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Gewalt gegen Frauen in Kolumbien

Autor:  |  Frühjahr 2000

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit zwei Themenkreisen: Erstens mit dem politischen Konflikt in Kolumbien und meinen eigenen Forschungserfahrungen in bezug auf Gewalt gegen Frauen in ländlichen Gebieten; zweitens mit dem Bewußtseinsniveau, das aus der Verletzung der Grundrechte der Frauen resultiert. In den vergangenen Jahren stand die Mehrzahl der Gewalttaten gegen Frauen in Zusammenhang mit häuslicher und sexueller Gewalt. In den letzten Jahren wurden Frauen jedoch verstärkt Opfer von Menschenrechtsverletzungen und politisch motivierter Gewalt. Sowohl Frauen, die ihren traditionellen Rollen als Ehefrauen und Mütter verbunden bleiben, als auch jene, die begonnen haben, sich öffentlich zu engagieren, wie zum Beispiel Führer von Gemeinschaften, Lehrer, Menschenrechtsaktivisten etc., waren unter den Opfern. Tausende wurden gefoltert und hunderte sind verschwunden. Diese Gewalthandlungen wurden mit fast vollständiger Straffreiheit und kompletter Mißachtung des Schadens, der den Frauen und ihren Familien zugefügt wurde, begangen.

Krieg gegen Frauen

Obwohl politische Gewalt ein nationales Phänomen ist, waren ihre Hauptopfer Familien auf dem Lande und die Gemeinschaften der indigenen und schwarzen Bevölkerung. Paradoxerweise ist die Gewalt in den Regionen stärker präsent, die von der Regierung für Entwicklungsprojekte ausgewählt wurden und bereits in den ersten Stufen ihrer Umsetzung sind.

Während ich in Kolumbien war, um meine Forschung durchzuführen (im Juli 1998), fand ich bestätigt, daß Frauen aus ländlichen Gebieten direkte Opfer des politisch-militärischen Konflikts geworden sind.

Besonders habe ich mich mit Fragen politischer Gewalt beschäftigt, die Frauen aus der Uraba-Region, die sowohl in sozialer als auch politischer Hinsicht eines der konfliktreichsten Gebiete Kolumbiens ist, betrafen. Eine Charakteristik der gegenwärtigen Gewalt in jener Region ist, daß sie die Neutralität der Zivilisten vollständig ignoriert und somit die einfachen Menschen zum Ziel der verschiedenen, an der Konfrontation beteiligten militärischen Gruppen gemacht hat. Obwohl die politische Gewalt in Kolumbien seit 1995 gestiegen ist, haben sich der Konflikt und die Folgen dieser Gewalt in den letzten zwei Jahren besonders verschärft. Einer der dramatischsten Effekte dieser Entwicklung ist das gesteigerte Leiden von Frauen und Kindern, die derartigen Greueltaten wie Vergewaltigung, Massakern, Attentaten und permanenten Todesdrohungen, die zu einer massiven Vertreibung geführt haben, ausgesetzt waren. Während der Flucht haben sie unter großem physischen und mentalen Streß gelitten, der von Hunger und Krankheiten verursacht wurde, und viele sind auf dem Weg, bevor sie ihre neuen Siedlungen erreichen konnten, umgekommen. Nach einer Studie, die 1995 durchgeführt wurde, machen Frauen 58,2 Prozent der Vertriebenen aus, wovon 24,5 Prozent Familienvorstände und 72 Prozent unter 25 Jahren alt sind. Die meisten Kriegshandlungen, die in diesem Kontext ausgeführt werden, folgen einer psychologischen Methode, die eine starke Wirkung auf die Bevölkerung hat, da diese ständig wiederkehrenden Schlägen durch Terrorhandlungen ausgesetzt ist. Die Strategie der Akteure ist, es zu erreichen, daß Angst die Körper und die Empfindungen der Individuen und der Gemeinschaften durchdringt und daß der Terror mit den Neuigkeiten, die in der Bevölkerung von Mund zu Mund getragen werden, zirkuliert.

Als Konsequenz waren viele Frauen gezwungen, die Rolle eines abwesenden Ehemannes oder Partners zu übernehmen (normalerweise weil er ermordet wurde oder „verschwunden” ist), andere haben einige ihrer Kinder verloren, viele haben die brutale Erniedrigung einer Vergewaltigung, oft im Beisein ihrer Ehemänner oder Kinder oder sogar der gesamten Gemeinschaft, erlitten, und Mädchen stehen immer unter der Bedrohung sexuellen oder psychologischen Mißbrauchs.

Zum Beispiel waren laut einer Umfrage, die im letzten Jahr in der Mutata-Gemeinde von der Apartadó-Diözese durchgeführt wurde, mehr als hundert Mädchen unter fünfzehn Jahren schwanger. Wenn man berücksichtigt, daß in dieser Gemeinde nur 5.207 Frauen lebten, heißt das, daß mehr als vier Prozent der Mädchen Opfer von Vergewaltigung oder sexuellem Mißbrauch waren.

