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Guerra, Ciro/ Gallego, Christina: Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu

Autor:  | Mai 2022 | Artikel empfehlen

Im Jahr 2019 kam das kolumbianische Film-Drama Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu (original: Pájaros de verano) auf die Leinwand. Gedreht von Ciro Guerra und Christina Gallego, schaffte es der Film auf die Oscar-Shortlist für „Bester fremdsprachiger Film“.

Inspiriert von realen Ereignissen der 1960er bis 1980er Jahre in der nordkolumbianischen Region Guajira wird die Geschichte einer Familie des indigenen Volks der Wayuu erzählt. Der Film stellt innerhalb von zwei Stunden die Entwicklung des Marihuana-Handels vor dem Hintergrund des Zusammenspieles der Wayuu Kultur und Tradition einerseits sowie der Gier und Gewalt, wie sie mit dem Drogenhandel einhergehen, andererseits dar.

Rezension_BOP_Bild_Snapshot1Birds of Passage beginnt mit der Darstellung eines Initiationsrituals. Die Tochter Zaida (Natalia Reyes) des Clanoberhauptes Úrsula (Carmina Martínez) ist nach einer Übergangsphase der Isolation bereit, nun wieder als Frau in die Gesellschaft eingegliedert zu werden. Dieser Zeremonie wohnt auch Rapayet (José Acosta) bei, der, nachdem er gemeinsam mit ihr den Yonna getanzt hat, beschließt, Zaida zu seiner Frau zu nehmen. Allerdings besitzt er nicht die nötigen Mittel, um das doch sehr umfangreiche Brautgeld zu zahlen. Schließlich trifft Rapayet mit seinem Freund und Kollegen Moisés (Jhon Narváez) auf zwei Weiße, die mit den Friedenkorps vor Ort sind und Interesse bekunden, an Marihuana zu gelangen. Daraufhin verhandelt Rapayet mit seinen im Gebirge lebenden Verwandten, die Marihuana anbauen, ins Geschäft einzusteigen, wodurch es ihm möglich wird, das Brautgeld zu beschaffen und Zaida zu heiraten. Anschließend entwickelt sich aus diesem anscheinend einmaligen Handel ein florierendes Drogengeschäft mit Lieferungen nach Nordamerika. Aufgrund der Gier, die mit dem ansteigenden Wohlstand wächst, kommt es zu den ersten Konflikten, wodurch sich dann kettenreaktionsartig die Handlung entfaltet.

In 5 Teilen („Liedern“) wird die Geschichte erzählt, bei der das Marihuana-Geschäft mit den Traditionen, Wertvorstellungen und Mythen der Wayuu eng verwoben wird. Besonderes die Themen Ehre und Familie stehen dabei im Vordergrund. So sagt zum Beispiel Úrsula zu ihrer Tochter gleich zu Beginn: „Nur die Familie gibt Ansehen, ohne Ansehen keine Ehre, wo es Ehre gibt, gilt das Wort, dort wo das Wort gilt, herrscht Frieden“, was als eine Art Rahmen für die Handlung betrachtet werden kann. Weiterhin ziehen sich der Gesang eines blinden Hirten und die Traumdeutungen von Zaida wie ein roter Faden durch die Geschichte. Diese drei Aspekte zusammen prophezeien in indirekter, aber manchmal auch direkter Weise, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. Es wird kontinuierlich deutlich, dass nichts wirklich Gutes aus dem Drogengeschäft hervorgehen kann. Zentrales Thema des Filmes Birds of Passage ist dementsprechend die Missachtung von Traditionen und Wertvorstellungen aufgrund des Drogenhandels. Mit zunehmendem Wohlstand der Familien und den sich zuspitzenden Konflikten werden die einzelnen Akteure umso gewaltbereiter und gleichgültiger im Umgang mit vertrauten Werten und Regeln. Deren Bedeutsamkeit wird zwar immer wieder betont, allerdings agieren die Charaktere dann doch sehr oft gegenteilig.

Die Verwobenheit dieser verschiedenen Thematiken gibt dem Film eine interessante Perspektive, wie ich es in vergleichbaren Filmen des Genres noch nicht gesehen habe. Es ist sehr abwechslungsreich, neben den Konflikten, die im Zusammenhang mit dem Marihuana-Geschäft entstehen, verschiedene Rituale und Bräuche der Wayuu kennenzulernen und mit zu verfolgen, welche Auswirkungen der Drogenhandel auf das Zusammenleben der Gemeinschaft hat. Jedoch führen besonders die, wenn auch oft indirekten, Prophezeiungen dazu, dass die Handlung etwas Rezension_BOP_Bild_Snapshot2vorhersehbar wird und der Spannungsbogen eher flach verläuft. Allerdings werden die Längen durch eindrucksvolle Aufnahmen der Szenerie und schon fast ethnographischen Darstellungen der Rituale wieder etwas wettgemacht.

Leider fehlt es Birds of Passage wohl an historischer Wahrhaftigkeit. So kritisiert die kolumbianische Historikerin Lina Britto (2019) die Darstellung der Wayuu an sich und als Ursprung des Marihuana-Handels Kolumbiens scharf. In diesem Zusammenhang betont sie, dass damals weder die Wayuu noch die Friedenkorps eine sehr zentrale Rolle während des Marihuana-Booms in Kolumbien gespielt haben sollen. Vielmehr seien es die Cachacos und die Paisas gewesen, die hauptsächlich für den Anbau des Marihuanas in der Zeit verantwortlich waren. Weiterhin kritisiert sie, dass besonders die Darstellung der Gewaltbereitschaft der Wayuu und der ständigen Missachtung eigener Normen höchst untypisch sei. Dementsprechend habe der Film nicht nur geographisch die Siedlungsgebiete der Wayuu verfälscht, sondern auch das gesamte Wesen einer überaus friedlichen Gemeinschaft.

Das Wissen darüber, dass die Darstellung der Kultur der Wayuu möglicherweise lediglich als farbenfrohe und exotische Anreicherung diente, um den Film in seinem Genre hervorzuheben, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Demnach ist Birds of Passage ein in Vielem inadäquates Abbild der historischen Ereignisse um die bonanza marimbera in Kolumbien.

 

Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu
Regie: Ciro Guerra/ Christina Gallego
Kolumbien, 2019

 

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Literatur:

Britto, Lina: La venganza guajira, in: Universo Centro, Nr. 101, Oktober 2018 (Abruf vom 25.04.22 unter: https://www.universocentro.com/NUMERO101/La-venganza-guajira.aspx)

 

Bildquelle: [1,2] Snapshot


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