenüber. In bestimmten Regionen innerhalb des Departements leben sie nach eigenen Überlieferungen und Traditionen, erklärt Janett Paja[1], zuständig für Rechtsfragen bei der ACIN (Asociación de Cabildos Indígenas del Norte de Cauca), einer regionalen Organisation der indigenen Bevölkerung dieser Zone. Für diese Autonomie müssen die Indigenen jedoch einen hohen Preis zahlen:

„Im Krieg kommt es zu schweren Menschenrechtsverletzungen seitens der Guerilla und der Regierung. Bei ihren Kämpfen ziehen die Kriegsparteien indigene Gemeinschaften und Bauern in Mitleidenschaft“, konstatiert Ernesto Cunda, ein Funktionär der ACIN.

Doch nicht nur die Kriegsparteien stellen eine Bedrohung für das Leben der Nasa dar. Auch innerhalb der indigenen Gruppen treten vermehrt Mordfälle auf, die für Janett Paja eine Folge des allgegenwärtigen Krieges sind.

Kampf um Ressourcen

Das südwestliche Departement Cauca ist reich an Bodenschätzen. Gas, Gold, Koltan, Kupfer  und Bauxit lagern im Boden. Zusätzlich ist das Gebiet ein wichtiger Wasserspeicher, aus dem verschiedene Flüsse der Region gespeist werden. Das Departement Cauca ist mit einer reichhaltigen Biodiversität gesegnet. Darunter befinden sich viele Heilpflanzen. Die Region eignet sich zudem für den Cocaanbau und ist ein strategisch günstiger Korridor beim Abtransport von Ressourcen. Aus diesem Grund ist die Zone für legale und illegale Gruppen sehr interessant, erläutert Jannett Paja.

Ein wichtiges Anliegen der Nasa ist deshalb die Bewahrung der Umwelt, denn sie ist in der Glaubensvorstellung der Nasa heilig und darf nicht zerstört werden, betont Ernesto Cunda. Ein Eingriff durch Bergbauaktivitäten würde das natürliche Gleichgewicht durcheinander bringen, so der Funktionär der ACIN. Nach Aussagen des Aktivisten sind 15% des Territoriums der Nasa von Bergbauaktivitäten betroffen. Weitere Abschnitte des Territoriums wurden bereits von verschiedenen Minenunternehmen abgesteckt. Aber die Organisation nimmt den Eingriff durch die Bergbaukonzerne nicht einfach hin:

„Wenn sie auf unser Territorium kommen, sagen wir ihnen, dass sie gehen müssen. Wir mobilisieren die Gemeinschaft, und dann müssen sie sich zurückziehen.“ Die Minenbetreiber streben deshalb eine Gesetzesänderung an, die ihnen bei ihren Operationen im Indigenenterritorium militärischen Schutz gewährt, führt der Repräsentant der Nasa aus.

Kolumbien: Forderung nach Frieden - Foto: Martin Giraldo_Die indigene Gemeinschaft ist von verschiedenen Seiten Bedrohungen ausgesetzt, an denen der Friedensprozess, der letztes Jahr in Havanna zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC begonnen wurde, nichts geändert hat. Die Entführungen und Angriffe beider Seiten werden fortgesetzt. Weiterhin bekämpfen sich Regierungstruppen und Guerilla-Einheiten, sogar teils stärker als zuvor. Hinzu kommen Einschüchterungsaktionen und Drohungen paramilitärischer Kräfte gegen indigene Aktivisten.

Ziel sei es, so Cunda, militärische Positionen auszubauen, um bei den Verhandlungen eine günstigere Ausgangslage zu erreichen. Die ACIN gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird entweder als terroristische Vereinigung bezeichnet oder der Kollaboration mit dem Militär bezichtigt. Die Folge sind die beschriebenen Gewalttaten. macht der Aktivist deutlich.

Trotz der Angriffe und Drohungen seitens der Kriegsparteien, begrüßen die Indigenen die aktuellen Friedensverhandlungen, die ohne einen vorhergehenden Waffenstillstand begonnen wurden: „Es ist gut, dass die Regierung endlich den Weg der Verhandlungen eingeschlagen hat, um ein harmonischeres Leben zu ermöglichen und die Zusammenstöße zu beenden. Wir hoffen, dass sich die Regierung an eine Friedensvereinbarung hält und dass die Guerilla ebenfalls Verantwortung und Willen zeigt, ein friedliches Leben zu ermöglichen.“, erklärt der ACIN-Repräsentant.

Cunda unterstreicht zudem die Forderung nach einem würdigeren Leben, das höhere Partizipation und Gleichheit innerhalb der Gesellschaft einschließt. Wenn Kolumbien so reich an Bodenschätzen sei, müsste bei einer Transformation des Landes die Beteiligung aller Gruppen mit bedacht werden. „Auch möchten wir, dass die nachkommenden Generationen leben können, ohne die ständige Anwesenheit des Todes spüren zu müssen, die uns mehr als 50 Jahre begleitet“, betont er abschließend.

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[1] Die Vertreterin der ACIN wurde, genau wie alle anderen zitierten Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner im Text, anlässlich zweier Veranstaltungen, die von attac, „Brot für die Welt“ und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Mainz im Oktober 2013 durchgeführt wurden, befragt.

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Den zweiten Teil des Beitrags finden Sie hier.

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Bildquellen: [1] Troskiller; [2] Michael von Bergen. Nutzungsrechte liegen der Redaktion vor.; [3] Martin Giraldo_


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