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Die Ungleichheit bleibt

Autor:  | Januar 2013 | Artikel empfehlen

Kolumbien: Medellin - Foto: Felipe CampuzanoMit einer neuen Messmethode ist die Armut in Kolumbien ein bisschen gesunken. Aber weder die statistische Zauberei noch die offizielle Politik schaffen es, dass sich die Ungleichheit verringert.

„Jedes Land hat die Armen, die es haben will”, meint ein Fachmann mit etwas Humor zu dem Thema. Er will damit sagen, dass die Armutsmessungen Ergebnis der relativ willkürlichen Kriterien der Regierungen sind. Wenn man die Methode zur Armutsberechnung verändert – wie es Kolumbien gerade getan hat – und die Zahl der Personen unter der Armutsgrenze sinkt, lächeln die Kritiker gewöhnlich mit Argwohn.

Jedoch tragen zwei Faktoren dazu bei, dass diese neue Methode, um herauszufinden, wie viele Kolumbianer arm sind, glaubhafter ist. Erstens die Tatsache, dass die neue Methode keine plötzliche und willkürliche Entscheidung der Regierung war. Sie ergab sich im Gegenteil aus einem Kreis von Fachleuten (Mesep), die die schwere Aufgabe hatten, die statistische Krise von 2006 zu beheben. Damals wurde ohne vorherige Ankündigung die fortgesetzte Haushaltsbefragung (Encuesta Continua de Hogares) durch die große integrierte Befragung (Gran Encuesta Integrada) ersetzt. Deswegen waren die Indikatoren für Einkommen, Armut und Ungleichheit, die mithilfe dieser Umfragen berechnet werden, nicht vergleichbar.

Mesep, das von Wissenschaftlern der Cepal, der Weltbank, der Dane, Planeación Nacional und den Forschern Jorge Iván González, Dozent der Nationalen Universität, Manuel Ramírez del Rosario und Carlos Eduardo Vélez gebildet wird, hat eine Verbindung hergestellt, um vergleichbare Daten von 2002 bis 2008 zu erreichen. Und in einer zweiten Phase hat es die Armutsgrenze auf Grundlage von neueren Angaben zu den Lebensmitteln, die den Einkaufskorb der Kolumbianer ausmachen, neu berechnet. Und außerdem hat sie in die Einkünfte der Haushalte die staatlichen Zuschüsse, die sie aus Programmen wie Familias en Acción erhalten, miteinbezogen.

Laut Fachleuten, die von La Semana konsultiert wurden, ist die neue Methode Produkt einer strengen und offenen Arbeit. Aber es gibt auch Kritik. Ricardo Bonilla, Dozent der Nationalen Universität, denkt, dass es eine Fehlentscheidung sei, dass die Mesep den Wert des neuen Einkaufskorbes heruntergesetzt habe. Darin stimmt César Caballero, ehemaliger Leiter des Dane, überein, der, obwohl er bekräftigt, dass der Wert gültig sei, fordert, dass sie erklären, wie sie ihn berechnet haben. Andere, wie Jairo Núñez, Forscher von Fedesarrollo, erkennen methodische Unbeständigkeiten und würden es vorziehen, die ehemalige Grenze weiter zu verwenden, um langfristige Tendenzen ablesen zu können.

Trotz Diskussionen über die veränderte Methode ist der zweite Faktor, der sie zuverlässiger macht, der Umstand, dass die Regierung das Ergebnis politisch nicht ausgenutzt hat, wie es Politiker gewöhnlich tun, wenn sie Änderungen in der offiziellen Statistik vornehmen, die ihnen zugute kommen. Und dies, obwohl die Änderung besonders günstig ausgefallen ist.

Nach den alten Zahlen lebten 2009 45,5 Prozent der Kolumbianer unter der Armutsgrenze. 2010 ist die Zahl auf 44,1 Prozent gesunken. Mit der gerade implementierten Methode sind die Zahlen von 2009 auf 40,2 und die von 2010 auf 37,2 Prozent gesunken. Obwohl Präsident Juan Manuel Santos ein guter Redner ist, behandelte er den beachtlichen mathematischen Rückgang der Armut mit besonderer Zurückhaltung. Dies gibt Anlass zur Freude, da sich aus den Daten, welche die Menschen im Hinterkopf hatten, dass fünf von zehn Kolumbianer arm sind, nun ergibt, dass es kaum mehr als drei von zehn sind.