Allgemein gesagt, sind in diesem Krieg alle vorstellbaren Formen der Gewalt präsent und die Körper der Frauen sind gleichzeitig zu Zielen und Waffen geworden, da die bewaffneten Akteure daran gewöhnt sind, ihre Macht über die Feinde auszuüben, indem sie deren intimste Gefühle und Würde zerstören.

Das Leiden der Frauen endet nicht mit der Vertreibung, da sie ihr Leben von Null neu beginnen müssen. Einen Platz zum Leben zu suchen, ist eine sehr schmerzhafte und erniedrigende Erfahrung. Lokale Regierungen wollen keine Flüchtlinge aufnehmen und argumentieren, daß diese Bandengewalt, Unsicherheit und Armut in den Städten steigern würden. Nach meiner eigenen Erfahrung wurden die Frauen, mit denen ich mehrere Monate zusammenlebte, von Polizeikräften, die mehrmals ihre Siedlungen zerstörten und ihre Habseligkeiten und Lebensmittel wegwarfen, physisch mißhandelt. Einige wurden von Polizisten derart brutal geschlagen, daß eine der Frauen, die schwanger war, ihr Kind verlor.

Häusliche Gewalt

Ein weiteres, trauriges Problem ist, daß die traumatische Erfahrung der Vertreibung die häusliche Gewalt, der diese Frauen ständig ausgesetzt sind, nicht verringert. Ihre Männer schlagen sie, wenn sie betrunken sind, oder wenn die Frauen die Anordnungen der Männer nicht befolgen. Tatsächlich haben viele Frauen nach der Vertreibung ein höheres Niveau an Aggression ihrer Männer erlebt. Das passiert vor allem, weil Männer unter diesen Umständen Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden, und viele von ihnen überhaupt nicht arbeiten und die meiste Zeit zuhause verbringen. Das steigert ihre Frustration und sehr oft entladen sie ihre Aggression gegen ihre eigenen Ehefrauen und Kinder.

In diesem Kontext kann ich mich nun der Frage zuwenden, wie hoch das Niveau des Bewußtseins dieser Frauen ihre Rechte betreffend ist. Leider stehen kolumbianische Frauen, besonders die, die wenig oder gar keine Bildung besitzen – und die Mehrheit der Vertriebenen fällt in diese Kategorie – immer noch unter dem Einfluß des traditionellen Gesellschaftsmodells, das von patriarchalischer Ideologie und Machismo durchdrungen ist. Die Rolle der Frau wird dadurch unterminiert und es wird ihre Unterwürfigkeit betont.

Ein anderes Problem besteht darin, daß es aufgrund des vorherrschenden kulturellen Standards und des Fehlen politischen Willens, die vom kolumbianischen Staat übernommenen Verpflichtungen durchzusetzen, ein hohes Maß an Straflosigkeit gibt, wenn Verbrechen gegen Frauen sowohl in der Intimität des Familienlebens als auch in der öffentlichen Arena oder auf dem Schlachtfeld begangen werden. Natürlich können wir nicht bestreiten, daß diese Situation durch die Tatsache verschlimmert wird, daß die Frauen selbst ihre Grundrechte nicht kennen.

Während meiner Forschungen erkannte ich, daß die Frauen, welche von physischem und psychologischem Mißbrauch am meisten betroffen waren, zwischen 17 und 40 Jahre alt waren. Im allgemeinen denken sie nicht einmal an die Möglichkeit, ihren Partner oder Ehemann im Fall einer Brutalität oder Mißhandlung anzuzeigen. Das passiert vor allem, weil die Frauen es als normal und als Teil ihrer täglichen Routine in ihrer Beziehung mit ihren Ehemännern oder Partnern akzeptieren. So ziehen es viele von ihnen vor, still zu bleiben, weil sie Angst haben, mit ihren Kindern alleingelassen zu werden, manche auch, weil sie ökonomisch von ihren Ehemännern abhängig sind. Aber in den meisten Fällen passiert es, weil sie gefühlsmäßig von ihren Ehemännern abhängig sind. Sie haben auch Angst vor Vergeltung durch ihre Ehemänner, weil sie fühlen, daß die negativen Folgen einer Aussprache wahrscheinlich größer sein werden, als der Vorteil, den sie dadurch erlangen können, indem sie Gerechtigkeit bei den Behörden zu suchen.