In Bezug auf das Elend sind die Daten weniger beeindruckend. Während mit der vorherigen Methode im Jahr 2010 14,8 Prozent der Personen Hilfsleistungen bezogen, zeigt die neue, dass 12,3 Prozent sie erhalten. Aber dennoch ist die Armut in Kolumbien mit jeder dieser Messweisen gesunken.

Vielleicht ist einer der Gründe, weshalb Santos keinen großen Wirbel gemacht hat, der, dass die Armut gleichermaßen viel zu hoch ist angesichts der Entwicklung und des Wirtschaftswachstums, das Kolumbien in den letzten Jahren erlebt hat. Der andere ist, dass die Ungleichheit skandalös ist. Mit dem Koeffizienten Gini wird gewöhnlich die Reichtumsverteilung gemessen. Dabei stellt Null die völlige Gleichheit und Eins die absolute Ungleichheit dar. Dieses Land hat einen Koeffizienten von 0,56 und zählt damit zu den ungleichsten Nationen auf dem Kontinent und der Welt. Noch bedenklicher ist, dass dieser Indikator sich weigert zu sinken, und nicht einmal eine Tendenz in diese Richtung aufweist.

Warum schließt sich weder die Kluft zwischen Arm und Reich, noch sinkt die Armut mit der Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums? Die Experten stimmen darin überein, dass die Gründe verschieden und tiefgründig sind: die Konzentration von Land verursacht durch den bewaffneten Konflikt; das Geld in wenigen Händen und schwierige Kreditbeschaffung; Politik, welche sowohl die Informalität als auch die massenhafte Verbreitung von Subventionen fördert; ein Bildungssystem, das die Ungleichheit aufrechterhält und ein Rentensystem, das eine Menge Geld an die wenigen privilegierten Rentner und wenig Geld an die vielen normalen Rentner verteilt, und ein Steuersystem, das es den Reichsten erlaubt, Steuern zu hinterziehen, und die großen Entfernungen zwischen Territorien des Staatsgebietes.

Santos begrüßt die neue Methode – Kritiker hoffen, dass sie nicht weiter verändert wird – und bestätigte sein Versprechen, die Armut um fünf Punkte (von 37 auf 32 Prozent) zu senken und zu erreichen, dass der Gini-Koeffizient am Ende seiner Amtszeit 2014 von 0,56 auf 0,54 zurückgeht.

Außerdem implementiert die Regierung eine weitere Methode, um Armut zu messen, den Index der Mehrdimensionalen Armut (IPM) – entwickelt von der Oxford Universität. Dieser misst mit einem vollständigen Armutskonzept, das über das Einkommen hinausgeht, 15 Variablen, wie Analphabetismus, Fernbleiben von der Schule, Zugang zum Gesundheitswesen und Langzeitarbeitslosigkeit.

Diese Messung wird der Regierung mehr nützen, um die öffentliche Politik zu fokussieren und zu verfolgen. Multidimensionale Armut liegt vor, wenn jemand die Mindestanforderungen in fünf von 15 Variablen nicht erfüllt. In Kolumbien sind heute 30,7 Prozent der Familien multidimensional arm. Das Ziel von Santos besteht darin, sie auf 22 Prozent zu senken, was impliziert, 3.200.000 Familien aus der strukturellen Armut herauszuholen.

Um dies zu erreichen, muss er die Politik ändern, die das Land in sozialer Hinsicht in einen Sumpf verwandelt hat, und eine eiserne Willenskraft beweisen, um unbeliebte, aber unaufschiebbare Entscheidungen zu treffen. Das ist die einzige Form, einen endgültigen Wandel hinsichtlich der Armut zu erreichen. Aber es ist offensichtlich, dass eine Änderung der Messtechniken nicht ausreicht.

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Original-Beitrag aus La Semana vom 10.09.2011. Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift.

Übersetzung aus dem Spanischen: Julia Hoppert und Monika Grabow

Bildquelle: Felipe Campuzano


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