Was die Wahrnehmung ihrer Rechte durch Frauen im Falle von Kriegsgewalt, die gegen sie verübt wird, betrifft, ist die Situation ähnlich. Auf dem Schlachtfeld sind Frauen konstant Objekte physischen und psychologischen Mißbrauchs, und sie werden systematisch ihrer Grundrechte beraubt. Das ist der Fall, weil es das Hauptziel der bewaffneten Akteure ist, verschiedene Formen von Terror zu implementieren, um die Bevölkerung einzuschüchtern, und Frauen leiden unter den Konsequenzen. Zusätzlich versagt der Staat vollständig dabei, sie zu schützen, was dadurch verschlimmert wird, daß sie selbst ihre Rechte nicht kennen oder durch Terror gelähmt sind.

Für vertriebene Frauen bedeutet eine Anzeige dessen, was ihnen widerfahren ist, oft „Vergeltung” durch die bewaffneten Gruppen. Selbst Frauen, die den Todesdrohungen entronnen sind und jetzt in Außenbezirken der städtischen Gebiete leben, sind so verängstigt, daß sie sich sogar weigern, als vertriebene Frauen anerkannt zu werden, weil sie wissen, daß einige Massaker auch in den Zufluchtsorten vorkamen. Sie waren sogar verängstigt, als sie vertraulich mit mir sprachen.

Gesetzliche Bestimmungen…

Es ist wichtig zu betonen, daß die kolumbianische Regierung bedeutende Anstrengungen unternommen hat, um ein Rechtssystem zum Umgang mit den internen Vertriebenen zu entwickeln. Trotzdem müssen noch viele Probleme gelöst werden, wenn das Gesetz zu den angestrebten Effekten führen soll. Nach dem Verfassungsdekret 2829 (1974) sind „die Rechte, Pflichten und der rechtliche Status von Frauen auf der Basis von Gleichheit mit den Männern definiert”. Bis jetzt stellen die vorgeschlagenen Lösungen nicht viel mehr dar, als nur auf dem Papier existierende, gute und logische Schemen. Außerdem wurden vor kurzem einige Instrumente geschaffen, um die Rechte von Frauen und Kindern durchzusetzen. Zum Beispiel unterschrieb Kolumbien die Konvention der Vereinten Nationen über die Beseitigung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen ebenso wie die Kinderrechtskonvention. Zusätzlich wurden einige Artikel in die kolumbianische Verfassung aufgenommen, um diese Rechte zu sichern. In Umsetzung dieser Artikel wurden sowohl die Polizeistationen für Familienangelegenheiten wie auch der Rat für Jugend-, Frauen- und Familienangelegenheiten geschaffen. Ein Kodex für Minderjährige wurde genauso angenommen wie einige Programme, die sich an Frauen richten, die Haushaltsvorstände sind. Eine wichtige Rechtsinstitution wie der Schutz der Bürgerrechte wurde ebenfalls geschaffen. Weiter haben die existierenden Frauenassoziationen dem Kongreß einige Petitionen vorgelegt, die darauf abzielen, die Gewalt innerhalb der Familien zu verringern.

… und Realität

In der Praxis leben die meisten Vertriebenen immer noch unter alarmierenden Bedingungen, obwohl einige Gruppen von ihnen Vorteile durch die Aktivitäten der NGOs und internationalen Organisationen wie dem Roten Kreuz erhalten haben. Wie in der vorausgegangenen Beschreibung gezeigt, gab es wenig Fortschritte, die Regulationen, die vom Kongreß und seinen Institutionen schon sanktioniert wurden, in die Praxis umzusetzen. Ein Schritt vorwärts wäre natürlich, wenn die Frauen von diesen neuen rechtlichen Instrumenten erführen, das Schweigen brächen und die verschiedenen Formen von Gewalt, denen sie ausgesetzt sind, offenlegten. Trotzdem wäre es naiv, einen schnellen Fortschritt auf diesem Gebiet zu erwarten und zu glauben, daß er alle Probleme lösen würde.

In diesem Zusammenhang glaube ich, daß das Ausmaß der häuslichen Gewalt in Kolumbien ein wichtiger Faktor ist, der die Formen der sozio-politischen Gewalt gegen Frauen beeinflußt. Die Folgen der häuslichen Gewalt durchdringen das gesamte Leben der Frauen, und das heißt, daß das Erreichen von wirklicher Gleichheit und Respekt für alle ihre Rechte ein langer Prozeß sein wird.

Was wir nicht bestreiten können ist, daß die kolumbianische Gesellschaft derzeit radikalen Veränderungen unterliegt, zum Beispiel aufgrund der massiven Inkorporation von Frauen in Bildung und Arbeitswelt. Die Leistungen der feministischen Bewegung, der Einfluß internationaler Organisationen, NGOs und im allgemeinen aller Frauenbewegungen aus Nord und Süd, die zusammenarbeiten, wird zwangsläufig die kulturellen Verhaltensmuster kolumbianischer Männer und Frauen prägen. Ich hoffe, daß diese Veränderungen schnell die Mehrheit der kolumbianischen Frauen erreichen, besonders die, die noch sozial ausgeschlossen sind.

Übers. a.d. Engl.: Daniela Vogt


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